Wertfreie Sprache

12. Sep. 2015: Wertfreie Sprache

Wo fängt die viel gepriesene Achtsamkeit an?

Wie viele „Kleinplakate“ in Facebook werben für die Achtsamkeit, die Rücksichtnahme und nicht was noch alles? Es ist erstaunlich. Viele denken, die Achtsamkeit findet nur im Handeln statt. Vielleicht auch noch im Denken. Selten aber beim Sprechen oder Schreiben. Wobei es in der gesprochenen Sprache natürlich deutlich schwieriger ist. Wenn wir jeden Halbsatz erst einmal überdenken, bevor wir ihn aussprechen, versiegt das spontane Gespräch.

Achtsamkeit beginnt aber in den Kleinigkeiten. Da können wir uns durchaus trainieren. Bei den großen Dingen, die offenbar diskriminierend sind, ist das noch relativ einfach, weil es von den Medien gefördert wird. Die Entwicklung von Nigger – Neger – Schwarzer – Afroamerikaner usw. zeigt das ganz deutlich.

In meinen Facebook-Gruppen lege ich großen Wert darauf, dass wir uns gegenseitig nicht bewerten. Einige denken (manche sagen es auch), dass ich zu viel auf der Wortwahl herumreite, dass seien Spitzfindigkeiten. Das finde ich keineswegs. Ich gebe einmal ein Beispiel.

XXX schreibt: Die vegane kohlenhydratarme Ernährung ist die perfekte Ernährung.
Ich bat um Korrektur auf: „Die vegane kohlenhydratarme Ernährung ist meiner Meinung nach die perfekte Ernährung“.

Wo liegt der Unterschied? Wo bewertet denn XXX ihre Mitmenschen? Wenn ich einen Satz mit „ist“ schreibe, verallgemeinere ich: „Eins und eins ist zwei“. Vergleicht das einmal mit „Eins und eins ist meiner Meinung nach zwei“. Ich denke, hier wird der Unterschied ganz klar. Wenn wir den persönlichen Beitrag auslassen, sprechen wir von Gesetzen. Und wenn wir Gesetze „erlassen“, stellen wir somit jeden, der „unser Gesetz“ nicht einhält, in eine Ecke der Gesetzlosigkeit, der fehlenden Erkenntnis, des schlechteren Wissens. Wenn wir den persönlichen Bezug weglassen, lassen wir keinen Raum für anderes Wissen oder andere Erfahrungen.

Gerade bei Ernährung sollten wir da vorsichtig sein. Wir haben immer nur einen Wissensstand vom „jetzt“. Einen Wissensstand, den wir uns durch Erfahrungen am eigenen Körper und durch Aneignen von uns überzeugenden Argumenten anderer Menschen gewonnen haben. Wir lächeln heute darüber, dass es Menschen gab, die einmal die Erde für eine Scheibe hielten. Damals war das überzeugend und wurde „bewiesen“. Wir wissen heute nicht, welches Wissen der Zeitentwicklung standhalten wird. Das ist bei mathematischen Grundaussagen sicher einfacher als bei so komplizierten Gebilden wie menschlichen Körpern, die unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt waren und sind: Region, in der wir leben; Vorgeschichte der früheren Generationen; Alter, erlittene Krankheiten, psychische Entwicklung usw. Mein Körper hat eine andere Vorgeschichte als deiner und kann daher völlig anders reagieren. Konkret: Auch wenn ich der Ansicht bin, dass die Vollwerternährung das Beste ist, was wir unserem Körper tun können, kann ich nicht ausschließen, dass es vielleicht Menschen gibt, für die das nicht gilt. Ich „glaube“ das nicht – ich schließe es auch nicht völlig aus.

Wenn ich sage “ Die Vollwerternährung ist die perfekte Ernährung“ erhebe ich mich über alle anderen Menschen, die vielleicht andere Erfahrungen gemacht haben und machen als ich. Ich sage ihnen mit diesem „ist“, dass ich – wenn sie anderer Meinung sind als ich – es besser weiß als sie und somit ihnen überlegen bin. Das ist Bewertung und verhindert ein offenes Gespräch, in dem wir etwas dazu lernen können. Anders kann ich doch mich auch äußern: „Die Vollwerternährung ist meiner Erfahrung (oder: meines Wissens nach) die beste Ernährung“ Oder „Für mich ist die Vollwerternährung die optimale Ernährungsweise“.

