Aller guten Dinge sind drei – auch mit 10 Wörtern

Es war nass. Er musste vorsichtig fahren. Aber diese Fahrt hatte er sich ausgesucht, um seine 10 Wörter unterzubringen. Er hatte sich für die Zahlen von 10 bis 100 entschieden, immer die glatten Zehner. 60 konnte er schon abhaken, das war die Geschwindigkeitsbegrenzung bei der Einfahrt in die Baustelle.
Diese Baustelle… sie nervte ihn. Will nicht endlich mal so ein Techniker Blitzzement erfinden? ging es ihm durch den Sinn. Dieser ganze Betonscheiß, taugt doch nicht. Aber was soll’s, Hauptsache er kommt an seine Zahlen.
Er fingerte am Handschuhfach herum, er hatte sich absichtlich 20 Päckchen Kaugummi gekauft, um die 20 abzudecken. Er zog eines hervor: Mist, Erdbeergeschmack. Das nächste – Himbeer! Verdammter Dreck, dachte er, gibt es hier kein Pfefferminz, habe ich nicht aufgepasst? Er resignierte bei Pflaume. Okay, dann ist es eben Pflaume. Aber die Zahl 20 war geschafft.
Das Wetter änderte sich, die schweren Regentropfen wandelten ihre Gestalt zu feinsten Nieseltröpfchen, dann verdichteten sie sich immer mehr. „Was’n das? Hat hier einer eine Nebelmaschine in Betrieb genommen, damit ich die Hand nicht mehr vor den Augen sehe? Das ist schon kein Nebel mehr, das ist ja eine Sahnewolke direkt vor meinen Scheinwerfern!“ Er fuhr langsamer, 30. Okay, irgendwann war die 30 ja auch dran.
Da, ein Parkplatz mit der Nummer 40. Genial! Damit hatte er gar nicht gerechnet. Er zog nach rechts. Autsch, was war das? Ein Stoß ging durch den Wagen. Er kannte das schräge Schepperfahren noch aus den Zeiten, als er mit Billigautos unterwegs war. Ein Platter! Was hatte da auf der Straße gelegen? Hätte er bloß diese blöde Pause nicht gemacht, er wollte ja um Punkt 10 Uhr von der Autobahn abfahren. „Ich denke, 10 Uhr nachts gilt auch statt 22 Uhr“. Okay, Reifen wechseln konnte er. Er sprang aus dem Wagen, zog sich die Kapuze über den Kopf und eilte zum Kofferraum, öffnen, Reifen raus und an die Werkzeugkiste. Auf diese wohlsortierte Kiste war er besonders stolz. Er riss sie auf, wo war der Wagenheber, wo der Akkuschrauber? Das einzige, was ihm aus der kühlen Kiste anblickte, war ein Klappspaten. „Was um’s Verrecken soll ich mit einem Klappspaten?“ Wer hatte ihm diesen üblen Streich gespielt. Wutschnaubend bewegte er sich wieder zur Vordertür, wo das Handy bereit lag. Das laute Knirschen, das heftige Bremsen, das metallische Schlagen des Körpers auf die Seitentür hörte er schon nicht mehr. Hätte er noch denken können, wäre sein letzter Gedanke gewesen „Ich hoffe, der Typ fuhr mit 80 km/h – die 80 fehlte mir noch.
Erwartungsvoll sah der junge Autor den Verleger an. „Das wird bestimmt mein Durchbruch!“
Der ältere Herr blickte auf den Anwärter. Er konnte ihn gut leiden, auch wenn er ihn für völlig unbegabt hielt. Aber die Begeisterung, mit der er immer wieder seine schwülstigen Dinge vorlegte, rührte ihn immer wieder.
„Mein junger Freund“, begann er. Der junge Freund sackte bei diesen mitleidigen Worten bereits in sich zusammen. „Ihre Geschichte … ist etwas zu minimalistisch, es fehlen die Details. Auch dies mit den 10 Wörtern, das ist einfach zu abgehoben. Es fehlte nur noch, dass sie der Story die Überschrift geben ‚Die Raunacht‘.“
Der junge Autor, der sich für sehr begabt hielt, hatte nicht seine Mutter ihn schon in der Grundschule für seine phantasievollen Geschichten gelobt?, starrte leer auf den Schreibtisch. Dort lag ein großes Rosenquarz-Ei, das ihn schon immer fasziniert hatte. Er hörte nicht mehr, was der wohlgesonnene Mann ihm gegenüber freundlich vermitteln wollte, er dachte nur noch: Das ist eine Zaubernuss, das ist eine Zaubernuss… Er schaute hoch. Ihm gegenüber saß ein alter Mann, aber alle paar Sekunden verwischten sich seine Züge und machten die Metamorphose zum Reptil durch. Da war es dem jungen Mann plötzlich klar: Ja, hier hatte er einen Gestaltwandler vor sich, der die Weltherrschaft an sich reißen wollte. Und er, ja er, war berufen, die Welt von dieser Bedrohung zu befreien. Sich seiner Mission bewusst, riss er die Zaubernuss vom Schreibtisch und drückte sie dem Reptil in den offenen Rachen. Das Reptil durchlief eine letzte Wandlung. Die Zaubernuss war voller Blut. Der Blick des jungen Autors leerer denn je, als er eine halbe Stunde später gefunden wurde und die Männer in den knallfarbenen Westen fragte: „Darf ich die Zaubernuss mitnehmen?“

