Assauer: ein spontaner Gastbeitrag

9. Februar 2012: Rudi Assauer

Heute Morgen fand ich in der Mailbox den folgenden Vorschlag für einen Gastbeitrag vor. Wert, sich einmal darüber Gedanken zu machen. Auch eine seltene Gelegenheit, einmal ein brandaktuelles Thema aufzugreifen.

(N)Assauern

7.2.2012. Den Fernseher habe ich vor Jahren abgeschafft. Aber es gibt ja Internet und Mitmenschen mit Fernseher und/oder Vorliebe für bildzeitung.de. Mit anderen Worten: Ich komme zurecht, danke der Nachfrage. Gestern sagte mir der Bildzeitungskollege, Rudi Assauer habe Alzheimer. Heute kommt ein Kunde ins Geschäft und witzelt, er habe bald alles vergessen „genau wie Rudi Assauer“. Am Abend erzählt mir eine Freundin, sie habe einen Assauer’schen Moment gehabt, haha. Auf Nachfrage: Nein, sie wisse auch nicht, wie ihr der Begriff in den Sinn käme, jedenfalls habe sie Rudi Assauer im Fernsehen gesehen. Die würden ihn jetzt immer mit der Kamera begleiten, wo er doch Alzheimer habe. „Wie bitte?“ frage ich empört, „wie schrecklich, wer lässt denn so was zu?“ Nein, meint meine Freundin, er (also Rudi Assauer) habe das ja vorher festgelegt, dass er das so wolle, das sei schon in Ordnung. Ach so. Sie hätten ihn dann gefragt, welches Jahr wir wohl gerade im Kalender schrieben. Er habe länger nachdenken müssen und dann zögerlich „1960“ hervorgebracht. Da habe sie schnell ausgeschaltet, das sei ja grauslich.

Ich denke an meinen Opa, Jahrgang 1900. Als der 81 wurde und immer noch zum Jahresessen vom Schützenverein eingeladen wurde, da sagte der: „Wat schüllen de Luüe denken, soweit kümmt dat noch, ik bleev to hus!“ Und wie mein Opa immer über Robert Stolz schimpfte, dass der sich quasi auf die Bühne tragen ließe, peinlicher ginge es ja wohl nicht! Bin spontan ganz bei meinem Opa und frage mich, ob Rudi Assauer wohl auch so ein altes Zirkuspferd ist, der wie Liberace, Frank Sinatra, Zarah Leander (ergänze ein jeder nach Wunsch) einfach nicht die Manege verlassen kann.

Zwei Stunden später. Habe eigentlich nicht weiter darüber nachgedacht. War mehr so ein innerlicher Prozess, wie es scheint. Rudi Assauer kommt mir noch einmal in den Sinn – und plötzlich bewundere ich seinen Mut. Andererseits … macht das wirklich so einen großen Unterschied, wer mich in meinem Elend sieht? Am schlimmsten ist es ja wohl für die Angehörigen, und denen bleibt das eh nicht erspart. Hinzu kommen „Pflegekräfte“, Menschen, deren (innere) Hauptaufgabe es ist, mit all dem Elend (nicht nur meinem) irgendwie fertig zu werden, damit sie morgen wieder aufstehen und weitermachen können. Wäre das denn wirklich so schlimm, wenn mich auch andere, meinetwegen die ganze Welt, ist doch so gesehen piepenhagen, auch sehen könnten? Menschen, die weit genug weg sind, um daraus Was-auch-immer für ihr eigenes Leben zu lernen? Sei es, dass sie einen kleinen Moment der Angst Was-wird-wenn-ich-selbst-eine-schlimme-Krankheit-bekomme ins Auge sehen. Oder sei es der kleine Trost-Moment „Wie mein Vater, wie mein Vater …“.

Bislang ging ich davon aus: Erfahrung anderer lerne ich über das persönliche Gespräch oder über Literatur kennen. Wem gerade ein naher Angehöriger gestorben ist, dem lege ich daher Tolstois „Tod des Ivan Iljitsch“, erschienen 1886, wärmstens ans Herz. Wer das zu abgedreht findet („Öhm, 1886, da fallen ja die Seiten auseinander, wenn ich das nur angucke“), für den gilt dennoch: Tod und Krankheit gehören in unser Leben, sie nach außen zu schieben, macht in der Erfahrung selbst lediglich einsam. Daher denke ich: Als Fernsehbesitzer ruhig mal hinsehen, wenn sie die Kamera wieder auf Rudi Assauer richten.

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16 Gedanken zu “Assauer: ein spontaner Gastbeitrag

  1. Drea 9. Februar 2012 / 18:28

    Dass er es pünktlich zur Veröffentlichung seines Buches bekannt gibt – naja was solls. Aber ich versteh echt nicht, warum sich da medial so drauf gestürzt wird.

