Getreidehersteller

Kommentar vom 25. März 2011: Hersteller und Sprache

Sprache ist etwas, das mich schon lange fasziniert. Eine Weile waren es vor allem die Fremdsprachen, heutzutage ist es die Muttersprache und wie sie in den Medien und von Manipulatoren als Instrument und Waffe genutzt wird. Faszinierend finde ich dabei, wie Dinge in unseren Sprachgebrauch eingehen, wir denken uns nichts dabei – aber sie sind dennoch eine Aussage. Das kann auf der einen Seite zur teils unerträglichen „political correctness“ führen, also wir sagen ja heute nicht mehr „arm“, sondern „sozial schwach“, wir umschreiben gerne alles Negative mit weniger negativen Begriffen. Das wird uns auch so eingetrichtert. Teilweise hat das auch einen richtigen Hintergrund. Das Wort „Neger“ z.B. trägt so viel negative Einstellungen in sich, dass es nur logisch ist, dass wir uns mit einem aufgeklärteren Verständnis heute von diesem kolonialen Wort abwenden und die Menschen mit dunkler Hautfarbe als „Schwarze“ oder „Farbige“ bezeichnen. In alberne Bereiche geht das aber dann für mich, wenn wir heute keine „Negerküsse“, sondern nur noch „Schaumküsse“ kaufen können. Da wird Indoktrination am falschen Ort betrieben. Wenn ich als Kind „Negerküsse“ gekauft habe, habe ich den Wortbestandteil „Neger“ niemals mit Menschen in Verbindung gebracht, schon gar nicht negativ. Das ist so, als würden die Darmstädter jetzt auf einem neuen Stadtnamen bestehen, weil ihnen „Darm“ zu unappetitlich ist.

Nun ist mir letztlich jedoch ein Sprachgebrauch aufgefallen. Und zwar las ich im Vollwertforum über die Probleme mit Hafer, der schwarze Enden hat. Darüber wurde dort diskutiert. Und was mir dort aufstieß, war das Wort „Hersteller“: „Wende dich doch mal an den Hersteller“, wurde empfohlen, oder „Ich würde dem Hersteller da auch nicht trauen“. Einige schrieben „Händler“, andere „Hersteller“.

Ups. Wie weit sind wir von der Natürlichkeit schon entfernt, dass wir den Hafer als Produkt sehen, das irgendwo zusammengebaut wird? Auf die Frage: Wer stellt denn Hafer her? würde ich antworten: Die Natur. Oder ein anderer Mensch könnte sagen: Der liebe Gott 🙂 Herstellen heißt doch, etwas künstlich zu produzieren. Ich kann einen Stuhl herstellen, eine Fertigmischung, ein Kartoffelpüree, einen Pudding. Ich stelle nicht die Luft her, das Wasser, das Gras – und auch nicht den Hafer. Dass im großen Stil von „Getreideproduzenten“ gesprochen wird, lässt schon darauf schließen, welche Ausmaße die Großwirtschaft in der Landwirtschaft genommen hat. Hafer wird nicht produziert: er wird angebaut, geerntet, verarbeitet. Es gibt keine Firma in Korea, in der halbwüchsige Kinder in gebückter Haltung kleine Haferkörner zusammenbauen.

Wer das jetzt albern und Wortklauberei findet, denke an folgende Situation: Du hast einen Garten, dort wachsen Kohlrabi, Salat und Tomaten. Würdest du jemals im Bekanntenkreis sagen: Ich habe dieses Jahr besonders viel Kohlrabi hergestellt? Auch einen Walnussbaum kannst du stolz vorzeigen. Du erntest die Walnüsse, knackst sie und setzt sie deinen Gästen mit den Worten vor: Diese Walnüsse habe ich heute morgen frisch hergestellt?

