25. Januar: Ich bin eine Tomate (Nr. 16)
Für neue Leser: Den Hintergrund zu dieser Text- und Gedichtreihe findet Ihr hier
Ich bin eine Tomate im Jahr 2316
Ich bin die letzte meiner Art.
Vor langer Zeit hatte ich ganz viele verschiedene Brüder und Schwestern. Sie hießen Ochsenherz, grüne Zebra, schwarze Pflaume, gelbe Dattel, weißer Pfirsich,… Sie hatten verschiedene Hautfarben und jede war anders. Aber was erzähle ich, das ist lange her.
Ich selbst stamme aus der Familie Antimatsch von einer amerikanischen Firma, die meine Gene patentieren ließ. Nachdem diese Firma ihr Ziel erreicht hatte, bis zum Jahr 2055 die Patente auf jedes Leben zu erwerben, waren wir Tomaten allerdings nicht mehr interessant.
Für die Menschen wurden neue Nahrungsmittel erfunden, die im Labor und in der Fabrik billig herzustellen und lange haltbar waren. Selbst etwas zubereiten war total „out“. Dank der „New Food Dimension“, einer Kampagne der globalen Nahrungsfirma Nestlever, wurde der Nahrung zu einer neuen Dimension verholfen und Essen zu einer neuen Erfahrung – so glaubten die Menschen der Werbung. Man wollte ja auch „in“ sein.
Es gab nur einige Tausend Aufständischer Ökos und Vollwertler, die sich weigerten, diesem Trend zu folgen. Viele von ihnen hatten nicht einmal einen Fernseher, und am Computer verbündeten sie sich im Internet auf Vollwertblogs und in Internetforen. Diese merkwürdigen Menschen wollten doch tatsächlich lieber frische Produkte essen, obwohl es doch viel mühsamer und teurer war und Zeit kostete. Dabei hatten die Menschen doch gar keine Zeit. Für die Firma Nestlever waren diese Menschen ein Dorn im Auge. Ihre Gemüsefelder wurden zerstört, man führte Prozesse gegen sie, weil sie gegen das Patentrecht verstoßen hatten und bezeichnete sie in den Medien als psychisch krank. Ihr Essen galt als gefährlich, wegen der Fraßschutzstoffe und Bakterien. Bakterien sind doch schädlich, das weiß doch heute jeder.
Interessant war allerdings, dass diese Aufständischen und ihre Kinder viel gesünder und kräftiger waren als andere. So gelang es ihnen, mit Tricks und Tücke, auch weiterhin ihr Gemüse anzubauen – bis eines Tages, die Industrie ihre Strategie änderte. Sie legten überall in der Nähe der Öko-Gärten so genannte Versuchsfelder an, auf denen sie ebenfalls Gemüse anbauten, allerdings – ihr ahnt es schon – mit veränderten Genen. Das Gemüse der Ökos wurde so kontaminiert, es war ihnen, nachdem alle Öko-Saatgutvorräte aufgebraucht waren, nicht mehr möglich, weiteres Saatgut zu züchten und nun bin ich hier, die letzte Tomate der Welt.
Ich weiß nicht, was mir wiederfahren wird. Vielleicht wird mich einer von diesen Ökos essen, vielleicht werde ich auch beschlagnahmt, wie mein Bruder gestern, und lande ich im Labor von Nestlever.
Ist mir auch egal. Als Tomate allein auf der Welt zu sein, finde ich sowieso öde und ich frage mich nur: wieso sind die Menschen eigentlich so blöde.
25. Januar 2012 um 17:48 |
Eine wirklich hervorragende Geschichte … vor allem die globale Nahrungsfirma “Nestlever” ist ein beängstigend naher Einfall *grusel*
25. Januar 2012 um 18:08 |
Ich finde auch den letzten Satz sehr schön!
25. Januar 2012 um 18:40 |
Ist so ähnlich wie bei Huxleys “Brave New World”. Jedes Mal wenn ich das Buch neu lese, fällt mir mehr auf, was der Wirklichkeit erschreckend nahe kommt.