    • culinaria 9. Februar 2012 / 22:45

      Ich verstehe das sehr gut und finde es durchaus sinnvoll..

      Wir haben in unserem langjährigen Lesekreis einen inzwischen an Alzheimer und anderen Demenzformen Erkrankten (früher Lateinlehrer, und er kann noch immer ausgezeichnet vorlesen). Ich habe aus einer Sendung mit Assauer gelernt, was seine (uneinsichtigen) Angehörigen besser machen könnten, wenn sie einsichtig wären, und wie wir MitteilnehmerInnen im Lesekreis besser mit ihm umgehen können. Zum Beispiel ist in der Sendung deutlich geworden, dass die Tabuisierung und das Gefühl, den Mangel vertuschen zu müssen, zusätzliches Leiden schafft, und das Coming-out nicht nur für die Angehörigen, sondern auch für den Betroffenen selbst entlastend wirken kann.

  2. Inge Henneberg 10. Februar 2012 / 10:32

    Ich denke Alzheimer/Demenz ist ebenso eine Zivilisationskrankheit wie Fettleiibigkeit, Diabetes, Schlaganfall, Herzinfarkt usw..
    Die gesamte Ärzteschaft, Pharmaindustrie, etc. lebt davon, daher wird in den Medien auch immer nur von Sympthombehandlung gesprochen und nicht von der Vermeidung.

    Eine richtige „natürliche“ vollwertige Ernährung ist die Grundlage und versorgt den Organismus mit allem was erforderlich ist um einwandfrei funktionieren zu können.

    Bin auch nach wie vor der Meinung, daß je weniger bearbeitet (erhitzt bzw. reduzierte Teilprodukte) desto besser.

    Die Natur ist einfach und unkompliziert.

    .

  3. Petra 10. Februar 2012 / 12:44

    Als Verfasserin dieses Gastbeitrags: Dank’ euch für eure Kommentare! Demenzerkrankungen den Zivilisationskrankheiten zuzuordnen, ist sicher nicht verkehrt. Es gibt allerdings auch Formen, die nix mit Saufen zu tun haben, Theomix :-). Meine Mutter hat nie geraucht oder getrunken, war stets schlank, betrieb Yoga und Joggen … ihre Erkrankung heißt Multisystematrophie. Langsam wird jede Körperfunktion gelähmt, am Ende kann man nicht mal mehr mit den Augen klimpern. Sechs Jahre hat das gedauert, von denen sie die letzten drei nicht mal mehr das Bierglas hätte selbst zum Mund führen können. „Wie geh’ ich damit um?“ ist für Betroffene und Angehörige dann eine brennende Frage, da stimme ich Culinaria daher voll zu.

    • theomix 10. Februar 2012 / 22:15

      Ich hab auch nur an Assauer gedacht. Ich kenne andere Demente, die sind in dieser Hinsicht unverdächtig.

  4. culinaria 10. Februar 2012 / 12:58

    Wie Petra schreibt: Es gibt viele Formen der Demenz, von denen Alzheimer nur eine ist, je nachdem wodurch die Minderfunktion des Gehirns verursacht wird – ob durch Ablagerungen oder Abbau im Gehirn selbst oder z. B. durch Verengung der zuführenden Gefäße.

    Auch vorsichtige Schulmediziner räumen immerhin ein, dass „ausgewogene Ernährung“, was immer sie drunter subsummieren, den Gedächtnisschwund verlangsamen kann. Was mich interessieren würde, ist, wieweit die übliche eiweißlastige Ernährung (die auch so manche schlank sein wollende Yogananhängerin praktiziert – meine Mutter zum Beispiel ernährte sich in den Sommermonaten am Strand überwiegend von Joghurt ;( ) Eiweißplaques im Gehirn begünstigt und ob Alzheimer tatsächlich auch bei Menschen auftritt, die sich jahrzehntelang nach Bruker ernährt haben.

    • OneBBO 10. Februar 2012 / 13:04

      Ich schalte mich hier mal ein, obwohl ich das normalerweise bei Gastbeiträgen unterlasse:

      Wie viele Menschen gibt es denn, die sich wirklich jahrzehntelang nach Bruker oder gar nach Bruker tiereiweißfrei (!) oder ganz tiereiweißfrei-vollwertig ernährt haben? Da dürfte die statistische Stichprobe ganz schön klein sein.

      Es gibt auch immer bei allen Zivilisationskrankheiten eine Vorgeschichte und eine Veranlagung – sonst müssten ja alle schlechten Esser alle Zivilisationskrankheiten bekommen und kein Raucher 90 Jahre alt werden.

      Interessant wäre auch die Frage, ob eine Ernährungsumstellung den Demenz-Krankheitsprozess stoppen kann, wie das bei MS ja möglich ist – da kenne ich alleine drei Personen.

