Rasenheizung

Ich wusste bisher noch gar nicht, dass Fußballstadien ab einer gewissen Regionalliga verpflichtend über eine Rasenheizung verfügen müssen. Der Wuppertaler SV will gerade sein Stadion umbauen.

Sagt mal, sind die noch ganz richtig im Kopf, die sowas bestimmen und durchführen, während wir Normalmenschen von der Politik angehalten werden, im Winter bei Frösteltemperaturen im Wohnzimmer zu sitzen?

Solange solcher und ähnlicher Wahnsinn weiterbetrieben wird, bin ich überhaupt nicht bereit, meinen Energieverbrauch mehr einzuschränken, als ich, ich und nur ich für angebracht halte.

Wir werden diskriminiert!

Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass wir im Ausland ständig diskriminiert werden? Nein? Dann schaut euch doch mal an, was Deutschland oder Deutscher in den verschiedenen Fremdsprachen heißt.

Da haben wir beispielsweise die Engländer und Italiener die uns auf Germanen reduzieren. Germany bzw. Germania heißt Deutschland dort. Das trifft für viele Länder zu. Bin ich eine Germanin?

Die Bezeichnung Germanen ist ein Oberbegriff für Stämme zwischen Rhein, Donau und Weichsel. Sie hatten keine gemeinsame Identität und bekämpften sich regelmäßig untereinander. Ein Volk „Germanen“ hat es nie gegeben.

Nee, dazu kann ich mich nicht zählen. Ich laufe doch nicht rum und drohe dem nächsten Pfälzer mit dem Wurfspeer. Eine weitere Variante ist z.B. im Französischen (Allemagne), Türkischen (Almanya) usw. zu finden. Also Alemannen? Kann ich mich mit dem Begriff Alemannin identifizieren?

Die Alemannen waren eine germanische Stammgruppe aus der Gegend am Ober- und Hochrhein. In Südwestdeutschland wird der Dialekt noch gesprochen. Der Begriff heißt soviel wie „Menschen/Männer“ insgesamt.

Da müssen wir uns doch gegen wehren. So reduziert zu werden auf alte Stammesvölker, die wenig kultiviert und kriegerisch waren. Oder? Ich verlange, dass im Ausland dann Deutschland als Bezeichnung eingeführt wird, Germany ist dann ein G word und Allemagne ein A mot.

Deshalb die Frage: Wie krank ist es, dass ich jetzt vom I-Wort statt der Bezeichnung Indianer lesen muss?

