Brot und Spiele, ach nein: Brot und Sprit

Kommentar vom 3. Dezember 2011: Bio-Sprit aus alten Brötchen

Diese Überschrift aus dem RGA vom 2. Dezember las ich beim Abendessen, und mir blieb die Kartoffel fast im Halse stecken: Wie pervers kann man denn noch werden? Der verantwortliche Wissenschaftler Timo Broeker sagt: „In Deutschland wird jährlich ein Überschuss von 600.000 Tonnen Brot produziert… Wenn wir schon so viel Brot wegwerfen, dann sollten wir wenigstens dafür sorgen, dass es noch effizient genutzt wird.“

Mir gruselt, wenn ich das lese. Es kann doch nicht angehen, dass wir alle schulterzuckend hinnehmen, wie Brot tonnenweise weggeworfen wird. Ein Wissenschaftler mit Verantwortungsgefühl würde sich der Frage widmen, wie dieser Überschuss sich verkleinern lässt – wenn er ein Gewissen hätte.

Auf die einzelnen Dinge will ich hier gar nicht weiter eingehen, nur noch auf eine Unterüberschrift. „Aus zehn Tonnen Altbrot werden 2453 Liter Bioethanol“. Klingt gar nicht so schlimm, nicht wahr: „Aus 10 mach 2453“? Denn so speichern sich die Größenverhältnisse bei uns im Unterbewusstsein ab. So werden wir manipuliert, um das Ausmaß der Perversität nicht zu erkennen. Eine Tonne hat 1000 (tausend) Kilogramm, dass heißt für 2453 L Sprit werden 1000 mal 10, also 10.000 Kilogramm Brot weggeworfen. Wenn ich davon ausgehe, dass ich in der Woche 1 Kilogramm Brot esse, kann ich davon 1000 Wochen essen, das sind 19 Jahre, ich sage euch: JAHRE, Brot für mich. 2453 Liter Sprit, also wenn ich in der Woche 20 Liter Sprit verbrauche, das ist ja gar nicht einmal besonders viel, dann komme ich mit dem Sprit 122 Wochen aus, das sind mal gut zwei Jahre. 19 Jahre Brot tauschen für 2 Jahre Sprit? Ich sage doch – es ist abartig, solche Dinge überhaupt auszuprobieren. Das ist meine Meinung.

Am Ende noch ein markiger Satz des begabten Brotwissenschaftlers: „Es wird voraussichtlich wirtschaftlich erst interessant, wenn große Mengen Altbrot zu Verfügung stehen.“. Na, das ist doch prima, ein Problem weniger im kinderreichen Haushalt. Der Satz „Iss dein Brot auf, sonst darfst du nicht an den PC“ wird ersetzt durch „Schmeiß doch endlich dein Brot in den Sammelbehälter und iss deine Milchschnitte, sonst haben wir am Wochenende nicht genug Sprit, um ins Grüne zu fahren.“

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12 Gedanken zu “Brot und Spiele, ach nein: Brot und Sprit

  1. Daniela 3. Dezember 2011 / 19:35

    Tja, da hat wohl jemand das „Vater unser“ falsch in Erinnerung und dankt für den täglichen Sprit…

    Es gibt viel Hunger und Armut in der Welt und wir machen aus Brot Sprit – Irgendwie empfinde ich das als richtig undankbar und schlimm.

    • OneBBO 3. Dezember 2011 / 20:32

      So ähnlich wie das Milch-Kleid der Designerin letztlich in einem Gastbeitrag. Wobei ich das hier wegen des Ausmaßes noch schlimmer finde

  2. sternenfrau 3. Dezember 2011 / 20:35

    Schrecklich. Mögen wir alle so haushalten, daß wir keine Lebensmittel wegwerfen müssen. Das ist immerhin etwas, das wir tun können.