      • culinaria 10. Februar 2012 / 13:16

        Bei einer TV-Diskussion gestern abend sagte ein Arzt, der im übrigen Alzheimer als „Modekrankheit“ abtat und Gedächtnisschwächen als normale Alterserscheinung einordnete, es gäbe Hinweise, dass dieser u. a. durch eine „ausgewogene Ernährung“ zu verlangsamen sei, wenn man diese „rechtzeitig“ einsetzte.

        Ohne statistischen Wert: Aus der Generation meiner sehr alt gewordenen Groß- und Urgroßeltern sind mir weder Alzheimer noch andere Demenzformen bekannt. Aber selbst diese meine Meinung, dass Alzheimer unabhängig von einer gestiegenen Lebenserwartung auf dem Vormarsch ist (sei? wäre?) wird in Verlautbarungen in den Medien überwiegend nicht geteilt.

        • OneBBO 10. Februar 2012 / 13:19

          Meine eine Großmutter war stark dement. Ihre Ernährung sicher nicht vorbildlich. Ich denke natürlich auch, dass gute Ernährung hilft wie bei allem, nur sind wir schon von Generationen vorgeschädigt – das waren unsere Groß- und Urgroßeltern nicht in dem Maße. Das macht es wieder schwieriger.

          Ärzte erzählen viel Müll, leider 🙂

  5. Petra 10. Februar 2012 / 13:15

    Ich vermute natürlich auch, dass eine tiereiweißfreie VWK zu einer Verlangsamung des Verlaufs führen könnte. Damals wusste ich noch nichts von VWK und ich bin nicht nur unglücklich darüber. Denn dann mit anzusehen, wie die Ernährung doch die gleiche bleibt, hätte ich schwer mit angucken können.

  6. Ilona 10. Februar 2012 / 16:17

    Der Tod ist nicht negativ. Er kann ein großer Lehrmeister sein. Denn er bringt uns dazu, dass wir uns die großen Fragen über das Leben stellen.
    Wir müssen natürlicher leben, weniger verlangen und mehr lieben,dann wird auch die Zahl der Erkrankten zurückgehen.
    Klein das meine, groß das unsere.
    Er wird sterben wie wir alle, weil er geboren wurde. Das Leben ist der Schatten des Todes.
    Führt eine Krankheit zum Tod oder der Tod zur Krankheit?

    Das sind alles kurze Sätze aus dem wundervollen Buch:
    „Noch eine Runde auf dem Karussell“ vom leben und Sterben von
    Tiziano Terzani eins meiner Lieblingsbücher das Buch schrieb er in der Abgeschiedenheit des Himalaya in dem Bewußtsein das er sterben wird. kein trauriges Buch sondern es beruhigt und Krankheiten wie Alzheimer verlieren Ihren Schrecken.

    • OneBBO 10. Februar 2012 / 16:44

      Sei herzlich willkommen geheißen auch auf diesem Blog, Ilona!

  7. culinaria 10. Februar 2012 / 17:23

    „Wissen Sie, welches die beiden Vorteile bei Alzheimer sind? Ihre alren Freune werden zu neuen Freunden, und Sie können Ihre eigenen Ostereier verstecken.“ (Aus Die rote Couch von Orvon Yalom) Die untätige Zeit dehnt sich nicht mehr so endlos (eigene Beobachtung).

    Nun aber ernst: Wer an Alzheimr erkrankt ist, kann sie die großen Fragen über das Leben nicht mehr stellen. Dass der alzheimerkranke sich selbst verliert, finde ich beängstigend. Ich halte es für möglich, dass er ganau diese Lektion lernen soll: Ganz und gar auf andere angewiesen zu sein.

    Aber dass dies ein schöner Gedanke ist, kann ich nicht finden – weder für den Kranken noch für die Angehörigen.

    Wahrscheinlich ist der Tod schön. Das Sterben ist es in den seltensten Fällen. Aber mit diesen Aussagen kommen wir vom Thema ab: Darf/soll man das langsame Verlöschen eines Menschen, der dies nur noch begrenzt mitbekommt und keinen Einfluss darauf hat, dass die Filmemacher ihm seine Würde lassen, durch Medien öffentlich begleiten?

    • OneBBO 10. Februar 2012 / 17:39

      Soweit ich das bei Alzheimer-Kranken beobachtet habe, den wenigen, die ich kenne, ist die Zeit am Schlimmsten, wo sie noch einigermaßen „beieinander“, es ihnen aber klar wird, was sie erwartet. Das ist eine sehr bittere Zeit. Danach… ist es vermutlich nur noch für die Beobachter schlimm.

      Und ob die Filmemacher Assauer nun die Würde lassen, wird man sehen. Er hat sich, wenn ich den Beitrag hier richtig verstanden habe, ja wissentlich geoutet.

      • culinaria 10. Februar 2012 / 17:53

        Richtig. Und ich habe meine Meinung dazu ja ganz oben schon gesagt – ich finde das für Kranke und Angehörige hilfreich.

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