Was bedeutet Verträglichkeit?

4. Aug. 2015: Lebensmittel testen

Viele glauben, dass sie die schlechte Verträglichkeit von Lebensmitteln dadurch testen können, dass sie sie nach jahrelangem Nichtverzehr eine Weile wieder essen – und dann bekommen sie Bauchgrimmen, Durchfall, vielleicht sogar Schweißausbrüche. Und das wir dann als Beweis dafür herangezogen, dass diese Lebensmittel schädlich sind.

Darauf kam ich, als ich eine vegane Satire las. Es gibt ja viele Artikel und Blogs, wo Leute mal vegan zu leben eine Weile ausprobieren und sich dann darüber auslassen, ob sie es gut oder schlecht finden. Eine Veganerin fühlte sich wohl dadurch genervt (ich kann’s leider nicht linken, ich habe es mir nicht notiert) und machte nun den umgekehrten Versuch: Sie aß eine Woche wieder tierisches Eiweiß. Und hatte die oben beschriebene Beschwerden und lenkte damit die Leser auf die ihrerseits für logisch gehaltene Schlussfolgerung: Alles vom Tier ist eigentlich schädlich.

Dies ist ein Denkirrtum. Egal, wie gesund etwas ist, wenn ich es wirklich aus meinem Leben streiche, wird eine Wiedereinführung zu Problemen führen. So sprach ich mal mit einer Mutter von einem Pflegekind, das zu Hause vernachlässigt worden war, es kannte kein Gemüse, kein Obst, nur Nudeln. Erst ganz allmählich hat die Pflegemutter das Kind an Frisches heranführen können. Würde ich die oben angeführte Logik ansetzen, wäre Frisches demnach schädlich.

Mein Darm richtet sich nach dem, was ich esse. Er stellt sich nach einigen Wochen Kost auf diese Kost ein. Das ist natürlich eine feine Sache. Wenn ich ihn dann plötzlich wieder mit Althergebrachtem überschütte, reagiert er häufig dagegen.

Lebensmittel weglassen nimmt mir der Darm nicht übel. Wenn ich also auf Tierprodukte verzichte, orientiert er sich um. Wenn ich auf Industrieprodukte verzichte, orientiert er sich um. Wenn ich auf alles Vollwertige verzichte – orientiert er sich um!

Jeder kann ethisch zum Verzehr von Fleisch, Wurst, Käse und anderen Tierprodukten ja stehen, wie er will. Das kann ich respektieren. Aber alles in eine Richtung interpretieren, ohne einmal nachzudenken, ärgert mich.

Ich habe einige Monate komplett fettfrei gelebt. Wenn ich dann einmal ausging und notgedrungenerweise fetter gegessen habe, hat mein Darm auch Hoppla geschrien. Für mich ist das kein Beweis dafür, dass Fett ungesund ist. Ein Beweis, dass Fett ungesund ist, wäre nur, wenn ich mich ohne Fett besser fühle und gesünder werde. Wenn ich ein Lebensmittel aus meinem Essensplan streiche und fühle mich besser: Das ist ein guter Hinweis darauf, dass es nicht verträglich ist. Wenn ich aber nach langer Abstinenz ein Lebensmittel wieder einführe und mich elend fühle und Magen-Darm-Beschwerden bekomme, heißt das nichts außer, dass mein Darm sagt: „Kenne ich nicht mehr, ich reagiere!“

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2 Gedanken zu “Was bedeutet Verträglichkeit?

  1. culinariaa 24. August 2015 / 18:29

    Ich stimme komplett zu. Genau genommen ist es allerdings nicht „der Darm“, der reagiert, sondern es sind die den Darm besiedelnden Bakterien, die sich auf die Verstoffwechslung eines bestimmten Nahrungsgemischs einstellen . Bei verändertem Angebot kann es zu Blähungen und Ärgerem kommen, manchmal bis zu einem Jahr lang.

    • OneBBO 24. August 2015 / 19:30

      Ja, mit den Bakterien hast du natürlich Recht. Blähungen sind noch das Mildeste.

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