Gibt es Gott?

23. August 2012: Ein Gottesbeweis oder ein Nichtgottesbeweis

Wieder fand ich „Kirche im WDR“ interessant. Am 3. August sprach ein katholischer Professor aus Aachen.

Einen Gottesbeweis lehnt er ab genau wie das Gegenteil: Wenn es einen echten Beweis für Gott gibt, wären ja alle, die nicht an Gott glauben, Dummköpfe. Wenn es einen Beweis für seine Nichtexistenz gäbe, wären alle, die an ihn glauben, Dummköpfe. Und das passt ihm nicht. Mir auch nicht.

Er führt das auch schön am  Beispiel der Wahrheit auf. Wahrheit ist ein Postulat. Wenn ich nun sage: Wahrheit gibt es nicht, so dreht sich das im Kreis: Ist es nämlich wahr, dass es keine Wahrheit gibt, kann der Satz nicht stimmen. Und dann gibt es doch Wahrheit. Gibt es aber Wahrheit, stimmt der Satz sowieso nicht.

Das gefiel mir gut. Einmal, weil es meine Einstellung zum Gottesbeweis sehr schön schlüssig zusammenfasst und zum zweiten, weil der Sprecher seine Hörer nicht unterfordert. Heute werden Hörer und Zuschauer ja häufig auf dem untersten Niveau angesprochen. Was für mich immer heißt: Wie arrogant sind diese Schreiber – Sprecher – Moderatoren, dass sie davon ausgehen, dass alle dumm sind? Für mich war in Bezug auf „Dummheit“ meine Arbeitszeit in einer Fabrik als Studentin unter ungelernten Akkordarbeiterinnen eine gute Lehrzeit. Es wurde über viel Blödsinn gelabert (das wurde dann später an der Uni auch!) – es wurde aber z.B. auch gefragt: Ey, hast du das neuste Buch von Heinrich Böll schon gelesen? Seitdem habe ich eine bescheidenere Meinung davon, wo die Intelligenz sitzt – an der Uni oder in den Fabriken 😉

Deshalb begrüße ich es, dass in so einer Minisendung von nicht einmal 5 Minuten ein Mensch wagt, alle Mitmenschen mit einem fast philosophischen Thema anzusprechen. Und auch, dass ich ihm gerne zugehört habe, spricht für seine Weise, Dinge darzulegen, normalerweise renne ich nämlich sofort weg, wenn’s „philosophisch“ wird – vielleicht auch deshalb, weil mir in der Schule das Fach Philosophie für alle Zeiten vergrault wurde. Vielleicht auch, weil ich ein eher praktischer Mensch bin.

Werbung

16 Gedanken zu “Gibt es Gott?

  1. Pöt 23. August 2012 / 17:55

    Vielleicht dazu eine kleine Anekdote aus dem jüdischen:
    Der Rebbe fragt Yitzhak: „Sag Yitzhak, glaubst Du an den Ewigen?“. Yitzhak antwortet: „Nein, ich glaube nicht an ihn“. Da ist der Rebbe erstaunt und sagt „Ja, warum bist Du dann jeden Schabbat in der Synagoge, wenn Du nicht an ihn glaubst?“. –
    „Ach, weißt Du, Rebbe, ich glaube nicht an IHN, aber ER glaubt an mich. Und dich will ihn nicht enttäuschen!“

    Meine persönliche Meinung ist da ganz einfach:
    Ja es gibt einen Gottesbeweis. Wer Vater oder Mutter geworden ist und in unschuldige Kinderaugen schaut und sich dann vorstellt, dass kommt aus so zwei klitzekleine Zellen, während zwei Menschen sich sehr gerne gehabt haben: der weiß er sieht in den Augen den Ewigen.

    Gott ist nicht der alte Mann mit Bart. Gott ist das Gefühl, dass einem den Rücken runterläuft, wenn so ein Kind mit großen Augen dann „Papa“ haucht…

    Danke für diese Blogeintrag!

    • OneBBO 23. August 2012 / 18:00

      Das ist ein Gottesbeweis für dich. Es gibt auch durchaus Väter und Mütter, die ihre Kinder lieben, und dennoch nicht an einen Gott glauben oder von seiner NIchtexistenz überzeugt sind 🙂

      Genauso wie es für einen „Ungläubigen“ schwierig ist, die „Gläubigen“ in ihren Ansichten nachzuvollziehen, so gilt das umgekehrt auch. Das merke ich immer wieder. Da hilft nur gegenseitiger Respekt.

  2. mialieh 23. August 2012 / 18:19

    Ein schönes Erlebnis! Das zeigt doch, dass es Gott gibt 😈

    Nee, Spaß! Ich meine, man kann viel erklären, aber Glauben braucht eben auch keinen Beweis, sonst wäre es Wissen. Das ist das Gute und das Schlechte am Glauben 🙂

    Zu den Kinderaugen: das hat die Natur praktisch eingerichtet, dass man Kinder niedlich findet und sie liebt (zumindest die eigenen). Später muss die Beziehung wachsen und gepflegt werden, wie bei allen anderen Beziehungen auch. Und es gibt Kinder, die entfernen sich weit davon, diese Gefühle zu wecken, genauso wie es Eltern gibt, die diese Art Gefühle nicht haben.

