War vorher alles schlecht?

24. Februar 2012: Aus der Vorvollwertzeit lernen

Anfangs ist Vollwertkost ein wenig schwierig, weil wir umdenken müssen. „Geht das so? Oh je, das habe ich jetzt noch 2 Monate gegessen, und da ist ja doch Dicksaft drin… Da ist ja Zucker reingemogel!!“. Gedanken, die wir (fast) alle kennen. Dann kommt die  aufregende Phase, wo wir einigermaßen geschnallt haben, wo’s lang geht, wir genießen die  große Palette, die uns die Vollwertkost bietet. Dinge kommen plötzlich auf unseren Speiseplan, die wir noch nie vorher gegessen haben. Bei mir waren das Mangold, Pastinaken und mehr. Auch die Freiheit, endlich mal nicht auf jeden Tropfen Öl und jeden Fitzel Butter schielen zu müssen lässt uns großzügig durchatmen – die Welt ist viel größer geworden.

Dann kommt der Weg der Entdeckung. Ist tiereiweißfrei nicht aus vielen Gründen sowieso die bessere Variante? Wie ist das mit dem gekochten Obst? Wie ist das mit Säften, gekochtem Gemüse usw? Jetzt ist es wieder spannend zu sehen, wie sich diese „Vorschriften“ (denn es sind ja gar keine) umsetzen lassen, ohne an Essenslebensqualität zu verlieren.

Dennoch kommt da gleichzeitig wieder eine gewisse Einengung hinzu, zumindest für mich. Das ist mit ein Grund, warum ich nicht damit rechne, dass ich jemals Rohköstlerin werde. Ja, für ein paar Tage, Wochen oder auch Monate tut das gut. Aber dann sind mir da zu viele „Daran darf ich jetzt nicht denken“. Gerade unter Rohkost entwickle ich häufig mir sonst unbekannte Essensgelüste. Mein Süßigkeitenhunger ist größer, ich denke gerne über gebratene Hühnchen nach – mir sonst völlig fremd. Um diese aufkeimenden Wünsche, die gegen mein Wissen und meine Überzeugung sind, dauerhaft bei Rohkost nicht zu haben, müsste ich mein Essen sorgsamer zusammenstellen. Viele Wildkräuter einbauen, mehr auf die Zusammensetzung der Nahrung insgesamt achten, damit ich nicht zu viel Nüsse, zu viel Öl usw. esse. Das kommt dann schon fast an diäthaftes Verhalten heran. Das muss ich bei der Vollwert nicht. Da habe ich ein paar Eckpunkte und das Land dazwischen ist so groß, dass ich auch ohne ständig auf meine Schritte zu achten vorwärts laufen kann.

Für mich ist zur Erreichung eines normalen Essensverhaltens auch wichtig, dass ich essen kann, wann ich will und was ich will – im Rahmen natürlich. Die Vollwertkost lässt alles zu und gibt deshalb Freiheit. Grundsätzlich ist Fleisch kein Teil der Vollwertkost, aber wenn ich dann vielleicht einmal im Jahr Lust auf ein gebratenes Hähnchen hätte – da ist das allenfalls noch eine ethisch-moralische Frage, aber keine Gesundheitsfrage, ob ich das esse oder nicht.

Und trotzdem…. ich bin an einem Punkt angelangt, wo es mich anfängt einzuengen. Den gilt es nun zu überwinden. Und dafür, so merke ich, ist es eben doch einmal gut, mich an die positiven Zeiten meines nichtvollwertigen Lebens zu erinnern. Es war doch nicht alles schlecht. Für mich ist zum Beispiel ganz wichtig, ein lockeres Gerüst zu haben, an dem ich mich mengenmäßig entlanghangeln kann. Der Grund ist mein durch in Jugend zerstörtes Sättigungsgefühl dank Diätenwahn. Das muss nicht grammgenau sein, aber nach wie vor kann ich schlecht für zwei Tage im Voraus etwas vorbereiten, weil ich versucht bin, dann mehr zu essen als die eine Portion. Ich bin nun in der Phase, wo ich mir sage: „Ich habe die Vollwertkost in allen Nuancen erprobt, sie ist etwas, das ich nicht mehr aus meinem Leben streichen werde. Was aber kann ich aus meinem vorherigen Leben jetzt einbringen, damit es durch und durch ein für meine Person befreiendes und gutes Essleben wird?“ Ganz sicher nicht die Rückkehr zu Zucker und Auszugsmehl 😉

Eine Kleinigkeit habe ich fürs Erste geändert, die gar nicht mal unbedingt aus der Vollwertigkeit kommt, sondern von dem, was wir allgemein über richtiges Essen wissen. Wir sollen Mahlzeiten schön zubereiten, uns an einen schön gedeckten Tisch setzen und langsam essen. Jeden Bissen sorgfältig kauen und genießen. Und daher lesen wir beim Essen nicht, wir konzentrieren uns voll auf das Essen.

