Und es geht noch billiger!

29. Dezember 2012: Wir sparen uns zu Armut – ich bin ein Sparfuchs!

Feilschen ist toll, handeln ist heute üblich wie im Basar (oder wie wir uns das, in Unkenntnis der orientalischen Mentalität, auf dem Basar so vorstellen). Wir sind nur dann glücklich, wenn wir den Händler im Preis soweit heruntergetrieben haben, dass er fast weint. Dann können wir im Bekanntenkreis fein damit rumprahlen, wie preiswert wir Smartphone XXX oder Jeans YYY erstanden haben.

Oder anders herum: Wann hat einer von allen Sparfuchslesern denn zum letzten Mal bei Amazon oder Zalando den Preis heruntergehandelt? Ach, das geht nicht, die sind eh schon so billig und gehen auch nicht drauf ein? Ach, und dann seid Ihr in einen kleinen Online-Shop gegangen, der so preiswert ist wie Amazon und der hat dann noch Amazon unterboten? Tolle Leistung! Dem kleinen Händler blieb nichts anderes übrig – 3 Euro Verdienst oder gar kein Verkauf. Wie lange wird er das noch überleben? Nicht lange. Und wenn er dann dicht ist, sagen wir, wir Sparfüchse: Komisch, dabei habe ich dort ja gerne gekauft.

Oder anders herum: Ein Szenario. Ein mittelgroße Firma, Managementzusammenkunft. Es ging um Einstellungen. Vier gleich gute Bewerber, einer wurde gewählt – er wählte das niedrigste Gehalt. Eigentlich ein Gehalt – das wissen die Manager auch -, mit dem keiner eine Familie ernähren kann. Aber die Firma hat gespart! Der neue Mitarbeiter hat zwar fast geweint, so wie der heruntergehandelte Händler… aber wen stört das? Ja, das Bild ist grausam, die eifrigen Gewerkschaften stehen sofort vor Ort und klopfen an die Tür, um die Welt vor Grausamkeit zu retten.

Kleine Händler rettet niemand, egal ob Online oder um die Ecke. Sie haben keine Gewerkschaft und zum Erstaunen vieler, die dort kaufen, müssen sie Profit machen. Profit ist ja heute ein Schimpfwort. Gerne werden dann auch intime Kenntnisse ausgetauscht: Stell dir vor, ich habe jetzt gehört, dass Staubsauger XYZ im EK (= Einkauf) 400 Euro kostet – der Müller verkauft den für 600 Euro. Ey, das sind 200 Euro auf einen Schlag, dafür muss ich fast zwei ganze Tage arbeiten und der verdient das in 3 Sekunden.

Glücklicher Müller. Reden wir nicht davon, dass Müller nicht alle 3 Sekunden einen Staubsauger verkauft, reden wir nicht davon, dass Müller auf seine Kosten ein Rückgaberecht gewähren muss, wenn er Online-Händler ist. Reden wir nicht davon, dass Müller auch noch Steuern, Abgaben, eine Rente, Krankenkasse, ggf. noch Mitarbeiter bezahlen soll. Natürlich reichlich, denn die kleinen Leute wollen ja auch an einem gut gehenden Laden mitverdienen, oder?

Ich habe eine gute Bekannte, die seit ca. dreieinhalb Jahren einen kleinen Online-Shop mit Kurzwaren führt. Dem Laden geht es, naja, noch hält sie sich über Wasser. Ich habe ihr dasselbe Arrangement wie dem Perfekte Gesundheit Shop angeboten: Ich nehme ein Banner auf meine Homepage, sie gibt mir eine Provision, die dann in ein Preisausschreiben einfließt. Sie hat milde gelächelt und dankend abgelehnt. Wo war mein Gedankenfehler?

Sie hat das früher auch gemacht. Und was ist passiert? Die Leute haben erst mit ihr über die Preise verhandelt, bis zur Schmerzgrenze. Und dann… über den Online-Link gekauft. Meine Bekannte hatte dann eine Marge von unter 10% Gewinn. Wer ein wenig Ahnung von Verkauf hat, weiß, was das bedeutet: den sicheren Ruin.

