Das Wilkesmannsche Alphabet

11. Feb. 2017: Lass die Sau raus

S

 

S steht für so vielerlei. Dabei meine ich jetzt nicht Wörter, sondern Klänge. Zu S zählen auch St- und Sch-Laute. Daher ist die Abteilung S in alphabetisch sortierten Büchern auch immer recht groß. Die interessante Frage wäre: Wenn das deutsche Alphabet einen eigenen Buchstaben für „sch“ hätte – wie wäre die Rangfolge dann? Würde das S noch so weit oben stehen?

Ich könnte natürlich drei Rubriken eröffnen: eine für S, eine für Sch und noch eine für St. S wie Sommer, Sch wie Scharnier und St für Standpauke. Alle drei finde ich irgendwie irrelevant. Sanatorium ist ein schönes Wort, so vom Klang her, und erinnert mich an den Zauberberg von Thomas Mann. Ich weiß kaum noch, worum es in der Erzählung ging, denn mein Gehirn neigt dazu, Buchinhalte in die Kisten „kannste vergessen“ einzusortieren, mir aber durchaus die Titel zu merken, die mich beeindruckt haben. Wobei ich von Thomas Mann am liebsten Josef und seine Brüder gelesen habe. Im Deutschunterricht haben wir Tonio Kröger durchgenommen, was mir fast komplett die Freude an der mannschen Lektüre verdorben hätte, wie mir meine Schulzeit mit Sch leider viele Dinge vermiest hat. Ein anderes Buch, das ich gerne gelesen habe, war Siddharta (mit S) von Hermann Hesse (mit zwei kleinen s), aber auch da weiß ich nicht mehr, worum es ging. Siddharta war mein erstes Buch von Hesse, etliche habe ich noch gelesen. Siddharta gehörte auch zu den wenigen Büchern, die ich behalten habe, als ich meine „Bibliothek“ aufgelöst habe. Dies wiederum war die Folge der Lektüre von Simone (mit S) Beauvoir. Ihre Bücher habe ich mit Begeisterung verschlungen. Als „Das Alter“ herauskam, habe ich mir das sogar als gebundene Ausgabe (teuer, teuer, teuer!) gekauft, ich habe das Ende in einem Parkhaus auf dem oberen Parkdeck gelesen, man frage mich bitte nicht, warum dort. Auf jeden Fall sind mir die Tränen aus den Augen gelaufen, so traurig fand ich das, so wenig optimistisch. Schon zuvor, als ich einige ihrer Bücher gelesen hatte, fand ich plötzlich, ich müsse meinen irdischen Besitz auf das Minimum beschränken. Ich bin nicht radikal genug gewesen, meinen Traum („nicht mehr besitzen, als in einen VW-Bus passt“) umzusetzen, aber seit damals ist die Zahl meiner Bücher gering und das Aufräumen mit Aussortieren fällt mir immer wieder leicht. Heute habe ich noch eine kleine Sammlung von Märchenbüchern (Andersen, Grimm, Bechstein und Hauff, außerdem die komplette Sammlung 1001 Nacht, die ich übrigens auch von vorne bis hinten gelesen habe). Ach ja, und meine eigenen Bücher – noch.

Die Strafkolonie von Kafka beginnt mit St und gehört auch zu diesem Buchstaben. Ich weiß nicht, wie alt ich war, als ich mir das Buch aus dem Bücherschrank meiner Eltern nahm, es war auf jeden Fall zu früh. Ich fand es nur grausam, konnte aber – im Gegensatz zu heute, wo ich ganz einfach Bücher zuklappe oder bei Filmen wegschaue, wenn es zu gewaltsam wird – das Buch nicht aus der Hand legen. Noch nicht fähig, die Interpretation hinter der Geschichte zu sehen, hat mich das viele Jahre verfolgt.

Zwei deftige Wörter der deutschen Sprache führen das Sch: Sch… und A…loch. Sie haben insoweit Bedeutung in meinem Leben gewonnen, dass ich ihre Nutzung radikal eingeschränkt habe. Das war und ist eine gemeinsame Aktion mit meinem Kollegen. Wir fanden es beide eines Tages so unschön, wie man vor allem mit dem Sch..-Wort und englischen Pendants so um sich wirft. Also beschlossen wir: Jedes Mal, wenn einer von uns ein Wort aus der „verbotenen Liste“ verwendet, geht 1 Euro in eine gemeinsame Kasse. Dass wir dann irgendwann von diesem Geld essen gehen, ist natürlich eigentlich kontraproduktiv. Wir könnten versucht sein, wenn wir mal wieder essen gehen möchten, aber das Geld nicht reicht, beide einfach eine Schimpftirade, vollgestopft mit 1-Euro-Wörtern, loszulassen. Das haben wir bisher vermeiden können. Vor etwa zwei Jahren haben wir den Preis auf 2 Euro erhöht, 1 Euro begann, seinen Schrecken zu verlieren. Interessant ist dabei, das ist ähnlich wie beim Weglassen des Zuckers aus der Ernährung, wie empfindsam man (wieder) wird. Es fällt auf, dass man, wenn man einer Gruppe Menschen, vorwiegend junger Menschen, begegnet, garantiert nach wenigen Sekunden das Wort „Sch…“ hört. Wenn es nicht sogar das erste Wort ist, das man hört. Wir durchleben wohl eine Bedeutungsumwandlung, sind aber „zu alt“, um uns anpassen zu wollen. Das Wort hat einfach nicht mehr die Kraft wie in meiner Kindheit, es wird so verwendet, wie ich als Kind vielleicht „Mist“ gesagt habe.

Jeder kann das mal ausprobieren und 2-Euro-Wörter-Listen erstellen und mit jemandem vereinbaren. Das unsrige 2-Euro-Wort „Sch…“ kann ja draußen vorbleiben, weil es heute schon fast hoffähig ist.

Mein Kollege ist manchmal „empört“ über mein gutes Gehör. Wenn er im benachbarten Büro mal ausnahmsweise flucht, höre ich das fast immer und fordere die 2 Euro ein. Er bestreitet die Tat gerne – aber weiß auch, dass er keine Aussichten hat, meinem Gehör zu entfliehen. Auch ist er großzügiger als ich: Wenn ich mich mal so richtig ärgere und das 2-Euro-Wort fällt, sagt er meist: Du bist entschuldigt (mit sch). Ich bin da nicht so nett.

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