Das Wilkesmannsche Alphabet

7. Jan. 2017: Enn wie N

Neongrün. Überhaupt: Neonfarben sind absolut mein Ding. Vor etwa 35 Jahren habe ich eine wunderschöne Strickjacke gestrickt: vom linken Ärmel zum rechten Ärmel, d.h. ohne Naht. Teile zusammennähen ist nämlich ein Antihobby von mir. Ich hatte sie im Patentmuster und abwechselnd mit neongrünem und neonorange-farbenem Garn gestrickt. Jetzt habe ich sie vor dem Umzug entsorgt, obwohl sie mir jahrzehntelang ein treuer Wegbegleiter war, da aus 100% Acryl.

Mein Farbgeschmack war immer schon etwas anders. In der Grundschule mussten wir ein Kissen besticken, dass wir dann auch selbst zusammennähten. Ich ging in das Handarbeitsgeschäft vor Ort. Handarbeitsgeschäfte haben ähnlich wie Haushaltswarenläden und Computer- und Handy-Auslagen eine irre Faszination für mich. Besonders liebe ich die vielen kleinen Zöpfchen Stickgarn in den unterschiedlichsten Farbabstufungen. Es gab früher die Unterscheidung Perlgarn und glatt. Ich mochte glatt lieber, wobei „glatt“ sicher nicht die korrekte Bezeichnung ist. Der ordentlich in Schlaufen gelegte lange Faden Stickgarn wurde oben und unten von einer kleinen schwarzen Papierhülse zusammengehalten. Als erstes haben wir im Handarbeitsunterricht übrigens so ein Nadelbüchlein erstellt – aus Stramin  (einfach zum Besticken) und einem Leinenmaterial als Futter. Der Stramin sollte in diversen Mustern bestickt werden, die die Lehrerin uns zeigte. Ich habe dieses Büchlein immer noch, obwohl ich es zwischenzeitlich in meiner Familie weitergegeben hatte – es ist zu mir zurückgekehrt.

Das Kissen: Ich stand also in der üblichen Faszination in dem Handarbeitsladen und musste Stofffarbe und Fadenfarben auswählen. Der Stoffton wurde ein gedecktes Curryfarben, als Stickfarben nahm ich weinrot, schwarz und dunkelbraun (bei letzterem bin ich mir nicht mehr sicher, möglicherweise war es auch schwarz). Ich fand die Kombination wohl als einzige einfach wunderbar und außer dem Nähvorgang (mit der Hand) hat mir das auch viel Freude gemacht. Schon damals zeigte es sich, dass ich zwar mit viel Enthusiasmus handarbeite (außer Nähen, egal ob mit Hand oder Maschine), aber die Dinge nicht gerne selbst verwende. Ist es ein Perfektionismus, der mich dann unzufrieden werden lässt, weil das Teil in meinen Augen nicht 100% so geworden ist wie in meiner Vorstellung? Oder ist es eine allgemeine Abneigung gegen Selbstgemachtes? Auch das kann sein. Dies wird durch eine weitere Anekdote untermauert, bei der ich aus eigener Erinnerung schöpfen kann, ich glaube gar nicht mal, dass es dem Rest meiner Familie noch bewusst ist (was auch schwierig ist, da die Generation über mir komplett verstorben ist und mein Bruder damals noch viel zu klein war).

Das Weihnachtsfest kam. Üblicherweise verschenken Kinder zum Entzücken aller Erwachsenen Selbstgemachtes. Nicht Klein-Ute. Ich nahm mein Erspartes, ging in die Stadt und habe „vernünftige Sachen“ eingekauft. Das war alles überhaupt nicht kindlich, z.B. für jedes Mitglied meiner Kleinfamilie ein Silberbesteck. Ich erinnere mich noch an die „karierten“ Griffe des Bestecks für meine Schwester, das ich am liebsten selbst behalten hätte. Diese Einkaufstour und das Verschenken hat mir viel, viel mehr Freude bereitet, als irgendetwas zu basteln (was ich sowieso nicht gerne tat, im Gegensatz zum Handarbeiten). Ich weiß nicht, ob die Beschenkten unglücklich mit ihren Geschenken waren, ich denke das aber nicht, denn die Bestecke wurden jahrelang benutzt, wobei ich beim Tischdecken peinlich darauf achtete, dass jeder „seines“ bekam. Ich bilde mir auch ein, als Kind einen guten Geschmack gehabt zu haben.