Eine E-Mail des Afghanischen Frauenvereins

Liebe Freundinnen und Freunde Afghanistans, liebe Spenderinnen und Spender,
wir alle, die Afghanistan nahe sind, haben die letzten zwölf Monate in größter Sorge verbracht und sind es weiterhin. Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban erlebt Afghanistan die schwerste humanitäre Katastrophe seiner Geschichte.
70% des Staatshaushaltes waren vor der Machtübernahme international finanziert. Durch das Einfrieren dieser sowie der afghanischen Zentralbank-Gelder brach über Nacht die Finanzierung wesentlicher Versorgungsstrukturen für die Bevölkerung ein: So die ländliche medizinische Versorgung, Teile des Bildungssystems, das Banken- und Finanzsystem. Die Wirtschaft Afghanistans liegt inzwischen brach, die Arbeitslosigkeit ist immens, selbst im Tagelohnsektor, auf den Märkten und Feldern, ist kaum mehr bezahlte Arbeit zu finden. Es fehlt an Geld im Land, nahezu allen. 97% aller Familien haben nicht ausreichend zu essen.
Nachdem Familien in den ersten Monaten ohne Einkommen alles verkauft haben, was entbehrlich schien, um den harten Winter zu überstehen, geben nun 97 Prozent unter ihnen an, ihre Kinder nicht mehr ausreichend ernähren zu können. Jedes zweite Kleinkind in Afghanistan ist heute akut mangel- oder unterernährt, über eine Million Kleinkinder brauchen zum Überleben dringend medizinische Ernährungshilfe. Gleichzeitig haben 29 Erlasse der neuen Regierung in den letzten 12 Monaten die Rechte von Mädchen und Frauen erheblich eingeschränkt. Vor August 2021 bildeten Frauen 22 Prozent der angestellten Erwerbstätigen im Land. 75% von ihnen haben ihre Arbeit verloren, so Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation. Über eine Million Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren dürfen seit einem Jahr nicht mehr die weiterführenden Schulen besuchen.
Was bedeuten diese Entwicklungen für den Afghanischen Frauenverein? Wie hat sich unsere Arbeit verändert?
Zunächst sind wir unseren phantastischen Kolleginnen und Kollegen in Afghanistan zu großem Dank verpflichtet. Trotz aller Ungewissheit, was die Zukunft bringen mag, entschieden 95% unter ihnen zu bleiben, auch die 60 Prozent unserer Kolleginnen. Nach vier Tagen nahmen sie am 19. August 2021 ihre Arbeit wieder auf. Sie starteten die mobile medizinische Versorgung der vielen im Juli nach Kabul Geflüchteten aus den Nordprovinzen, 44.000 Hilfsbedürftige konnten sie bis November erreichen. Sofort danach begann die Winter- und Überlebenshilfe für 64.000 Menschen in 11 Provinzen – teils in extrem entlegenen Gemeinden in Panjsher, Kunar, Nangarhar und Nuristan.
Wir weiten die medizinische Hilfe stark aus Nachdem zunächst 2.500 Kliniken nach dem 15. August 2021 ihre internationalen Geldgeber verloren, ist die medizinische Versorgung im ländlichen Afghanistan kaum existent. Seit 13 Jahren betreibt der Afghanische Frauenverein die kleine Gesundheitsstation im Bergdorf Qulab. Schon im Januar 2021 nahmen wir zwei weitere Mutter-Kind-Kliniken in unsere Förderung. Im November erweiterten wir Qulab um Räume und ein zehnköpfiges medizinisches Team. Im Februar 2022 kam die Mutter-Kind-Klinik Akakhel dazu. Und jetzt, ganz neu zum 1. August 2022, öffnen wir drei weitere, von Gebern verlassene Mutter-Kind-Kliniken im Bagrami und Qarabagh Distrikt der Provinz Kabul. Damit verantworten wir ab jetzt den Betrieb von insgesamt sieben Kliniken. Jede Klinik kostet pro Jahr durchschnittlich 120.000 Euro und behandelt täglich 100 Kinder und Schwangere. Für die drei neuen Kliniken suchen wir dringend Förderpartner und Spenden. Für jede Hilfe unter dem Spendenstichwort „Gesundheit“ sind wir extrem dankbar!
Fünf Schulen für 4.500 Schüler:Innen, 500 Schülerinnen im Homeschooling Seit dem 17. September werden unsere Grundschüler:innen wieder in unseren vereinseigenen Schulen unterrichtet. Alle Schulen sind geöffnet. Jedoch etwa 500 Mädchen aus den Gymnasialklassen 7 – 12 der Roschani- und Boyazar-Mädchenschule dürfen noch nicht wieder zum Unterricht kommen. Sie unterrichten wir im Homeschooling und geben die Hoffnung nicht auf, dass auch die Gymnasialklassen für Mädchen wieder öffnen können. Parallel loten wir allerdings auch verschiedene alternative Lernmodelle aus. Der größte Wunsch unser 500 Gymnasiastinnen ist, weiter zu lernen. Wir können und wollen sie dabei nicht im Stich lassen. In der abgelegen Bergregion Bazari, Kalakan Distrikt, gelang es uns in den vergangenen acht Monaten mit Hilfe von zwei Stiftungen eine neue Mädchengrundschule zu bauen. 200 Grundschülerinnen wird unsere neue Bazari-Mädchenschule nun täglich unterrichten. Am vergangenen Sonntag war die Eröffnung unter Beisein unseres Mitglieds Dr. Qamar Kaltenborn aus Bonn. Für alle Mädchen und uns war dies ein großer Tag. Parallel haben sich an fast allen Vereinsschulen die Schülerzahlen erhöht. Allen voran an der Safaa-Schule in Gedenken an Roger Willemsen, wo uns am ersten Schultag doppelt so viele Kinder erwarteten, wie wir Plätze hatten. Wir richteten ein leerstehendes Nachbargebäude mit weiteren Klassenräumen ein und unterrichten hier nun insgesamt 1.700 Grundschulkindern, 500 Kinder mehr als zuvor. Wenn Sie die Finanzierung eines Schulkindes übernehmen möchten, spenden Sie gerne unter dem Stichwort „Bildung“. Ein Monat Schule für ein Kind inklusive der benötigten Bücher, Hefte, Stifte, Schuluniformen und Lehrmaterialien kostet 10 Euro, 120 Euro ein Schuljahr.
Wir brauchen Sie! Liebe uns Verbundene, es ist uns wichtig, Ihnen in einer Zeit, in der sich die negativen Nachrichten zu Afghanistan häufen und sich in die Rückblicke auf die vergangenen 12 Monaten viel Traurigkeit, Resignation und Ratlosigkeit mischen, zu sagen, dass wir weitermachen und nicht aufhören werden, dies zu tun. Wir erleben Tag für Tag, dass die in den vergangenen 12 Monaten gemeinsam gestemmte Hilfe nicht umsonst ist, sondern jeder einzelnen erreichten Familie Hoffnung und Erleichterung schenkt. Deshalb bitten wir Sie: Hören Sie nicht auf, Mädchen und Frauen in Afghanistan zu unterstützen. Jede Spende, jeder noch so kleine Beitrag hilft und kommt an.
Mit herzlichen Grüßen von Nadia Nashir Karim, dem Vorstand und dem gesamten Team des Afghanischen Frauenvereins

Mehr auf der Webseite: https://www.afghanischer-frauenverein.de/so-helfen-sie-uns/

Einmal Rastalöckchen, bitte

Manchmal bin ich froh, dass ich nicht mehr jung bin. Erstens muss ich in bezahlten Texten nicht gendern (Was hätte ich gemacht, wenn der Auftraggeber es verlangt hätte? Wie weit hätte ich mich korrumpieren lassen?) und zweitens muss ich immer milde lächeln, wenn ich die Pro-Argumente höre. Gerne werden dann alle, die das Gendern ablehnen, in die Ecke – pensioniert, älter – gedrückt. Ja, ist denn das, was ein emeritierter Professor sagt, von Vornherein schlechter als das, was ein Mittdreißiger von sich gibt? Wobei ja nicht einmal alle jungen Leute dafür sind, 75% der Deutschen wollen sich die Sprache nicht verunstalten lassen.

Ja, wie schön, das Etikett „älter“ hänge ich mir dann gerne um. Bitte schön, versucht doch eure Gegner mit den albernsten Argumenten mundtot zu machen.

