Das Wilkesmannsche Alphabet

Die Xsche Xantippe.

18. März 2017

X

Irgendwann in den achtziger Jahren war ich in Xanten, was sich ohne h hinter dem t schreibt, das habe ich gerade kontrolliert. Ich war mir nämlich nicht mehr sicher.

Mit achtziger Jahren meine ich nicht das 21. Jahrhundert, denn dann würde ich einen Roman schreiben, dessen Titel zum Beispiel lauten könnte „Zeitreise 70 Jahre rückwärts in das Jahr 2016“. Ein anderer möglicher Titel wäre „Zeitreise nach vorne: Blick aus dem Jahr 2016 in die kommenden Achtziger“. Was bedeutet, dass ich es extrem merkwürdig finde, dass ich häufig lese „die 80er des letzten Jahrhunderts“. Ja, welche sollen das sonst sein? Keiner spricht über die Zeit 1880-1889 oder 1680-1689 als „den Achtzigern“. Da gibt es andere Begriffe. Für mich sind die 80er ganz klar definiert als „1980-1989“ und ich finde diese Umschreibungen künstlich. Wenn die Welt einmal in den 80ern des 21. Jahrhunderts angekommen ist, wird sich das problemlos ändern können. Ob in Xanten oder anderswo.

Mein damaliger Freund und ich haben häufig samstags kleine Ausflüge mit dem Auto unternommen. Dabei habe ich die eine oder andere deutsche Stadt kennengelernt, die mir zuvor völlig unbekannt war. Nicht alle Städte sind mir in Erinnerung geblieben, warum dann also Xanten? Weil es mit einem X anfängt und mir daher kein X für oder vor ein U machen kann?

Es gibt zwei Dinge, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Da ist einmal der imposante Dom von Xanten. Wobei es nicht so sehr der Dom ist, sondern die fratzenhaften Figuren, die ihn von außen schmücken. Ich liebe das englische Wort dafür, „gargoyles“ für gotische Wasserspeier mit Fratzengesicht (so von leo.org übernommen). Das Wort „gargoyle“ sammelt das Wasser schon in der Kehle, wenn man es spricht. Außerdem ist es viel mystischer für mich als das profane Wort „Wasserspeier“. Ein Dom mit Wasserspeiern? Wie langweilig. A cathedral with gargoyles? Faszinierend und es lässt nicht los. Wie man sieht, denn auch nach Jahrzehnten erinnere ich mich daran. Große Teile des Doms waren gerade Baustelle. Das scheint sich aber bei allen Dombauten zu wiederholen. Letztlich war ich in Paderborn. Dort gibt es auch einen Dom, der von außen mit einem Gerüst umbaut ist.

Das zweite Erinnerungsmerkmal von Xanten ist deutlich profaner. Zwar hatte ich damals noch nicht die Vollwertkost entdeckt, bei weitem nicht, zog aber eine Suppe oder einen Salat doch schon einem Stück Kuchen vor. Was mich deutlich vom Freund unterschied. Cafés boten damals auch immer eine kleine Karte mit Herzhaftem an, gerne war es Gulaschsuppe oder Toast. Toast war nie mein Ding. Das Café, in das wir einkehrten, bot nicht nur dem Freund köstlichen Kuchen, sondern mir auch eine kleine Salatspeisekarte. Ich wählte einen gemischten Salat mit gebratenen Hühnerbruststückchen. Dieser Salat muss der Beste seiner Art gewesen sein, den ich je gegessen habe, sonst hätte er mich sicherlich nicht bis ins Jahr 2016/2017 beeindruckt. Und das in einem ganz, ganz normalen Café. Reiste ich heute nach Xanten, würde mich der Salat wegen des Hühneranteils nicht mehr locken, außerdem würde ich das Café gar nicht wiedererkennen. Ich kann mir Lecker-Kulinarisches sehr gut merken, und wenn ich die Dinge Revue passieren lassen, die mich besonders beeindruckt haben, sind es im Erwachsenenalter immer Salate und ähnliches. Niemals Kuchen. Anders ist das mit den Erinnerungen aus der Zeit, als ich noch zu Hause wohnte. Der Sauerbraten meiner Mutter war legendär, genauso die (mit Hackfleisch) gefüllten Kohlrouladen, ihre Königsberger Klopse und ihr unschlagbarer Schweinebraten. Wobei mich beim Schweinebraten die Soße deutlich mehr begeisterte als das Schwein, das brauchte ich gar nicht. Die Kohlrouladen habe ich mir noch einmal gewünscht, als meine Mutter schon schwer krebserkrankt war. Damals fuhren mein jetziger Ex-Gatte und ich einmal in der Woche zu meiner Mutter und sie hat für uns gekocht, wir haben dann noch zusammengesessen und geschwätzt. Mein Exmann hat heute noch sehr positive Erinnerungen an diese Dienstagabende. Was sie damals zum Exzess trieb und was schon einige Jahre vorher angefangen hatte, war diese Unruhe beim Essen. Das konnte mich zur Weißglut treiben: Ich hatte den letzten Bissen gerade vom Teller genommen, da entriss sie mir den Teller, um ihn umgehend zu spülen. Gemütlich ist anders. Sie hatte natürlich irgendeine plausible Erklärung dafür, die mir aber nur pseudoplausibel erschien. Zehn Minütchen später hätten sich die Essensreste auch nicht auf ewig mit dem Teller verbunden. Ach ja, die Kohlrouladen. Die waren enttäuschend, sie hatten einfach nicht den leckeren Geschmack des Vor- oder Vorvorjahres. Irgendetwas war ihr entglitten. Ich habe mich dann damit abgefunden, dass es diese Kohlrouladen nur noch in meiner Erinnerung gibt. So wie den leckeren Salat in Xanten.

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4 Gedanken zu “Das Wilkesmannsche Alphabet

  1. Tausend 18. März 2017 / 18:22

    Irgendwo gibt es ein Gedicht über einen gurgeling gargoyle. Wenn mir nur einfallen würde, wo das herkommt …

    Werd wohl mal nach Xanten fahren und dort Salat essen.

    • OneBBO 18. März 2017 / 18:42

      Besser ohne die Hühnchenstücke.

  2. BettinaN 20. März 2017 / 22:12

    Aus den den Achtzigern habe ich auch eine kulinarische Erinnerung an Xanten: Buchweizenpfannkuchen im Museumscafé. Ging zumindest schon in Richtung Vollwert.

    • OneBBO 21. März 2017 / 07:42

      Xanten scheint ja eine unbekannte Hochburg des guten Essens zu sein. 🙂

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