Pfingsten

16. Juni 2016: Pfingsten kommt jedes Jahr

Mein Vater liebte jedes Jahr zu scherzen: „Zu Pfingsten kommt der Pfingstochse“. Ob er wusste – ich hab’s gerade nachgeschaut -, dass es den wirklich als alten Brauch gibt? (in Wikipedia kann man’s nachschlagen: hier). Bis zum heutigen Tage habe ich wirklich geglaubt, dass sei einer der kleinen albernen Scherze, die mein Vater gerne machte („Wenn es einen Osterhasen gibt, muss es auch einen Pfingstochsen geben, hahaha.“). Nun wollte ich gerade mal nachschauen, ob er den Scherz übernommen  oder selbst erfunden hatte. Und da kam ich zu dieser Entdeckung, dass das gar keine Erfindung ist.

Ein weiterer seiner kleinen Dauerscherze waren die „Ei-s“: Überall sind Eier: Poliz-ei, Raufer-ei, Singer-ei. Damit haben wir uns beim familiären Autofahren die Zeit vertrieben. Als ich noch jünger war, haben wir im Auto auch gesungen, meine Mutter hatte die Mundorgel in der Hand (wer kennt sie noch?), und immerhin kenne ich heute noch Liedanfänge wie „Bolle reiste eins zu Pfingsten, nach Pankow war sein Ziel…“ (der Text kann anders sein, aber so habe ich ihn in Erinnerung). Und natürlich die „Dra Chanasan mat dam Kantrabass saßan af dar Straßa and arzahltan sach was…“-

Ja, da fällt mir noch so einiges Lustige ein. Da gab es eine Zungen-raus-streck-Welle. Wie das anfing, wer von uns beiden das angefangen hat: keine Ahnung mehr. Auf jeden Fall hatten wir das reale Zunge-Rausstrecken auf Papier verlegt: Ich habe zum Beispiel aus Papier eine Zungenform ausgeschnitten, eine Längsfalte eingemalt und an eine Stelle gelegt, die er irgendwann sehen würde, z.B. in einen Schuh, eine Schublade usw. Ich glaube, er hat zum Schluss aufgegeben, weil ich zu fleißig war 😉 Das gab schon sehr komische, wirklich im Sinne in von Komik, Momente.

Für Blödsinn war er zu haben. So habe ich mal für meine Nichte kleine Hörspiele auf Kassette hergestellt. Dazu habe ich Pseudointerviews geführt, ja, da hat er auch mitgemacht.

Man könnte nun gerührt sein und denken: Was für ein wunderbarer Vater. Nein, war er nicht. Er war ein emotionaler Sadist und hat das, wenn verärgert, gerne an seinen Kindern ausgelassen. Es gab so viele Verletzungen, dass mein Hass auf ihn irgendwann in Gleichgültigkeit umgeschlagen ist. Ich fand es viele Jahre schlimm, dass ich diejenige von uns dreien war, die ihm äußerlich so ähnlich war. Freunde, die wir regelmäßig zu Pfingsten trafen, hatten uns einige Jahre nicht gesehen. Das heißt, als sie mich das erste Mal sahen, war ich drei Jahre alt. Und ich kam an der Hand meines Vaters, sie riefen aus: „Ganz der Walter!“ So wurde mir die Anekdote berichtet.

Als er zum Schluss totkrank war, habe ich mich, soweit das in meiner Macht stand, gekümmert. Er hat mir leid getan, wie er in den letzten Wochen dünn und ausgezehrt auf dem Bettrand saß, er, ein Mann, in meiner Erinnerung immer mit deutlich mehr Gewicht versehen als gesund. Was mich besonders betroffen gemacht hat, waren seine Schuhe. Unter dem Krankenhausbett standen seine Sandalen. Mein Vater hat in den letzten zig Jahren nur Sandalen mit Fersenkappen mit von meiner Mutter selbstgestrickten Socken getragen. Und da standen diese Riesensandalen unter dem Bett, und auf der Bettkante saß mein Vater, ein kleiner Mann, gebeugt, ein Schatten seiner selbst, nach Luft ringend. So eine Lungenkrebs-OP ist keine Kleinigkeit.

Auch grausam fand ich, wie er mit Lächeln reagierte, wenn die Krankenschwestern wie mit einem Kind mit ihm sprachen. Da wäre er normalerweise richtig wütend geworden. Denn wenn er sich ärgerte, ließ er auch schon mal gerne den Doktortitel raushängen – was ich immer extrem peinlich fand. Aber die Schwestern konnten ihn wie einen kleinen Idioten ansprechen, er lächelte dankbar. Dabei war sein Gehirn, wie später die Obduktion zeigte, das einzige Körperteil, das nicht von Metastasen befallen war.

Das war schlimm und tat mir leid. Mit Distanz. Auch wenn ich irgendwann verstanden habe, warum er so geworden ist, wie er war, waren die Verletzungen zu groß. Er tat mir leid als Mensch, aber nicht als Vater.

Und an all das erinnere ich mich, weil mir heute Morgen der Pfingstochse einfiel. Und sein Todestag ist im Sommer 33 Jahre her, eine Schnapszahl.

 

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3 Gedanken zu “Pfingsten

  1. sonnenkind 16. Mai 2016 / 23:06

    Wow, „schwere Kost“, aber schön das du deine Erinnerungen mit uns geteilt hast!

    Ich bin froh und sehr dankbar, das ich den Hass und die Verachtung die ich eine zeitlang für meinen Vater empfand überwunden habe und jetzt ein sehr liebevolles und inniges Verhältnis zu ihm habe!!

    • OneBBO 17. Mai 2016 / 07:43

      Das freut mich für dich! Wobei Gleichgültigkeit vielleicht negativer klingt, als es ist 🙂

  2. Agnes 17. Mai 2016 / 08:09

    Danke für den eindrücklichen Bericht.

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