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4 Gedanken zu “Wertfreie Sprache

  1. Tausend 12. September 2015 / 18:36

    Ich finde die Genauigkeit in der Sprache auch wichtig, allerdings finde ich die Einstellung, die Du im letzten Teil des Beitrags beschreibst, noch wichtiger als das rechte Formulieren, wobei die Formulierung ja oft, wenn auch nicht immer, Ausdruck der Haltung ist. Mir kommt es so vor, dass Aufmerksamkeit anderen gegenüber und die Bereitschaft, die eigene Meinung eben als Meinung (und damit fehlbar und wandelbar) zu begreifen, selten sind im Vergleich zu einer gewissen Respektlosigkeit und Arroganz. Das fällt mir in vielen Bereichen auf. Manche, wenn sie etwas lernen, das ihnen einleuchtet, glauben gleich, das wäre die einzige Wahrheit und alle anderen irren sich. Entsprechend treten sie auch auf. Ich glaube, dass solche Menschen noch nie erlebt haben, wie sich die eigene Meinung grundlegend ändern kann, wenn man neue Dinge dazulernt oder eine andere Perspektive mit berücksichtigt. Sie klammern sich an das, was sie gerade für absolut gültig halten und sind vielleicht zu einem differenzierteren Umgang mit „Wissen“ noch nicht fähig.
    Bei den Formulierungen glaube ich, dass manche auch davon ausgehen, dass man das Gesagte als ihre Meinung nimmt, und nicht immer bedeutet eine ungenaue Äußerung Ignoranz. Aber ich denke schon, dass vorsichtigeres Formulieren auch das Bewusstsein verändern kann und einen daran erinnern kann, das eigene Denken nicht absolut zu setzen.

    • OneBBO 13. September 2015 / 10:28

      Wie es der eine oder andere meint, ist sicher auch ein Thema. Wenn wir aber etwas sagen, vor allem wenn wir uns schriftlich äußern, sollten wir aber bedenken, wie andere das empfinden, die nicht da stehen, wo wir das tun. Mündlich ist das ein langer Lernprozess, falls er je abgeschlossen werden kann 😉 In Emails aber und in anderen Internet-Kommunikationen dürfen wir uns schon mal die Mühe machen – finde ich 🙂

  2. Adlerauge 13. September 2015 / 10:23

    – der Satz: „Ich ernähre mich gesund!“ hatte für mich, entsprechend meinem Wissenstand, vor einem Kurzlehrgang über die VWK, eine total andere Aussage als heute
    – ich höre diesen Satz sehr häufig, wenn ich mit Menschen über die VWK in´s Gespräch komme !!!!
    – meiner Meinung nach gehört aber auch der Umgang mit der deutschen Sprache zu diesem Thema, d.h. englichen Vokabeln sollten kritischer eingesetzt werden; dafür sollten mehr deutsche Ausdrücke benutzt werden – da ich einer Generation angehöre, die in der Schule kaum englisch gelernt hat, fühle ich mich oft ziemlich „dumm“, wenn ich erst ein Wörterbuch benutzen muss, was auch nicht immert hilfreich ist; da ist auch die Volkshochschule nicht hilfreich, da dort andere Themen gelehrt werden und weniger Vokabeln aus der Umgangssprache

    • OneBBO 13. September 2015 / 10:31

      Sprache ist kein starres Etwas, sondern eine Art Lebewesen, das sich ändert. Dazu gehört auch immer wieder die Aufnahme von Wörtern aus anderen Sprachen. Einige bleiben „hängen“, andere verlieren wieder an Bedeutung. Ich verstehe dein Unwohlsein durchaus, fürchte aber, dass es keinen Weg zurück gibt. Oder würdest du lieber E-Brief sagen satt E-Mail?

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