Ich bin gespannt, wie diese radikalisierte Minderheit nicht nur die Medien, sondern auch die Bevölkerung zwangsvergendert. Oder ob sich doch der gesunde Menschenverstand durchsetzt? Dasselbe gilt ja für Cancel Culture und, mein Lieblingsthema neuerdings, kulturelle Aneignung. Was noch Alberneres habe ich selten gehört. Wann endlich verbannen wir die Kartoffeln aus Deutschland, denn wenn ich als Europäerin nicht mexikanisch kochen „darf“, dann auch kein Gemüse aus Südamerika essen. Dort wurde von den Europäern ja brutalstens unterdrückt. Passt also ins kulturelle Aneignungsschema.

Schade, dass meine Haarpracht für Rastalöckchen nicht reicht. Wäre sonst meine Lieblingsfrisur.

Sandwichgeschichte

Was ist eine Sandwichgeschichte? Bei ihr sind der erste und der letzte Satz fest vorgegeben. Aufgabe ist es nun, eine Geschichte mit genau diesem ersten und diesem letzten Satz zu schreiben.

Es ist etwas zum Mitmachen.

Erster Satz: Das Foto war jetzt schon zum dritten Mal heruntergefallen, aber diesmal war der Glasrahmen zerbrochen.

Sätze dazwischen: Dein Text

Letzter Satz: Wenn das jetzt nicht hält, ist alles hin.

Abgabetermin: 15. September 2022
Umfang: etwa 1000-2000 Zeichen
Versand an mich: wilkesmann[at]gmail.com

Eine Hand greift die andere

Es gibt ein neues Buch von mir.

Info:
Ein Nebendarsteller in der einen Geschichte wird zum Protagonisten der nächsten. Einige dieser Protagonisten begleiten durch das Buch und ergeben somit eine lose Rahmenhandlung. Krimitendenzen sind vorhanden.

Ein kleiner Auszug zum Warmlesen:

Grunewald kam aus seinem Büro. „Die anderen Damen sind alle ausgeflogen?“ Ann-Kathrin nickte. Was sollte die Frage? Sie war leicht beunruhigt. „Kommen Sie doch in mein Büro, ich möchte mit Ihnen reden.“ Dabei musterte er sie von oben bis unten auf seine spezielle Weise, die sie so unangenehm fand.

Er bot ihr einen Stuhl am kleinen Besprechungstisch an und setzte sich ihr gegenüber. „Sie sehen gut erholt aus!“ „Danke, das bin ich auch.“ Kleine Pause. Er beugte sich vor und legte seine Hand auf ihre. Ann-Kathrin wurde es eiskalt. Was sollte das werden? „Sie wissen ja, wie sehr ich Sie schätze, nicht wahr?“ Sie nickte und wusste kaum, wohin den Blick zu wenden.

„Nun, Sie sind jetzt ja eine Weile wieder allein, da wird es langsam Zeit, sorgsam in die Zukunft zu schauen.“ Ihre Stühle standen zu nah beieinander. „Ich würde Sie gerne zur leitenden Assistentin machen.“ – „Und Sylvia?“ – „Sie bekommt dann die Leitung des Labors übertragen.“ Ann-Kathrin wusste, dass Sylvia diesen Job nicht mögen würde, sie liebte den Kontakt zu den Patienten, den Trubel „vorn“.

„Natürlich wird Ihr Gehalt entsprechend angehoben. Na, Interesse?“

Ann-Kathrin ahnte nichts Gutes, aber was sollte sie sagen: „Ja, wenn die Kolleginnen damit kein Problem haben.“ Seine Reptilienzunge benetzte die Lippen. „Sie haben den richtigen Umgang mit den Patienten, sind beliebt bei den Kolleginnen und können auch den Umgang mit Ihrem Chef noch einmal überdenken.“ Er kam mit seinem Gesicht näher an sie heran: „Deine Kratzbürstigkeit gefällt mir, aber am Ende musst du schon ein bisschen entgegenkommender sein.“ Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals, seine Hände legten sich um ihre Taille. Das Telefon klingelte, sie wollte aufspringen, sie bog ihren Kopf zur Seite, von ihm weg. „Ich muss ans Telefon.“ „Oh nein, meine Kleine, es ist doch Mittagspause, ich habe auch abgeschlossen.“

Panik würgte sie, sie spürte seine Hände unter der Bluse aufwärtsrutschen, seine Lippen, eklig nass und übelriechend – so empfand sie es – an ihrem Hals. „Lassen Sie mich hier weg, Sie sind doch nicht ganz dicht!“ Sie stemmte dabei ihre Hände gegen seinen Brustkorb, zog das Knie hoch und traf ihn voll. Letztendlich, so wusste sie, war sie ihm körperlich unterlegen, aber sie hoffte, dass er zur Besinnung kommen würde. Er zog sich zurück, gekrümmt vor Schmerz, sie sprang auf. Er starrte sie an, ein undurchdringlicher Blick. Sie zog sich die Bluse herunter, steckte sie wieder in die Hose und ging klopfenden Herzens zur Rezeption. Sie würde kündigen müssen, das Vertrauensverhältnis war ein für alle Mal zerstört.