Neonfarben mag ich sehr. Auch Neonröhren. Ich mag es z.B. nicht, wenn (meine) Räume nicht ausreichend beleuchtbar sind. Das muss nicht heißen, dass ich – wie im Büro beispielsweise – nur Neonröhren habe. Aber ich möchte es hell machen können. So sind in die Decke meines Wohnzimmers mehrere kurze Neonröhren eingelassen, am Relaxsessel steht eine Stehlampe, deren Licht mir meistens ausreicht. Ich erinnere mich noch an eine Küche (vorletzter Wohnplatz), die nie richtig ausgeleuchtet werden konnte, daran habe ich mich nie gewöhnt, aber auch keine Lösung gefunden, da es angemietet war.

Noch ein N ist mir wichtig, nicht nur das Neon, sondern kontrastierend die Natur. Ich bin immer schon gerne spazieren gegangen. Als ich frisch nach Köln umgezogen war, bin ich manchmal einfach mit irgendeiner Straßenbahn losgefahren bis an eine Station, die mir gefiel, oder die Endstation. So landete ich eines Tages in einem wunderbaren Waldstück. Ein Spaziergang, an den ich mich gerne erinnere. Nicht so gerne erinnere ich mich an das beklemmende Gefühl, als ich meine Orientierung verloren hatte. Ich hätte natürlich andere Spaziergänger fragen können, die mir doch gelegentlich über den Weg liefen. Nun könnte ich behaupten, dass ich zu stur, eigensinnig oder stolz war, um etwa um Weghilfe zu bitten. Das war es aber nicht. Ich war einfach zu schüchtern. Ich hatte mir eine Zeit gesetzt (könnte 16 Uhr gewesen sein): Wenn ich bis dahin nicht selbst zurückfand, würde ich fragen. Wundersamerweise aber fand ich die Straßenbahnstation dann doch wieder. Was auch ein Glück war, denn in der letzten Stunde begegnete ich keinen Spaziergängern mehr.

Es gehört wohl auch zum Älterwerden, dass man die Gaben der Natur mehr und mehr zu schätzen weiß. Ich erinnere mich auch daran, dass ich mal unheimlich sauer über das morgendliche Gezwitscher der Vögel war, als ich zu Gast bei meinen Eltern war, weil ich dadurch abrupt geweckt wurde. An Geräusche aus der Kneipe gegenüber und das Abladen von Metallplatten nebenan hatte ich mich in Köln zwar nicht gewöhnt, aber sie konnte ich zeitlich umgehen. Heute höre ich die Vögel gerne beim Einschlafen und auch beim Aufwachen. Ich kann mich über blühende Blumen sehr freuen, die letzten noch fliegenden Bienen und Falter bewundern, einfach an einer Stelle stehen und Grün oder noch lieber: das Blaugrün des Meeres genießen.

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4 Gedanken zu “Das Wilkesmannsche Alphabet

  1. Agnes 7. Januar 2017 / 20:27

    Interessante Erinnerungen, die ich mit Freude gelesen habe! Da kommen so einige Gedanken aus der eigenen Kindheit wieder hoch. 🙂

    • OneBBO 8. Januar 2017 / 09:46

      Hattest du auch eine solche Strickjacke? 😉

  2. Tausend 7. Januar 2017 / 20:49

    Also diese Strickjacke … Die hätt ich gern. 🙂

    • OneBBO 8. Januar 2017 / 09:47

      Tja, zu spät… sie ist vermutlich schon lange eingeäschert.

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