Commissario Brunetti als Lektüre

Kommentar vom 19. März 2011: Donna Leon und Commissario Brunetti

Abends zum Entspannen lese ich auch gerne mal etwas anderes als Kochbücher. Als ich vor zwei Jahren als Gast in einem Haushalt mit Fernseher eine Folge der Commissario Brunetti-Reihe gesehen hat, dachte ich: Oha, doch, das ist gut gemachte Unterhaltung, gefällt mir. Dann bekam ich auch einen Krimi der Reihe geschenkt, in Englisch. „Wie doof“, dachte ich: „Natürlich halte ich alle Freunde und Bekannte dazu an, mir original-englischsprachige Bücher lieber im Original als in einer deutschen Übersetzung zu schenken, aber mir jetzt einen italienischen Krimi in Englisch zu schenken, ist doch blöd.“ Denn für mich klang auch der Name des Autors „Donna Leon“ italienisch. Bei Lektüre der ersten Seiten wurde mir zweierlei klar: 1. Ist Donna eben eine weibliche Form und nicht, wie ich flüchtig gelesen hatte, „Don“. Außerdem ist Donna Leon Amerikanerin. Meine Lesewelt war gerettet, denn ich hatte Originalsprache vor den Augen.

Das erste Buch gefiel mir auch gut. Nicht ganz gefiel mir das Ende, ich mag es, wenn Kriminelle überführt werden und im Gefängnis landen. In jenem Buch entkam der im Hintergrund agierende Täter aufgrund prächtiger Beziehungen. Das mag lebensecht sein, aber ich lese einen Krimi ja aus dem Grund, eben mal aus dem echten Leben auszusteigen.

Dennoch, es war gut zu lesen und ich ergatterte in einer Ebay-Aktion günstig fünf Donna Leon-Bücher mit Brunetti als Hauptfigur. Originalenglisch. Wunderbar.

Mein Resümee ist ernüchternd. Ein Buch ist okay, und ich bekomme den Eindruck, die Fernsehverfilmung ist besser, als die Bücher es sind.

Das Ende ist praktisch immer dasselbe: Der/die Täter(in) wird von Brunetti erkannt, vielleicht gefasst, nie aber mit vollen Konsequenzen vor eine irdische Gerichtsbarkeit gestellt.

Donna Leon – das ist irgendwie sehr amerikanisch – ist fasziniert vom europäischen Adel. Adelige sind in ihren Büchern immer etwas Besonderes: besonders klug, besonders kriminell, besonders ehrenrührig oder besonders der Ehre verhaftet. Immer aber „nobel“. Und so ist natürlich, gähn, der Schwiegervater unseres Kommissars ein edler Adliger, Brunettis Frau mit ihrem blauen Blut der Linken näher, um im Zweifelsfall doch auch wieder auf Väterchen Adel zurückzugreifen.

Immer wieder spielen auch Personen aus dem privaten Umfeld von Brunetti eine Schlüsselrolle bei der Auflösung oder der Problematik des Falls: die Mutter, der Bruder, die Tochter, der Sohn, die Frau…. ich frage mich, wie groß die Verwandtschaft noch wachsen wird, wenn Leon (noch) mehr Bücher schreibt. Das ist ein Schema.

Die Polizeigestalten aus dem Kommissariat sind Schablonen. Der eitle Patta. Und dann die Sekretärin Elettra. Eine Nervensäge ohne gleichen: wunderhübsch, voller Geschmack und ein Ass im Hacken von fremden Computern und Herausfinden von Informationen über alle möglichen Kanäle. Das geht einfach über das Hinaus, was im Computerbereich möglich ist. Und mal als Gegenpol zu den Männern im PC-Bereich eine überaus pfiffige Frau zu haben, mag ja reizvoll sein. Aber in dieser Perfektion eben ermüdend.

Brunettis Frau kocht natürlich neben einem anstrengenden Berufsleben als Dozentin für Literatur an der Uni wundersame Gerichte, nein, sie zaubert in der Küche. Ein normales Gericht kommt da nie auf den Tisch. Gähn.

Es gibt ja einige Autoren, die Krimiserien schrieben. Daher weiß ich, dass eine solche erstarrte Erzählform mit den immer wieder gleichen Mustern nun wirklich nicht sein muss, auch nicht in der leichten Unterhaltung. Morgenländer weiß da in seinem Blog viele gute Beispiele zu bringen.

Fazit: Wer einmal ein Brunetti-Buch liest, egal ob auf Englisch (ich würde es als mittelschwer vom Wortschatz und leicht von der Grammatik her einschätzen) oder Deutsch, kann sich unterhalten fühlen. Wer eine langweilige Reise in Bus, Bahn oder Flugzeug vor sich hat, braucht sich auch vor einem zweiten Band nicht zu scheuen. Mehr ist einfach stinkelangweilig.