Im Vorraum der Toilette kämmte sie sich die Haare und brachte die Kleidung vollends in Ordnung. Ihr Herz hämmerte immer noch aufgeregt gegen den Brustkorb. Sie blieb, mit den Händen auf das Waschbecken gestützt, einige Minuten stehen, um wieder normal atmen zu können. Sie riss sich zusammen, als sie die Kolleginnen zurückkommen hörte. Annika kam in den Raum, mit ihrem feinen Gespür merkte sie, dass etwas in der Luft lag, und fragte: „Ist irgendwas?“ Ann-Kathrin schüttelte den Kopf, „Ist schon okay“. Sie ging zu ihrem Schreibtisch. Unter diesen Umständen konnte sie hier nicht bleiben, egal ob gute Beziehung zu den Kolleginnen oder gute Bezahlung. Sie seufzte, es hätte auch schlimmer kommen können, wenn Grunewald sich völlig vergessen hätte. Es war übel genug. Sicher war sie nicht die Erste, an der Grunewald sich versucht hatte. Sie sah ihre Kolleginnen unauffällig an. Wer war es vorher? Wie hatten sie reagiert? Ob sie nachfragen sollte, so ganz vorsichtig? Gerne hätte sie den Chef angezeigt, aber sie hatte ja keinen Beweis, da es Gott sei Dank nicht zu einer Vergewaltigung gekommen war, wo auch die Beweislast, wie man weiß, immer nicht so einfach ist. Sie entschied sich, nachher zu Frau Grunewald zu gehen und darum zu bitten, dass sie den Nachmittag freinehmen könne. Dass ihr übel war, konnte man deutlich sehen. Und irgendwie würde sie die Wochen bis zum Ende der Kündigungsfrist schon herumbekommen, zur Not auch mit einer Krankschreibung überbrücken. Sie lächelte bitter, aber sicher würde sie dafür nicht Herrn Grunewalds „Dienste“ in Anspruch nehmen.

Die ersten Patienten füllten allmählich wieder das Wartezimmer. Da war der kleine Markus mit seiner Mutter, dessen Mittelohrentzündung hoffentlich endgültig abgeklungen war. Gerade kam Herr Weingarthen zur Tür herein, seine Lungenfunktion musste überprüft werden. Die Lungenfunktionsprüfung würde eine der Assistentinnen durchführen, nur die Besprechung war Grunewalds Sache. Direkt hinter Herrn Weingarthen drängte sich die füllige Frau Demirez durch die Tür. Vermutlich wollte sie das Rezept für ihren Mann verlängern lassen, wie immer zu Anfang des Quartals.

Dann kam Frau Grunewald, sie nickte kurz in die Runde. Sie erledigte nachmittags einen Teil der Buchhaltung und andere administrative Belange, jetzt wo die Kinder wieder zur Schule gingen. Ann-Kathrin bemitleidete Frau Grunewald. Irgendwann hatte sie doch sicher einmal mitbekommen, was für ein widerlicher Schürzenjäger ihr Mann war.

Ann-Kathrin hatte sich fünfzehn Minuten gegeben, bevor sie sich bei ihr abmelden wollte. Nach zehn Minuten Wartezeit kam Frau Grunewald mit hochrotem Kopf und schmalen Lippen aus dem Büro ihres Mannes und steuerte direkt auf Ann-Kathrin zu. Was war denn jetzt los? Frau Grunewald, sonst zurückhaltend, freundlich und eher scheu, baute sich vor der Rezeption auf. Mit den Worten „Hier ist Ihre Kündigung!“, warf sie Ann-Kathrin einen Umschlag auf den Tisch. Frau Grunewald starrte sie an. „Wir hätten Ihnen lieber fristlos gekündigt, aber sicher würden Sie nicht zugeben, wie Sie meinen Mann sexuell bedrängt haben.“ Ann-Kathrin blieb der Mund offenstehen. Frau Grunewalds Stimme war schrill und durchdringend, die Kolleginnen und die Patienten im Wartezimmer konnten jedes Wort hören. Ann-Kathrin schossen vor Wut und Empörung die Tränen in die Augen.

„Im Übrigen sind Sie bis zum Rest Ihrer Arbeitszeit freigestellt, die entsprechende Summe liegt ebenfalls im Umschlag.“ Ann-Kathrin wollte etwas sagen, aber ihre Stimme versagte.

„Wissen Sie, mein Mann hat sich ja schon mehrmals über Ihre plumpen Avancen beschwert, ich habe das bisher nie ernstgenommen, habe Sie in Schutz genommen und ihm erklärt, er habe da sicher etwas falsch verstanden. Sie haben mich auch menschlich aufs Tiefste enttäuscht.“

Frau Grunewalds Stimme wurde lauter und schriller, sie hatte rote Flecken am Hals, sie schrie Ann-Kathrin an: „Packen Sie Ihre Sachen, jetzt sofort, und verlassen Sie umgehend unsere Praxis. Seien Sie froh, wenn wir keinen Rechtsanwalt einschalten!“ Die beiden Frauen starrten sich an. „Und“, fuhr Frau Grunewald fort, „erwarten Sie kein Zeugnis von uns. Ich kann Ihnen keinesfalls empfehlen, darauf zu bestehen!“ Damit drehte sie sich um und eilte wieder in ihr Büro, wo man sie weiter schimpfen hören konnte.

Frank Escherbach Nr. 5

Frank war auf seiner Über-mich-Seite ziemlich offen. Er hatte sein Geburtsdatum, den 17.6.1971, und auch seinen Nachnamen Escherbach dort eingetragen, dazu Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Wohnort mit Straße. Im Gegensatz zu anderen, die damit schlechte Erfahrungen gemacht hatten, war er immer positiv überrascht worden. Die Leser seines „Midlife-Crisis“-Blogs hatten ihm regelmäßig zum Geburtstag gratuliert, mit einigen hatte er telefoniert.

Er hatte den Blog vor etwa 10 Jahren begonnen. Mit 41 kann man schon mal über die Midlife Crisis schreiben. Seine Beiträge waren meist satirisch, aber es gab auch ernsthafte Artikel oder Verweise auf andere Zeitschriften.

