Alter, Internet und Rockmusik

Kommentar vom 4. September 2009: Internet und Rockmusik bei den Menschen über 50

Es gibt so eine eigenartige Darstellung älterer Menschen, gerne in der Gruppe ab 50 zusammengefasst. Diese Gruppe wird immer so präsentiert, als sei sie unveränderlich, als bestünde sie aus einer festen Anzahl von Menschen. Aber das Alter ist ein Durchgang, d.h. die Leute, die heute 60 sind haben eine ganz andere Vergangenheit als die Menschen, die in den 80er Jahren 60 waren.

Dafür gibt es zwei schöne Beispiele im Seniorenratgeber der Apotheke für September:

(1) Seite 10
„Zahl des Monats
Exakt 48,5 Prozent der 60-bis 69-Jährigen nutzen regelmäßig das Internet. Vor einem Jahr waren es noch 41,6 Prozent, heißt es in der Marktforschungsstudie „(N)Onliner Atlas 2009″. In keiner anderen Altersgruppe wächst der Anteil der Internetsurfer so rasant.“

Dies ist eine völlig falsche Darstellung. Die Zahl der Internetnutzer wächst nicht – es rutschen einfach immer mehr Menschen in diese Gruppe, die während ihres Berufslebens z.B. schon mit dem Computer in Berührung gekommen sind und die daher schon gewisses Computerinteresse mitbringen. Wer 1920 geboren wurde, hatte mit 60 (= 1980) vermutlich noch nicht viel Computererfahrung, wenn überhaupt. Wenn so ein Mensch sich dann mit 70 (also im Jahre 1990) für Computer interessierte, ist das doch ganz etwas anderes als bei einem heute 60-Jährigen – der war 1990 mal gerade 41 Jahre alt und hat mit großer Wahrscheinlichkeit den Computer schon als ganz normales „Instrument“ kennen gelernt.

(2) Seite 22, im Rahmen Thema des Monats („Das neue Bild vom Alter“)
„Altersgrenzen verschwimmen
Kein Jugendmonopol: Auch jenseits der 50 lernen manche ein Instrument oder gehen auf Rockkonzerte“

Hier gilt das Gleiche. Wer heute 60 ist, hat in seiner Jugend doch gerade den Aufbruch der Beatles, der Stones miterlebt. Bob Dylan, Jahrgang 1941, geht genau wie die Rolling Stones noch ständig auf Tour. Was also ist daran so erstaunlich, wenn jemand seine Musikvorlieben weiterhin pflegt? Erstaunlicher fände ich es, wenn jemand herausfände, dass 30% der über 70jährigen HipHop toll finden.

Wobei ich immer wieder über die Grenze 50 Jahre staune. Die Menschen sollten sich viel häufiger dagegen wehren, dass sie einfach in eine Gruppe „ab 50 bis zum Tod“ gesteckt werden. Wer 50 Jahre alt ist, ist häufig auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Erfolgreiche Firmenchefs großer Firmen sind ja kaum unter 50 Jahre alt – und das sicher nicht ohne Grund! Statistisch zu trennen zwischen „Berufstätigen“ und nicht „Berufstätigen“ lässt sich (vor allem markttechnisch…) noch begründen, aber die Zäsur bei der 50 ist völlige Willkür und nur dazu geschaffen, Menschen zu unterjochen, die sich noch kraftvoll und gesund fühlen.

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2 Gedanken zu “Alter, Internet und Rockmusik

  1. Marienkäfer 5. September 2009 / 15:07

    Wenn ich heute das Angebot in Sachen musikalischer Unterhaltung für 60- bis 80 jährige Senioneren in Pflegeheimen bzw. auf Seniorennachmittagen sehe, bekomme ich das Gruseln. Ich hoffe, dass in 10 Jahren nicht immer noch auf diesen Verstaltungen versucht wird, die Zielgruppe mit „Kein schöner Land“, „Am Brunnen vor dem Tore“ oder Operetten zu begeistern, sondern auch mal mit Rock und Pop.
    Beatles, Stones, Abba oder Saturday Night Fever …. da fangen die Beine wie von selbst an sich zu bewegen!

    • onebbo 5. September 2009 / 15:44

      Müsste ja zwangsläufig kommen, denn wie gesagt – welcher 60-Jährige hört sich denn noch gerne so was an, schon heute?

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