Ich lese wieder Zeitung beim Essen. Ich löffle mein Frühstück beim Klavierspielen, wie ich das viele Jahre getan habe, oder ich stelle es mir neben den PC. Mir ist das völlig egal, ob das gegen alle Regeln ist. Für mich hat es den Vorteil, dass Essen nicht so furchtbar wichtig ist (das kann nämlich auch zu dominant werden) und ich außerdem wesentlich langsamer esse. Ich bin eine Schnellesserin, immer schon gewesen. Sitze ich sonst morgens über dem FKG, dann geht das zack-zack, damit ich bloß weiter komme in meinem engen Zeitplan. So steht jetzt die Schüssel auf einem Tischchen neben dem Klavier und zwischen den einzelnen Übungsstücken esse ich einen Löffel. Der Rest wird dann genüsslich beim Emailen verzehrt.

Siehe da – JETZT bin ich nach dem Frühstück satt! Durch eine falsche Maßnahme habe ich also etwas Gutes erreicht, etwas für MICH Positives. Und so will ich in der nächsten Zeit mehr Dinge aus meiner Vorvollwertzeit erproben, ob sie mit der Vollwertkost kombiniert Positives, mehr Freiheit für mich bringen. Wobei ich mir bei solchen Maßnahmen ganz klar darüber bin, dass dies keine Empfehlungen für andere sind, denen geht es vielleicht genau anders herum. Mein Appell ist einfach: Vergesst die guten Dinge aus der „Vorzeit“ nicht 🙂

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14 Gedanken zu “War vorher alles schlecht?

  1. Hendrik 24. Februar 2012 / 18:00

    Hallo Ute,
    ich habe auch oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich „nebenbei“ am Laptop esse. Bei einem FKG muss ich noch nicht mal hinsehen, kann während des Lesens essen.
    Würde ich behaupten mir fehle die Zeit, in Ruhe zu essen, währe das gelogen. Vielmehr treiben mich meine Ungeduld oder Dinge, die ich noch erledigen muss.
    Den positiven Effekt des langsameren Essens habe ich noch gar nicht bedacht, das lindert mein schlechtes Gewissen ein wenig 😉

    Die Zubereitung der Speisen an sich ist für mich beruhigend und macht glücklich, ich denke das geht nicht nur mir so.

    Grüße 🙂

    • OneBBO 24. Februar 2012 / 18:08

      Fein, wenn ich dein Gewissen beruhigen konnte… obwohl das natürlich gänzlich gegen jede Lehrmeinung ist, aber das ist mir … äh, völlig egal 🙂

  2. Inge Henneberg 24. Februar 2012 / 18:56

    Das nenne ich wieder einmal ein sehr interessantes Thema.

    Bin da schon die Dritte im Bunde, da ich esse wenn ich Hunger habe, egal wo ich gerade bin oder was ich tue (auch oft am PC) und niemals nach der Uhr.

    Für mich kann ich feststellen, sehr Vieles was ich aus Unkenntnis vor meiner Vollwertzeit (vor 50 Jahren!) gegessen u. getrunken habe, war nicht optimal und wird sich ganz sicher in diesem Umfang nicht wiederholen.
    Dazu gehört auch, daß ich (schon veget.Vollwertköstlerin) relativ viele Milchprodukte gegessen habe (sind ja hier in Oberbayern besonders gut) war deutlich zuviel.

    Inzwischen bin ich ja bei der veganen überwiegenden Rohkost angekommen, aber bei aller Konsequenz, ich tue mir absolut keinen Zwang an wenn ich auchmal Gusto auf ein Ei oder ein Stück Käse habe, kommt eh sehr selten vor.

    Und ich entwickle mich weiter, z.B. wurde ich aktuell erst wieder auf eine SALZ-Alternative aufmerksam gemacht, die ALGEN.

    Sollten sie mir das Salz ersetzen können, wäre das ein weiterer Fortschritt für mich hinsichtlich der Naturlichkeit meiner Lebensmittel-auswahl.

    • OneBBO 24. Februar 2012 / 19:10

      Um beim Thema zu bleiben – was wir nämlich aus der Vorzeit mitbringen: Selbst die „besten“ Vollwertler haben ihre kleinen Unregelmäßigkeiten, wie ich an dir sehe. Also nix mit 3 Mahlzeiten … 🙂

  3. eco2021 24. Februar 2012 / 23:33

    In nicht vollwertigen Phasen habe ich oft die Frischkost nach dem Hauptgang gegessen. Heut esse ich auch mal Obst als Nachtisch und es bekommt mir gut.

