Frank Escherbach Nr. 4

Zum ersten Mal seit vier Jahren nahm ich wieder meinen Füller in die Hand. Er war ein Geschenk meiner Mutter zum Abitur gewesen, das ist lange her. Wer schreibt heute noch mit Füller? Aber für den heutigen Zweck konnte kein Schreibgerät edel genug sein.

Ich beugte mich über den Schreibtisch, schraubte den Füller auf und kontrollierte den Füllstand. Er war gut. Vorsichtig strich ich mit der linken Hand über das Papier und schrieb:

„Ich, Frank Escherbach, geboren am 17.6.1971, setze als Erben zu gleichen Teilen ein: …“

Ein Klecks. Ach du je. Na, wenigstens kam der Fleck am Anfang und nicht erst, wenn ich fast mit dem Text fertig war. Vielleicht wollte das Schicksal mir über den klecksenden Füllfederhalter einen Tipp geben, dass ich die einzusetzenden Erben noch einmal überdenken sollte? Ich knüllte das Blatt zusammen und warf es in den Papierkorb. Ich nahm ein neues von dem 500-Blattstapel Druckerpapier.

Ich lehnte mich zurück. Dass ich nun mein Testament verfassen wollte, war ein Tipp meines Freundes Thomas gewesen. Mein Hinweis, dass ich doch erst 51 Jahre alt sei, wischte Thomas vom Tisch. „Jeder kann einen Unfall haben. Du bist alleinstehend, hast keine Kinder und deine Eltern sind tot. Willst du wirklich, dass dein Geld an den Staat fällt?“

„Na ja, so viel ist das auch nicht. Noch nicht einmal eine sechsstellige Summe.“ Ich musste Thomas, auch wenn er mein bester Freund war, nicht alles offenbaren. Etwa 54.000 Euro verwahrte ich in einem Bankschließfach, seitdem Sparbücher nichts mehr brachten. Und sollte ich arbeitslos werden, muss der Staat sich ja nicht noch an meinem mühsam Gesparten bereichern, geschweige denn an meinem Ableben. Irgendwie fand ich es schon morbide, über meinen eigenen Tod nachzudenken. Aber der Staat als Erbe?

Dem Staat schulde ich nichts! Damals, als ich mich bei der Polizei beworben hatte, was hatte der Staat gemacht? Mich ausgesondert, weil ich zu klein war. Ein Meter siebenundsechzigkommafünf maß ich damals, und ein Meter achtundsechzig mussten es sein. Das war doch Haarspalterei. Heutzutage gibt es Bundesländer, die mich – hätte ich die anderen Tests bestanden, wovon ich nach wie vor felsenfest überzeugt bin – genommen hätten. Thüringen zum Beispiel, aber das stand ja damals nicht zur Debatte. Nach Bayern wollte ich nun wahrhaftig auch nicht. Mittlerweile bin ich noch zwei Zentimeter geschrumpft. Aber mit 51 bewirbt man sich sowieso nicht als Polizeianwärter.

Auch als ich mit 42 Jahren arbeitslos wurde, hatte es nur Ärger gegeben. Angeblich war ich nicht willens, einen zumutbaren Job anzunehmen. Ich war gelernter Bäckereifachverkäufer, aber die Bäckereien wollten durch die Bank weg lieber Frauen einstellen. Das sagte mir natürlich niemand direkt ins Gesicht. Also hatte man mir vom Amt Angebote als Friedhofsgärtner oder Packer in einem Supermarkt zukommen lassen. Mir! Was glaubten die da in den Ämtern wohl, wer ich bin? Immerhin habe ich Abitur! So eine widerliche Zimtzicke im Amt hatte mir dann vorgeworfen, für Bäckereifachverkäufer hätte ich ja wohl auch kein Abitur gebraucht. Nee, das nicht, aber in der Bäckerei meiner Wahl arbeitete so eine niedliche Verkäuferin. Als Kunde kam ich nicht an sie ran. Als Azubi war ich zwar an die kleine Alexandra auch nicht rangekommen, aber da liefen genug andere Mädels rum. Ach, die süße Alexandra. Mit 1,58 Meter passte sie genau zu mir. Ihre roten Haare hatte sie auf der Arbeit immer hinten zusammengebunden. Sie war auch recht kess mir gegenüber, ich hatte mir deshalb lange Zeit Hoffnungen gemacht. Als sie mir ständig von den Restkuchen die Erdbeertorte anbot, dachte ich erst, sie will mich necken. Tausend Mal habe ich ihr gesagt, dass es genug des Scherzes sei, ich mag einfach keine Erdbeertorte. Erst später wurde mir klar, dass sie mir einfach nie zuhörte. Null Interesse an mir. Als ich dann ihren Freund sah, war ich geschockt. So ein langer Lulatsch von mindestens 1,80. Lutz König, was für ein alberner Name. Sie vergötterte ihn, obwohl er schiefe Zähne hatte und viel zu dünn war. Sie bemerkte einfach nicht, dass sie für mich geschaffen war.

