Frank Escherbach Nr. 2

Strawberries forever

Im Frankenland, in einem kleinen Dorf bei Münchhausen war es eine lange Tradition, einmal jährlich in der zweiten Junihälfte die Erdbeersaison mit einem Straßenfest ausklingen zu lassen. Dieses Fest wurde seit Beginn von den Bauern aus der Umgebung organisiert. Der Hauptträger der Veranstaltung war Klaus Escherbach, der in der vierten Generation das Familienunternehmen – einen Biohof führte. Dieses Jahr fand das Fest am 17.6. zum zwanzigsten Mal statt, genau zu dem Datum, an dem es von seinem Vater, Karl Escherbach, ins Leben gerufen wurde.

In Münchhausen und Umgebung freute man sich auf das Fest und man arbeitete fieberhaft an der Planung und Vorbereitung. Es sollte in diesem Jahr anlässlich des Jubiläums ein Event mit vielen Besonderheiten und Attraktionen werden. Zu den Besonderheiten zählte zum einen die Wahl einer Erdbeerkönigin sowie ein literarischer Wettbewerb, der vom Münchhausener Wochenblatt ausgeschrieben war: Jeder, der Lust und Laune hatte, konnte eine Erdbeergeschichte schreiben. Minimum 1000, maximal 2000 Wörter. Der Einsendeschluss war eine Woche vor dem Fest. Die Preisverleihung für die beste Geschichte sollte nachmittags nach der Wahl der Erdbeerkönigin stattfinden. Am Abend nach dem Straßenfest plante man in diesem Jahr sogar ein Festzelt, um die Jubiläumsfeier mit Tanz und Musik abzuschließen.

Der 17.6. wurde ein sonniger, warmer Tag. Eine große lange Tafel war durch die Dorfstraße aufgebaut. Hier fand man die von den Bauern angebotenen kulinarischen Köstlichkeiten zum Verkauf und zum Schlemmen vor Ort: frische Erdbeeren, Marmelade, Erdbeerwein-Schnaps-und Bowle, Waffeln mit Erdbeeren, Erdbeertorte und vieles mehr.

Einige Kinder kamen in Verkleidung zum Fest. Sie liefen an den Tischen vorbei und trugen manchmal lustige Reime vor:

Erdbeere rot und rund,
steckt man gerne in den Mund.
Erdbeeren frisch und rot,
schmecken besser als trocken Brot.

Dafür wurden sie mit einer Kugel leckerem Erdbeereis belohnt.

Die Dorfband spielte Oldies und Schlager zum Mitsingen. Strawberry Fields hörte man immer wieder und das „FOREVER“ sangen die Besucher jedes Mal wie einen Refrain laut mit. Nach dem Genuss des Erdbeerweins wurde der Gesang auch schon mal lauter!

Nun ging das Straßenfest zu Ende. Es war ein voller Erfolg, ein wahrhaft gelungenes Fest! Die Veranstalter beeilten sich, die letzten Stände und Tische abzubauen, um rechtzeitig zur Feier im Festzelt zu erscheinen. Auch Frank, der Sohn von Klaus Escherbach, hatte seinem Vater bis zum Schluss beim Aufräumen geholfen. Nun eilte er nach Hause, um seinem Großvater von dem erfolgreichen Fest zu erzählen. Er brannte vor Neuigkeiten! Er sprang die Treppen zum Eingang hinauf, nahm mehrere Stufen auf einmal und eilte in die Stube, in der ihn sein Großvater schon erwartete.

„Hallo, mein Junge, endlich bist Du da! Ganz herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag!“ – und dabei zog er ein kleines Kuvert aus der Hosentasche und steckte es seinem Enkel zu. Frank umarmte ihn und bedankte sich. „Mann, Opa, war das ein geniales Fest! Einfach klasse! So viele Besucher! Wir haben fast alles verkauft und dann, stell Dir vor“…seine Worte überschlugen sich vor Begeisterung! „Aber ich will mich erst frisch machen und für das Fest umziehen, dann stoßen wir auf meinen Geburtstag an und ich erzähle Dir alles ausführlich.

Bevor Frank die Stube verließ, blieb er kurz stehen. Sein Blick fiel auf die Wand mit dem großen Gemälde des elterlichen Bauernhofes und den umliegenden Erdbeerfeldern. Im Gegensatz zu seiner eher wehmütigen Stimmung, die der Anblick des Bildes sonst bei ihm auslöste, zeigte sich heute ein zufriedenes, ja schon glückliches Lächeln auf seinem Gesicht. Das war seinem Großvater nicht entgangen….

Er setzte sich in seinen Ohrensessel, lehnte sich zurück, schloss die Augen und seine Gedanken schweiften in Franks Kindheit zurück.

Nach langem vergeblichen Warten auf Nachwuchs, konnte die Familie am 17.6.1971 endlich die Geburt eines Sohnes feiern. Groß war die Freude über den lang ersehnten Stammhalter.

