Oh, das Wilkesmannsche Alphabet

14. Jan. 2017: Oh, oh, oh

O

Otto Mess mit zwei s
Mit zwei O macht uns froh

Das ist der älteste Werbespruch, an den ich mich erinnere. Wie sehr aber Erinnerungen täuschen können, zeigt genau dieser Slogan. Ich würde ihn in meine Kindheit einsortieren, dass ich ihn also etwa zur Grundschulzeit gelernt habe. Erschwert wird die zeitliche Zuordnung dadurch, dass es dort, wo ich wohnte, keine Otto-Mess-Läden gab. Das Internet hat mir zweierlei gezeigt: Dass ich quasi heute noch bei Otto Mess kaufe, denn Otto Mess ist in Rewe eingegangen – und Rewe ist der für mich nächstgelegene Supermarkt. Außerdem sagt das Internet, dieser Spruch sei von 1970. Oha, da war ich aber aus der Grundschulzeit schon heraus.

Ich finde den Spruch nach wie vor genial, weil man ihn kaum vergessen kann, nachdem man ihn einmal richtig gehört hat. Dann fallen mir Fernsehspots damit ein – was wiederum zeigt, dass meine persönliche Einschätzung falsch war. Denn ich bin mir auch sicher, dass ich den Spot nicht auf dem Fernsehen meiner Großmutter – dem lange einzigen in der Familie – gesehen habe, und einen eigenen Fernseher bekam meine Familie erst später.

Auch hier bin ich mir nicht sicher, ob meine Erinnerung an den Spot richtig ist. Ich sehe zwei große Türen zu einem Supermarkt mit zwei jungen Frauen, die gerade superglücklich aus dem Laden herausspaziert kommen, eventuell mit vollen Einkaufswagen. Ich habe in YouTube gesucht, aber dort gibt es kein kleines Filmchen dazu, wie schade. Gerne hätte ich ein weiteres Mal geprüft, wie weit meine Gehirnzellen das Richtige zum Richtigen sortieren.

Das Erinnerungsvermögen ist etwas Faszinierendes. Auch wenn ich mir sicher bin, prinzipiell ein sehr gutes Gedächtnis zu haben, überzeugt mich Literatur, die belegt, dass Zeugen im Grunde unzuverlässig sind. Da wurden Studien durchgeführt, bei denen verschiedene Menschen dasselbe beobachten, aber später völlig unterschiedliche Dinge berichten, Personen gänzlich anders beschreiben. Nur einmal war ich bisher Zeugin, und das hat die Überzeugung in mir gefestigt, dass ich keine gute Zeugin wäre, gutes Gedächtnis hin oder her.

Und zwar habe ich eines nachts, es war so gegen 23 Uhr, großen Lärm auf der kleinen Stichstraße unter meinem Fenster im zweiten Stock gehört. Ich bin aufgestanden und habe noch gesehen, wie drei oder vier Jugendliche über die Straße liefen (es gibt hier Straßenbeleuchtung), einer trat dabei gegen ein Auto. Es stellte sich dann später heraus, dass ein anderes Auto demoliert war mit Kratzern und abgerissenem Spiegel. Ich habe die jungen Männer von oben gesehen, einen etwas besser als die anderen. Von einer jungen Polizistin wenige Minuten, maximal 1 Stunde hinterher um eine Täterbeschreibung gebeten, konnte ich nur die Achseln zucken. Drei oder vier junge Männer, mehr konnte ich nicht sagen. Durch geschicktes Fragen der jungen Frau konnte ich es etwas konkretisieren: Sie waren mit Sicherheit älter als 18 und jünger als 30, nicht besonders groß, der eine war blond, Haare ca. kinnlang, und eher schlank. Er trug ein dunkles T-Shirt, aber in der Nacht konnte ich die Farbe nicht wirklich erkennen. Das reichte nicht, um die Fahndung einzuleiten – und sonst hatte sie niemand gesehen.

Einige Wochen später erhielt ich eine Vorladung als Zeugin ins Präsidium. Ich habe angerufen und gefragt, was ich da soll? Wie sollte ich sechs Wochen später noch etwas über Menschen sagen, die ich nur von oben gesehen hatte, und das nicht etwa in großer Ruhe, sondern doch ziemlich, zumindest: überrascht. Zum Glück konnten wir uns einigen, dass mein Besuch auf der Polizei nichts gebracht hätte.

„Was soll ich denn bei Ihnen?“

„Wir hatten gehofft, Sie könnten auf Fotos von jungen Männern, die in Frage kommen könnten, eine Person heraussuchen.“

„Wenn Sie Fotos von oben gemacht haben, vielleicht.“ 😉 Meine Gesprächspartnerin hatte ein Einsehen und so wurde mir die lästige Fahrt erspart, denn dieses Polizeibüro ist mindestens 20 Autominuten entfernt, liegt an einer Hauptstraße und somit sind die Parkplätze rar.

Selbst also nun in harmlosester Art in so einer Situation gewesen und zusammen mit meinen Otto Mess-Erinnerungen frage ich mich, ob ich überhaupt jemals in der Lage wäre, eine vernünftige Zeugenaussage zu machen. Meine Erfahrungen decken sich auch mit „den Studien“, und so frage ich mich, wie jemals Zeugenaussagen überhaupt einen Wert haben können. Dass das so ist, weiß man ja auch, denn wie oft hören wir, dass ein „Krimineller“ von Passanten aufgrund von Fahndungsfotos erkannt und gefasst wurde. Etwas, das ich immer wieder nur als Wunder sehen kann. Aufgrund von Fahndungsfotos, möglichst noch diesen computerzusammengezimmerten Zeichnungen, würde ich vermutlich nicht einmal meinen Kollegen erkennen.

Wohl aber Otto Mess, der mich ja froh macht.

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2 Gedanken zu “Oh, das Wilkesmannsche Alphabet

  1. sandra 16. Januar 2017 / 18:54

    „Ich würde nicht einmal meinen Kollegen erkennen“ :mrgreen:
    Das kann ich nachvollziehen. Manchmal denke ich bei Fahndungsfotos: „Der sieht aus wie XY. Könnte aber auch glatt der Herr sein, den ich öfter im Supermarkt sehe…“ Verstehst du? Irgendwie „kenne“ ich die immer. Ich wäre also auch keine große Hilfe.

    • OneBBO 17. Januar 2017 / 07:12

      Ich würde gerne mal ein Fahndungsfoto sehen von jemanden, den ich kenne. Nur von der Theorie her, natürlich 😉

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