Schuld und ihre Folgen

Schuld bzw. Schuldgefühle sind etwas Wunderbares, um Menschen auszunutzen und zu beherrschen. „Du bist mir etwas schuldig“, das ist eine Forderung. „Ich fühle mich schuldig“ ist ein Bekenntnis. So kann ich auch vor Gericht sagen (zumindest in amerikanischen Fernsehserien): „Nicht schuldig“ (d.h. keine Strafe) oder „Schuldig“ (mit Strafe ist zu rechnen).

Ich nehme die Schulden an, die ich persönlich verantworte. Wenn ich einen Kredit aufnehme, habe ich Schulden bei der Bank und weiß, dass ich sie bezahlen muss. Wenn ich an der Bushaltestelle jemanden auf die Füße trete, sage ich „Entschuldigung“ und „Es tut mir leid.“

Wenn mein Großvater als Maurer bei einem Haus schlampig gearbeitet haben sollte, wer fragt heute noch danach, ob das besagte Häusle noch steht und WER käme auf die Idee, von mir Schadensersatz zu verlangen? Niemand.

Ansonsten wird mir immer wieder versucht Schuld aufzuladen. Das fängt ja schon mit Eva als Geschlechtsgenossin an. Da haben die Männer es gut, eine Grundschuld bleibt ihnen erspart.

Mein Großvater hat in zwei Weltkriegen gekämpft, ich denke nicht, dass ihn als kleines Würstchen jemand gefragt hat, ob er das möchte. Aber schuldig bin ich natürlich an den Opfern auf jeden Fall. Für die Schuld muss ich ja irgendwie zahlen. Meine Eltern waren jung, als das Dritte Reich seine Anfänge nahm und – wie sie selbst zugaben – irgendwo auch verblendet. Mein Vater war im Krieg, hat einige Verwundungen und schwere psychische Schäden mit nach Hause gebracht. Er hat im Krieg wohl auch Menschen getötet, das soll vorkommen. Auch dafür muss ich mich selbstverständlich schuldig fühlen. Und zahlen, vor allem mit einem moralischen Minderwertigkeitskomplex wie für all die verbrecherischen Gräueltaten, die in dieser Zeit geschehen sind.

Da hört es aber noch nicht auf. Ich bin an allem Schuld – am Elend der Dritten Welt (weil ich??? diese Länder ausgebeutet habe), an allen Kriegen auf dieser Welt (weil ich??? Waffen geliefert habe), am Regenwald, weil ich ihn durch mein Kaufverhalten mit abgeholzt habe (habe ich das???).

Ich bin vermutlich irgendwie auch mit Schuld daran, dass ich in einem Industrieland geboren bin, das es zu Wohlstand gebracht und mir zu einem gewissen Luxus verholfen hat. Wohlgemerkt: Es reicht nicht, wenn ich für diese Tatsache dankbar bin, ich muss mich elendig schuldig fühlen.

Nö. Nein. Niente.

Es stimmt, ich hatte das Glück, in einem reichen Land mit einer teilweise funktionierenden Demokratie geboren zu sein, ein Land, über das ich bis vor wenige Wochen noch gesagt habe: „Klar, es ist hier nicht alles ideal, einige Baustellen müssen verbessert werden – aber es gibt kein Land, in dem ich mich freier und besser fühlen könnte.“

Schuldgefühle können, wenn psychisch nicht gut aufgefangen, zu einer Selbstaufgabe und Selbstzerfleischung führen. Daher heißt es, Schuldgefühle abzuarbeiten und hinter uns zu lassen. Und vor allem mich nicht mit Schuldgefühlen zu belasten, mit deren Ursache ich nichts zu tun habe.

Ich helfe gerne, aber nur aus freien Stücken. Ich lasse mich von meinen Mitmenschen nicht dazu verdonnern, alles Gutmenschentum auch gutzuheißen und aus Schuldgefühl alles abzugeben, was mir lieb geworden ist.

Wenn es mir gut geht, habe ich aus meinem eigenen Gefühl heraus und nicht, weil jemand anderes meint, mir das (moralisch oder auch staatlich) aufzwingen zu müssen, das Bestreben anderen zu helfen.

