Verantwortung? Wer will die noch?

Kommentar vom 19. Juni 2010: „Verantwortung? Nein danke“

Am 3. Juni las ich in der Tageszeitung einen kleinen Artikel mit der Überschrift „Vater schlägt Lehrer – 300 Euro Strafe.“ Da ich an meine Schulzeit keine guten Lehrererinnerungen habe, las ich begierig diesen Text und entdeckte zu meinem eigenen Erstaunen, dass ich die Partei der Lehrer ergriff. Was war passiert? Der Direktor hatte die Tochter wegen häufigen Blaumachens von der Schule geworfen. Da sie volljährig war, erging keine Mitteilung an die Eltern, nur an die Tochter, was den Vater so unermesslich erboste. Zum Glück steht das zuständige Landgericht auf der Seite des Lehrers, fragt sich nur – wie lange noch werden Gerichte so entscheiden?

Es ist ja modern, dass die Schüler heute immer unschuldig sind: Sind die Noten schlecht, so haben die Lehrer versagt, die Eltern gehen sofort auf die Barrikaden und scheuen dabei keinen Rechtsweg, um ihrem Kind „Recht“ zu verschaffen. Etwa an der Leistung der eigenen Kinder zu zweifeln und denen ins Gewissen zu reden, scheint nicht mehr angebracht. Wird eine Arbeit (ein Test) nicht im vorgeschriebenen Rahmen zeitlich angekündigt: Die Eltern (der Kinder mit den schlechten Noten, versteht sich) ziehen vor Gericht. Fällt eine Arbeit im Schnitt sehr schlecht aus, ist sofort der Lehrer Schuld, und dann gehen die Eltern mittlerweile auch nicht mehr erst zum Lehrer und beschweren sich, sondern gleich zum Direktor oder schreiben an die entsprechende übergeordnete Behörde. Dass eine ganze Klasse vorwiegend aus nicht sehr begabten Kindern besteht, das gibt es nicht. Hacken zwei Schüler die Abituraufgaben im PC der Schule, werden sie nicht etwa von der Schule geworfen, die Armen – sie haben es ja nicht so gemeint! Die Lehrer dürfen sich hinsetzen und neue Aufgaben ausarbeiten – in ihrer Freizeit. Natürlich bestehen die beiden jungen Straftäter (denn nichts anderes ist Hacken zum Zweck des Betrugs) das Abitur. Verantwortung für ihre kriminelle Handlung? Vermutlich ein tadelndes Kopfschütteln (ich weiß dies aus dem Umkreis der betroffenen Schule).

Wenn meine Schwester oder ich mit einer schlechten Note nach Hause kamen, wurden wir nicht drakonisch bestraft. Aber die erste Frage war: Was habt Ihr falsch gemacht? und nicht: Was haben die Lehrer falsch gemacht?

Heute wird Verantwortung nicht mehr groß geschrieben. Wegen Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit droht ein Fahrverbot oder ein Bußgeld? Die unverschämte Stadt hat wieder mal in der 30er Zone eine Falle aufgestellt, auf der Autobahn doch an der Baustelle wirklich wieder auf der Lauer gelegen. Wutschäumend berichten dies die Betroffenen. Dass ihnen nichts passiert wäre, wenn sie sich einfach an die Regeln gehalten hätten, verstehen sie nicht. Ich bin übrigens auch nicht immer ein Engel im Straßenverkehr, obwohl ich mich mit wachsender Fahrerfahrung bemühe, die Regeln einzuhalten. Ich habe vor drei Jahren auch mal „drei Punkte“ in Flensburg und ein Bußgeld eingesackt, ich war statt 100 auf der Autobahn 130 km/h gefahren. Ich habe mich auch geärgert, aus einem anderen Grund: Gerade in der Zeit hatte ich mich nämlich sehr um korrektes Fahren bemüht und hatte wohl einfach ein Schild übersehen. War das jetzt Abzocke des Staats oder meine eigene Schuld?

Und damit komme ich auch zu einem ganz aktuellen Thema, der Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Fußballspieler der deutschen Mannschaft foult einen gegnerischen Spieler, ein sehr penibler Schiedsrichter verpasst ihm die „passende“ Karte. Für den Rest der Weltmeisterschaft müssen „wir“ nun ohne Klose auskommen. Sind seine Mitspieler nun wütend auf ihn, weil er sich außerhalb der Regeln bewegt hat? Mitnichten! Sie zürnen, weil der Schiedsrichter so einer von der ganz genauen Sorte ist. Auch die Zuschauer, so höre ich allenthalben, sehen die Schuld und somit die Verantwortung nicht bei dem Spieler, sondern bei dem bösen Schiedsrichter. Es ist auch nicht so, als ob Kloses Vergehen vielleicht ein fraglicher Fall war, nein, es war ganz klar – dennoch wird die Verantwortung abgeschoben. Klose selbst sagt: „Der Schiedsrichter hätte mich auch nochmal ermahnen können. Ich habe versucht, den Ball zu spielen.“ Warum sagt er nicht: „Okay, der Schiedsrichter war übergenau, aber ich entschuldige mich bei der Mannschaft, dass ich durch Unbeherrschtheit das ganze Spiel in den Abgrund gerissen habe.“

Deswegen sind wir Vollwertler in dieser Gesellschaft auch nicht gerne gesehen. Wir überlassen die Verantwortung für unseren Körper und unsere Gesundheit nicht einem Staat, einem Arzt oder ein paar Pillen: Wir übernehmen sie wieder selbst.