    • OneBBO 25. Februar 2012 / 07:19

      Und was ist daran jetzt das Gute, das dir einen Vorteil bringt, das du aus der Vor-Vollwertzeit mitgebracht hast?

      • Sophia 26. Februar 2012 / 22:40

        Das Gute ist, dass ich mir endlich meinen Lieblingsnachtisch goenne!

  4. sandra 25. Februar 2012 / 10:03

    Ich lese auch am liebsten beim Essen, oder esse ich beim Lesen? 😉
    Was „Experten“ dazu sagen (nicht ablenken durch Fernseher, PC und Zeitung), ist mir egal. Ich muss mich wohlfühlen, sonst Keiner. Es ist interessant wie wir uns entwickeln. Am Anfang war ich auch fast sklavisch auf die richtige Reihenfolge fixiert. Salat oder Rohkost vor der warmen Mahlzeit. Nun ist das ein dehnbarer Begriff 🙂 Da ich plötzlich kaum noch Hunger auf mein warmes Essen hatte, verkleinerte ich die Salatportion. Hm, dachte ich. Das ist keine so gute Idee. Also esse ich zwei Stunden vor dem Essen den Salat. Dann habe ich schon wieder Hunger und alles ist gut.

    • OneBBO 25. Februar 2012 / 10:09

      Eins finde ich – für mich – allerdings gruselig: Beim Fernsehen essen. Ich war mal bei Freunden eingeladen, die irgendso eine Show laufen hatten im Hintergrund. Da konnte ich nur auf den Bildschirm starren wie ein hypnotisiertes Kaninchen und schmeckte wirklich nix mehr 😉

  5. Johannes 25. Februar 2012 / 17:30

    „Für mich hat es den Vorteil, dass Essen nicht so furchtbar wichtig ist (das kann nämlich auch zu dominant werden) und ich außerdem wesentlich langsamer esse. Ich bin eine Schnellesserin, immer schon gewesen. Sitze ich sonst morgens über dem FKG, dann geht das zack-zack, damit ich bloß weiter komme in meinem engen Zeitplan“

    aber das ist doch super: Dadurch hast Du mit Deiner Interpretation der Regeln genau das erreicht, was EIGENTLICH Sinn und Zweck der Regeln war (das langsame Essen)!

    • OneBBO 25. Februar 2012 / 20:29

      Herzlich Willkommen Johannes auf diesem Blog 🙂

      Ja, im Grunde führt eine falsche Maßnahme zum richtigen Ziel. Das finde ich auch faszinierend.
      Sorry übrigens, dass ich dich jetzt erst freigeschaltet habe, dein erster Kommentar sah durch (d)einen Link doch glatt aus wie ein Spam-Kommentar.

  6. garfffield 26. Februar 2012 / 13:36

    Bei mir ist ja die „Umstellung“ mittlerweile schon recht weit fortgeschritten, aber eines habe ich mir von Anfang an gesagt: Ich werde mich niemals sklavisch an irgendwelche Regeln halten, sondern ich werde versuchen, herauszufinden, was für mich das Beste ist. Auch ich gehöre zu den Menschen, die sich niemals daran gewöhnen könnten, sich im Esszimmer an den einsamen Tisch zu setzen und meine Mahlzeiten einzunehmen. Wie Du würde ich dann viel zu schnell essen, damit ich diese unentspannte Situation hinter mich bringe. Ich setze mich beim Essen gerne gemütlich vor den Fernseher und schaue mir eine Natur- oder Tierdoku an … oder irgendwas über Städte, Dörfer oder Bauwerke. Klar sollte „man“ das nicht, aber mich entspannt das ungemein und ich kann das Essen richtig genießen. Daher werde ich diese Gewohnheit (und auch einige andere Gewohnheiten, in denen ich für mich nur Vorteile sehe) sicher nicht ändern. Dein Appell stößt also bei mir auf offene Ohren 🙂

    • OneBBO 26. Februar 2012 / 13:52

      Mich tät ja nun mal interessieren, was du noch für Gewohnheiten für rettwürdig hältst…

  7. garfffield 26. Februar 2012 / 21:22

    Zum Beispiel Apfelschorle trinken (böser Apfelsaft), Wasser mit etwas Kohlensäure versetzen, ab und zu mal beim Essen gehen nicht zu 100 % auf die Regeln achten.

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