Als Russland im Februar 2022 einen Krieg mit der Ukraine anzettelte, war er sich mit diversen Intellektuellen einig. Frieden schaffen ohne Waffen, war sein Motto. Die meisten Leser gingen mit ihm, obwohl diejenigen mit Rang und Namen, die entsprechende offene Briefe oder ähnliches verfasst hatten, in der Öffentlichkeit stets lächerlich gemacht wurden. „Was für eine Diskussionskultur hat sich in diesem Land ausgebreitet“, dachte er des öfteren und seufzte. Wo waren sachliche Auseinandersetzungen?

Er selbst war als Leiter einer Autowerkstatt vermutlich kein Intellektueller, das war ihm ohne Neid klar. Er hatte auch keine intellektuellen Ambitionen. Seine Frau hätte ihn gern mal ins Theater oder die Oper mitgeschleppt, aber er blockte das immer ab. Einmal hatte er sich auf ihre Bitten eingelassen, da waren sie noch nicht verheiratet. Da saß er steif in seinem einzigen Anzug im Zuschauerraum und musste sich durch irgend so ein modernes Stück quälen. Vermutlich von einem Intellektuellen verfasst, kicherte er in sich hinein. Seine Margot hatte nie wieder versucht, ihn mitzunehmen.

Frank war immer an einem Austausch mit seinen Lesern interessiert. Schon zu Beginn seines Bloglebens hatte er kleine Wettbewerbe veranstaltet. Manchmal konnte er auch Verlage oder Buchhandlungen gewinnen, die ihm Preise stifteten.

Dann hatte er eine Idee. Warum sollte er seine treue Anhängerschaft nicht mal eine Geschichte schreiben lassen? Er unterhielt sich mit Margot darüber, sie reagierte aber relativ pessimistisch. „Du wirst sehen, wenn es keinen Preis gibt, nimmt niemand teil.“ Er zuckte die Schultern. Er war optimistischer.

Aber was für eine Geschichte sollte das sein? Da kam ihm die zündende Idee: Er würde die Leser auffordern, anhand der Über-mich-Seite über ihn zu schreiben. Er legte eine Zeichenzahl mit Leerzeichen von maximal 10.000 Zeichen fest. So ungefähr. Wie lange sollte er den Geschichtenschreibern Zeit lassen? Setzte er den Termin zu knapp, konnte niemand teilnehmen. War es zu reichlich, würde das zu Desinteresse führen. Solche Weisheiten hatte er in der Werkstatt gelernt. Nach reiflicher Überlegung gemeinsam mit seinem Freund Achim entschied er sich für vier Wochen.

Achim fand die ganze Idee gut. „Wie wär’s, ich werbe auf meinem Blog auch dafür? Auch Angler können sich Geschichten ausdenken“, feixte er. Und noch eine Ergänzung hatte er.

„Nichts gegen dein Leben, Frank, aber willst du das für so eine Geschichte nicht etwas aufpeppen? Wo hast du z.B. mal versagt?“ Frank dachte nach, aber ihm kam nichts in den Sinn. „Okay“, sagte dann sein Freund, „Dann nimm doch was aus meinem Leben. Ich habe mich zum Beispiel bei der Polizei beworben, das war mein Traumjob, seit ich ein kleiner Junge war. Aber sie haben mich nicht genommen.“ – „Warum nicht?“ – „Keine Ahnung. War irgendso ein merkwürdiger Grund. Zu intellektuell, zu klein, eine Allergie …“. „Ach, hast du denn eine Allergie? Und das mit der Polizei hast du mir nie erzäht.“ – „Ich habe eine Erdnussallergie, sie hat sich schon in jungen Jahren gezeigt. Und meine Bewerbung bei der Polizei, nun, darüber habe ich nie so gern geredet, ich kam mir wie der letzte Vollversager vor.“ – „Okay, das mit der Polizei nehmen wir in die Geschichte auf. Erdnussallergie, ich weiß nicht.“ Frank überlegte: „Wie wär’s denn, ich lege mir eine Erdbeerallergie zu?“ Achim verstand zwar nicht, was an einer Erdbeerallergie spannender ist als an einer Erdnussallergie. Aber er überließ dies seinem Freund. Immerhin hatte er sich als Erster diese Aufgabe ausgedacht, da stand ihm auch eine Auswahl zu.

Frank schränkte die Vorgaben für die Geschichte etwas ein. Seine Adresse und seine Telefonnummer wollte er den Lesern nun doch nicht zu bewusst vor die Nase führen. Sie einigten sich auf: „Frank Escherbach, 17.6.71 geboren, wollte zur Polizei, wurde aber nicht genommen, und mag keine Erdbeertorte.

Franks anfänglicher Optimismus war dünner geworden. „Meinst du, Achim, da kommt überhaupt was? Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl.“

Achim klopfte Frank beruhigend auf die Schulter. „Du wirst schon sehen, das gibt bestimmt zehn  Beiträge. Mindestens. Das ist doch so spannend!“ Frank warf seinem Freund einen zweifelnden Blick zu, der ließ sich aber nicht aus seiner optimistischen Spur bringen.

„Weißt du was? Ich rufe Pierre mal wieder an. Habe mich schon so lange nicht gemeldet. Wäre denn auch eine Geschichte auf Französisch okay?“ Frank nickte. „Der eine oder andere wird es schon verstehen.“

Margot sah die Begeisterung von Frank und Achim, wie sie Pläne schmiedeten, was sie mit den Erzählungen machen sollten. Daher entschloss sie sich, als kleine Überraschung auch eine Geschichte beizutragen. Sie hatte auch schon eine Idee, sie würde das Ganze in der Ich-Form verfassen, und zwar säße der Frank über einem Ehevertrag für die zweite Ehe. „Nie wieder lasse ich mich auf solche Blutsaugerinnen ein“, war ihr erster Satz. Sie schaute auf den Bildschirm. Blut hat ja Ähnlichkeiten mit pürierten Erdbeeren, da könnte sie eine Verbindung ziehen. So schrieb sie munter drauf los.

