Das Wilkesmannsche Alphabet

W wie in Wilkesmann

12. März 2017: Wie war das?

W

Mit Fug und Recht kann ich behaupten, dass das W eine ganz wichtige Stellung in meinem Leben einnimmt: Mein Nachname beginnt mit W, ich bin in einer W-Stadt geboren, ich wohne in einer W-Stadt, ich habe Verwandte in Wiesbaden und ein Teil meiner Verwandtschaft stammt aus oder wohnt(e) im Westerwald. Mein Vater hieß (Friedrich) Walter, sein Vater wiederum Walter. Mein Sternzeichen ist die Waage, wichtige Menschen in meinem Leben waren Wassermänner. Ich denke, dass ich wahrheitsliebend bin. Der Nachname meiner ersten Schulfreundin begann ebenfalls mit W. Musik von Wagner habe ich mal sehr viel gehört, allerdings kann ich mit Sara Wagenknecht nicht viel anfangen. Ausnahmen, das weiß (mit w) ja jeder, bestätigen was. Sozusagen eine Wegel. Mein Graphikstudium habe ich an der jetzigen Gesamthochschule Wuppertal absolviert, die aber damals noch Werkkunstschule hieß. Das Institut für Orientalistik, in dem ich in Köln studiert habe, befindet sich in einer Straße namens „Weyertal“. Nicht ganz ernst zu nehmen sind vielleicht meine Bevorzugung von Waffenruhe und die wichtige Waage in meiner Küche.

Von meiner Kindheit weiß ich nicht mehr so viel wie manch anderer, meine Erinnerung ist sehr selektiv. Ich erinnere mich, dass mich meine Mutter mal ausgesperrt hat, mit Absicht, weil ich etwas „verbrochen“ hatte. Das fand ich nicht wirklich lustig. Dann erinnere ich mich, dass ich mich als kleines Kind einmal restlos verlaufen habe. Bzw. die Geschichte ist etwas anders: Meine ältere Schwester (sie ist sieben Jahre, also deutlich älter als ich) wollte sich mit einer Freundin treffen und meine Mutter sagte: „Nimm die Ute mal mit.“ Meine Schwester hat dann immer behauptet, dass sie es voll nervig fand, dass ich ihr ständig aufgehalst wurde. Wie auch immer, ich war den beiden lästig und am Ende einer Straße, die meine Schwester sehr übersichtlich fand, haben sie mich gefragt (weil ich angeblich rumgequengelt habe), ob ich alleine nach Hause finde oder haben es einfach vorausgesetzt und mich stehengelassen. Ich bin gefühlte 10 Kilometer durch ein Labyrinth gelaufen, das von Buchsbaumhecken begrenzt war. Dieses Gefühl der restlosen örtlichen Verlorenheit habe ich nie vergessen und ich kann mir gut vorstellen, dass es mitverantwortlich für meinen katastrophalen Orientierungssinn ist und die leichte Beklemmung, die mich in Parkhäusern beschleicht, wenn ich mein Auto nicht sofort finde. Der Rest ist erzählte Anekdote. Ich habe wohl jämmerlich geweint, ein freundlicher Mann kam und hat mich gefragt, wie ich heiße oder wo ich wohne oder er kannte mich, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich damals wusste, wo wir wohnten, ich kann maximal vier Jahre alt gewesen sein, eher jünger. Wie gut, dass ich meinen Namen mit W wusste. Er hat mich nach Hause gebracht und meine Schwester hat sicherlich kein freudiges Heimkommen gehabt.

Ein weiteres Erlebnis stammt aus meinen ersten Grundschultagen. Ich stand auf einer Brücke über einen kleinen Fluss und auf dem rechten Ufer, eigentlich gar nicht in meinem Weg, stand ein großer Hund (Schäferhund?) und bellte so laut, dass ich mich nicht mehr getraut habe, weiterzugehen. Ich sehe die Szene deutlich vor mir, bin aber nicht sicher, dass die Landschaft real so existiert. Und dann noch die Erinnerungen mit W:

Watussi.

Ich meine nicht die Rinder. Manche Menschen stehen in der Schulzeit das erste Mal auf Theaterbrettern und werden dadurch so geprägt, dass sie gar nicht mehr anders können, als in das Schauspielfach einzusteigen. Ganz so war es bei mir nicht.