Ich helfe gerne – solange es nicht meine Grundfesten anrührt. Ich helfe gerne aus dem Überschuss, aber nicht aus dem, was mir für ein gutes Leben wichtig ist. Das heißt, ich spende jeden Monat, jedes Jahr Summen für sogenannte „gute Zwecke“. Ich verkaufe aber nicht mein gesamtes Hab und Gut, um es einem guten Zweck zu spenden (weil ich mich am Elend aller Obdachlosen z.B. schuldig fühle), denn das verpufft innerhalb weniger Wochen – und dann kann ich niemandem mehr helfen und gehöre dann selbst zu denen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind

Um es konkret zu sagen: Es herrscht derzeit so eine Stimmung, dass wir alles, was wir haben, mit anderen Menschen, denen es viel schlechter geht, teilen müssen. Nö. Da sage ich ganz ehrlich: Das lehne ich ab, das habe ich nicht vor.

Um es noch konkreter zu sagen: Wenn wir unbegrenzt Flüchtlinge in diesem Land aufnehmen, wird es nicht nur zu einem politischen Knall kommen, es wird auch logischerweise eine Gesamtverarmung bringen. Und wenn wir noch mehr Flüchtlinge, möglichst alle Flüchtlinge dieser Welt, bis zur kompletten Selbstaufgabe aufnehmen, dann sind wir alle arm, der Welt ist nicht geholfen. Und das Schlimmste ist dann: Ich kann niemandem mehr helfen.

Wo ist da der Sinn? Da ist keiner. Dazu treiben lassen sich nur Menschen, die sich Schuldgefühle einreden lassen. Die aus diesen Schuldgefühlen heraus glauben, die Last der ganzen Welt möglichst umfassend tragen zu müssen. Die kirchliche Religionen vielleicht abgelegt, aber  dafür einen neuen Gott haben, dem sie sich opfern möchten: Dem „Ich bin der gute Mensch, jeder der nicht so denkt wie ich, ist nicht nur ein A***loch, sondern ein schlechter Mensch“.

Ich bin konfessionslos. Auch in dieser Beziehung.

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20 Gedanken zu “Schuld und ihre Folgen

  1. Frau Schmidt 2. Oktober 2015 / 07:09

    Ich persönlich bin sehr gespannt, ob ich zu meinen Lebzeiten noch eine Regierung in Deutschland erleben darf, die sich dieser „Erbschuld“ nicht mehr hingibt….

    • OneBBO 2. Oktober 2015 / 08:58

      Das würde ich auch gerne, aber bitte nicht so, dass es in die andere Richtung schwappt 😦

  2. Anne 2. Oktober 2015 / 08:29

    Danke für diesen Beitrag, Ute. Du bringst es mal wieder gut auf den Punkt. Ich denke, dass auch die Gutmeinenden so langsam aufwachen. Ich zähle mich dazu, ich war viel zu lange zu zuversichtlich. Das Problem ist jetzt nur, ob und wie wir die Kuh sachte vom bereits leise krachenden Eis geschoben kriegen, ohne dass sich die falschen Trupps zur Rettung aufmachen. Ich fürchte, wir stehen gerade ähnlich da wie vor ca. 80 Jahren, nur mit anderen Rahmenbedingungen…

    • OneBBO 2. Oktober 2015 / 08:43

      Vor den falschen Trupps fürchte ich mich auch. Und durch dieses Arme-immer-offen werden die mehr gestärkt, als durch alles andere, weil viele gar kein Forum haben, wo sie ihr Unbehagen äußern können.

  3. Michael 2. Oktober 2015 / 08:32

    Dieser Text ist großartig, Die Analyse über Schuld, so wahr. Nur, wer sich so gerne Schuldig für alles fühlt, der wird kaum von dieser Vorstellung/Überzeugung abweichen. Ich sehe da schwarz, dass sich mittelfristig hier etwas ändert.

    • OneBBO 2. Oktober 2015 / 08:44

      Wenn du mal Kommentare liest, da kommt es mir echt hoch – und zwar bei beiden Seiten. Da wird ein Vokabular benutzt, nein, danke. Auch gerade bei den Gutmenschen, die sich so erhaben fühlen.