Frank selbst nahm das Geburtsdatum ins Zentrum seiner Geschichte. Der 17 des Jahres 71, das muss doch in der Numerologie eine Ensprechung finden. Er stürzte sich für seine Recherchen intensiv in das Internet und fand viel, das er verwerten konnte.

Achim hatte noch zwei Mitautoren gewonnen. Seine Schwester Hella und Max, den Sohn seines Freundes Wolfgang, waren auch begeistert und sagten ihre Teilnahme zu. „Siehste, Frank, es werden mehr als nur vier.“ Frank lächelte schwach und wandte sich wieder Quersummen und Zahlenbedeutungen zu. Pierre verlegte seine Geschichte nach Avignon. Zwar hatte er keine Ahnung, welche Aufnahmebedingungen dort für die Polizei galten. Aber egal, da würden ihm die deutschen Leser schon nicht auf die Schliche kommen.

Kurz vor Abgabe war Achim etwas enttäuscht, weil seine Schwester ihre Teilnahme zurückzog. Sie hatte zu viel zu tun mit ihren drei Kleinen. Na, das hätte sie ja auch vorher sagen können! Von Max kam nichts.

Achim selbst übernahm Stücke aus seiner eigenen Geschichte, zum Beispiel wie er die Aufnahmeprüfung nicht bestanden hatte. Das verknüpfte er mit der Erinnerung an Erdbeertorte. Kein Wunder, dass sein Protagonist nie wieder Erdbeertorte essen wollte! Dennoch gelang es ihm, eine Kriminalgeschichte daraus zu gestalten.

Frank hatte mit seiner immer stärker pessimistisch geprägten Voraussage recht gehabt. Es gab genau vier Einsendungen, nämlich seine, die seines Freundes Achim, seiner Frau und die von Achims Freund Pierre. Er kämpfte mit sich, ob er die Geschichten überhaupt auf den Blog stellen sollte. Achim ließ ihm die freie Entscheidung. „Wenn du veröffentlichst, linke ich auf meinem Blog dahin. Aber wenn du zu enttäuscht bist, kann ich das auch lassen.

Frank war nicht enttäuscht. Eher langfristig demotiviert. Dennoch veröffentlichte er die Geschichten, die völlig unterschiedlich waren und allein deshalb schon spannend. Die Resonanz der Veröffentlichung war genauso mickrig wie bei der Aufgabenstellung. Sein treuester Leser likte die Geschichten und kommentierte sie. Es gab noch zwei Likes. Und das war’s.

„Das war’s“, dachte sich auch Frank. ‚Die Zeiten haben sich geändert. Wenn ich mich als der liebe Pappi mit lustigen Kindergeschichten verewigen würde, da wären mir jede Menge Likes sicher.“ Er war etwas desillusioniert, nicht verärgert, nicht säuerlich. Aber praktisch: „Wenn’s keinen interessiert, was ich hier mache, denn selbst meine Midlife-Crisis-Beiträge bekommen kaum noch Feedback, kann ich’s auch lassen.“

Achim verstand ihn gut, aber er führte seinen Angelblog trotzdem weiter. Das Schreiben der Beiträge war einfach Teil seines Lebens geworden. Da Frank sich nicht sicher war, ob er eines Tages nicht doch wieder einsteigen wollte, ließ den Blog vor sich hindümpeln. Gelöscht hat er ihn erst zwei Jahre später.

Frank Escherbach Nr. 4

Zum ersten Mal seit vier Jahren nahm ich wieder meinen Füller in die Hand. Er war ein Geschenk meiner Mutter zum Abitur gewesen, das ist lange her. Wer schreibt heute noch mit Füller? Aber für den heutigen Zweck konnte kein Schreibgerät edel genug sein.

Ich beugte mich über den Schreibtisch, schraubte den Füller auf und kontrollierte den Füllstand. Er war gut. Vorsichtig strich ich mit der linken Hand über das Papier und schrieb:

„Ich, Frank Escherbach, geboren am 17.6.1971, setze als Erben zu gleichen Teilen ein: …“

Ein Klecks. Ach du je. Na, wenigstens kam der Fleck am Anfang und nicht erst, wenn ich fast mit dem Text fertig war. Vielleicht wollte das Schicksal mir über den klecksenden Füllfederhalter einen Tipp geben, dass ich die einzusetzenden Erben noch einmal überdenken sollte? Ich knüllte das Blatt zusammen und warf es in den Papierkorb. Ich nahm ein neues von dem 500-Blattstapel Druckerpapier.

Ich lehnte mich zurück. Dass ich nun mein Testament verfassen wollte, war ein Tipp meines Freundes Thomas gewesen. Mein Hinweis, dass ich doch erst 51 Jahre alt sei, wischte Thomas vom Tisch. „Jeder kann einen Unfall haben. Du bist alleinstehend, hast keine Kinder und deine Eltern sind tot. Willst du wirklich, dass dein Geld an den Staat fällt?“

„Na ja, so viel ist das auch nicht. Noch nicht einmal eine sechsstellige Summe.“ Ich musste Thomas, auch wenn er mein bester Freund war, nicht alles offenbaren. Etwa 54.000 Euro verwahrte ich in einem Bankschließfach, seitdem Sparbücher nichts mehr brachten. Und sollte ich arbeitslos werden, muss der Staat sich ja nicht noch an meinem mühsam Gesparten bereichern, geschweige denn an meinem Ableben. Irgendwie fand ich es schon morbide, über meinen eigenen Tod nachzudenken. Aber der Staat als Erbe?

