Musik und eine Geschichte

20. August 2013: Musik und Geschichte Nr. 55

Aus den 70ern von letzter Woche zum Hier und Jetzt. Ich mag’s ja bombastisch, habe den Song zum ersten Mal am Sonntagmorgen gehört und sofort für euch gesucht, John Newmann mit „Love Me Again“.

John Newman: Love Me Again

 


Vielleicht liest jemand neu hier auf dem Blog und wundert sich über diese ganzen Geschichten? Dass es einen Anfang für alle Geschichten gibt, ist bald klar, aber was soll das alles? Nun, wer es noch nicht weiß, kann es nachlesen, und zwar: hier

Geschichte Nr. 55

Es ist Nacht. Irgendwo knarrt eine Holzbohle. Das Mondlicht scheint durch das gardinenlose Fenster in einen Raum. In der Mitte des Zimmers steht ein großer Tisch mit vier Holzstühlen. Mehr kann man nicht erkennen. In der rechten Ecke ist ein kleines weißes Licht zu sehen. Ab und zu schiebt sich eine kleine Wolke über den Mond, je weiter er über den Horizont kommt, umso besser kann man erkennen, was auf dem Tisch liegt: Bestecke, vielleicht aus Silber, die im Mondlicht funkeln. Eine Glasvase, deren Rundung ebenfalls das Mondlicht reflektiert. Irgendwo im Haus schlägt eine Uhr: Es ist 2 Uhr nachts. Wenige Minuten später klingelt es im Raum, drringgg-drringg, viermal geht das so. Dann springt eine Maschine an, das ehemals kleine weiße Licht ist nun rot und beginnt zu flackern. Nach einer Weile macht es klick und klock… die Stimme einer Frau ist zu hören “Ja, hallo, ich bin’s, tut mir Leid, dass ich so spät anrufe, aber…. ich muss einfach mit jemandem reden” Pause. “Eine blöde Idee, jetzt anzurufen, aber ich wollte …”. Pause. Ein unsicheres “Ja, dann bis bald, und… äh, tschüss.”. Man kann hören, wie der Hörer aufgelegt wird. Das kleine Licht leuchtet nun stetig grün. Wenige Stunden später durchflutet das erste Grau den Raum, Vogelstimmen verkünden den neuen Morgen. Ein Radio plärrt los, irgendwo knallt eine Tür. Wasser fließt, ein Fenster wird geschlossen, Lichter gehen an.

In der Küche macht etwas klack, danach ist ein leises plöpp und ein kratzendes Geräusch zu hören. Krümel fallen auf den Boden, während ein Mann mittleren Alters ein paar Schritte geht und auf eine Taste drückt. Der Text der letzten Nacht wird abgespult. Hektisch wird auf der Tastatur des Telefons herumgehämmert. Ein Freizeichen ertönt. Mehr nicht. Kein Anrufbeantworter, nichts. Der Mann setzt sich auf einen Stuhl am Fenster und starrt in den Garten hinaus. Sein Gesicht erscheint ausdruckslos, wie versteinert, aber in seinem Kopf jagt ein Gedanken den nächsten.

Es ist lange her, dass er diese Stimme gehört hat. Damals war sie noch jünger, unbeschwerter. Trotzig und rebellisch waren die Attribute, die er der Stimme damals eher zugedacht hätte. Aber seit dem ist viel Zeit vergangen. Zeit, in der er zu der Überzeugung gekommen war, sie verloren zu haben. Zeit, in der die Vergangenheit sich hartnäckig immer wieder in sein Bewusstsein gekämpft hat, seine Träume, sein Gewissen.

Und jetzt hat sie angerufen. Mitten in der Nacht. Ohne etwas genaueres zu sagen.

Er machte sich Vorwürfe, dass er nicht schon früher versucht hatte, wieder Kontakt zu ihr zu bekommen. Aber er hatte resigniert, die Hoffnung aufgegeben. Etwas glitzerndes sucht sich seinen Weg über sein Gesicht. Das hellgrüne Laub aus dem Garten spiegelt sich darin, bis es auf dem Tisch eine kleine Pfütze bildet. Er greift erneut zum Telefon und wählt mit zitternden Fingern eine andere Nummer. Worte vertreiben die Stille aus dem Raum. Der Stuhl quietscht, die Haustüre fliegt ins Schloss. Ein Auto fährt viel zu schnell über die Landstraße, sucht sich seinen Weg zu einem kalkweißen, hochhausähnlichen Gebäude, inmitten eines kleinen Wäldchens.