  4. Claudia 2. Oktober 2015 / 08:46

    Liebe Ute,
    Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe mich fast mein ganzes leben lang schlecht gefühlt wegen solchen Leuten, aber wenn ich das jetzt so sage, wie du es schreibst werde ich als Nazi beschimpft (Obwohl meine beste Freundin schwarz ist und die Vorfahren meines Ehemannes aus einem anderen Land stammen). Es ist auch egal wie viel ich spende, oder dass ich Fairtrade und Bio kaufe…für die Gutmenschen bin ich jetzt ein Nazi. Dabei bin ich nichtmal gegen Flüchtlinge, sondern nur gegen die Menge und die Auswahl. Warum müssen wir Hunderttausenden jungen Männern im besten Alter helfen, lassen aber gleichzeitig Kleinkinder ertrinken oder verhungern? Und warum schicken wir die, die Straffällig werden nicht wieder zurück? Wir leben inzwischen in einem Land, indem man schwangere Frauen anzünden darf ohne eine Nennenswerte strafe zu bekommen – denn dann wäre der Richter ja ein Nazi, wenn er dafür eine echte Strafe vergeben würde. Und Nazi will ja keiner sein.
    LG

    • OneBBO 2. Oktober 2015 / 08:59

      Das wird sich bald ändern müssen, dieser Wortgebrauch. Es werden zu viele, die kann man irgendwann nicht mehr in den Nazi-Topf stecken. Und wie du sagst: Mit wem auch immer ich spreche, es werden nicht die Menschen „beschuldigt“, sondern es wird diese schier unübersehbare Anzahl beklagt.

  5. Paul 2. Oktober 2015 / 11:47

    Liebe Ute, das ist ein großartiger Beitrag von dir und er trifft in allen Teilen zu.

    • OneBBO 2. Oktober 2015 / 11:49

      Danke.

  6. Tausend 2. Oktober 2015 / 14:22

    Der Beitrag ist wirklich gut, weil Du etwas machst, was so oft fehlt, nämlich eine differenzierte Position darlegen. Das sinnlose In-Schubladen-Stecken kommt m.E. auch daher, dass viele das Selbstdenken verlernt haben, vor allem aber das Zuhören und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit anderen Positionen.

    • OneBBO 2. Oktober 2015 / 14:25

      Danke. Ich finde das auch schade, dass heute viele der „anderen Seite“ nicht mehr zuhören wollen. Dabei können wir nämlich sehr viel lernen, das heißt gar nicht einmal, dass wir dann die Position wechseln. Aber den Horizont verbreitern.

  7. energieistwichtig@kabelmail.de 3. Oktober 2015 / 02:29

    Hallo Frau Wilkesmann, starke, authentische und mutige Meinungsäußerung in dieser Zeit! Grüße von der Ostsee und frohes Schaffen, Juan

    Regenwald retten mit guter Suchmaschine http://www.ecosia.org

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    • OneBBO 3. Oktober 2015 / 07:32

      Vielen Dank für das Kompliment. Ich denke nicht, dass es mittlerweile noch besonders mutig ist 🙂

  8. Margarete 3. Oktober 2015 / 07:38

    Guten Morgen !

    Danke Dir Ute für Beitrag und Claudia für den Kommentar!

    Werde täglich mit diesen jungen Männern konfrentiert und manchmal merke ich wie mir der Hals zuschwillt….. hier ist so viel im Argen in der Kinder- und Altenbetreung da fehlt Geld ohne Ende und diese „Männer “ werden für ihr Nichtstun auch noch unterstützt.

    liebe Grüße
    Margarete

    • OneBBO 3. Oktober 2015 / 08:10

      Morgen Margarete,

      man muss natürlich fairerweise sagen, dass Asylanten bis zur Anerkennung hier nicht arbeiten dürfen – nicht einmal Schnee fegen. Dennoch ist es dann die Frage, wie sie sich dann verhalten. Ich denke aber auch, dass es durchaus Möglichkeiten gäbe, sie vom Nichtstun abzuhalten, zum Beispiel an der Reinigung und Instandhaltung der Unterkünfte zu beteiligen, Integrationsunterricht zu geben usw.

      Grundsätzlich stimme ich dir auch zu – hier fehlt das Geld überall, Straßen sind in einem Zustand wie in einem Nichtindustrieland und und und. Warum jetzt plötzlich dieses viele Geld aus der Wuntertüte geschüttet wird, darf schon nachdenklich stimmen.

  9. Ferun 3. Oktober 2015 / 18:57

    Sehr gut geschrieben Ute!!!

    • OneBBO 4. Oktober 2015 / 09:34

      Danke.

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