    • OneBBO 23. August 2012 / 18:46

      Danke für die Kinderaugenerklärung, finde ich fein zusammengefasst.

    • Morgenländer 23. August 2012 / 19:07

      Liebe Mialeh, eine Nachfrage:

      Du schreibst: „Das hat die Natur praktisch eingerichtet, dass man Kinder niedlich findet.“

      Machst du da nicht die Natur zu einem handelnden Wesen, zu einem Quasi-Menschen (oder Quasi-Gott)?

      Ist ‚Natur‘ aber nicht einfach ein Sammelbegriff für alles für uns Menschen Vorfindliche? Und wie könnte das handeln?

      Viele Grüße
      Morgenländer

      • mialieh 23. August 2012 / 20:52

        Morgenländer: bist du Lehrer? In dem Fall bitte ich um Entschuldigung für meinen alltagssprachlichen und subjektivierenden Duktus. Ich habe weder Lust noch Zeit hier die Theorien von Honneth, deMauss und Ariès zu entfalten, die Liebesbeziehungen und Kindheit aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Aber kurz möchte ich andeuten, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kindern insgesamt als eine einzigartige gesehen wird, die im wesentlichen durch die Annahme über die Schutzbedürftigkeit, aber – zumindest am Anfang – auch durch die Abhängigkeit des eigenen Wohlbefindens vom Wohlergehen des Kindes geprägt ist. Sicherlich ist nicht die Natur hier die handelnde Instanz, sondern die anthropologische Grundbedingung der Verantwortung, die durch das Kindchenschema verstärkt wird. Insofern ist es eine strukturelle Bedingung des Menschlichen, dass Kinder niedlich gefunden werden – insbesondere natürlich die eigenen, weil der Beziehung Qualitäten zugesprochen werden, die in anderen Beziehungen nicht vorkommen. Dass dies aber Gott sei, der da aus den vermeintlich unschuldigen Kinderaugen spricht, ist für mich nur wenig nachvollziehbar, auch wenn ich selbst weiß, dass gerade dieses Gefühl der Einzigartigkeit (das eigene Kind sagt ja sonst zu niemandem Papa oder Mama, blickt nur einen selbst auf diese bestimmte Weise an, liebt nur einen selbst auf eine bestimmt Art und Weise) ein großes Glück bedeuten kann. Das schließt aber Leute ohne Kinder aus, das schließt die (durchaus notwendige) Entwicklung der Beziehung und den Wechsel aus Distanzierung und Wiederannäherung zwischen Eltern und Kindern aus (sehr schön nachzulesen bei: Honneth, A. (1994): Kampf um Anerkennung, Frankfurt a.M., und auch in einem Artikel von Ulrich Oevermann (2001): „ie Soziologie der Generationenbeziehungen und der historischen Generationen aus strukturalistischer Sicht und ihre Bedeutung für die Schulpädagogik. In: Kramer/Helsper/Busse (Hg.): „Pädagogische Generationsbeziehungen“. Opladen, S. 78-127).

        • Morgenländer 24. August 2012 / 12:03

          Liebe Mialeh,

          nein, ich bin kein Lehrer, nur jemand, der an evolutionstheoretischen und funktionalistischen Erklärungen seine Zweifel hat.

          Der Mechanismus der natürlichen Selektion kann erklären, welche angeborenen Merkmale besonders erfolgreich weiterverbreitet werden.

          Diese Merkmale müssen ja aber schon vorhanden sein. Wie sind sie also entstanden, durch Genmutation?

          Aber dann müsste es Hominide gegeben haben, die erfolgreich Kinder großzogen, ohne dass es dafür eines ‚Kindchenschemas‘ bedurfte; die Hominiden ‚mit Kindchenschema‘ waren halt nur erfolgreicher.

          Eine Erklärung für die Entstehung des Kindchenschemas sehe ich da weit und breit nicht.

