Können Videos auf YouTube lügen?

Kommentar vom 18. April 2011: Das habe ich aber in einem Film gesehen!

Mittlerweile haben wir gelernt, dem Gedruckten gegenüber kritisch zu sein. Da können wir bis ins letzte Detail Fragen stellen und den Finger auf Wunden legen. Umso erstaunlicher ist es, wie leicht wir Filme als bare Münze nehmen. Es liegt vielleicht nicht nur an Kritiklosigkeit, sondern auch daran, dass wir selbst selten Filme drehen und daher nicht wissen, wo wir täuschen können.

Ich möchte als Beispiel einmal einen Film heranziehen, der zwei Entsafter miteinander vergleicht. Am Ende des Films (er ist auf Englisch, aber das macht für die Aussage kaum einen Unterschied) fragt der „Tester“: Finden Sie das Video objektiv oder voreingenommen? Natürlich erwartet er die Antwort „Na klar, objektiv“ – denn wir können ja am Bildschirm verfolgen, wie die Ergebnisse aussehen.

Hier könnt Ihr den Film sehen: 

Da gibt es aber ein paar Dinge, die „stinken“.

  • Da ist einmal die Stimmung, die aufgebaut wird: 2 Personen in schwarzem T-Shirt, ohne Lächeln, ohne Humor. Das hinterlässt den Eindruck: Ah, keine Werbung, in der gestrahlt wird. Ein Regal mit ganz vielen Entsaftern, so dass wir denken (sollen): Ah, die kennen sich aus, so viele Geräte, wie sie da stehen haben. Der zweite außer dem Sprecher sagt kein Wort, sondern arbeitet wie Frankensteins Gehilfe stumm. Das hinterlässt den Eindruck: Ah, es reden nicht beide auf uns ein! Und – es wird quasi von einer zweiten Person neutral überprüft.

Unabhängig von den Geräten gibt es aber zahlreiche Punkte, die für einen echten Test viele Fragen offen lassen:

  • Es werden jeweils angeblich gleiche Mengen Tomaten, Orangen usw. in die Entsafter gegeben. Ich sehe aber nicht, wie diese Mengen abgewogen werden.
  • Mir fiel auf, dass keine Tomate durchgeschnitten war. So glatt bekomme ich das beim Abwiegen von Tomaten nicht hin, und schon gar nicht zweimal, auch bei kleinen Tomaten nicht. Unterschiede von 20-30 Gramm können da leicht entstehen.
  • Uns werden zwei Waagen gezeigt, aber es wird nicht demonstriert, ob beide Waagen denn wirklich genau gleich wiegen. Es handelt sich um normale Haushaltswaagen, ob sie beide neu sind, die Batterien frisch, geeicht oder nicht – davon erfahren wir nichts.
  • Die Behälter, in denen der Saft aufgefangen wird, haben Messskalen aufgedruckt. Das hinterlässt den Eindruck: Ah, hier wird genormt gearbeitet! Wer aber einmal zwei Glasschalen gleicher Größe aus einem einfachen Sortiment wiegt, weiß: Das können Unterschiede bis zu 50 g sein, egal was auf den Behälter gedruckt ist. Und die Behälter werden mitgewogen! Korrekter wäre es, den leeren Behälter auf die Waage zu stellen, die Waage auf 0 zu stellen und dann den Saft hineinzupressen.
  • Wir sehen nicht den ganzen Entsaftungsvorgang, zwischendurch sind große Schnitte. Ich weiß von meinen eigenen Filmen, wie günstig Schnitte sind: Ich kann rausschneiden, wenn mir was neben die Schüssel fällt, wenn ich einen Arbeitsschritt durchgeführt habe, der eigentlich nicht gebraucht wird usw.