Wenn ich Probleme mit meinem Getreide habe, frage ich den Müller, den Bauern oder den Laden, in dem ich es gekauft habe. Da es keinen Getreide-Hersteller gibt, kann ich auch keinen fragen. Vielleicht ändert sich das einmal, wenn es nur noch Gentechnik-Getreide gibt.

Gerade „wir“ als Vollwertler sollten sehr achtsam dabei sein, die Zusammenhänge zwischen der Natur, ihren Produkten, dern Verarbeitern und Konsumenten richtig zu sehen. Sonst geht es uns bald wie den Kindern, die glauben, dass in den Alpen die Kühe lila sind.

10 Gedanken zu “Getreidehersteller

  1. Morgenländer 25. März 2011 / 19:53

    Oh, das ist interessant! Du weist da, finde ich, auf einen sehr wichtigen Punkt hin, dass nämlich auch in der Sprache das ‚Machwerk‘ das einfach Gegebene immer mehr an den Rand drängt.

    • OneBBO 25. März 2011 / 20:15

      Es geschieht so unmerklich, das ist das Gefährliche daran.

  2. payoli 26. März 2011 / 13:45

    Vielen Dank und dickes Bussi für diese Überlegung und Anregung!
    Noch schlimmer sind ja nur noch die Fleisch- ‚Produzenten‘!
    Ich denk mir auch oft: Viele Menschen sind schon völlig entwurzelt und erschreckend naturfern. Soetwas macht mich als begeisterten und demütigen Natur- und Schöpfungs- Bewunderer oft wirklich traurig.
    Liebe Grüße!

    • OneBBO 26. März 2011 / 14:26

      Stimmt ja, die Fleischproduzenten passen hier auch noch her. Grusel-Grusel

  3. Katarina 27. März 2011 / 11:56

    Eine sehr interessante Beobachtung! Vielen Dank, liebe Ute!
    Ich bin auch der Auffassung, daß Menschen Hafer nicht herstellen können, wenn überhaupt, kann das nur die Natur. Man könnte es aber auch so sehen, daß der der Hafer als Pflanze und somit Teil der Natur sich selbst schafft, er wächst, gedeiht und stirbt irgendwann – wie dies alle Lebewesen tun.
    Da ich einen sehr ähnlichen Beruf habe wie Du – ich bin Dolmetscherin – spielt die Sprache und ihre Feinheiten in meinem Leben auch eine große Rolle und mit wachsender Berufserfahrung wird die Wahrnehmung für solche Phänomene wie das hier beschriebene immer feiner.
    Unsere Einstellung und Weltsicht zeigt sich darin, wie wir Dinge benennen und umgekehrt werden wir dadurch, wie in unserer Sprache Dinge benannt werden, in unserer Einstellung und Weltsicht beeinflußt und geprägt.
    Im Moment fällt mir z.B. immer öfter auf, gegen was wir alles kämpfen:
    Gegen Arbeitslosigkeit, gegen Krebs, gegen Armut, gegen den Klimawandel, gegen den Super-Gau, gegen Übergewicht… und als wäre das noch nicht genug, kämpfen wir sogar FÜR Dinge: für Gleichberechtigung, für mehr Arbeitsplätze, für den Tierschutz, für Menschenrechte etc.
    Ist die Welt so böse und feindlich, daß wir ihr nur im Kampf begegnen können?
    Das Beispiel mit dem Hafer zeigt, daß Menschen sich als Herrscher über die Natur wahrnehmen, das Beispiel mit dem Kampf zeigt, daß wir uns selbst nicht als Natur wahrnehmen, sondern als etwas ihr gegenüber Stehendes. Sie ist „da draußen“ und bedroht uns.
    Wer das interessant findet, kann sich mit den „Metaphernkonzepten“ von Lakoff und Johnson beschäftigen. Ich hab das im Studium getan und war total gefesselt! Da tut sich sprachlich ein riesiges Tor auf!

    Viele Grüße,
    Katarina

    • OneBBO 27. März 2011 / 12:03

      Herzlich Willkommen, Katarina, mit deinem ersten Beitrag auf diesem Blog.