Als ich dann endlich in meiner emotionalen Langsamkeit begriffen hatte, dass sie mich völlig übersah und nur freundlich zu mir war, wenn sie den Dienst tauschen wollte, da war es schon reichlich spät und sie schob so eine kleine Kugel vor sich her. Sie hatte mich verraten. Dafür habe ich ihr die Erdbeertorte, die sie mir anlässlich ihrer Verlobung anbot, zufällig aufs Kleid geworfen. Süße Erdbeerrache.

Leider hat es mit keiner Frau zu einer festen Bindung gereicht. Meine Mutter hatte mir damals vorgeworfen, ich sei aber auch wirklich zu wählerisch. „Du bist nur scharf auf ein Enkelkind“, hatte ich ihr zornig vorgeworfen und die Haustür hinter mir zugeknallt.

Alexandra König. Dich habe ich nie vergessen. Ich habe deinen Lebensweg verfolgt. Obwohl der Lutz ein echter Reinfall ist, bist du ihm treu geblieben. Ob du wohl weißt, dass ich immer an dich denke? Ich nähme dich heute auf der Stelle, auch wenn du zwei kleine Könige mitbringen würdest. Leider sehen die beiden dem Vater ähnlicher als dir.

Vorhin, als ich mit dem Testament anfing, wollte ich noch Luise, meine Kusine zweiten Grades als Erbin einsetzen. Da ist sonst niemand, der mal freundlich zu mir gewesen ist. Im Sandkasten haben wir zusammen gespielt. Später haben wir uns aus den Augen verloren, aber seit vier Jahren telefonieren wir ab und zu wieder. Auch wenn Norbert, Luises Mann, mich nicht ausstehen kann, hält sie den Kontakt zur mir aufrecht. Ich habe mal gehört, wie er über mich gesprochen hat: „So ein verbohrter bösartiger Junggeselle, vor dem muss man ja die Kinder verstecken. Hast du mal seinen lüsternen Blick gesehen, wenn er unsere Kinder ansieht und denkt, niemand beobachtet ihn?“ Sie hat mich verteidigt. Eigentlich als einzige nach meiner Mutter. Daher dachte ich, dass sie als Einzige das Erbe verdient. Auch wenn sie Erbschaftssteuer zahlen muss. Bei einem solchen Verwandtschaftsgrad ist das recht viel, ich habe mich erkundigt. Aber niemand weiß von dem Geld im Schließfach, das muss sie ja auch niemandem erzählen. Allerdings würde ich es irgendwie gern umgehen, dass Norbert einen Vorteil davon hat. Vielleicht ein zweckgebundenes Erbe und sie darf das Geld nur für Reisen für sich selbst ausgeben? Ob Luise das machen würde? Ja, ich denke schon. Sie geht wieder arbeiten und macht einen selbstständigen Eindruck.

Als ich mir das erste Mal über mein Testament Gedanken gemacht hatte, fiel mir sofort Luise ein. Und Thomas, mein bester Freund. Wobei man ja nicht weiß, ob er mich überlebt. Bei Luise ist das wahrscheinlicher, wenn ich nicht zu alt werde. Sie ist zehn Jahre jünger als ich. Aber Thomas ist sieben Jahre älter. So ganz gesund sieht er nicht aus.

Ich schüttelte den Füller ganz vorsichtig und zog ein paar Probestriche auf einem Blatt Papier. Keine Kleckse.

Ich schrieb erneut:

„Ich, Frank Escherbach, geboren am 17.6.1971, setze als Erben zu gleichen Teilen ein:“ und fuhr in der nächsten Zeile fort:

„Luise Vanderforst, Geraldweg 78, 45130 Essen, und Thomas Gutwald, Hoppeweg …“

Zack, der nächste Klecks. Wie ärgerlich! Die Tinte hatte sich diesmal soweit über das Papier ergossen, dass ich nicht weiterschreiben konnte. Was für ein Mist, dass so ein Testament handschriftlich aufgesetzt werden muss. Tippen, ausdrucken und Originalunterschrift, warum reicht das nicht?