Ich habe damals gestaunt, als ich das hörte. Wie können Käufer immer wieder davon ausgehen, dass Profit unanständig ist und gerade kleine Shops bis zum Ausbluten ausgemolken werden können, ja förmlich müssen? Gerne auch Shops mit gutem Service usw.

Wir haben die viel beweinten Tante Emma-Läden um die Ecke gebracht, nicht die bösen Discounter haben das getan. Und wenn wir weiter so machen, dann gibt es eines Tages auch für Nichtlebensmittel nur noch wenige große Discounter. Dass dann Preise, Service usw. auf der Strecke bleiben, ja dann können wir uns wieder mit Entsetzen aufplustern: Aber ich habe doch damals bei den kleinen Läden gekauft! (An unser angebliches Verhandlungsgeschick erinnern wir uns dann nicht so gerne).

Ich wollte Simon Bodzioch zu diesem Thema gerne befragen. Nein, da war nichts zu machen, über seine Kunden spricht er nicht. Einerseits natürlich sehr fair, andererseits schade. Meine Bekannte bat mich ebenfalls, ihre Identität nicht offen zu legen. Zu schwierig sind die Zeiten.

Naja, Hauptsache wir haben mal wieder 50 Euro gespart!

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13 Gedanken zu “Und es geht noch billiger!

  1. Follygirl 29. Dezember 2012 / 18:51

    Natürlich versuche ich auch günstig zu kaufen, aber ich kann behaupten ich hab noch nie gehandelt. Ich finde das zum Kotzen!
    Hab früher eine Weile nebenher Bären gemacht /alles Unikate, per Hand/ und auch Edelsteine verkauft auf Börsen. Ich habs so gehaßt, denn ich hatte sehr knapp gerechnet, weil es eben ein Hobby war. Als es dann immer schwerer wurde, hab ichs drangegeben.. ich kann meine handgearbeiteten Bärten nicht verschleudern,.. das halte ich nicht aus.
    Ich habe damals eine große Menge meiner Sachen einem Tierschutzverein gespendet, die haben es dann verkaufen können.
    Soviel zum Thema…
    LG, Petra

    • OneBBO 29. Dezember 2012 / 18:58

      Auf Flohmärkten ist das auch grauenhaft: Für technische Geräte sind 50 Cent schon zuviel, aber die Krakauer für 4 Euro nebenan, da schreit keiner.

      Wobei ich durchaus handle. Aber immer nach dem Prinzip: Ich mache ganz klar: „Das will ich kaufen und in diesem Geschäft. Haben Sie noch einen Spielraum?“ Und bei gewissen Dingen gibt es den ja durchaus. Manchmal reicht ja schon ein kleines Abrunden als Geste.

      Bei Selbstgemachtem ist das besonders traurig, kann ich gut nachvollziehen. Andererseits bin ich immer wieder überrascht, für welche Dumpingpreise Leute in Ebay Selbstgestricktes verkaufen. Da wäre ich mir zu schade für, wie du sagst: Dann lieber spenden.

  2. Batz 29. Dezember 2012 / 19:26

    Das ist wirklich traurig heutzutage. Leider gibt’s halt auch die andere Seite. Wenn ich als Kleinverdiener mich vernünftig ernähren will und statt Nahrungsmittel, Lebenmittel kaufen will (muss) und z.B. für ein Kilo Rohkost Cashews rund 30 € abdrücken muss, dann mache ich schon dicke Backen. Das sind leider amerikanische Verhältnisse und von unserer Regierung anscheinend erwünscht, natürlich nicht offiziell und da schraubt man halt ein bisschen am Armutsbericht herum und alles ist wieder in Butter. Schon Kohl sagte während seiner Amtszeit, dass ihn die Mittelklasse steuerlich nicht interessiert! Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass nach neuesten Meldungen zur Folge, je nach Örtlichkeit, jedes dritte Kind in Armut lebt, dann hat man als denkender Mensch verstanden, dass es nicht nur die Händlerseite gibt, so traurig das auch ist, aber in diesem Falle gibt es leider zwei Verlierer.