      Mit dem Kampf hast du auch etwas sehr Wichtiges angesprochen, das ich mir so noch gar nicht klargemacht hatte. Es deutet auf ein sehr negatives Weltbild.

  4. Carmen 28. März 2011 / 09:31

    Mein schlechtes Gewissen als Schreiberin des Forumbeitrags treibt mich zu diesem Kommentar und ich gebe Dir völlig Recht!

    Ursprünglich wollte ich schreiben, dass der Fragende doch einfach mal den Bauern fragen soll, bei dem er den Nackthafer gekauft hat. So würde ich es machen. Dann dachte ich aber, dass bestimmt nicht viele diesen Luxus genießen und den Erzeugerbetrieb persönlich kennen, so wie es bei mir der Fall ist. Bis auf den Rotkornweizen von Herrn Kleider, kaufe ich unsere ganzen Backgetreide (Roggen, Weizen, Dinkel, Nackthafer) auf einem Demeter-Hof im Nachbarort. Aus dem Forum weiß ich, dass viele ihr Getreide im Naturkostladen oder Bio-Supermarkt kaufen und den Erzeuger gar nicht kennen. Dies nur als Erklärung für den unglücklich gewählten Begriff „Hersteller“.

    Aber wie schon gesagt, ich gebe Dir völlig Recht! Ich bin sehr darauf bedacht, regional einzukaufen. Deswegen spreche ich auch hier immer von „meinem“ Gemüsebauern und „meinem“ Getreidebauern. Wenn ich dann aber in den (Bio)-Supermarkt komme, ist plötzlich alles anonym und ich erfahre allerhöchstens, aus welchem Land das Produkt kommt – mehr nicht!

    Das ist – glaube ich – auch der Grund für die stets wachsende Anonymität im Lebensmittelbereich. Wenn jeder Kunde noch den direkten Konstakt zum Erzeuger hätte und sehen könnte, wie die Lebensmittel wachsen bzw. wie die einzelnen Produkte daraus hergestellt werden, würde bestimmt vieles gar nicht mehr gegessen…

    Allerdings bin ich mir immer noch nicht sicher, ob die schwarzen Stellen auf dem Nackthafer des Fragenden wirklich unbedenklich sind. Ich werde demnächst mal meinen Getreidebauern fragen, was der Grund dafür sein könnte. Meiner sah nämlich wirklich noch nie so aus!

    • OneBBO 28. März 2011 / 09:38

      Danke, dass du dich „outest“. Niemand ist im Übrigen vor solchen Sprachfallen sicher. Es war nur so ein schönes Beispiel und ich bin froh, dass du nicht sauer bist.

      Ich kann mir gut vorstellen, dass der Händler mit seiner Bemerkung übers Wetter richtig liegt. Ich meine mich zu erinnern, dass ich so etwas Ähnliches auch schon mal hatte (das Foto ist ja leider sehr schlecht). Gerade bei Hafer finde ich den Unterschied zwischen den Bezugsquellen enorm.

  5. Indeego 28. März 2011 / 10:49

    Anfang des Jahres hatte ich mir für nicht wenig Geld Sprießkornhafer gekauft. Er tat alles, ausser sprießen…(2x getestet).

    Meine Anfrage hierzu wurde schnell abgebügelt „also wir auch machen Keimproben und bei uns klappt das!“

    Äh ja, dann liegt das wohl an der Westerwälder Luft, oder dem Wasser, der Großwetterlage, der Kanzlerin, dem DAX, meinen Tapeten…
    👿

    • OneBBO 28. März 2011 / 10:55

      Der Hafer vom Urkornhof, Österreich (gibt’s auch – aber wesentlich teurer – über die Bioinsel-shop.de) keim wunderbar. Habe ich mehrmals bestätigt gesehen. Falls du noch auf der Suche bist 😉

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.