Dem Staat schulde ich nichts! Damals, als ich mich bei der Polizei beworben hatte, was hatte der Staat gemacht? Mich ausgesondert, weil ich zu klein war. Ein Meter siebenundsechzigkommafünf maß ich damals, und ein Meter achtundsechzig mussten es sein. Das war doch Haarspalterei. Heutzutage gibt es Bundesländer, die mich – hätte ich die anderen Tests bestanden, wovon ich nach wie vor felsenfest überzeugt bin – genommen hätten. Thüringen zum Beispiel, aber das stand ja damals nicht zur Debatte. Nach Bayern wollte ich nun wahrhaftig auch nicht. Mittlerweile bin ich noch zwei Zentimeter geschrumpft. Aber mit 51 bewirbt man sich sowieso nicht als Polizeianwärter.

Auch als ich mit 42 Jahren arbeitslos wurde, hatte es nur Ärger gegeben. Angeblich war ich nicht willens, einen zumutbaren Job anzunehmen. Ich war gelernter Bäckereifachverkäufer, aber die Bäckereien wollten durch die Bank weg lieber Frauen einstellen. Das sagte mir natürlich niemand direkt ins Gesicht. Also hatte man mir vom Amt Angebote als Friedhofsgärtner oder Packer in einem Supermarkt zukommen lassen. Mir! Was glaubten die da in den Ämtern wohl, wer ich bin? Immerhin habe ich Abitur! So eine widerliche Zimtzicke im Amt hatte mir dann vorgeworfen, für Bäckereifachverkäufer hätte ich ja wohl auch kein Abitur gebraucht. Nee, das nicht, aber in der Bäckerei meiner Wahl arbeitete so eine niedliche Verkäuferin. Als Kunde kam ich nicht an sie ran. Als Azubi war ich zwar an die kleine Alexandra auch nicht rangekommen, aber da liefen genug andere Mädels rum. Ach, die süße Alexandra. Mit 1,58 Meter passte sie genau zu mir. Ihre roten Haare hatte sie auf der Arbeit immer hinten zusammengebunden. Sie war auch recht kess mir gegenüber, ich hatte mir deshalb lange Zeit Hoffnungen gemacht. Als sie mir ständig von den Restkuchen die Erdbeertorte anbot, dachte ich erst, sie will mich necken. Tausend Mal habe ich ihr gesagt, dass es genug des Scherzes sei, ich mag einfach keine Erdbeertorte. Erst später wurde mir klar, dass sie mir einfach nie zuhörte. Null Interesse an mir. Als ich dann ihren Freund sah, war ich geschockt. So ein langer Lulatsch von mindestens 1,80. Lutz König, was für ein alberner Name. Sie vergötterte ihn, obwohl er schiefe Zähne hatte und viel zu dünn war. Sie bemerkte einfach nicht, dass sie für mich geschaffen war.

Als ich dann endlich in meiner emotionalen Langsamkeit begriffen hatte, dass sie mich völlig übersah und nur freundlich zu mir war, wenn sie den Dienst tauschen wollte, da war es schon reichlich spät und sie schob so eine kleine Kugel vor sich her. Sie hatte mich verraten. Dafür habe ich ihr die Erdbeertorte, die sie mir anlässlich ihrer Verlobung anbot, zufällig aufs Kleid geworfen. Süße Erdbeerrache.

Leider hat es mit keiner Frau zu einer festen Bindung gereicht. Meine Mutter hatte mir damals vorgeworfen, ich sei aber auch wirklich zu wählerisch. „Du bist nur scharf auf ein Enkelkind“, hatte ich ihr zornig vorgeworfen und die Haustür hinter mir zugeknallt.

Alexandra König. Dich habe ich nie vergessen. Ich habe deinen Lebensweg verfolgt. Obwohl der Lutz ein echter Reinfall ist, bist du ihm treu geblieben. Ob du wohl weißt, dass ich immer an dich denke? Ich nähme dich heute auf der Stelle, auch wenn du zwei kleine Könige mitbringen würdest. Leider sehen die beiden dem Vater ähnlicher als dir.

Vorhin, als ich mit dem Testament anfing, wollte ich noch Luise, meine Kusine zweiten Grades als Erbin einsetzen. Da ist sonst niemand, der mal freundlich zu mir gewesen ist. Im Sandkasten haben wir zusammen gespielt. Später haben wir uns aus den Augen verloren, aber seit vier Jahren telefonieren wir ab und zu wieder. Auch wenn Norbert, Luises Mann, mich nicht ausstehen kann, hält sie den Kontakt zur mir aufrecht. Ich habe mal gehört, wie er über mich gesprochen hat: „So ein verbohrter bösartiger Junggeselle, vor dem muss man ja die Kinder verstecken. Hast du mal seinen lüsternen Blick gesehen, wenn er unsere Kinder ansieht und denkt, niemand beobachtet ihn?“ Sie hat mich verteidigt. Eigentlich als einzige nach meiner Mutter. Daher dachte ich, dass sie als Einzige das Erbe verdient. Auch wenn sie Erbschaftssteuer zahlen muss. Bei einem solchen Verwandtschaftsgrad ist das recht viel, ich habe mich erkundigt. Aber niemand weiß von dem Geld im Schließfach, das muss sie ja auch niemandem erzählen. Allerdings würde ich es irgendwie gern umgehen, dass Norbert einen Vorteil davon hat. Vielleicht ein zweckgebundenes Erbe und sie darf das Geld nur für Reisen für sich selbst ausgeben? Ob Luise das machen würde? Ja, ich denke schon. Sie geht wieder arbeiten und macht einen selbstständigen Eindruck.