Interessant auch noch die Auskunft von einem Bekannten, der sich gut mit Entsaftern auskennt. Auch da  gibt es nämlich wichtige Punkte, die das Ergebnis beeinflussen – die hier nicht erwähnt werden:

  • Du kannst die Auslass-Schraube fast aufdrehen, dann hast Du viel weniger Saft und mehr Trester, das sieht man im Video nicht, ob die Schraube auf oder zu ist.
  • Du kannst das falsche Sieb verwenden. Dann kann ich vorher entsaften, damit das Sieb zu ist und dann starten wie mit einem frisch sauber gemachten Gerät,
  •  Durch die längeren Walzen bringt der Elite schon mehr Saft, wenn ich natürlich beim grösseren Gerät nur mit 500 g Ausgangs-Pressgut arbeite, dann kann der kleinere Kempo schon im Vorteil sein, aber wie gesagt, ich glaube es denen nicht.
  •  Dann schreibt er „latest version“ stimmt nicht, denn die neuste Version hat einen anderen Aufsatz und das Modell ist 1305 und nicht 1304, aber im Internet und in Studien darf ja alles behauptet werden.

Vielleicht fällt euch ja auch noch mehr auf. Fazit: Augen auf auch bei Videos. Nicht nur Bilder können lügen, auch Filme! Und das bedarf nicht einmal computertechnischer Tricks.

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6 Gedanken zu “Können Videos auf YouTube lügen?

  1. Axel 18. April 2011 / 22:03

    Aber Deine Videos lügen nicht – Stimmts ???

    • OneBBO 19. April 2011 / 06:47

      Das stimmt.

      Wobei ich jetzt nicht weiß, ob das eine Fangfrage sein soll 😉 Du kannst mir natürlich vorhalten, dass ich kürze, schneide, raffe. Es würde wohl niemand meine Videos anschauen, wenn ich zeige, wie meine Knetmaschine 10 Minuten lang den Teig knetet 😛

  2. Andreas 19. April 2011 / 09:35

    Schlau wäre es gewesen eine Fehlerbetrachtung durch zuführen.
    – Entsafterbehälter werden nicht richtig sauber gemacht und umgefüllt.
    – das passiert mit dem Tresterbehälter nicht

    Man kann bei Filmen noch besser manipulieren als in Schriftform. Der zuschauer denkt die Wahrheit zu sehen, doch es werden mit vielen Tricks gearbeitet um Ihn das glauben zu lassen
    Ein kleiner Artikel:
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,198157,00.html

    PS: wenn ich mich komisch Ausdrücke oder Fehler mache liegt es daran, dass ich mit dicker Nase und dickem Kopf das Bett hüten muss.

    • OneBBO 19. April 2011 / 09:42

      Erst einmal gute Besserung!

      Interessanter Artikel, vielen Dank für den Link. Wobei mich eine Kleinigkeit an dem Artikel stört: Es wird so getan, als sei das alles Zukunftsmusik und nur mit schwerer Technik / Software möglich. Dass es viel einfacher geht zeigt nicht nur dieses Video. Es gibt da eine irre Vorführung, wie wir Sachen einfach nicht SEHEN. War auf einem anderen Blog, muss mal sehen, ob ich das wieder finde.

  3. Nicole Ellinger 19. April 2011 / 20:33

    Ich denke da an Fernsehwerbung:…“ wäscht porentief rein…“ oder so ähnlich. Da ist es offensichtlich, dass Filme lügen „können“. Ich hatte 20 Jahre keinen Fernseher, jetzt hat mein Mann drauf gedrängt sein Junggesellengerät bei uns einziehen zu lassen-. Bisher habe ich meine Informationen zu allen mich interessierenden Themen „erlesen“. Wenn ich nun Fernsehen schaue, dann achte ich immer bewusst auf Bilder und versuche die Botschaft zu verstehen. Denn oft, so habe ich bemerkt, entspricht der Text nicht den gezeigten Bildern bzw. so habe ich z.B. gestern Abend in dem Bericht „Bio für die Massen“ gesehen, bei dem Thema Palmöl und den vertriebenen Bauern wurden Rapunzel Aufstriche gezeigtt- . So wird uns durch Bilder etwas erzählt, was nicht durch den Text ausformuliert wird, aber dennoch eine Stimmung erzeugt. Es ist nämlich tatsächlich so, dass der Lieferant Daabon in Kolumbien Bauern vertrieben hat um Bio Palmöl auf den beschlagnahmten Plantagen zu produzieren. Auch für Rapunzel.

    • OneBBO 19. April 2011 / 20:49

      Eine sehr schöne Beobachtung nach 20 Jahren Fernsehabstinenz, dass du jetzt Bilder und Ton so gut trennen kannst!

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