Der Hof war seit Generationen im Besitz der Escherbachs, einer alt eingesessenen fränkischen Familie. Sein Sohn Klaus hatte das Familienunternehmen inzwischen zu einem florierenden Biohof mit Erdbeerplantagen und deren Produkten entwickelt. Für den Vater war klar, dass sein Sohn Frank Nachfolger des Hofes würde.

Trotz der Milchallergie, die sich kurz nach der Geburt bei seinem Enkel einstellte, entwickelte Frank sich gut.

Zu seinem ersten Geburtstag hatte seine Mutter eine Erdbeertorte zubereitet. Die ersten Erdbeeren für Frank! Sie brach von seinem Tortenstück eine kleine Spitze ab und schob sie ihm in den Mund. Frank verzog das Gesicht, streckte die Zunge heraus und spuckte alles sofort aus. „Was hat er denn? War die Erdbeere vielleicht zu groß?“ fragte die besorgte Oma. Nun zerdrückte die Mutter die Erdbeere und reichte sie Frank auf einem Löffel. Schon beim Annähern des Löffels an den Mund kniff er die Lippen feste zusammen und drehte den Kopf zur Seite. Welch ablehnende Haltung und was für ein Gesichtsausdruck! Wie bei Spinatbrei, den verweigerte er genauso, weil er ihn nicht mochte.

Sollte er etwa keine Erdbeeren mögen? Unvorstellbar! Sein Vater wollte es wissen! Er schob ihm daher gewaltsam ein kleines Stück der Erdbeertorte in den Mund und verhinderte das Ausspucken. Es dauerte nicht lange: Mit Widerwillen und nur langsam schluckte Frank es hinunter. Dicke Tränen kullerten dabei über die Wangen. Dann begann er wie wild zu schreien, lief dunkelrot an, sein kleiner Körper bebte und er japste nach Luft. Ein schrecklicher Moment! Die Familie brach in Angst und Panik aus.

Dieser schreckliche Vorfall war so prägend, dass auch ohne die Diagnose des Arztes niemand mehr gewagt hätte, Frank gegen seinen Willen Erdbeeren einzuflößen. War seine Abneigung gegen Erdbeeren vielleicht eine instinktive Schutzmaßnahme gegen die später vom Arzt diagnostizierte Erdbeerallergie?

Im Dorf hielt man die Allergie geheim, um der Häme anderer Bauern zu entgehen. Frank litt weniger unter der Situation als die Familie. Erst später, als ihm bewusst wurde, dass er den Hof wohl nicht übernehmen kann, belastete ihn die Situation und stimmte ihn traurig. Wie stolz war er auf seine Familie! Wie gerne hätte er dem Vater den Wunsch des Stammhalters erfüllt!

Der Großvater wurde durch das Hupen einer vorbeifahrenden Fahrzeugkolonne aus seinen Erinnerungen gerissen. Er war doch wirklich eingenickt! Sein Enkel schien noch nicht fertig zu sein und so lehnte er sich noch einmal zurück und rief sich in Gedanken die Kinderjahre seines Enkels in Erinnerung:

Um genügend Zeit mit seinem Enkel zu verbringen, hatte er sich immer mehr aus dem Familienunternehmen zurückgezogen. Er liebte seinen Enkel über alles!

Frank war ein lieber, lustiger, aufmerksamer Junge, der wie er die Natur liebte. Wenn das Wetter es zuließ, spielte er von morgens bis abends draußen. Er konnte sich gut alleine beschäftigen, aber am liebsten war er mit ihm, seinem ‚Babai‘, wie er ihn als Kind nannte, unterwegs. Sie schlenderten gemeinsam über den Hof oder machten Spaziergänge im Wald. Dabei wurde er nie müde, die vielen Warum“ seines Enkels geduldig und anschaulich zu beantworten, auch wenn er sich manchmal über die Hartnäckigkeit wunderte. Frank bohrte so lange und ließ nicht eher locker, bis er eine für ihn verständliche Antwort bekam.

Bei den Ausflügen im Wald beobachteten sie die Tiere und lauschten deren Stimmen. Frank lernte schon sehr früh Vogelstimmen erkennen. Auch das “Bellen“ eines flüchtenden Rehs wusste er vom Bellen eines Dackels zu unterscheiden. Ganz besonders viel Spaß bereitete ihm das Spuren lesen der Wildtiere. Er besaß eine ausgeprägte Beobachtungsgabe, weshalb er seinen Enkel oft „kleines Falkenauge“ nannte.  Frank prägte sich die unterschiedlichen Gangarten und Abdrücke gut ein und man war erstaunt, wie schnell er sich die besonderen Kennzeichen merkte. Als beim Nachbarn die Hühner geklaut wurden, entlarvte er den Dieb anhand des Schürgangs und der Fußspuren als Fuchs.

Der Großvater schmunzelt bei der Erinnerung. Seine kleine Spürnase! Ob hier schon die ersten Samenkörner für seine spätere Berufswahl gesät wurden?