    Ciao Batz

    • OneBBO 29. Dezember 2012 / 19:41

      Ich persönlich betrachte Cashewnüsse in Rohkost als ein Luxuslebensmittel. Das liegt auch an der kostspieligen Herstellung.

      Wenn ich das Geld nicht dafür hätte, würde ich Sonnenblumenkerne und Mandeln kaufen und wäre auch nicht unglücklicher. Ich habe darüber ein ganzes Buch verfasst (Hartz IV in aller Munde). Es gibt Dinge, die sich nicht jeder leisten kann oder will (manch einer hat auch lieber einen Flachbildfernseher als etwas Ordentliches auf dem Teller). Es ist als Kleinverdiener (immer noch) möglich, gesund und lecker zu leben.

      Zur Armutsdefinition möchte ich noch hinzufügen, dass ich die in ihrer heutigen Fassung fraglich finde. Interessant dazu ein Artikel auf Morgenländers Blog: hier

    • OneBBO 29. Dezember 2012 / 20:00

      Und noch ein ganz wichtiger Punkt, sorry, fiel mir gerade erst ein:

      Beim Handeln geht es doch nicht um Grundnahrungsmittel, insoweit ist die Verbindung zur Armut, egal wie wir sie definieren, meines Erachtens nicht ganz korrekt. Gehandelt wird nicht um Alltagsdinge wie Weizen, Gerste oder Roggen, oder von mir aus auch um Weißkohl, sondern meist um Luxusgüter: Fernseher, Autos, Waschmaschinen, Mixer, teure Kleidung usw.

  3. Frau Schmidt 29. Dezember 2012 / 22:02

    Ja, arm ist, wer nicht das neueste Smartphone hat. Eine Einstellung, die einen wirklich würgen lässt.
    Wobei es mir aber dann wirklich schlecht wird, sind Aussagen von Frau Künast, wonach Biolebensmittel ja eigentlich höchstens 10% teurer sind als konventionelle.
    Wann war die Frau das letzte mal selbst einkaufen??????????
    Klar, wir setzen unsere Prioritäten auch entsprechend, mir ist gesunde Ernährung wichtiger als ein dickes Auto, aber mit solchen Behauptungen unterstreicht sie deutlich, wie weltfremd unsere Politker meist sind.

    • OneBBO 30. Dezember 2012 / 11:39

      Das ist alles richtig, aber die Künast, nun ja, da sage ich mal lieber gar nix zu 😈 … aber Achtung, wir kommen bald ab vom Thema, das nicht ist, wie Leute mit schmalem Geldbeutel gesund essen 🙂 Deswegen gehe ich jetzt hier nicht weiter darauf ein.

  4. Marita 29. Dezember 2012 / 23:48

    Für eine gute Ware sollte auch ein fairer Preis bezahlt werden,
    gerade billige Lebensmittel kommen dem Verbraucher am Ende
    teuer zu stehen.Zum Kotzen sind für mich z.B.auch Gespräche
    um das Thema “ Essen gehen “ im Bekanntenkreis. Für z.B.
    12 Euro “ All you can eat “ bis die Schwarte kracht, oder in der
    Gaststätte XY gibt es Schnitzel die so groß sind, das sie über den
    Tellerrändern hängen – mit Pommes und das für nur 6,50 Euro.
    Wenn diese Sparfüchse mich dann auf dem Wochenmarkt am
    Bio Gemüse-und Obststand einkaufen sehen, wird später gelästert, das wäre alles Blödsinn und viiel zu teuer. Unsere
    Schwiegertochter arbeitet in einer Bäckerei mit Bistro und hat
    schon einiges erlebt, Kunden, die mehrmals in der Woche zum
    Frühstücken dort sind, versuchen möglichst viel zum kleinsten
    Preis auf den Teller oder in den Kaffeebecher zu bekommen.Der
    Chef hat dem Personal schon angeordnet, Saft und Kaffee mit
    Wasser zu strecken – so wird auf beiden Seiten getrickst und
    geschummelt.

