Schnitzelchen allerorten

Kommentar vom 3. Juli 2011: Schrecken manche Hersteller vor nichts zurück?

Leute, die kein Tiereiweiß, überhaupt keine Tierprodukte (also auch keinen Honig) essen und auch ansonsten keine Tierprodukte verwenden, also keine Lederschuhe tragen und keine Bürsten mit Wildschweinborsten benutzen, werden meist als Veganer bezeichnet oder nennen sich auch selbst so. Ich bin dieser Essenshaltung nah, da der Tiereiweißanteil in meiner Nahrung immer geringer wird und da ich immer weniger Gesüßtes, also auch immer weniger Honig, verzehre. Dennoch würde ich mich niemals als Veganerin bezeichnen. Das rührt einmal daher, dass ich in dieser Kostrichtung einige Fanatiker kennen gelernt habe, die das Wildschwein vor lauter Borsten nicht mehr sehen, den Veganismus nicht für sich persönlich entscheiden, sondern ihn äußerst aggressiv vortragen und am liebsten verpflichtend machen würden. In diesem Maß „extreme Vollwertler“ habe ich noch nie getroffen. Bekannt sind die Pudding-Veganer, deren einziges Ziel es ist, alles Tierische zu vermeiden, der Rest ist egal, d.h. ihr Zuckerkonsum ist unvermindert, da wundert mich die Aggressivität bei diesen Veganern nicht :mrgreen: Auch führt der rein von der Einstellung zum Tier verursachte Veganismus dann manchmal zu Auswüchsen, bei denen ich echt nur mit dem Kopf schütteln kann. Soja-Schnitzel zum Beispiel. Ich finde das völlig inkonsequent. Wenn ich kein totes Tier mehr essen möchte, lehne ich auch alles ab, was wie totes Tier schmeckt. Aber so weit geht die Konsequenz nicht und so ist der Markt für Kunstschnitzel, Kunstwürste usw. groß. Es gibt auch vegane Vollwertler, die sich in meiner Erfahrung deutlich von Pudding-Veganern unterscheiden. Andere mögen da andere Erfahrungen gemacht haben. Sei’s drum…

Es sei übrigens hier klar gestellt, dass dies meine persönliche Erfahrung ist, die ich etwas plastisch schildere. Bevor mir jetzt unerträgliche Intoleranz vorgeworfen wird 😉 Ich habe im Freundes- und Bekanntenkreis mehrere Veganer, das geht völlig problemlos.

 

Im letzten Angebotszettel meines Bioladens entdeckte ich dann auch was tolles Neues. Schnitzel für Veganer! Lupinen-Schnitzel. An Lupinen erinnere ich mich gut, als Kind habe ich mit meiner Familie einige Jahre in Delmenhorst gewohnt, dort gehörte zur Wohnung ein Garten, in dem herrliche Lupinen in allen möglichen Farben wuchsen, toll zum Spielen. Und das jetzt als Schnitzel? Lupinen sind Hülsenfrüchte. Vor einigen Jahren, als ich auch noch dem Ersatz-Wahn unterlag, habe ich mir mal Lupinenbohnen gekauft, weil sie ein prima Ei-Ersatz (außer Soja) sein sollen. Das konnte ich praktisch nicht bestätigen, daher habe ich sie irgendwann den Vögeln als Futter in den Garten gegeben.

Zurück zum Lupinen-Schnitzel. Es interessierte mich natürlich, was noch für tolle Zutaten in diesen herrlichen Schnitzeln sind und so suchte ich die Homepage eines Versenders auf, der auch eine Zutatenliste mit veröffentlicht. Mittlerweile ist das Lupinenschnitzel allerdings aus dem Angebot dieser Website verschwunden (hier). Mich nervt ja schon der Begrüßungsspruch „Dein neuer Veganversand im Internet“. Übergriffig finde ich so etwas. Werbung kann auch anders sein! Wer mein Veganversand im Internet ist – wenn ich überhaupt einen suche – bestimme immer noch ich. Das Schnitzel hat köstliche Zutaten, ich dachte es mir schon: Süßlupinen* 40%, Wasser, Weizeneiweiss*, Sonnenblumenöl*, Salz, Gewürze*, Weizenstärke*, Paniermehl*, Kräutersalz* / * = aus kontrolliert biologischem Anbau. Erst einmal schätze ich es sehr, wenn offizielle Websites sich um korrekte Rechtschreibung bemühen. Weizeneiweiss gibt es vielleicht in der Schweiz, in Deutschland heißt es immer noch Weizeneiweiß. Dies nur am Perfektionismus-Rande 🙂  Aber Weizeneiweiß klingt eh schon… so hübsch extrahiert, genau wie Weizenstärke. Paniermehl aus biologischem Anbau, nee klar. Und ob das Sonnenblumenöl das preisgünstige kontrollierte Öl vom Discounter nebenan ist? Niemand verrät es mir. Für mich klingt die Zusammensetzung unappetitlich, labberig und scheußlich. Und ungesund.

Wer konsequent vollwertig-tiereiweißfrei oder auch vollwertig-vegan isst, vermisst kein Schnitzel. Ich höre schon mal, dass die Leute den Käse vermissen, aber Schnitzel? Gibt’s vielleicht, ist mir aber noch nicht zu Ohren gekommen. Tier hin oder her – wenn ich Hunger auf Schnitzel HÄTTE, würde ich ein Schnitzel essen. Und eine richtige leckere Scheibe Sauerbrot ist mir allemal lieber als diese Weizenpampe. Würg.

