Trauben ungesünder als Schokoladeneis

Kommentar vom 10. September 2011: Der Nachteil des Numerus Clausus

Die Einführung des Numerus clausus für Medizin – d.h. eine besonders gute Schulnote – als Einstieg ins Medizinstudium fand ich immer schon pervers. Dank meiner eigenen, in den letzten vier Schuljahren traurigen Erfahrung, war für mich der Schluss: Die Angepassten, die Fachidioten bekommen die Studienplätze, die eigentlich von Menschen besetzt werden sollten. Ist ein Brillieren in der Schule wirklich ausreichend, um Zusammenhänge zu erkennen? Dies als Vorspann zu meiner Lektüre des Prismas, der wöchentlichen Beilage des RGA (Remscheider Generalanzeigers), von gestern.

Dr. Wolfgang Oestreich, Facharzt für Allgemeinmedizin, lässt sich dort nämlich über Zucker aus (Seite 42). Mit Verlaub, so viel Gewäsch über Zucker habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Schon der Einstiegssatz ließ mich, äh, schlucken: „Weder zu viel noch zu wenig Zucker ist mit einem gesunden Leben vereinbar.“ Wie bitte? Muss ich mir morgens ein Löffelchen Zucker eintüten, um 100 Jahre bei bester Gesundheit zu werden? Wie hat Inge, die gelegentlich in diesem Blog kommentiert und seit Jahrzehnten keinen Zucker mehr isst, es nur geschafft, dass sie im Jahr 2011 dann 70 Lenze bei bester Gesundheit erreicht hat? Ich möchte wetten, sie weiß überhaupt kaum noch, wo sie Zucker kaufen kann.

Interessiert las ich weiter, welche Weisheiten mich dann noch erwarten. Da kommt erst einmal etwas über den Nachteil des gestiegenen Zuckerverzehrs (Bravo, Herr Doktor 👿 ). Der nächste Knüller naht dann mit lauten Schritten: „Gerade jetzt im Sommer nehmen wir mit Obst und Obstsäften reichlich Fruchtzucker zu uns“. Oha, der Herr O. kann wohl nicht unterscheiden zwischen Industriezucker und dem natürlichen Zucker? Unser Gehirn kann das schon, wenn es um die Verarbeitung geht. Jetzt wird es langsam abenteuerlich, denn Herr O., sorry: Herr DOKTOR O., macht uns klar, dass wir auf den Fruktosegehalt von Obst achten müssen. Also Aprikosen, Mandarinen und Melonen sind top, Weintrauben und Kirschen Flop.

Und so geht es weiter in dem Artikel. Der letzte Satz, würden wir ihn isoliert vom Rest sehen, wäre prinzipiell zu bejahen: „Durch eine bewusste Ernährung, Gewichtsnormalisierung und regelmäßige Betätigung können Gesundheitsschäden vermieden werden.“

Ich finde das faszinierend, wie Weintrauben und Kirschen schädlicher dargestellt werden als der Industriezucker. Die Wörter  „Praline“, „Kuchen“ oder „Schokolade“ tauchen hier nämlich als Buhmänner nicht auf.

Nun möchte ich wirklich nicht behaupten, Herr Dr. O. sei ein Handlanger der Zuckerindustrie und schriebe deshalb einen so subtil zuckerfreundlichen Artikel. Aber ich muss sagen, dass ich eine solche fehlende Unterscheidung schon sehr äh, bemerkenswert finde 🙂

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2 Gedanken zu “Trauben ungesünder als Schokoladeneis

  1. Ines 12. September 2011 / 00:52

    Nee, klar!
    Und ‚gerade jetzt im Sommer‘, wo wir doch so wenige Trockenfrüchte essen …. ist das frische Obst ja sooo gefährlich!

    Aber dann warten wir doch mal, was er ‚gerade jetzt im Winter‘ schreibt: Dosenobst ist gesünder als … lassen wir uns mal überraschen!

    LG

    Ines

    • OneBBO 12. September 2011 / 05:48

      Das finde ich nun sehr bedauerlich, dass du dem Autor diese grandiose Idee jetzt einfach vorweg-klaust 😉

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