10 Gedanken zu “Verantwortung? Wer will die noch?

  1. Gulaschkanone 19. Juni 2010 / 18:03

    Ah, wieder ein Beitrag, der mich zu einem KOmmentar hinreisst, quasi zwingt, weil er mir so aus der Seele spricht.
    Ich bin mit meinen 21Lenzen Mitglied der „neuen“ Generation, aufgewachsen mit allen möglichen technischen Erleichterungen und Schnickschnack… Einigen meiner Mitmenschen scheint das nicht gut bekommen zu sein. An der Universität verlangen sie Handouts, Reader und Präsentationen und legen ein unglaubliches Verhalten an den Tag. Diese Respektlosigkeit macht mich traurig, wütend und entlockt mir Fremdscham. Bis vor ein paar Jahren war es normal, dass man für sich selbst Verantwortung übernehmen musste, dass man sich ANSTRENGEN musste, da gab es keine solchen Hilfsmittel, da spürte man Dankbarkeit, wenn man etwas gelernt hat…

    Hmm, tut mir leid für diesen *offtopic* Beitrag, aber diese Entwicklung macht mich traurig- zum Glück gibt es immer wieder lobenswerte Ausnahmen 🙂

    Liebe Grüße
    Gulaschkanone

    • onebbo 19. Juni 2010 / 18:49

      Ein Kommentar ist ja nicht off-topic, wenn’s dich so quält 🙂

      Da ich keine 21 Lenze bin, weiß ich nicht, was ich mir unter Fremdschämen vorzustellen habe. Kannst du mir das bitte mal erklären? Kann ich dann demnächst in meinen aktiven Wortschatz übernehmen 😆

  2. Gulaschkanone 19. Juni 2010 / 19:03

    Fremdschämen- kein Problem wenn das jemand nicht in seinem Vokabular hat, ist ja auch eine schreckliche Wortkonstruktion und bedeutet schlicht und einfach sich für das Verhalten eines Mitmenschen zu schämen, der selbst die Situation nicht auffasst. (der Effekt, der Castingshows so beliebt macht, wenn dann in den Zusammenschnitten kommentiert wird, das derjenige seine Gesangskünste doch lieber nur noch allmorgendlich dem Duschkopf anvertrauen sollte)

    • onebbo 19. Juni 2010 / 19:13

      Und für wen hast du dich nun fremdgeschämt? Für die anderen Studenten, die alles so „perfekt“ anliefern oder für die Lehrkräfte, die das von dir verlangen?

      Wobei die Grenze natürlich schwierig ist. Vor der Entwicklung sich ganz verschließen soll sich die Uni ja auch nicht. Als die ersten Schreibmaschinen auftauchten, haben sich vielleicht auch ein paar Studenten oder Studentinnen fremdgeschämt, weil sie Handschrift besser fanden und sich keine teure Schreibmaschine kaufen mussten?

  3. Gulaschkanone 19. Juni 2010 / 19:49

    Das ist ein Missverständnis, ich bin wütend über manche meiner Kommillitonen, weil sie eine unglaubliche Anspruchshaltung an den Tag legen und eben keine Verantwortung für ihren Studienfortschritt tragen wollen, wozu den auch mitschreiben, wenn der Dozent kollektiv dazu genötigt wird seine Präsentation ins Internet zu stellen, damit die lieben Studenten eine Nacht vor der Klausur nochmal einen schnellen Blick drauf werfen können, soll ja schließlich keiner durchfallen…

    • onebbo 19. Juni 2010 / 19:55

      Ja, dann passt das ja auch völlig zu dem Beitrag. Und sollte dann doch jemand durchfallen… war es der Dozent schuld, weil die Präsentation nicht gut genug war 😉

  4. Gulaschkanone 19. Juni 2010 / 20:41

    Ja klar, oder er hat den Stoff nicht gut genug eingegrenzt 😉

  5. Verena 19. Juni 2010 / 22:31

    hm…. irgendwie stimme ich Dir ja schon zu, die Scheissegalhaltung erschreckt mich auch oft. Ich bin auch früh gezwungen worden, Verantwortung zu übernehmen und finde das auch ganz gut so. Was das Thema Schule anbetrifft, sehe ich das ein kleines bisschen anders.

    Wenn ich sehe, dass schon Kindergärtnerinnen es nicht als Ihre Verantwortung sehen, eine vernünftige Begrüßung mit Blickkontakt, Körperkontakt und einem kleinen Kommentar wie „schön, dass Du da bist“ hinzubekommen, dann frag ich mich, wo sollen Kinder das denn noch lernen??? Woher sollen sie erfahren, dass sie es wert sind, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, wenn sie es nicht einmal Wert sind, anständig begrüßt zu werden? Es hakt schon an den Einfachsten sozialen Mustern in jüngstem Alter und da wundert es mich überhaupt nicht, dass die Kinder keinen Spaß am Lernen haben. Kinder sind von Natur aus lernfreudig. Unser System hingegen versucht, geballtes Wissen in kleine Köpfe zu trichtern. Individuelle Lernfenster werden nicht berücksichtigt, die Zeit in der Schule wird immer länger dauert(Ganztagsschule), die Hausaufgaben immer mehr werdnen, immer früher werden Kinder eingeschult, immer schneller soll mehr gelernt werden, (Abi in 12 Jahren). Wo keine Zeit mehr bleibt für individuelle Interessen, für das, was gerade für das Kind wirklich „dran“ ist, wo Kinder in den Grundschulen vor allem eins lernen, nämlich, was sie alles NICHT können, kann auch nicht erwartet werden, dass sie lernfreudig und verantwortungsbewusst werden.

    Meiner Meinung nach sind die Gründe für diese Haltung so vielschichtig, dass es den Rahmen hier sprengen würde, aber wundern tut es mich nicht, dass es ist, wie es ist.

    Liebe Grüße

    Verena

  6. Joe Boden 20. Juni 2010 / 12:07

    Ich sage nur: Danke Frau Wilkesmann und weiter so! Your Blog goes comic…

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