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6 Gedanken zu “Aller guten Dinge sind drei – auch mit 10 Wörtern

  1. Tausend 11. Dezember 2015 / 12:25

    Was für eine abgedrehte Geschichte. 😀 Und ein Ansporn…

    • OneBBO 11. Dezember 2015 / 12:51

      Wie das Leben so spielt… ich weiß gar nicht, wann „Einsendeschluss“ ist. Mir fiele sicher noch etwas ein 😉

  2. Tausend 11. Dezember 2015 / 12:53

    … für eine weitere.

    Wer vorsorgen möchte, investiert am besten nicht in private Renten oder Wertpapiere, sondern in solide Sachwerte, wie Klappspaten. Arno hatte sich ausgerechnet, dass er mit seiner spärlichen Rente gut über die Runden kommen würde, wenn er sich jetzt eine Sammlung von 100 Spaten zulegte. Klappspaten, sie sollten platzsparend verstaut werden können. Nicht in allem dachte Arno so minimalistisch. Sein Speicher war vollgestopft mit lauter Zeug. Was man im Laufe der Jahre halt so ansammelt. 20 alte Nebelmaschinen ‒ Arno war früher als Gestaltwandler auf Jahrmärkten aufgetreten, aber im Vertrauen, er war ein so miserabler Künstler gewesen, dass es diverser Nebelmaschinen bedurfte, um den Akt der Verwandlung gehörig zu verschleiern ‒, 30 Trommeln, in denen man Zement anmischen konnte, je 80 kg pro Trommel. Das machte … ja das machte eine ganze Menge Zement in kurzer Zeit. Den konnte er dann verkaufen. „Blitzzement“, hörte er sich schon rufen: „Nur 10 Euro pro 50 m³ Zement.“ Wenn man das Gemisch in einer Raunacht im Verhältnis 40:60 anrührte und je 70 Zaubernüsse dazugab, verdoppele sich die Menge, ohne dass man mehr Material verbrauchte, hatte er gelesen. So konnte man schon einigen Profit rausschlagen, vor allem, wenn man die Spaten gleich dazu verkaufte. Geschäftstüchtig musste man halt sein. „Kauft, liebe Leute“, rief er voller Vorfreude, während er seinen Löffel aus dem Pfefferminztee nahm, ihn stattdessen in den Pudding mit der Sahnewolke tauchte und ihn anschließend triumphierend in der Luft schwenkte: „Zement, Zement, liebe Leute!“ Naja, das war dann wohl doch zu schwülstig, aber einerlei – sein Alter schien gesichert. So konnte man auch ohne reiche Erbtante, die einem etwa ein Rosenquarz-Ei vermacht hätte, in aller Seelenruhe 90 werden.

    • OneBBO 11. Dezember 2015 / 12:55

      Wunderbar 🙂 🙂 Ich hoffe, du verlinkst deine gestrige und die heutige Version auch auf dem entsprechenden Blog.

      • Tausend 11. Dezember 2015 / 12:59

        Weiß nicht, aber auf meinem Blog erscheint sie nachher.

        • OneBBO 11. Dezember 2015 / 13:00

          Dann kann ja nichts mehr passieren….

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