Das Alphabet: E

5. Nov. 2016: Das Wilkesmannsche Alphabet

E

Manchmal denke ich, in gewisser Hinsicht war ich ein merkwürdiges Kind. Wäre ich ein Genie (geworden), wären meine damaligen Eigenarten vermutlich nicht so merkwürdig (eben). Wobei ich meiner Familie zugutehalten möchte, dass sie mir nie das Gefühl gab, dass meine Vorliebe für Zählen und Zahlen auch zu befremdlichen Eigenarten gezählt werden könnte.

So habe ich zum Beispiel noch vor dem Wechsel ins Gymnasium viele, viele Blätter und etliche Tage damit gefüllt, die Rechnung durchzuführen „1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + … n“. Am Anfang ist das nicht schwer, klar, aber bei den höheren Werten ist es durchaus fordernd und bedingt eine gewisse Geduld. Erst viel später habe ich erfahren, dass es dafür eine handliche nette Formel gibt. Wäre ich ein Genie, so hätte ich sie sicher selbst entwickelt. Aber so habe ich das einseitig benutzte Papier, das zum Malen bereitlag, eben mit Zahlenkolonnen gefüllt. Ich weiß nicht, wie viele Blätter es waren, aber ein ordentlicher Stoß. Zwischen den Spalten hatte ich Längslinien gezogen. Mit freier Hand, daher waren sie ein bisschen wackelig. Ich habe keine Idee, was meine Eltern darüber gedacht haben, ob sie sich darüber unterhalten und / oder amüsiert haben.

Ein weiteres Projekt meiner Jugendzeit, wenn auch etwas später, war das Auszählen von Buchstaben. Es gab noch kein Internet, wo ich das einfach hätte nachschlagen können. Heute finden wir diese Angabe ganz einfach in Wikipedia unter „Buchstabenhäufigkeit“. Sicher gab es damals schon Statistiken dazu, aber auf die Idee kam ich nicht, dafür in eine Bücherei zu gehen. Und so habe ich ein Buch ganz durchgezählt oder mehrere Kapitel in verschiedenen Büchern, ein Karl May-Buch war unter Garantie darunter. Natürlich stand das E auf Platz 1 und ist daher für den heutigen Buchstaben prädestiniert. Ich weiß nicht mehr, wie die anderen Ergebnisse aussahen, aber die ersten fünf waren meines Erachtens nicht die offiziellen „E –N – I – S – R“. Soweit ich mich entsinnen kann, lag das R bei mir vor dem S, ENIR. Dies aber scheint mir nicht so arg schlimm, denn der offizielle Zählunterschied bei Wikipedia liegt bei 0,27 %.

Die letzte große Zählaktion, die dem E-Finden gleichkam, habe ich so im Alter von 19 oder 20 Jahren durchgeführt. Eine große Lesewut hatte mich gepackt, ich habe sehr viel Literatur, aber auch gerne Sachbücher gelesen. Warum auch immer, fand ich das Thema Älterwerden, Alter usw. faszinierend und erlesenswert. Deshalb kaufte ich mir u.a. zum Thema ein rotes Taschenbuch aus einem wissenschaftlichen Verlag (möglicherweise dem UTB-Verlag) über die Soziologie des Alterns (oder des Alters?). Oder der Geriatrie, ich weiß den Titel nicht mehr. Ich meine, die Autorin sei eine Frau gewesen. Eine Recherche in Amazon ergab zwei Bücher mit diesem Titel, aber beide sind viel zu neu.

Das Thema interessierte mich wirklich sehr, und deshalb hat mich dieses Buch völlig verärgert. Es war gespickt mit Fremdwörtern / Fachsprache, war aber nicht als reines Fachbuch deklariert. Ein Thema völlig vertan! Dabei ließ ich es aber nicht bewenden. In meinem Besitz war ebenfalls ein Türkischlehrbuch aus dem Langenscheidt-Verlag (blau waren sie damals). Mit einem gewissen Hang zur Autodidaktik hatte ich mir das gekauft, Langenscheidt verstand es aber zu jenen Zeiten so geschickt, eine fremde Sprache undurchdringlich zu machen, dass ich dadurch nicht den Einstieg in diese Sprache fand. Ich nahm also das Türkisch-Lehrbuch zur Hand und habe Wörter gezählt. Waren es vier oder fünf Seiten oder mehr? Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall gab die Zählung am Ende: Von den xxx Wörtern, die ich in diesem Buch gezählt hatte, waren mir alle unbekannt. Umgerechnet auf Prozente hieß das – 100% waren mir unbekannt. Das fand ich eine gute Vergleichsbasis.

Dann mussten diverse andere Bücher dran glauben – Knaurs Buch der modernen Physik, ein Roman, ein Kochbuch – ein Querschnitt eben durch meinen Bücherschrank. Gezählt, notiert, umgerechnet, immer in Prozenten. Das Soziologiebuch kam auf die Zahl 84 %. Das nenne ich nicht verständlich schreiben. Aus jener Zeit stammt meine Abneigung gegen einen übergroßen Gebrauch von Fremdwörtern und da ich auch viele populärwissenschaftliche Bücher über Physik, Psychologie und Chemie (z.B. „Die Doppelhelix“) gelesen habe, wusste ich, dass es durchaus möglich ist, auch komplizierte Sachverhalte so aufzubereiten, dass sie jeder verstehen kann, der eine normale Schulbildung hinter sich hat. So lautet mein Wahlspruch bis zum heutigen Tag: „Wer sich nicht so ausdrücken kann, dass ich ihn verstehe, hat mir auch nichts Interessantes zu berichten.“

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4 Gedanken zu “Das Alphabet: E

  1. Tausend 5. November 2016 / 19:18

    Du warst defikryptonitiv ein merkwürdiges Kind, aber äußerst sympathisch. 😀

    • OneBBO 5. November 2016 / 20:33

      Kommt vielleicht auf das Auge des Betrachters an. 😉

  2. Tausend 5. November 2016 / 19:19

    Und ich stimme zu 100 % zu: Man kann auch komplizierte Sachverhalte gut verständlich darstellen.

    • OneBBO 5. November 2016 / 20:33

      Ja, finde ich heute auch noch genau wie damals.

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