    • OneBBO 3. Dezember 2011 / 21:07

      Genau, da hast du Recht – dass ist (endlich einmal) etwas, dass wir ALLE tun können1

      • Andreas 5. Dezember 2011 / 09:52

        Ich glaub da können wir nicht viel machen, denn es gibt ja keine Altbrotmülltonne, sondern das Brot wird am ende des Tabes beim Bäcker vernichtet. Diese werden dann gesammelt und wie schon im Artikel erwähnt verflüssigt.
        Wie können sehr schlecht die Backfabriken beeinflussen.

        • OneBBO 5. Dezember 2011 / 09:56

          Wir können das Billigbrot nach 17 Uhr kaufen – okay, WIR Vollwertler nicht, wir backen ja selbst. Und wir können immer wieder unseren Unmut über solche Praktiken äußern.

  3. Frau Schmidt 3. Dezember 2011 / 22:16

    Ich frage mich, warum muss man Brot wegwerfen, ausser, wenn es geschimmelt ist? Man kann selbst aus trockenem Brot noch Essbares machen: Croutons, Paniermehl, Semmelknoedel, Semmelkbroesel…oder wer sich die Mühe machen mag, in den Tierpark bringen. Wegwerfen ist so sinnlos. Meiner Meinung nach liegt das an dem wenigen Respekt, der heute Lebensmitteln entgegen gebracht wird. Schließlich ist Essen billig zu haben und immer und überall verfügbar. Wenn da der Respekt nicht schon daheim vermittelt wird, kommt sowas bei raus..

    • sonnenkind 3. Dezember 2011 / 23:13

      Ich glaube das wenigste dieser Mengen wird zu hause weggeworfen. Das meiste landet doch unverkauft im Müll, weil die Leute auch bis Ladenschluss noch 10 verschiedene Brot und Brötchensorten im Regal haben wollen und weil gut gefüllte Regale immer „ansprechender“ aussehen…

      Ich finde es auch ein Jammer wieviel Lebens(Nahrungs-)mittel in diesem Land in den Abfall wandern obwohl sie noch essbar wären!
      Ich bin nun als Aushilfe für eine Bio-Supermarktkette beschäftigt und in der Arbeits- und Hausordnung ist vermerkt „Ware die das MHD überschritten hat, wird aus dem Verkehr genommen, abgeschrieben und nach Vorschrift entsorgt. Der Eigenständige Verzehr bzw die Privatentnahme dieser Artikel wird als Diebstahl geahndet. Der Verzehr von MHD-abgelaufenen Waren ist verboten.“
      Ich werde versuchen meine Chefin davon zu überzeugen, diese Sachen wenigstens an „Die Tafeln“ zu verschenken. alles andere fände ich untragbar/pervers/unmoralisch/unethisch…

      • OneBBO 4. Dezember 2011 / 07:06

        Grauenhaft, dass auch in Bioläden diese Seuche grassiert – aber auch da sind die Käufer mit in der Verantwortung.

    • OneBBO 4. Dezember 2011 / 07:05

      Ich stimme Sonnenkind hier zu – da ist sicher nicht unser Hausmüll gemeint, es wird ja von „Überproduktion“ gesprochen. Es liegt aber auch am Verbraucher, Überproduktion zu vermeiden. Ich weiß von vielen Bäckereien, die nach 17 Uhr Brot für die Hälfte verkaufen, da habe ich früher häufig „zugeschlagen“.

  4. Valerija 4. Dezember 2011 / 11:11

    Ich bin mal im Internet auf das sog. „Containern“ gestoßen http://de.wikipedia.org/wiki/Containern ich finde die Idee super. Allerdings ist es in Deutschland eine Straftat etwas aus dem Müll zu holen und würde das selber auch nicht machen. Hier nochmal ein kurzer Film darüber [nach herbe kost wegwerfegesellschft in Google suchen]

    • OneBBO 4. Dezember 2011 / 11:15

      In Deutschland ist fast alles verboten 😉
      (Pro Kommentar bitte immer nur einen Link)

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