Das Alphabet: B

15. Okt. 2016: Das Wilkesmannsche Alphabet

B wie Berta. Und das ist jetzt nicht weit hergeholt, ich hatte eine Tante Berta. Das gibt’s also nicht nur in Romanen und alten Filmen. Wobei sie genau genommen meine Großtante war, die Schwester meiner Großmutter väterlicherseits. Tante Bertas Sohn hieß Ernst, Ernst war Klempner und hatte eine Weile einen guten Job im Kaufhof. Von ihm bekam ich den Tipp, für verstopfte Rohre auf keinen Fall so ein Rohrfrei-Produkt zu nehmen, sondern lieber viel heißes Wasser und Spüli. Das hat mich Jahrzehnte begleitet. Sein Sohn, etwas jünger als ich, war so ein bisschen ein wilder Junge. Als ich 18/19 Jahre alt war, haben wir uns in zwei Urlauben gesehen. Das war nett, dennoch habe ich ihn aus den Augen verloren. Aber all das ist B-unabhängig.

Tante Berta ist mir noch von den Geburtstagen meiner Großeltern (väterlicherseits) gegenwärtig. Die wurden noch sehr konventionell gefeiert: Alle Geschwister kamen, und dann meine Familie – mein Vater war das einzige Kind seiner Eltern. Da kamen also diese alten Herrschaften, es gab Sahnetorte, Biskuitboden mit Obst belegt und mit einer dicken Gelatineschickt bedeckt und für die Kinder gab’s Limonade mit Zitronengeschmack aus bunten Gläsern. Ich habe diese Gläser geliebt, aber mein Vater hat sich geweigert, dass wir zu Hause auch solche Gläser bekommen, er fand, die Farbe würde den Geschmack beeinträchtigen und verfärben. Das fand ich nicht. Meine Lieblingsfarbe war so ein sattes Blau. Und den kleinen Teufel mochte ich, den meine Großeltern schon mal in die Sprudelflaschen gaben. Ich habe Sahnetorte nie gemocht, also habe ich immer die Obsttorten gegessen. Zuerst das Teigende vom Rand, dann habe ich das Obst heruntergekippt und den Boden verzehrt und zum Schluss das Obst gegessen, weil mir das am besten schmeckte. Zum Glück waren meine Eltern in dieser Beziehung tolerant und haben mich nicht gemaßregelt.

Meine Großmutter hatte mehrere Schwestern und einen unbekannten Bruder. Die Schwestern waren Tante Berta (mit Sohn Ernst), Tante Liese (mit Tochter Grete), von meines Großvaters Seite kam Onkel Ferdinand. Er war der Älteste von allen und verstarb auch als Erster. Es müssen noch mehr gewesen sein, aber an die kann ich mich nicht erinnern. Die Familie meiner Großmutter war spannend. Ich weiß noch grobe Züge, ob es stimmt? Muss wohl. Tante Berta war eher grobschlächtig, Tante Liese zierlich gebaut. Erklärung: Die Mutter meiner Großmutter war als Dienstmagd von den Dienstherren wohl nicht nur zum Putzen und Fegen engagiert worden, und so hatte sie zwei uneheliche Kinder von zwei verschiedenen Dienstherren, bevor sie dann ihren Mann heiratete. Der fand sich so toll, dass er „sowas“ noch geheiratet hatte, dass er sie nicht nur mehrfach geschwängert, sondern auch ordentlich drangsaliert hat. So musste sie ihm mittags den Henkelmann mit Essen bringen (ich glaube, er arbeitete auf dem Bau). War sie zu spät, gab’s Ärger. War sie zu früh, gab’s Ärger, und natürlich sowieso, wenn das Essen zu heiß oder zu kalt war. Aber er hatte sie ja mit den Bälgern geheiratet, da hieß es dankbar sein. Ich bin froh, dass ich nicht in diesen Zeiten geboren bin und denke immer daran, wenn Leute über die alten Zeiten romantisieren.

Der Bruder meiner Großmutter war das jüngste von 5 oder 6 Kindern (meine Großeltern stammten beide aus kinderreichen Familien, das war in Arbeiterfamilien nun mal so). Ewald. Onkel Ewald habe ich nie gesehen, es wurde auch praktisch nie über ihn gesprochen. Er ist wohl von den Eltern und den älteren Schwestern reichlich verwöhnt worden – ob das die Ursache für sein Abrutschen war? Er hat auf jeden Fall mal „gesessen“, ob nur im Gefängnis oder sogar im Zuchthaus (damals für schwerere Verbrechen), weiß ich nicht mehr.

Tante Berta nun, die Stichwortgeberin für den Buchstaben B, war eine opulente Frau, wie man sie sich eben von früher vorstellt: starker Busen, darüber ein dunkles Kleid geklemmt. Ich glaube, sie war dunkelhaarig. Tante Liese, die feingliedrige, war auch ansonsten eher eine feine Dame. Über sie bzw. über meinen Vater und sie gibt es auch noch eine hübsche Anekdote: Mein Vater war als Junge sehr interessiert an chemischen Dingen (wäre der Krieg nicht gewesen, so hieß es immer, hätte er statt Baustatik vermutlich Chemie studiert, aber nach dem Krieg hatte er eine Familie, da musst es schneller gehen). So hat er dann viel experimentiert. Dabei hat er dann fast das Haus, in dem sie wohnten, einmal zum Einsturz gebracht. Ein andermal hat er seine Tante Liese an etwas Tollem teilhaben lassen wollen, er fand den Chlorgeruch so aufregend. Also hielt er der Tante das Reagenzglas hin und forderte sie munter auf: „Riech mal!“. Er ging davon aus, dass sie natürlich wusste, wie man an chemischen Dingen riecht: Man fächelt sich mit der Hand die Luft über dem Reagenzglas zu. Tante Liese war aber so unbedarft – sie hielt sich das Glasrohr unter die Nase und nahm einen guten Atemzug, hatte doch der liebe Neffe sie dazu aufgefordert. Und dann fiel sie um. Ups. Das hätte noch schiefer gehen können, sie überlebte den Zwischenfall offenbar ohne größere Schäden.

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2 Gedanken zu “Das Alphabet: B

  1. Tausend 15. Oktober 2016 / 22:06

    Tante B, Tante B, Tante Berta!!!

    • OneBBO 16. Oktober 2016 / 12:59

      Tante Cäcilie gibt es nicht.

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