Frank Escherbach Nr. 3

Bittere Rache

Anstatt die Formulare für Dreyer fertigzumachen, stöberte Frank in der Jobbörse herum. Die JVA suchte immer mal wieder Quereinsteiger. Frank hasste seinen Job als Bürofritze. Nicht nur, weil seine Eltern das nie hatten akzeptieren können und er sich deswegen stets wie ein Versager vorkam. Es war einfach absolut öde. Man erlebte nichts, fühlte sich aber trotzdem am Nachmittag völlig erschlagen, überwältigt von so viel Nichts. Klar, dass sein Vater das nicht verstand. Für ihn war das keine richtige Arbeit, was Frank da machte: um 9:00 Uhr anfangen, ein paar Formulare stempeln, ab und zu telefonieren. Ein Witz. Früher hatte er sich vor seinen Kollegen geschämt, wenn die fragten, was seine Kinder so beruflich machten. Entweder erzählte er nur von Ann-Kathrin, die als Krankenschwester ja wohl etwas leistete, oder er behauptete, Frank arbeitete bei der Stadtreinigung. 

„Stadtreinigung“ tippte Frank in das Suchfeld der Jobbörse. Sieben Treffer, keiner für seine Region. Nach Köln ziehen, um Müllmann zu werden? Mit Anfang 50? Frank schüttelte den Kopf. Aber bei der JVA würden sie ihn wohl auch nicht nehmen. Es gab zwar keine Altersbeschränkung, aber man musste einen Aufnahmetest machen. Und wie das ablief, wusste er nur zu gut. Als er sich damals nach der zehnten Klasse bei der Polizei beworben hatte, war er schon in der ersten Runde rausgeflogen. Irgendwie war das Gespräch schon nicht so gut gelaufen.

„Name?“

„Frank.“

„Ganzer Name, Junge.“

„Frank Escherbach.“

„Geburtsort?“

„Peine.“

„Geburtsdatum?“

„17. Juli 71.“

„Warum willst du zur Polizei?“

„Ja, also, ich möchte Verbrechen aufklären.“

„Wie Schimanski, wa?“

Der Beamte hatte ihn mit diesem Blick gemustert. Nicht mal sein Vater schaffte es, dass er sich so dumm und minderwertig fühlte.

„Ja, schon.“

„Dir ist schon klar, dass du mit deiner Statur wenn überhaupt für einen Bürojob infrage kommst?“

„Ähm, na ja.“

„Na, vielleicht überlegst du dir noch mal, was du wirklich willst.“

Es war so erniedrigend gewesen. Zur Sportprüfung hatte Frank sich gar nicht erst angemeldet. Seinem Vater hatte er von dieser Niederlage nichts erzählen wollen, aber seine Mutter hatte ihn natürlich ausgefragt und hinterher alles bis ins kleinste Detail an den Vater weitergetragen.

„Mensch, Junge, du bist wirklich eine Schande. Vielleicht solltest du dich mal ein bisschen mehr bewegen. Wenn du vielleicht bei Onkel Horst am Wochenende bei der Torte nicht so zugelangt hättest.“ – „Ach, Erich“, mischte Franks Mutter sich ein (heuchlerisch, dachte Frank, jetzt so zu tun, als wäre sie auf seiner Seite). „Das bisschen Torte wird doch nun auch keinen Unterschied mehr gemacht haben.“ – „Das ist ganz generell gemeint. Der Junge isst einfach zu viel und geht nie vor die Tür. Unsereins malocht den ganzen Tag. Und der feine Herr –“

„Ich habe nur ein Stück gegessen und das überhaupt nur, um Onkel Horst einen Gefallen zu tun. Ich kann Erdbeertorte nicht ausstehen, ganz besonders die von Onkel Horst nicht. Der macht da immer Pudding drauf und diese komische Glibbermasse.“ Frank war so wütend. Noch nie hatte er seinem Vater so direkt widersprochen. Es fühlte sich gut an. Und schrecklich zugleich. „Als ob du Nein zu Pudding sagen könntest.“ Frank hätte seinem Vater am liebsten die besagte Torte ins Gesicht geklatscht. Erstens, damit er endlich aufhörte, ihn zu piesacken, und zweitens, damit er einsah, dass man diese Torte wenn überhaupt wirklich nur aus Höflichkeit gegenüber dem Gastgeber essen konnte. Er war ja schließlich nie dabei, wenn sie die Verwandten abklapperten. Zufällig hatte er dann immer am Sonnabend Schicht.

