Die Schulzeit

Eingeschult worden bin ich in Delmenhorst. Damals wurden Kinder noch im Frühjahr eingeschult. Ein halbes Jahr später sind wir nach Gummersbach gezogen, weil mein Vater die Stelle gewechselt hat. Ich war als Kind extrem schüchtern, muss ich vorausschicken. Das hat sich lange gehalten, bis Mitte 20 etwa.

Vermutlich hat mich meine Mutter ein paar Mal begleitet, damit ich den Weg lerne. Der war gar nicht so schwer, aus dem Haus nach rechts, um die Ecke, links einen kleinen Berg runter und dann fast immer geradeaus bis zur Schule. Also verlaufen wäre sehr schwer gewesen. Auf der rechten Seite (vom Rückweg aus gesehen) waren Gärten, die mit so einem Drahtzaun (grün, der Draht bildete Rauten) zum Bürgersteig abgegrenzt waren. In einigen wuchsen diverse Bäume und Sträucher. Unter anderem ein Gewächs, dessen Blätter intensiv nach einer Apfelsorte riechen, wenn man ein Blatt zwischen den Händen zerquetscht. Es war aber kein Apfelbaum. Den Geruch habe ich heute noch in der Nase und erkenne ihn auf Anhieb wieder.

Woran ich mich erinnere, ist ein Tag, an dem ich aus irgendeinem Grund zu spät war. Alle waren schon in der Klasse. Alle Türen geschlossen. Kein Mensch weit und breit zu sehen, weder Erwachsene noch Kinder. Ich habe mich auf die Stufen im Flur gesetzt, die große Wanduhr im Blick, und mich einfach nicht in meine Klasse getraut. Schließlich bin ich weinend wieder nach Hause gelaufen. Meine Mutter hat mich dann wieder zur Schule gebracht. Vermutlich hat sie dem Lehrer (ja es war ein Lehrer, keine Lehrerin 🙂 ) das erklärt.

Was danach kam, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich auch nicht mehr an den Weg. Aber ich habe immer noch dieses verzweifelte Gefühl parat, wie ich auf der Treppe sitze, kein Mensch zu sehen, und ich weine, weil ich mich nicht traue, die Klassentür zu öffnen.

15 Gedanken zu “Die Schulzeit

  1. Daniela 12. Juli 2021 / 17:48

    Das kann ich dir so gut nachfühlen, ich hätte mich ähnlich gefühlt. War auch ein eher sensibles Kind, dass es jedem recht machen und alles möglichst gut machen wollte. Ein bisserl ist das in meinem Herzen heute immer noch so, bloß kann ich es heute besser überspielen.

    • OneBBO 12. Juli 2021 / 17:57

      Hmm, ich war eher bekannt und berüchtigt für meinen Dickkopf. Mein Vater hatte eine Anekdote: Wenn meine Schwester und ich z.B. eine dreckige 1-Mark-Münze aufgehoben hätten und er sagte: Du darfst diese Münze nicht anheben!, hätte meine Schwester sie losgelassen und bei nächster Gelegenheit eine 50-Pfennig-Münze aufgehoben, ich aber hätte die 1-Mark-Münze nicht losgelassen, bis man sie mir aus der Hand „gezwungen“ hätte 🙂

      • Daniela 12. Juli 2021 / 18:16

        Ha, dann waren wir eher unterschiedlich, was das betrifft. Aber einen eigenen Kopf hatte ich trotzdem auch immer schon. 😉

  2. Helga 12. Juli 2021 / 18:08

    Ich brauchte nicht alleine zur Schule gehen, ich babe ein Zwillingsbruder.

    • OneBBO 12. Juli 2021 / 18:39

      Das ist natürlich sehr praktisch 🙂

  3. veganundklücklich 13. Juli 2021 / 02:57

    Ich kann mich so gut in deine Gefühle von damals rein versetzen!
    Ich könnte so viel aus meiner Schulzeit erzählen, es fühlt sich an wie gestern, viele nicht so schöne Dinge erlebt, mit ach so klugen und angeblichen gebildeten Lehrern.

    • OneBBO 13. Juli 2021 / 10:04

      Da können wir uns die Hand reichen – in den letzten vier Schuljahren kam ich auf eine Schule, die für mich nur schlimm war. Eigener Wille? Nicht erwünscht…

  4. veganundklücklich 13. Juli 2021 / 03:03

    Noch vergessen, ich musste ab dem 8 Lebensjahr, immer eine Stunde mit dem Rad zu Schule fahren, bei Wind und Wetter. Bei minus 10 – 12 Grad nicht wirklich toll oder wenn man bis auf die Unterhose durchnässt in der Schule angekommen ist und gerade so zum Schulende getrocknet ist und wieder in den Regen raus musste.
    Schlüsselkind, was mich aber so gar nicht gestört hat, ganz im Gegenteil.
    Ich dürfte zum Glück immer an den Herd und habe mir dann meisten erstmal etwas zu essen gekocht, ja gekocht, kein fertig essen oder so. …

  5. muffinluff 13. Juli 2021 / 08:46

    Irre, wie deutlich und scharf sich solche Erlebnisse einbrennen-ich habe davon auch einige. Als Erwachsener macht man sich (finde ich) oft nicht so bewusst, wie sehr ein Kind vilelleicht grade unter einer Situation leidet und Kämpfe mit sich ausfechten muss.

    • OneBBO 13. Juli 2021 / 10:07

      Als Erwachsener muss man auch immer im Gedächtnis behalten, dass eine so dahin geworfene z.B. ironische Bemerkung bei einem Kind einen jahrelang anhaltenden Minderwertigkeitskomplex oder Schaden hervorrufen können.

      • muffinluff 14. Juli 2021 / 12:27

        Das stimmt absolut.Die Tragweite dessen sollte man wirklich bewusst auf dem Schirm haben und sich danach verhalten.

    • veganundklücklich 13. Juli 2021 / 12:09

      Oh ja, sie brennen sich sehr ein, ich bin inzwischen 41 Jahre alt und habe noch heute im Ohr als sei es gestern, Du bist nicht, Du kannst nichts, Du wirst nichts und das vor der ganzen klasse. Die Aussage würde von meinen Klassenlehrer getätigt, weil ich etwas im Englisch Unterricht nicht beantworten konnte. Grundschule.

      • OneBBO 13. Juli 2021 / 12:35

        Unglaublich, oder? Vor 35 Jahren war ja auch kein Mittelalter mehr!

        • veganundklücklich 14. Juli 2021 / 02:55

          Traurig aber wahr, war leider kein Einzelfall.

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