Als ich mir das erste Mal über mein Testament Gedanken gemacht hatte, fiel mir sofort Luise ein. Und Thomas, mein bester Freund. Wobei man ja nicht weiß, ob er mich überlebt. Bei Luise ist das wahrscheinlicher, wenn ich nicht zu alt werde. Sie ist zehn Jahre jünger als ich. Aber Thomas ist sieben Jahre älter. So ganz gesund sieht er nicht aus.

Ich schüttelte den Füller ganz vorsichtig und zog ein paar Probestriche auf einem Blatt Papier. Keine Kleckse.

Ich schrieb erneut:

„Ich, Frank Escherbach, geboren am 17.6.1971, setze als Erben zu gleichen Teilen ein:“ und fuhr in der nächsten Zeile fort:

„Luise Vanderforst, Geraldweg 78, 45130 Essen, und Thomas Gutwald, Hoppeweg …“

Zack, der nächste Klecks. Wie ärgerlich! Die Tinte hatte sich diesmal soweit über das Papier ergossen, dass ich nicht weiterschreiben konnte. Was für ein Mist, dass so ein Testament handschriftlich aufgesetzt werden muss. Tippen, ausdrucken und Originalunterschrift, warum reicht das nicht?

Oder, fiel mir ein, will das Schicksal mir wieder etwas sagen?

Ich schraubte den Füller zu und legte ihn in die Schublade. Dann musste es eben ein Kugelschreiber sein. Ich nahm den blauen mit der dicken Mine, der schreibt so schön. Und während ich ihn mir so ansah, kam mir die Idee für das Testament. Ich setzte sofort an:

„Ich, Frank Escherbach, geboren am 17.6.1971, setze als alleinigen Erben ein: Frau Alexandra König, Wulsterallee 178a, 44225 Dortmund, als Dank für die vielen schönen Stunden, die wir im letzten Jahr zusammen verbracht haben.

Die Regelung meines Nachlasses soll durch einen Testamentsvollstrecker erfolgen. Deshalb setze ich meinen langjährigen Freund und Weggefährten Müller, Thomas als Testamentsvollstrecker ein. Sollte diese Person die Übernahme dieser Aufgabe nicht wahrnehmen können, soll das Nachlassgericht eine geeignete Person als Testamentsvollstrecker benennen. Der Testamentsvollstrecker soll den Nachlass möglichst zeitnah und nach meinen Anordnungen aufteilen. Die Vergütung richtet sich nach den jeweiligen Empfehlungen des Deutschen Notarvereins.

Essen, 12.8.2022

Frank Escherbach“

Sehr schön, ich war zufrieden. Das Gesicht von Lutz bei der Testamentsverlesung würde ich leider nicht mehr sehen. Aber schon im Voraus zerging die Rache in spe wie Mangoeis auf meiner Zunge. Ich goss mir ein Glas Whiskey ein. Ich mag keinen Whiskey, lieber trinke ich Bier. Aber so ein großer Anlass verdient eben mehr als ein schnödes Bier.

Meine Gedanken wanderten. Eine reizvolle Idee stellte sich mir dar: Wie wäre es, ich würde meinem Leben ein Ende setzen, es aber so aussehen lassen, als ob der olle Lutz mein Mörder sei? Bei der Verhaftung würde er seine Unschuld beteuern, aber Alexandra würde ihm kein Wort glauben und sich von ihm abwenden. Fünfzehn Jahre würde er mindestens bekommen. Alexandra könnte an meinem Grab weinen, sich über den Sarg werfen und bedauern, dass sie nicht viel früher erkannt hatte, dass ich der bessere Mann für sie gewesen wäre.

Das verlangte minutiöse Planung und auch, dass ich Lutz besser kennenlernen würde. Nein, das wollte ich auf keinen Fall.

Dennoch, der Gedanke an eine tränenreiche Beerdigung war verlockend. Wer würde aber um mich weinen? Luise wäre vielleicht etwas betreten, aber ob es zum Weinen reichen würde? Thomas wäre sicher traurig, aber als gestandener Mann, nee, wir harten Männer heulen nicht. Und Alexandra? Ob sie sich überhaupt noch an mich erinnert? Nur weil ich von Ferne ihr Leben verfolge, heißt das ja nicht, dass sie noch einen Gedanken an mich verschwendet. Vielleicht würde sie mich nicht mal mehr auf einem Bäckereifoto erkennen und käme gar nicht zur Beerdigung. Erst als der Notar sie anruft und sie vom Erbe erfährt, erinnert sie sich meiner und reibt sich die Hände. So viel Kaltschnäuzigkeit traue ich ihr allerdings zu.

Eigentlich bin ich einsam, stelle ich beim Ausmalen der Friedhofszeremonie fast. Außer Thomas habe ich niemanden. Luise, ein bisschen. Ich habe keinen Partner, keine Partnerin, niemanden, für den ich verantwortlich bin. Ich bin den Tränen nahe, weil ich mir so verlassen vorkomme. Ich weine und spreche mir selbst Beileid aus, ich tröste mich.

Ein zweiter Whiskey könnte helfen. Dann gehe ich zu Bier über. Das Testament zerreiße ich erst einmal. Morgen, morgen kann ich es fertigmachen. Schließlich gibt es da noch den Zooverein. Darüber denke ich dann mal nach, wenn ich wieder ausgeschlafen und munter bin.