Mediziner unter sich und so

1. September 2014: Fachchinesisch

Jeder kennt vermutlich das Problem, dass der Arzt etwas erzählt oder rät, was leider komplett unverständlich ist. Auch die Apotheken-Umschau (B-Ausgabe August 2014) nimmt sich dieses Themas im Editorial an.

Der einleitende Absatz stimmt wirklich bedenklich, denn „laut einer aktuellen Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) versteht jeder vierte Deutsche die Sprache der Ärzte nicht – und ist demnach auch nicht in der Lage, die Anweisungen aus der Praxis zu Hause richtig umzusetzen“. Das gilt, so Chefredakteur Kanzler, auch für Patienten mit einer akademischen Ausbildung.

Letzteres finde ich jetzt nicht weiter verwunderlich. Wenn ich mit meiner akademischen Ausbildung 🙂 höre, wie Pädagogen oder Soziologen miteinander diskutieren, schalte ich auch ab. Ich verstehe auch, dass Fachleute sogenanntes Fachchinesisch verwenden müssen. Es verkürzt die Diskussion und erlaubt eine präzisere Bezeichnung. Das kann ich akzeptieren, solange Fachleute miteinander sprechen. Wenn sie sich aber an die allgemeine Bevölkerung wenden, so verlange ich ein “Herunterbrechen“ der Fachbegriffe in allgemein verständliche Sprache. In Amerika ist der Unterschied übrigens nicht so groß, daher wird ein verständlicherer Wissenschaftsstil auch häufig als „amerikanisch“ bezeichnet.

Gut, hier ist das anders. Wenn also Mediziner mit Medizinern sprechen, sollen sie von mir aus, alles was mit der Leber zu tun hat, mit der Silbe hepato- zieren. Das ist ihre Fachsprache. Wenn sie sich aber an die Allgemeinbevölkerung – also ihre Patienten – wenden, hat das eine andere Qualität.

Chefredakteur Kanzler hat eine Lösung parat, handlich und praktisch: Der schulische Lehrplan soll ein Fach aufgreifen, das die gesundheitliche Bildung in den Schulunterricht einbindet. „Darüber hinaus sei es unverzichtbar [fordern Experten], jungen Menschen die wichtigsten medizinischen Fachbegriffe zu vermitteln.“

Ey, was sind das denn für Experten? Sicher Ärzte? Ärzte werden direkt (als Privatpatient) oder indirekt (über meine Kassenbeiträge) von MIR bezahlt. Und jetzt soll ich ihre Sprache erlernen? Eigentlich eine gute Idee. Ich hätte da noch einen weiteren Vorschlag: Wir lernen in der Schule alle schon ein wenig Medizin und vernünftige Nutzung der Internetmedizin, sodass wir schon mit ein oder zwei Diagnosen in der Tasche zum Arzt gehen. Auch das beste & preiswerteste Medikament haben wir schon ausgesucht. Der Arzt guckt dann nur noch in seiner Sondersoftware, ob das hinhaut, eine Untersuchung gibt’s nur, wenn die Unterschiede zwischen der Selbstdiagnose und dem Augenschein zu offensichtlich sind.

Die augenscheinliche Lösung, in die medizinische Ausbildung ein Seminar aufzunehmen „Wie kann ich medizinisches Kauderwelsch so formulieren, dass mich meine Patienten verstehen?“, ist wieder so eine meiner vollkommen lächerlichen Ideen. Wo kommen wir dahin! Warum sollten Dienstleister wirklich auch in diesem Land Dienstleister sein?

10 Gedanken zu “Mediziner unter sich und so

  1. Tausend 1. September 2014 / 17:36

    An diese Veranstaltung „Wie kann ich medizinisches Kauderwelsch so formulieren, dass mich meine Patienten verstehen?“ habe ich auch gleich gedacht. Und wenn schon zwei sowas denken, dann muss es Unsinn sein.

    • OneBBO 1. September 2014 / 17:41

      Ich wäre nicht überrascht, wenn sich uns im Laufe der nächsten Stunden noch jemand anschließt. Und drei sind schon genug, um über den Unsinn hinaus Irrsinn zu produzieren.

      • suelwie 1. September 2014 / 18:35

        Also, dann lasst uns gemeinsam in den Irrsinn abgleiten! Hatte sich doch auch in meinem Kopf bereits der für mich völlig logische Gedanke festgesetzt, dass die Mediziner im Studium lernen sollten, fachchinesisch selber simultan zu übersetzen. Im Zuge dieser Gedanken war der Absatz über den (schulischen) Lehrplan für mich zunächst völlig unverständlich geblieben und ich musste ihn nochmals lesen, denn ich hatte doch tatsächlich zunächst das kleine Wörtchen „schulische“ vor „Lehrplan“ überlesen und mich gewundert, warum die zukünftigen Mediziner gesundheitliche Bildung erhalten sollten.
        irrsinnigkicher

        • OneBBO 1. September 2014 / 18:45

          Herzlich willkommen, im Lande der irrsinnigen! So wie du das gelesen hast, ergibt sich auch eine wunderbare Variante 🙂

          • suelwie 1. September 2014 / 19:09

            Gell? Hab ich auch gedacht. 😀

          • Tausend 1. September 2014 / 19:38

            Dann sind wir ja langsam beim Wahnsinn angelangt.

  2. Frau Schmidt 1. September 2014 / 21:51

    Halt! Lasst mich noch mitmachen!! Ich mag solch irrsinnige, exotischen Ideen doch auch! Vielleicht wird das alles noch so crazy, dass gesunde Lebensweise incl. Ernährung in den Schulen gelehrt wird, aber wir wollen ja nicht vom Schlimmsten ausgehen!

    • OneBBO 2. September 2014 / 07:20

      Nee, das ist ein Szenario, da verblasst ja jeder Horrorfilm. Du gehörst sicher zu dieser merkwürdigne Truppe, die meinen, der gesunde (haha, welcher Widerspruch) Menschenverstand würde für viele Dinge reichen?

  3. culinariaa 1. September 2014 / 21:51

    Ich habe grad das Gegenteil erlebt: Eine Genetikerin, die vor dem unbekleidet auf einer Liege liegenden Kind laut jede Anomalie, die sie bemerkt – von den Gliedmaßen bis zum Intimbereich – stolz und gut deutsch und verständlich benennt und die Bitte, sich zurückzuhalten, bis jemand mit dem Kind den Raum verlässt, empört zurückweist: Behindern Sie mich nicht in meiner Arbeit! Hier wäre der Wechsel zum Englischen oder Lateinischen für meine Begriffe hilfreich gewesen.

    • OneBBO 2. September 2014 / 07:21

      Ein schönes Beispiel für die andere Seite der Medaille 🙂

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