Nach diesem Tag hatte Frank Erdbeertorte noch weniger leiden können, weil er dabei immer an dieses peinliche Gespräch und an seinen Vater denken musste. Obwohl er schon fast 17 war, hatte er zwei Wochen Hausarrest bekommen. Er konnte sich entscheiden, ob er es ihm rechtmachen sollte, um endlich einmal das ersehnte Lob zu bekommen, oder ob er jetzt erst recht aufmüpfig sein und aus Protest eine Ausbildung als Bürokaufmann beginnen sollte. Er entschied sich schließlich für letzteres.

Er hasste diesen Job von der ersten Sekunde an. Die Ausbildung war eine Qual. Heimlich träumte er von Verbrecherjagden und Dienstmarken. „Lassen Sie mich durch, Polizei!“ Vielleicht hätte er sogar zur Pferdestaffel gehen können. Alle hätten ihm bewundernd hinterhergesehen, wenn er mit seiner toughen Kollegin durch die Stadt geritten wäre. Die Pferde der Polizei waren riesig und schön. Und wenn sie am Nachmittag im Büro Kaffee tranken, dann war das verdient, weil sie ja am Vormittag schon die Welt gerettet hätten. Mit Mitte zwanzig waren ihm das erste Mal Zweifel gekommen, ob er es seinem Vater mit seiner Entscheidung wirklich so richtig gezeigt hatte. Aber da war die Verbitterung schon zu tief verwurzelt. So viel Zuckerzeug konnte er gar nicht essen, um die Bitterkeit vollständig zu überdecken.

Frank steckte sich einen Kopfhörer ins Ohr und ließ seine Playlist laufen. Spotify wollte ihn ständig dazu bringen, irgendwelche Podcasts über Finanzen oder queere Sexthemen zu hören. Er wollte einfach nur seiner Musik lauschen. Für die Bezahlversion war er aber zu knausrig, also ließ er es mehrmals pro Stunde über sich ergehen, wie überdrehte Frauenstimmen Markisen und Küchen anpriesen und Steffen und Felix für ihren Podcast warben, ohne je dabei zu offenbaren, worum es darin überhaupt ging.

Es klopfte an der Tür, und Frank riss sich den Kopfhörer aus dem Ohr. Natürlich arbeitete er hier konzentriert. Es war Leonie. Sie hatte am Wochenende Geburtstag gehabt und stellte ihm ein überdimensioniertes Stück Erdbeertorte auf den Schreibtisch. „Ich dachte, du könntest auch eine kleine Stärkung vertragen.“ – „Ja, danke“, maulte Frank. „Warum lässt du dich eigentlich nie im Gemeinschaftsraum sehen?“ – „Gründe“, murmelte er. „Zu viel Arbeit.“ Leonie zog eine Schnute und nickte ironisch-mitleidig, falls es so eine Art Nicken überhaupt gab. Frank war sicher, dass es genau so ein Nicken war. Konnte sie jetzt nicht einfach verschwinden? Frank würde auf der Stelle einen Verein gegen die Herstellung und den Verzehr von Erdbeertorte gründen, wenn sie endlich den Raum verlassen hätte. „Jetzt hör auf zu lächeln und zu quatschen“, fauchte er sie an, natürlich nur in Gedanken. Laut sagte er: „Ja, ja, danke. Ich muss jetzt leider ein wichtiges Telefonat führen.“ Junge, nervten ihn die Kollegen. Er steckte den Kopfhörer wieder ins Ohr. „Wir reden mit unseren Gästen offen über alle Tabuthemen.“ – „Gott!“, rief Frank aus und schickte gleich ein „Zum Teufel!“ hinterher, damit Eckart nebenan nicht denken konnte, es sei etwas Religiöses.

Missmutig schaufelte Frank sich das riesige Stück Erdbeertorte rein, das Leonie ihm gebracht hatte. „Das ist doch einfach widerlich“, schimpfte er vor sich hin. Er hatte das alles so satt.

Wenn man so ein vergeigtes Leben hatte, blieb einem ja praktisch nur eine Möglichkeit: ein Buch schreiben. Bücher kann man über alles schreiben, auch über vergeigte Leben. Manche Leute waren damit sogar ziemlich erfolgreich. Er musste ja noch nicht einmal über sein tatsächliches Leben schreiben, es konnte auch eine völlig fiktive Geschichte sein. Oder noch besser: Er könnte mehrere Versionen von sich erschaffen. Viele mögliche Franks mit ganz unterschiedlichen Leben. Am Ende würde niemand mehr wissen, welcher Frank er tatsächlich gewesen war. Vielleicht nicht einmal mehr er selbst.

2 Gedanken zu “Frank Escherbach Nr. 3

  1. Daniela 6. Juli 2022 / 18:44

    Klasse, auch super kreativ! Der Schimanski-Gag war cool. :))

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