Ist das Journalismus?

Heute las ich – über Facebook bleibt einem ja allerhand nicht erspart – einen Zeitungsbeitrag eines Wochenblattes, Altötting, wo über eine syrische Familie berichtet wird, die wegen ihrer Unterbringung in einer Jugendherberge draußen in Sitzstreik ging und erst unter Androhung, das Kind werde ihnen weggenommen, schließlich doch in die Jugendherberge umzog (hier). Das ganze fand im Ort Burghausen statt, laut Wikipedia hat der Ort gut 17.000 Einwohner, also ein überschaubarer kleiner Ort mit starker Chemie-Industrie.

Die Familie bemängelte: Das sei nicht der Standard, den sie von Syrien gewohnt seien. Essen verweigerten sie, weil das (einjährige) Kind keine Nudeln essen würde.

Dies hat der „Journalist“ alles aus zweiter Hand. Natürlich, ich betone das immer wieder, wird es unter so vielen Flüchtlingen auch einen Prozentsatz geben, der kriminell ist oder unmögliche Forderungen stellt. Aber hier würde ich doch als Journalist einmal nachhaken. Wer ist so bekloppt, dass er sich lieber draußen in Nasse und Kälte hinsetzt, als in einer deutschen Jugendherberge zu übernachten? Wo verweigert eine ganze Familie das Essen, weil das Kind keine Nudeln mag? Gab es nur Nudeln und nichts dabei? Ich hätte da als Journalist ein bisschen weiter gebohrt.

Aber es kommt noch besser: „Die ist bereits der zweite Zwischenfall mit einer Asylbewerberfamilie in Burghausen. Bereits im Juli hatte eine Familie lautstark vor der Burghauser Polizeidienststelle nach einer besseren Unterkunft verlangt. Damals hieß es, es handle sich um eine Familie aus Libyen, inzwischen ist bekannt geworden, dass die Familie aus Pakistan stammt.“

Hallooooo????? Gehen da bei einem Journalisten keine Alarmglocken los, wenn zwei Familien, eine sogar vor der Polizeidienststelle, lautstark nach einer anderen Unterkunft verlangen? Familien mit völlig anderem Hintergrund? In so einem kleinen Ort?

Egal, was in Burghausen passiert ist – ich würde da mehr wissen wollen. Journalisten gehen aber heute nicht mehr so gerne auf die Straße und recherchieren. Lieber mit dem Kumpel von der Bürgermeisterverwaltung telefonieren und schnell einen abfälligen Artikel schreiben.

Die Kommentare in Facebook sind dann auch dementsprechend „Sollen sie doch hingehen wo sie hergekommen sind.“ Da kommt mir allerdings die Nudel in der Suppe hoch!

 

Advertisements

2 Gedanken zu “Ist das Journalismus?

  1. Anne 10. Oktober 2015 / 23:11

    Ich bin beim nach-Lesen des verlinkten Artikels eher über den kursiven Nachsatz gestolpert… „Hinweis der Redaktion: Wir sehen es als unsere Pflicht an, im Sinne der Glaubwürdigkeit der lokalen Medien, die Leser auch über solche Zwischenfälle zu informieren, auch wenn es sich um ein hochsensibles Thema handelt“. Gab es den schon zu Beginn oder wurde er später zugefügt?

    • OneBBO 10. Oktober 2015 / 23:26

      Als ich den Artikel las, gab es den Satz schon. Ich wollte ihn noch kommentieren, habe ihn dann aber nicht schnell genug wiedergefunden.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.