Oder, fiel mir ein, will das Schicksal mir wieder etwas sagen?

Ich schraubte den Füller zu und legte ihn in die Schublade. Dann musste es eben ein Kugelschreiber sein. Ich nahm den blauen mit der dicken Mine, der schreibt so schön. Und während ich ihn mir so ansah, kam mir die Idee für das Testament. Ich setzte sofort an:

„Ich, Frank Escherbach, geboren am 17.6.1971, setze als alleinigen Erben ein: Frau Alexandra König, Wulsterallee 178a, 44225 Dortmund, als Dank für die vielen schönen Stunden, die wir im letzten Jahr zusammen verbracht haben.

Die Regelung meines Nachlasses soll durch einen Testamentsvollstrecker erfolgen. Deshalb setze ich meinen langjährigen Freund und Weggefährten Müller, Thomas als Testamentsvollstrecker ein. Sollte diese Person die Übernahme dieser Aufgabe nicht wahrnehmen können, soll das Nachlassgericht eine geeignete Person als Testamentsvollstrecker benennen. Der Testamentsvollstrecker soll den Nachlass möglichst zeitnah und nach meinen Anordnungen aufteilen. Die Vergütung richtet sich nach den jeweiligen Empfehlungen des Deutschen Notarvereins.

Essen, 12.8.2022

Frank Escherbach“

Sehr schön, ich war zufrieden. Das Gesicht von Lutz bei der Testamentsverlesung würde ich leider nicht mehr sehen. Aber schon im Voraus zerging die Rache in spe wie Mangoeis auf meiner Zunge. Ich goss mir ein Glas Whiskey ein. Ich mag keinen Whiskey, lieber trinke ich Bier. Aber so ein großer Anlass verdient eben mehr als ein schnödes Bier.

Meine Gedanken wanderten. Eine reizvolle Idee stellte sich mir dar: Wie wäre es, ich würde meinem Leben ein Ende setzen, es aber so aussehen lassen, als ob der olle Lutz mein Mörder sei? Bei der Verhaftung würde er seine Unschuld beteuern, aber Alexandra würde ihm kein Wort glauben und sich von ihm abwenden. Fünfzehn Jahre würde er mindestens bekommen. Alexandra könnte an meinem Grab weinen, sich über den Sarg werfen und bedauern, dass sie nicht viel früher erkannt hatte, dass ich der bessere Mann für sie gewesen wäre.

Das verlangte minutiöse Planung und auch, dass ich Lutz besser kennenlernen würde. Nein, das wollte ich auf keinen Fall.

Dennoch, der Gedanke an eine tränenreiche Beerdigung war verlockend. Wer würde aber um mich weinen? Luise wäre vielleicht etwas betreten, aber ob es zum Weinen reichen würde? Thomas wäre sicher traurig, aber als gestandener Mann, nee, wir harten Männer heulen nicht. Und Alexandra? Ob sie sich überhaupt noch an mich erinnert? Nur weil ich von Ferne ihr Leben verfolge, heißt das ja nicht, dass sie noch einen Gedanken an mich verschwendet. Vielleicht würde sie mich nicht mal mehr auf einem Bäckereifoto erkennen und käme gar nicht zur Beerdigung. Erst als der Notar sie anruft und sie vom Erbe erfährt, erinnert sie sich meiner und reibt sich die Hände. So viel Kaltschnäuzigkeit traue ich ihr allerdings zu.

Eigentlich bin ich einsam, stelle ich beim Ausmalen der Friedhofszeremonie fast. Außer Thomas habe ich niemanden. Luise, ein bisschen. Ich habe keinen Partner, keine Partnerin, niemanden, für den ich verantwortlich bin. Ich bin den Tränen nahe, weil ich mir so verlassen vorkomme. Ich weine und spreche mir selbst Beileid aus, ich tröste mich.

Ein zweiter Whiskey könnte helfen. Dann gehe ich zu Bier über. Das Testament zerreiße ich erst einmal. Morgen, morgen kann ich es fertigmachen. Schließlich gibt es da noch den Zooverein. Darüber denke ich dann mal nach, wenn ich wieder ausgeschlafen und munter bin.

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Ein Gedanke zu “Frank Escherbach Nr. 4

  1. Daniela 7. Juli 2022 / 17:23

    Wunderbar unterhaltsam! Aber diese Geschichte schreit nach Fortsetzung! Ich möchte doch wissen, wem Frank Escherbach nun sein Vermögen vermacht. 😉

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