Ein Mann mittleren Alters stürmt durch die Flure, seine Augen lesen flüchtig die Zahlen neben den geschlossenen Türen. Schließlich bleibt er stehen. Er zögert, atmet tief durch und klopft sachte an die Türe. Die Stimme einer Frau ist zu hören. Er betritt einen kleinen, weißen Raum, der nach Desinfektionsmittel riecht. Auf dem schmalen, weiß bezogenen Metallbett liegt eine Frau. Sie schaut ihn unsicher an.

„Hallo Papa.“ Sie stockt.
„Danke, dass Du mich angerufen hast. Und Deine Mutter. Sie hat mir verraten, wo ich Dich finden kann.“ Sie lächelt.
„Darf ich Dir Florian vorstellen? Deinen Enkel.“
Zwei Augenpaare treffen sich.

Ein Mann mittleren Alters und eine Frau liegen sich in den Armen, halten sich fest und bewundern gemeinsam das Baby in ihrem Arm. Es lächelt.

Es ist Nacht. Irgendwo knarrt eine Holzbohle. Das Mondlicht scheint durch das gardinenlose Fenster in einem Raum. In der Mitte des Raumes steht ein Bett, in dem ein Mann mittleren Alters schläft. Es ist das erste mal seit vielen Jahren, dass er im Schlaf lächelt.

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15 Gedanken zu “Musik und eine Geschichte

  1. Tausend 20. August 2013 / 17:46

    Was für ein grandios wunderbares Musikstück.
    Mir fällt außerdem sehr positiv auf, dass der Mann in dieser Geschichte sein Bett in der Mitte des Zimmers hat. Wie langweilig all die Leute ihre Betten sonst immer an die Wand rücken…

    • OneBBO 20. August 2013 / 17:51

      Hmmm, sind wir da im selben Film? Ich kann kein Bett sehen…. muss ich doch gleich noch mal schauen.

      • Tausend 20. August 2013 / 18:00

        Hast Du das Bett gefunden?

        • OneBBO 20. August 2013 / 18:05

          Nein

          • Tausend 20. August 2013 / 18:10

            Ute, das meinst Du doch jetzt nicht. Wenn da kein Bett steht, was ist das dann?

          • OneBBO 20. August 2013 / 18:13

            Ich sehe nicht, was du jetzt siehst, und das ist kein Bett

          • OneBBO 20. August 2013 / 18:49

            Sorry, habe nicht mitbekommen, dass du in der Geschichte warst, sehe jetzt, was du meinst 🙂

          • Tausend 20. August 2013 / 19:05

            🙂 Ein Bett ist ein Bett ist ein Beet ist ein Bett.

          • OneBBO 20. August 2013 / 19:12

            Alles okay, solange du in diesem Bettbeet keine Rote Bete isst!

          • Tausend 20. August 2013 / 19:27

            Und rote Bettlaken?

          • OneBBO 20. August 2013 / 19:27

            Dann geht’s.

  2. sandra 21. August 2013 / 15:33

    Diese Geschichte ist ein Traum, da muss ich fast weinen 😥 Geht zu Herzen. Ich war richtig bewegt. Mir fehlt die Phantasie dazu solche Geschichten zu schreiben. Früher ging das… werde ich alt? 🙄

    • OneBBO 21. August 2013 / 15:38

      Wir wünschen uns alle, dass du alt wirst.
      Das geht auch heute noch, wenn du dich dir nicht selbst in den Weg stellst.

      • sandra 21. August 2013 / 15:50

        Wow, ein wahres und altersbedingtes 😉 weises Wort. Danke!

        • OneBBO 21. August 2013 / 16:36

          Ich bin ja sozusagen ein Schätzkästlein weiser Sprüche, gell? 😛

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