    • OneBBO 30. Dezember 2012 / 11:40

      Am Allerschlimmsten sind für mich bei Eat-what-you-can diejenigen Gäste, die sich die Teller voll häufen und dann vornehm mindestens die Hälfte zurücklassen, evtl. sogar, bevor sie sich Neues holen.

  5. erzaehlmirnix 30. Dezember 2012 / 11:20

    Meine Mutter hatte bis vor kurzem einen Schreibwarenladen. Gestriges Zitat: „Am schönsten waren ja die Kunden, die mit dem online gekauften Füller kamen und sich den erstmal erklären ließen. Oder die, die sich stundenlang beraten ließen und alles ausprobierten und dann danke sagten und online kauften.“

    Wobei ich vor kurzem ähnlich gekauft habe: Ausführliche Beratung in den örtlichen Küchenstudios, die alle einen Preis von 5.000 Euro verlangten. Dann online gekauft für 2.500 Euro und dafür Markengeräte, nicht die Zweitmarken der Küchenstudios. Es ging einfach nicht anders, da 5000 Euro schlicht nicht machbar waren.

    Insofern kann ich beide Seiten verstehen. Allerdings sollte man seine (Preis)kämpfe bewusst aussuchen und versuchen, dabei fair zu blaiben…

    • OneBBO 30. Dezember 2012 / 11:47

      Willkommen und erzähl mir was, Erzaehlmirnix 🙂

      Ich kaufe in der Regel da, wo ich mich beraten lasse. Es gibt ja durchaus Online-Shops die Email- oder Telefonberatung anbieten. Natürlich nur, wenn die Beratung ein Produkt ergibt, das meinen Vorstellungen entspricht.

      Ich informiere mich im Internet über die ungefähren Preise, bevor ich in die Läden stiefel. So konnte ich dann vor wenigen Tagen in einem Wollgeschäft ein Nadelset zum Internetpreis kaufen – das stand da einfach so 🙂

      Andererseits habe ich auch die traurige Erfahrung gemacht, dass der Einzelhandel sich durch Unfreundlichkeit und Halsstarrigkeit selbst ein Gräblein schaufelt.

      • erzaehlmirnix 30. Dezember 2012 / 12:08

        Ebenfalls Hallo (Ich lese hier schon eine Weile mit und habe mir vor kurzem deshalb „Gabel statt Skalpell“ gekauft, daher fühlte ich mich gar nicht neu ;))

        Zum Text:
        Nicht dass der Eindruck entsteht ich hätte das Onlineküchenstudio nicht ebenso genervt 😀 Wir waren ca ein bis zwei Monate mit Mailverkehr beschäftigt bis die Küche so aussah wie ich sie haben wollte. Hätte ich DANN noch woanders bestellt hätte ich ein richtig schlechtes Gewissen gehabt^^

        Ich muss zugeben, dass ich so oder so größtenteils online kaufe weil es bequemer ist und ich die Sachen zur Tür geliefert bekomme. An sich will ich immer die lokalen Leute unterstützen aber oft machen die es einem tatsächlich mit ihren Preisen oder ihrem schlechten Service madig. Zumal ich oft eher den Erfahrungsberichten bei amazon vertraue als den Lobpreisungen der Händler…

        • OneBBO 30. Dezember 2012 / 12:29

          Wobei, aber da sag ich dir sicher nix Neues, die Amazon-Rezensionen auch gelesen werden können müssen (was für eine Monsterkonstruktion!)…

          Ich kaufe auch gerne online, weil es viele Dinge gar nichts woanders gibt. Eine Stadt wie Remscheid kann nicht ein Angebot haben wie das Internet. Andererseits kaufe ich Kühlschrank und ähnliches lieber vor Ort. Ich habe da allerdings auch einen sehr guten Händler, sonst würde ich vielleicht auch auf den guten Service etwas mehr pfeifen.

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