Gastmärchen: Teil 3 von 2

30. Oktober 2014: Ein Märchen… mit offenem Ende

Im Juli erschien hier auf dem Blog ein Gastmärchen (zum Nachlesen: hier). Das Märchen hatte ein wunderschönes Ende.

Am Dienstag erhielt ich eine Mail eines mir unbekannten Lesers. Er möchte das Märchen in die Wirklichkeit holen.  Deswegen hat er einen Teil 3 für das Märchen geschrieben und mich gefragt, ob ich es veröffentlichen werde.

Des Märchens 3. Teil

Das Märchen endet leider nicht so.

Es endet damit, dass sie die beiden sich zu sehr voneinander entfernten. Die Frau war von ihrem neuen Lebensstil so sehr eingefangen, dass sie darüber vergaß, ihn ihrem Mann näher zu bringen. Die Frau wollte diesen Lebensstil durchsetzen, ohne Wenn und Aber, und ließ dabei keine Kritik zu. Sie nahm jeden Essensrest auf dem Teller persönlich. Jede leichte Gesichtsverzerrung des Mannes, wenn er das ungewohnte Essen erblickte, war für die Frau, als ob er sie bemitleidete.

Er fühlte sich so sehr dadurch bedrängt, dass er sich zurückzog, anstatt das Gespräch zu wählen. Er sah ihre Leidenschaft fürs Kochen, sah ihr Leidenschaft ihre Rezepte und Kreationen auch anderen näher zu bringen. Sah ihre Freude, wenn sie Gekochtes auf einem Teller drapierte und ein Bild davon schoss.
Aber all diese Leidenschaft und Freude sah er nicht mehr in ihrer Beziehung.
Sie sprachen kaum mehr miteinander. Sie lebten nur noch einsam zu zweit auf engem Raum und tauschten Gefühle nur im Vorübergehen aus.

So konnte er nicht mehr weiter machen. Die Krankheit hatte ihn mürbe gemacht und die fehlende Nähe zur ihr gab ihm den Rest. Er lebte nur noch in den Erinnerungen schöner vergangener Tage. Er zog sich zurück, beschäftigte sich länger mit unnötigen Dingen, nur um nicht in ihrer Nähe zu sein, weil er Angst hatte, dass er irgendwann einmal merken würde, dass es nicht mehr geht.

Der Mann schlug einen Weg ein, der nicht auf dem Liegestuhl endete. Ein Weg, der nur in Einsamkeit enden konnte. Die Kämpfe in ihm machten ihn schwach. So schwach, dass er nur noch daran glaubte, dass es besser wäre, wenn sie sich trennen würden. Was sollte die Frau auch mit diesem kranken Mann anfangen? Warum sollte sie sich mit einem Mann die Zukunft schwer machen, der nicht auf sie eingeht?

Und er machte den größten Fehler seines Lebens. Er zog die Notbremse und verließ seine Frau. Die Tränen auf beiden Seiten war schier unendlich. Aber er sagte ihr immer wieder, dass es doch besser für sie sei.

Die Tage vergingen und jeder Tag ohne seine Frau war für den Mann ein Tag ohne Leben. Er kramte in seinen Erinnerungen, las frühere Briefe, schaute ihre Bilder an.

Und plötzlich wurde ihm wieder bewusst, was doch von Anfang an ihr gemeinsames Ziel gewesen war: Sie wollten doch immer nur gemeinsam alt werden.

Und der Mann erinnerte sich daran, wie die Frau das Buch gekauft hatte. Das und viele andere. Sie hatte die Bücher nur gekauft, weil sie mit ihm zusammen sein wollte. Bis an ihr Lebensende. Und sie wollte ihm damit helfen, gesund zu werden. Wollte dadurch so viel Zeit wie möglich mit ihm herausholen. Und er schämte sich für seine Taten, für jedes Naserümpfen, für jedes Kopfschütteln, jeden Blick, der bei ihr schlecht ankam.

Und es tat ihm unendlich leid, jemals daran gedacht zu haben, dass es für einen von beiden besser wäre, ohne den anderen zu leben.

Und er schrieb diese Zeilen nieder in der Hoffnung, dass es nicht zu spät sein würde.

Und der Mann schreit die letzten Worte laut vor sich hin, in der Hoffnung, dass die Frau sie hört: „Dann zeig mir, wie es geht. Und hilf mir. Bitte.“

Jetzt ist das Märchen zu Ende. Wie es wirklich ausgeht, das steht in den Sternen.