Das Wilkesmannsche Alphabet

4. Feb. 2016: Riecht was hier

R

 

Radio wäre gut und könnte erwartet werden. Radio wird es aber nicht. Auch nicht Das-hat-dir-der-Teufel-gesagt-Rumpelstilzchen oder Stumpelrizchen. Ebenso unter den Tisch fallen die Radieschen, das Roulette oder der Radar.

Es wird: Riechorgan.

Wem das merkwürdig vorkommt, den darf ich daran erinnern, dass ich als Kind in mancherlei Dingen etwas seltsam war. So hatte mich in jungen Jahren das Morse-Alphabet fasziniert. Ohne Internet, ohne Handys, ohne all die technischen Neuerungen war es für die Schifffahrt und die Textübertragung wohl zumindest noch von einiger Bedeutung. Mich faszinierte diese Kombination von Strichen und Punkten schon, bevor mich die Kombination von 0 und 1 so richtig packte. 0001 + 0011 = 0100. Aber damit habe ich mich erst später beschäftigt.

Vermutlich habe ich wieder Seiten über Seiten mit Morseschrift bedeckt, vorhandene Gedichte in Morseschrift umgesetzt. Aber wie merkt man sich diese ganzen Kombinationen? Wie soll man seinem Gehirn einprägen, dass A „Punkt Strich“ (wobei ein Punkt einem kurzen, ein Strich einem langen Ton entspricht), B „Strich Punkt Punkt Punkt“ (lang-kurz-kurz-kurz) und C „Strich Punkt Strich Punkt“ (lang-kurz-lang-kurz) ist? Natürlich hatten schon lange vor mir Menschen dafür eine Hilfe geschaffen, ein Hilfsalphabet. In diesem Alphabet entspricht eine Silbe mit O einem Strich, eine Silbe mit einem anderen Vokal einem Punkt. Für A kann ich mir leichter „A-tom“ = Punkt-Strich und für B leichter „Boh-nen-sup-pe“ als Strich-Punkt-Punkt-Punkt merken. Dieses Hilfsalphabet habe ich auswendig gelernt. Was deshalb bemerkenswert ist, weil ich auswendig lernen immer verabscheut habe. Heute wünschte ich mir rückwirkend, dass ich in der Schule öfter zum auswendig lernen „genötigt“ worden wäre. Mein Vater, der deutlich nur naturwissenschaftlich interessiert war, konnte auch mit 50 Jahren noch die Glocke oder andere Gedichte zitieren, ich hingegen kann kein einziges Gedicht. Auswendiglernen können ist viel Übung, und zu meinen Schulzeiten war das sture Lernen schon ansatzweise verpönt. Schade, schade. Ein wenig mehr davon hätte sicher nicht geschadet.

Im ersten Gymnasialjahr – das hieß damals noch „Sexta“ – muss es gewesen sein, dass irgendein Quiz veranstaltet wurde. Jeder musste eine Frage an die Allgemeinheit stellen und wer diese Frage beantworten konnte, bekam einen Punkt. Konnte die Frage nicht beantwortet werden, bekam der Fragende, der natürlich die Antwort kennen musste, einen Punkt. So oder so ähnlich war das System. Als ich an die Reihe kam (vielleicht habe ich mich auch freiwillig gemeldet) bat ich um das Morsealphabet. Niemand konnte es. Nun fragte mich die Lehrerin, ob ich es denn könne? Klar doch, und ich fing an. Ich glaube, bei N haben sie mich freundlich gestoppt und mir geglaubt, dass ich den Rest auch noch kann.

Was man sich selbst beibringt, behält man besonders gut, finde ich. So kann ich dieses Alphabet auch heute noch fast vollständig. Nicht immer in der offiziellen Fassung, für manche Buchstaben hatte ich mir selbst etwas gebastelt, weil ich mir wohl das vorgegebene Wort nicht merken konnte.

A-tom, Boh-nen-sup-pe, Con-jak-boh-ne, Do-mi-nik, Eis, Fel-sen-grot-te, Groß-mo-gul, Hen-kers-mahl-zeit, I-da, Ja-wohl-O-dol, Koh-len-pott, Li-mo-na-de, Mo-tor, No-ra, Oh-Ot-to, Pe-lo-po-nes, ???, RIECH-OR-GAN, Sau-se-wind, Tau, Va-gan-den-tod, Wind-mo-tor, ???, ???

Drei weiß ich also nicht mehr, beim Z überrascht mich das. Ich habe im Internet nachgeschaut, dort gibt es eine modernisierte Tabelle, bei der einige Wörter neu für mich sind. Zum Beispiel Ventilator statt des gebastelten Vagandentods. Auch der Revolver ist ein wenig schicker als das Riechorgan. Warum man die Henkersmahlzeit durch Hausbesitzer ersetzt hat, lässt mich an Political Correctness denken, die dann aber auch den Revolver meiden sollte. Wobei ich die Kombination von Henkersmahlzeit und Hausbesitzer für einige Mieter durchaus für interessant halte.

Das Morsealphabet an sich stand auch meist in den interessanten Seiten am Ende von kleinen Taschenkalendern. Ich hatte einen ausgesprochenen Fable für diese kleinen Kalender, und zwar überwiegend nur wegen der interessanten Infos am Ende. So zum Beispiel auch die Kraftfahrzeugkennzeichen, damals noch ohne die neuen Bundesländer und die komischen Neuerfindungen, die einem heute manchmal auf der Straße begegnen. Selbstverständlich habe ich auch diese auswendig gelernt und auf längeren Autofahrten habe ich mit meinen Geschwistern kleine Wettbewerbe ausgetragen, wer die richtigen Städte kennt bzw. wer sie am schnellsten sagen kann. Wusste sie keiner von uns oder zweifelten wir an den Vorschlägen, konnte ich in meinem Kalender nachschauen! Leider kann ich nicht behaupten, dass ich immer Siegerin war. Wenn ich genauer darüber nachdenke, kommt es mir sogar eher so vor, als sei das ein Spiel ohne Sieger gewesen. Einfach so ein Spiel aus der Freude am Spielen.

Mein Vater war übrigens der Überzeugung, dass es finanziell am besten sei, alle zwei Jahre ein neues Auto zu kaufen. Was die finanziell geniale Folge hatte, dass wir jahrelang immer im Minus rumschepperten. Einmal wurde unter vorgehaltener Hand geraunt, dass das Konto 2000 Mark im Minus sei. Sorgenumwölbte Stirn der Mutter, dünne Lippen des Vaters. Der häufige Autowechsel gab mir einen neuen Anstoß: Notieren der Autokennzeichen und wenn möglich: auswendig lernen. Daran bin ich irgendwie gescheitert, obwohl ich die alle vorhanden Kennzeichen jedes Jahr fein säuberlich in den neuen Kalender übertragen habe. Gemerkt habe ich mir merkwürdigerweise doch eines: GM-UU 71. Wer fährt wohl heute mit diesem Kennzeichen herum? Strich-strich-punkt strich-strich punkt-punkt-strich punkt-punkt strich 71 (die Zahlen habe ich nie gelernt).

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2 Gedanken zu “Das Wilkesmannsche Alphabet

  1. Tausend 4. Februar 2017 / 18:15

    JawohlOdol, das Hilfsalphabet finde ich genial. Man müsste mal eine Geschichte mit den Wörtern schreiben … Vagandentod auf der Peloponnes oder wie viele Atome hat eine Henkersmahlzeit?

    • OneBBO 6. Februar 2017 / 07:11

      Das stimmt, da bietet sich eine Geschichte an. Maximal 2000 Zeichen, damit es wirklich spannend wird.

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