Mit Beginn der Schulzeit wurden die gemeinsamen Spaziergänge zunehmend seltener, da Frank, kaum, dass er lesen konnte, seine Spürnase in Bücher steckte, um dort den Tätern auf die Spur zu kommen. Er war eine Leseratte. Ganz besonders gerne las er Kriminalgeschichten. Angeregt von Erich Kästners Emil und die Detektive, Enid Blytons Geheimnisbüchern und Robert Arthurs Drei Fragezeichen, begann er schon bald sich selbst Detektivgeschichten auszudenken und zu schreiben.

In der Schulzeit wurde er für seine phantasievollen, ideenreichen Aufsätze stets gelobt. Es war ein Vergnügen sie zu lesen. Ein ganz besonderer Genuss waren seine Personen- und Bildbeschreibungen. Sie waren so präzise, so realistisch geschrieben, dass man beim Lesen das Gefühl hatte, im Geschehen mit dabei zu sein.

Der Vater seines besten Freundes war bei der Polizei. Kommissar Schulte. Frank bewunderte ihn und hörte immer ganz gespannt und aufmerksam zu, wenn er von Einsätzen und Fällen berichtete.

Immer mehr wuchs bei ihm der Gedanke, auch diese Laufbahn einzuschlagen, und so entschied er sich für den Polizeidienst.

Er bereitete sich für die Aufnahmeprüfung vor und arbeitete besonders an den sportlichen Leistungen, um den für die Aufnahme erforderlichen Sporttest zu bestehen. Mit großer Zuversicht bewarb er sich. Doch dann die erschütternde Nachricht: die Bewerbung wurde abgelehnt! Grund waren seine Allergien, die das Risiko eines anaphylaktischen Schocks bargen. Damit hatte niemand gerechnet! Die Absage traf seinen Enkel hart und warf ihn total aus der Spur. Sein Traum war geplatzt! Was sollte er nun machen?

Der Großvater seufzt tief, bewegt den Kopf hin und her und murmelt unruhig unverständliche Worte. Durch das vorsichtige Rütteln an seinem Unterarm wird er aus dem Schlaf gerissen. Frank steht vor ihm. „Opa, was hast Du? Hast Du schlecht geträumt?“ „Ach ja, mein Junge!  Deine Absage bei der Polizei ist mir wieder in Erinnerung gekommen. Es tut mir so leid! Wenn ich dir doch nur helfen könnte!

Frank sieht seinen Großvater an und dann breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, das gleiche, glückliche, zufriedene Lächeln, dass dem Großvater heute schon einmal aufgefallen war und wieder erhascht er dabei Franks Blick auf das Erdbeergemälde.

 „Opa, dieses Kapitel können wir jetzt abhaken! Du weißt ja noch nicht was passiert ist! Ich habe eine so tolle Nachricht! Franks Worte überschlagen sich vor Aufregung. Es wird sich alles ändern und daran hast Du maßgeblich teil. „Ich?“ Der Großvater blickt ihn fragend an. „Ja, DU, denn Du hast mich immer wieder ermutigt, meinen Spürsinn, wenn nicht bei der Polizei, dann doch literarisch zu nutzen!“

Ich habe an dem literarischen Wettbewerb teilgenommen. Mit meiner kriminalistischen Geschichte „Spuren im Erdbeerfeld“ habe ich den Wettbewerb aus dem Wochenblatt gewonnen!“ und dabei wirbelt Frank stolz den 100 Euro Gewinnschein in der Luft. „Meine Geschichte wird in der nächsten Ausgabe der Wochenzeitung veröffentlicht. Aber das ist noch nicht alles: Der Verleger einer namhaften Zeitschrift ist auf mich aufmerksam geworden. Er war von meiner Geschichte so überzeugt und begeistert, dass er mir einen Jahresvertrag für eine wöchentliche Kolumne für Kriminalgeschichten angeboten hat.

Der Großvater kann es kaum fassen. Er freut sich so sehr und mit Tränen in den Augen denkt er:  Wenn er auf das Leben seines Enkels zurückblickt, zieht sich doch ein Thema durch sein Leben: ERDBEEREN – es begann mit einem tragischen, ersten Erdbeerkontakt … und endet nun mit einer erfolgreichen Erdbeergeschichte! Hätte es ein schöneres Geburtstagsgeschenk geben können?

Nachwort: Nach diesem für Frank Escherbach erfolgreichen Erdbeerfest studierte er Journalistik und Literaturwissenschaft und ist heute – mit 51 Jahren – ein namhafter Schriftsteller. Man braucht allerdings einen ausgeprägten Spürsinn, um seine Erdbeerkrimis ausfindig zu machen!

2 Gedanken zu “Frank Escherbach Nr. 2

  1. Daniela 5. Juli 2022 / 11:30

    Wow, was für eine wahnsinnig kreative Geschichte! Wo nehmt ihr bloß diese tollen Ideen her?

    • OneBBO 5. Juli 2022 / 11:49

      Die Ideen schlummern. Die Frau, die das geschrieben hat – hat es sich nicht zugetraut. Da siehste mal.

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