Werbung

11 Gedanken zu “Commissario Brunetti als Lektüre

  1. Mialieh 19. März 2011 / 17:50

    Oha Brunetti. Da habe ichvpr 10 Jahren mit der Lektuere aufgehört. Ich habe Band 1-8 gelesen und fand die „italienische Lebensart“ , die karikiert wurde eigentlich immer ganz nett. Aber irgendwie hatte ich auch immer öfter das Gefühl, für dumm verkauft zu Werdern. Zum Beispiel steht meiner Erinerrung nach in jedem Buch zirka drei Mal die Wendung: „Wenn erlernte, dass sie… (log, sich ärgerte, betrinken war …), ließ Wrestler sich nicht anmerken“. Und dergleichen. Die Falle 9-12 oder14… Habe ich gar nicht mehr verfolgt, trotz der Symathien für den Commissario. Seine Autorin war mir nicht inspirierend genug.

    • OneBBO 19. März 2011 / 17:53

      Äh, wer ist Wrestler???

      • mialieh 20. März 2011 / 13:46

        Ja, da hat mein iphone mir einen streich gespielt, bei 120 auf der Autobahn… es sollte heißen: wenn er MERKTE, dass sie….m ließ ER ES sich nicht anmerken! Sorry… ich kann nur sagen: was ein Glück, dass ich nicht auch noch gefahren bin, sondern nur beigefahren…

        • OneBBO 20. März 2011 / 13:48

          Danke für die Erhellung 🙂

  2. theomix 19. März 2011 / 20:57

    Nett karikiert. Venedig live ist interessanter als in den filmen.
    Ich habe einige krimis auf deutsch gelesen, fand sie nicht so ermüdend, habe aber auch keine mehr in der bücherei geliehen.
    Serien laufen nac gängiger meinung nur mit holzschnittartigen, klischeehaften figuren.

    • OneBBO 20. März 2011 / 08:00

      Nun, nur weil das gängige Meinung ist, muss ich das ja nicht teilen 🙂

  3. Morgenländer 19. März 2011 / 21:56

    Da ich viel mit Bus und Bahn unterwegs bin, ist ein Krimi von Donna Leon (von der ich bisher noch nichts gelesen habe) vielleicht gerade das Richtige.

    Welchen der fünf Romane würdest du denn am ehesten empfehlen?

    • OneBBO 20. März 2011 / 08:01

      Blood From A Stone, das hat mir gut gefallen

  4. Heinz Herbert 23. März 2011 / 09:11

    Wie Du weißt, fresse ich Krimis – denn das Leben ist ein Krimi. Selbst hier in Nordzypern :-)))
    Manches Mal mache ich den Fehler, mir Serien komplett zu bestellen – von wegen der Umständlichkeit der Versendung nach NC. Donna Leon hatte ich mir komplett geordert.
    Donna Leon schreibt Familienkrimis. Die können gelesen werden von einem 12-jährigen Kind („Brunettis Kinder, sind die nicht süß“), von einer Hausfrau („Jedenfalls kocht die besser als du“), einem Krimifan („Besser zum Einschlafen als die Glotze“) oder einer Greisin („Prima, da bekommt man wenigstens kein Herzrasen“).
    Die Bücher sind deutlich besser als die unsäglichen Verfilmungen (egal in welcher Besetzung).
    ABER: Elettra eine Nervensäge? Sie ist das Highlight der Serie!
    Sie ist für mich die Protagonistin der Serie. Niemand steuert den Plot, bevor er total absackt, so geschickt in die richtige Richtung, beruhigt, regt an und greift zu schlimmen Hackertricks. Und von wegen: „Das geht einfach über das hinaus, was im Computerbereich möglich ist.“
    In Hackerkreisen ist noch viel mehr möglich!
    Und wenn ich mir auch noch die Brunetti-Filme antat, dann nur wegen ihr, d.h.: wegen dieser umwerfend entzückend agierenden Schauspielerin Annett Renneberg, die ursprünglich Opernsängerin werden wollte und sich – allen guten Geistern sei Dank – für die Schauspielkunst entschied. Bereits mit 13 Jahren stand sie in „Die Brut der schönen Seele“ vor der Kamera. Spielfilme folgten: „Befreite Zone“, „Erbsen auf halb sechs“ und „Devot“. Für die Darstellung einer drogenabhängigen Prostituierten wurde sie beim Tele-Star nominiert. Es folgten „Die Musterknaben“, „Blutige Scheidung“, die Hauptrolle in dem Drama „Das Böse“, in der sie ebenso wie in allen Nebenrollen brillierte, weil sie immer dort wo sie auftaucht die Leinwand, die Bühne oder den Bildschirm dominiert. Sie ist mittlerweile eine der gefragtesten Schauspielerinnen der deutschen Film- und Fernsehlandschaft. 2002 wurde sie als beste Nachwuchsschauspielerin mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Für mich: überfällig!
    Seit 1999 gibt sie die Elettra in den *Brunetti-Verfilmungen*.
    Ach, ich schmelze dahin.
    Aber, was wollte ich eigentlich sagen? Kannst Du wirklich harte Lektüre vertragen? Dann lies „1974“ von David Peace – gibt es natürlich auch in der Originalfassung in Englisch. Wenn Du Dich da tatsächlich durchgekämpft hast, die Folgebände „1977“, „1980“ und „1983“. Das ist Stoff :-))) Herzlich Heinz

    • OneBBO 23. März 2011 / 09:21

      Danke dir für die Gegendarstellung. Da sieht man mal.. .wie unterschiedlich zwei Menschen Lesestoff beurteilen können. Ich hatte ja auf das Outing von Fans gehofft, bisher aber nur Unterstützung erfahren 😉

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.