9 Gedanken zu “Schnitzelchen allerorten

  1. Gulaschkanone 3. Juli 2011 / 17:53

    Liebe Ute,
    da ich von Natur aus neugierig bin, habe ich Fleischersatz probiert,
    sowohl „Hacksteaks“, Würste, als auch normalen Tofu. Seitan (extrahiertes Gluten aus Weizen) schmeckt mir nicht, Tofu allerdings find ich eigentlich lecker, vermeide ich aber trotzdem. Die Ersatzprodukte sind erschreckend nah am Original, mich hat vor allen Dingen die Rauchnote im Linseneintopf begeistert, die hatte mir ursprünglich wirklich etwas gefehlt.
    Aber die Zutaten sind wirklich alle nicht vollwertig, aber bevor ich vielleicht auf Grund körperlicher Begierden Fleisch esse, habe ich lieber dazu gegriffen. Vor allem aber gestandenen Fleischessern, die man mit schönen Gemüsegerichten anfangs nicht beikommen kann z.B. meinem Vater, könnte ich solche Tofuwürstchen sicherlich in die Suppe schmuggeln und das wäre sicherlich schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

    Ab und mal als Gag und auswärts, sonst nein.

    Viele Grüße
    Gulaschkanone

    • OneBBO 3. Juli 2011 / 17:56

      Den Schmuggelgedanken habe ich schon öfter gehört.

      Ich habe früher auch Tofu gegessen. Ich habe früher allerdings auch Zucker gegessen :mrgreen:

  2. Gulaschkanone 3. Juli 2011 / 18:34

    Vielleicht ist ein eingeschlichenes Tofuwürstchen ja für manche der Anstoß, wie für andere das erste Stück Vollwertkuchen, oder der erste Löffel FKB (vom Gesundheitsstandpunkt zwar ein Vergleich von Äpfeln und Birnen, aber es geht um das Schlüsselerlebnis).Sicherlich geht es bei einigen Manufakeuren von solchen Produkten auch ein bisschen um den Wetbewerb des authentischen nachempfindens, ähnlich der Präzision im Modellbau. In den „Nürnbergern“ sind die Fettstückchen sogar mit Selleriewürfelchen nachempfunden und schmecken zu Sauerkraut und Kartoffelstampf wirklich wie das Original, wegen ihrer Würze.

    • OneBBO 3. Juli 2011 / 18:46

      „So natürlich wie möglich“ sehe ich in einem Tofuwürstchen, einer 100% Industriekost, nicht so recht 🙂
      Ich glaube, es ist auch nur ein Wunschtraum, dass jemand über Tofuwürstchen wirklich vom Fleisch wegkommt, langfristig, hin zu einer guten Ernährung. Ersatz ist keine gute Grundlage. Meine bescheidene Meinung 🙂

  3. Gulaschkanone 3. Juli 2011 / 18:57

    Ich gehe voll mit dir d´accord. Ohne die Überzeugung (genau wie bei der Vollwert) klappt die Umstellung nicht. Aber manchmal ist das Emotionsessenradar nicht ganz so auf den Gesundheitsaspekt austariert, zumindest bei mir 😉

  4. theomix 3. Juli 2011 / 21:01

    Aus der anderen Richtung will ich den Wind wehen lassen: Das Schnitzel gehört in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Denn es ist weltweit Symbol für deutsche und österreichische Küche. Und da gehören Lupinen einfach nicht hin.
    Im Grunde ist es auch für Papierfetzchen nicht angemessen, sie zu einer Schnitzeljagd zu verwenden.

    • OneBBO 4. Juli 2011 / 05:58

      Die Papierfetzchen fühlen sich zumindest aufgewertet. Hast du schon an die Unesco geschrieben?

  5. Sophia 3. Juli 2011 / 21:56

    So weit ich weiß essen Veganer Lupinen nicht unbedingt wegen des Geschmacks, sondern wegen des hohen natürlichen Vitamin B12 gehalts.

    • OneBBO 4. Juli 2011 / 06:00

      Der Mythos des Vitamin B12-Mangels lässt die merkwürdigsten Blüten treiben. Wobei wirklich zwischen Pudding- und Vollwert-Veganern zu unterscheiden ist. Das sind zwei völlig unterschiedliche Ansätze. Außerdem bezweifle ich, dass bei so viel Verarbeitung überhaupt noch viel Wertvolles in dem dann auch nochmals gebratenen „Schnitzel“ verbleibt. Und erst recht bezweifle ich, dass die meisten diese Schnitzel wegen B12 kaufen. Meine Frage bleibt: Wenn ich etwas esse, das schmeckt wie ein Schnitzel vom Tier, aussieht wie ein Schnitzel vom Tier, denselben angeblichen Zweck erfüllen soll wie ein Schnitzel vom Tier – ja, warum esse ich dann nicht ein Schnitzel vom Tier? Wenn ich Tiere so liebe, dass ich nichts von ihnen essen will, dann will ich auch nichts, was mich in Aussehen, Geschmack oder sonstwie ständig daran erinnert. Sonst sind wir nämlich bald bei Soylent Green, wie eine Freundin von mir richtig anmerkte.

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