Eine 10-Wörter-Geschichte

Gefunden über Warum nicht, Idee ist von hier

Die 10 Wörter sind:
schwülstig
Klappspaten
Raunacht
Zaubernuss
Blitzzement
Nebelmaschine
Sahnewolke
Pfefferminze
minimalistisch
Gestaltwandler

Schwülstig ist das Wetter. Dennoch meine Sehnsucht verlangt es mir ab, ich hole den Klappspaten aus dem Keller. Ob Raunacht oder Zarttag – Hand muss angelegt werden! Während ich so vor mich hingrabe, denke ich mir: Jetzt eine Zaubernuss finden, das wäre toll. Ich grabe tiefer und tiefer. Ich suche die Seejungfrau und wenn ich ihre Mumie fände, wäre das eine Zeile wert. Die Seejungfrau ist ein Märchen, bei dem ich heute noch in Tränen ausbreche.

Ich muss aufpassen, dass die Tränen nicht auf den Blitzzement treffen, den ich neben meine Füße gehäufelt habe, sonst zieht es mich hinab zur Seejungfrau, ob ich sie beim Grabvorgang treffe oder nicht. Grabvorgang – das hat nicht nur etwas mit Graben, sondern auch mit Grab zu tun, durchschauert mich der wenig aufheiternde Gedanke.

Mein Nachbar wirft seine Nebelmaschine an. Muss das wirklich sein? Ich breite eine Plastikplane um mich aus, damit ich von den Wassertröpfchen verschont werde, denn ich habe die Befürchtung, dass ich mich wie Zucker in den Tröpfchen auflöse. Ich habe die Worte meiner Klassenlehrerin noch im Ohr, wenn sie uns bei Regen auf den Schulhof scheuchte „Ihr seid doch nicht aus Zucker!“. Woher wollte sie das wissen? Ich bin doch nicht die Seejungfrau, nicht heute, und damals war ich es auch nicht. Aber ich scheue immer noch vor den Wassertropfen zurück, falls ich mich doch auflösen sollte.

Ich grabe und grabe, die Seejungfrau ist immer noch nicht in Sicht. Wie viele Stunden muss ich noch graben, bevor ich eine Strickleiter brauche, um wieder nach oben zu kommen? Wie kann ich mir die Zeit beim Graben vertreiben, ohne wieder in Tränen auszubrechen und meine Selbstauflösung in Gang zu setzen?
Ganz einfach – ich wende meine üblichen Selbstschutzmechanismen an. Das ist das Essen. Frustessen nennt man das, gerne in Form von Erdnüssen, da die Zaubernüsse mir zu teuer sind. Aber heute will ich kein Frustessen veranstalten, denn es ist der Tag der Seejungfrau. Ein Rezept muss her, das etwas hermacht. Vielleicht sollte ich eine Torte backen? Locker-leichter Biskuit, mit einer Sahnewolke drauf, die ich mit ein wenig Pfefferminze aus der Tube dekoriere. So kann ich mich gut ablenken, während ich mir diese Torte virtuell Gabel für Gabel, Bissen für Bissen auf der Zunge zergehen lassen. Das bringt mich vielleicht näher zur Seejungfrau, als es jeder Grabvorgang könnte.

Mein Nachbar ruft aus seinem Nebel herüber „Halloooo, alles gut? Hier ja“. Er hat diese minimalistische Ausdrucksweise, die mich immer wieder befremdet. Warum sagt er nicht „Hallo liebe Nachbarin, ist bei Ihnen alles im grünen Bereich? Ich hoffe doch, dass es Ihnen so gut geht wie mir!“. Dann würde ich ihn  vielleicht auch einmal besuchen. Aber so?

Mein Klappspaten stößt auf etwas, jetzt heißt es vorsichtig sein. Ich beuge mich über eine verwitterte Kiste, aus Blei, so scheint mir. Schöner wäre es, sie wäre aus Gold, dann wäre ich jetzt reich und könnte mir ein Heer von Grabern leisten, die für mich weitergraben.

Mit viel Aufwand und Kraft gelingt es mir die Truhe aufzubrechen. Ich bin bereit, das Antlitz der Seejungfrau auf mich einwirken zu lassen. Die Spannung wächst, in der Truhe ein gestaltartiges Etwas, das in Leinentücher gewickelt ist, die unter meiner Hand zerbröseln bis auf ein paar Reste. Und dann sehe ich sie – und die Tränen der Enttäuschung laufen mir über das Gesicht. Das ist nicht die Seejungfrau, das ist eine Seeschildkröte.  Aber dann hebe ich den Kopf, versuche eine Brise frische Luft zu eratmen und denke: Das ist die Seejungfrau! Sie war nicht nur lieblich, sondern auch eine begabte Gestaltwandlerin. Ich bin am Ende meiner Suche angekommen. Ich weiß nur nicht, wie ich mich jetzt fühlen soll.

 

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Ein Gedanke zu “Eine 10-Wörter-Geschichte

  1. Tausend 7. Dezember 2015 / 12:47

    Genial! Der minimalistische Nachbar mit seiner Nebelmaschine hat mich vom Stuhl geworfen.

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