          Viele Grüße
          Morgenländer

        • mialieh 24. August 2012 / 14:42

          Lieber Morgenländer, ich störte mich nur an der Korrektur. Ich stimme mit dir im Zweifel an evolutionstheoretischen und rein funktionalen Theorien überein. Insofern war die Bezeichnung „die Natur hat etwas eingerichtet“ verkürzt. Sie war der Notwendigkeit der Komplexitätsreduktion geschuldet, die zuweilen in alltäglichen Kommunikationen auftaucht, weil – in diesem Falle – ich dem Leser und der Leserin keine trukturtheoretische Argumentation zumuten wollte. Es ging mir um eine andere Sache: die meisten Eltern lieben ihre Kinder. Die meisten Eltern denken, ihre Kinder sind besonderer als andere Kinder. Dass sie Kinder mit Gott gleichsetzen, kommt meistens nur bei ihren eigenen Kindern vor. Dass sie sie als prinzipiell unschuldig erleben auch. Diese besondere Beziehung ist notwendig, um zu überleben. Sie ist kein Beweis für Gott, aber auch kein Beweis dagegen. Wer sie als Beweis dafür sieht, sagt: „Aber guckt doch mal, wie toll Gott das eingerichtet hat, dass man dahinschmilzt usw.“ Wer dagegen ist bemüht evolutionstheoretische Ansätze. Ich würde weder das eine noch das andere bemühen, sondern sagen, es liegt in der Struktur des Menschlichen, ähnlich wie das Inzesttabu – das ist sozusagen etwas, was den Beginn einer kulturell überformten Beziehung ausmacht. Und schon die Idee, dass darin etwas Göttliches liegen könnte, ist kulturell überfromt. Genauso wie es Ideen vom göttlichen Kind gibt, hat es welche vom bösen Kind gegeben und vom sündigen Kind und die gibt es als Gegenimaginationen in der Gesellschaft immer wieder. Und kulturell gesehen, ist die Idee vom guten Kind gar nicht so alt. Im Mittelalter zum Beispiel wurde Kindheit als eine Art Stadium vor dem Erwachsenensein gesehen, die Pietisten nahmen später die Kindheit zum Anlass, die sündigen Kinder zum Guten zu bringen (schönes Buch dazu: RUtschky, Katharina (irgendwann in den 80er oder 90er Jahren): Schwarze Pädagogik). Und heute werden Kinder mit affektiv aufgeladenen überhöhten Bildern – mit dem Glauben an sie – geradezu erschlagen. Ich finde nicht, dass man keine Verantwortung für Kinder übernehmen sollte und dass man sie nicht lieben sollte. Aber sie als Gottesbeweis anzuführen ist eine Überforderung, in der ich die Tendenz sehe, dass Eltern ihre Kinder als Sinngeber benutzen (also instrumentalisieren). Und es ist für mich sinnlogisch viel weniger abgesichert als die kulturhistorische Erklärung der Begeisterung in Bezug auf das eigene Kind (die im Übrigen auch dadurch ermöglicht wurde, dass das Überleben von Kindern einfach wahrscheinlicher war)…
          Viele Grüße
          Mia

  3. Maria 23. August 2012 / 19:22

    In der Bibel finden man Glauben so definiert:
    „Der Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Für mich trifft das den Charakter von Glauben perfekt.

    • OneBBO 23. August 2012 / 20:02

      Ich denke auch, dass es das gut definiert – egal, ob man selbst nun glaubt oder nicht.

  4. tigermilk 24. August 2012 / 08:43

    Ich finde ja im ursprünglichen Blogeintrag auch die Sicht auf den Begriff „Wahrheit“ interessant. Dazu fällt mir das Zitat des Physikers Heinz von Foerster ein: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ Seine Sichtweise ist: indem ich etwas zur Wahrheit erkläre, mache ich gleichzeitig etwas anderes zur Lüge, es trennt also die Menschen in die die recht haben, und die die unrecht haben. Und mein (persönlicher) Blick auf die Welt entscheidet, was das ist. Und je nachdem, wenn ich zum Beispiel Politiker bin oder militanter Glaubensanhänger oder vielleicht z.B. auch Arzt, kann das auch sehr schnell gefährlich werden.

    • OneBBO 24. August 2012 / 08:45

      Eine schöne Ergänzung, vielen Dank!

      Gerade für Ärzte passt das ja gut, finde ich … den feinen Seitenhieb gege ich wieder gerne jaja 😉

  5. Daniela 25. August 2012 / 09:34

    Ich bin mir absolut sicher, es gibt Gott, er hat sich mir in meinem Leben schon unzählige Male gezeigt.
    Ich glaube, es ist eine Sache des persönlichen Erlebens, Wenn man Gott selbst erfahren hat, weiß man, dass es ihn gibt.
    Selbstredend ist das lediglich meine persönliche Erfahrung, die andere Menschen unter Umständen so nicht oder anders gemacht haben. Und es ist mein persönlicher Glaube, den Andere vielleicht nicht teilen mögen.
    Ich denke, es ist eine Sache des persönlichen Glaubens und Erlebens, ich glaube nicht, dass man Gott beweisen kann oder mit Argumenten „dingfest“ machen kann. Außer, man glaubt den Worte der Bibel, aber dann ist die Gottesfrage vermutlich eh kein Thema… 😉

    • OneBBO 25. August 2012 / 09:39

      Es ist gerade, so meine ich, dass Faszinierende an Religionen wie auch am Atheismus, dass es keine Beweise gibt. Ich habe noch nie gehört, dass Kriege darüber geführt werden, ob 1 plus 1 nun gleich 2 ist oder nicht.

  6. Sophia 27. August 2012 / 20:49

    @OneBBO
    an was glaubst denn du?

    • OneBBO 28. August 2012 / 07:09

      Wenn ich das mal wüsste 😉

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.