In meiner Grundschule gab es einen Tag im Jahr (eigentlich zwei), an dem öffentlich alle Kinder, nach Schulklasse eingeteilt, etwas präsentierten. Gäste kamen, natürlich die Familien. Es wurden auch Eintrittsgelder genommen, die vermutlich nicht in die Taschen der Lehrer flossen. Meine Klasse nun sollte ein Stück einproben, indem auch ein Häuptling vorkam. Er hatte zwar keine tragende, d.h. großartig handlungsbeeinflussende oder wortreiche Rolle, war aber eben ein Häuptling. Diese Rolle wurde mir übertragen. Ich trug einen Bastrock, irgendwas am Oberkörper und sollte geschminkt werden. Eigentlich stand ich die ganze Zeit herum, trat nur an einer Stelle nach vorne, sprach „Watussi!“ und verschwand wieder in die Hintergrundreihe. Der Text war nicht schwer zu lernen. Die erste Aufführung kam, meine Eltern waren aus irgendeinem Grund verhindert. Meine große Schwester hatte mich geschminkt. Das muss bombastisch gewesen sein, alle waren davon sehr beeindruckt. Vermutlich hat sie alle Farben, derer sie habhaft wurde, künstlerisch über mein Gesicht und meine Arme verteilt. Nein, das ist keine Ironie, sie hat das wirklich toll gemacht. So stand ich dort, allseits bewundert… und habe meinen Einsatz verpatzt. Ich bin zu früh nach vorne getreten, habe meinen Text losgelassen, ups, da wurde es mir klar. Ich verschwand wieder in die Rückreihe und habe ihn dann an der richtigen Stelle wiederholt. Das war doof, aber nicht sonderlich traumatisch. Weniger angenehm war, dass ich auf die Farbenpracht mit einer fetten Allergie reagiert habe. Also konnte meine Schwester ihr Wunderwerk am nächsten Tag nicht wiederholen, ich wurde einfach mit einer dicken Schicht Niveacreme eingepackt, nur auf dem Gesicht, versteht sich. Meinen Text habe ich dann auch korrekt gebracht, aber meine Eltern haben mich dann nie in der guten Version gesehen, zum Leidwesen meiner maskenbildnerischen Schwester und mir.

Eine weitere W-Erinnerung hat ebenfalls mit meiner Schwester zu tun. Wozu ich wiederholen möchte, dass meine Schwester wesentlich älter ist als ich und meine Ankunft nicht so toll fand, wie ich später das Eintreffen meines fast sieben Jahre jüngeren Bruders. Sie hat den Altersunterschied häufig genutzt, um mich ein wenig zu piesacken. Da ich immer offen heraus war und sie damals so ein wenig hinterrücks, sah es häufig so aus, als hätte ich was gemacht. Ein kleines Beispiel: Sie trat mich unauffällig unter dem Tisch, ich trat offensichtlich zurück… sie bestritt alles mit Unschuldsmiene und ich war dran. Das war Teil ihrer Tagesordnung. Sicher hatte sie auch andere Sorgen, aber mir kam das so vor. Eines Tages, ich war noch nicht eingeschult, musste sie etwas weben. Das war früher so, irgendwann war Weben an der Reihe. Ich sehe die Holzwebrahmen noch deutlich vor mir, ich finde Weben auch heute noch faszinierend. Im Gegensatz zu mir später, die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingeschult war, war meine Schwester keine große Freundin des Faches Handarbeiten. Die Dinge kosteten sie viel Schweiß und Unwillen. Nun hatte sie ein ganzes Stück gewebt, war ziemlich stolz darauf. Und dann hat sie mich wieder ein wenig ihrer Unterjochung ausgesetzt. Daraufhin habe ich, als sie nicht im Zimmer war, kurzerhand zur Schere gegriffen und ihr stolz Gewebtes schnipp-schnapp durchgeschnitten. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, selbst als sie heulend zu meiner Mutter lief, und ganz ehrlich – ich habe es heute immer noch nicht, auch wenn sie mir im Nachhinein leidtut. So etwas geht durchaus parallel. Meine Mutter war total aufgebracht und ich glaube, sie hat mir eine gelangt. Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich von ihr eine Ohrfeige bekommen habe, sicher von ihrer Sicht aus verdient. Dann hatte sie zwei heulende Blagen um sich.

Vielleicht sollte ich mir noch einmal einen solchen einfachen Webrahmen kaufen, wenn es die noch gibt, und meine Freunde und Familie mit selbstgewebten schmalen Stoffstücken beglücken.

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