Der tägliche Einkauf

Nachdem sich Marlies und Peter von dem Nachmittag bei Sabine erholt hatten, nahmen sie ihre tägliche Routine wieder auf. Morgens eine halbe Stunde gemeinsamer Dauerlauf, dann bereitet Peter das Frühstück zu: Toast, Himbeermarmelade, Butter und etwas geschlagene Sahne. „Unser Luxus“, pflegt Marlies zu sagen.

Dann kümmert sich Marlies um die Arbeiten im Haus, Peter um die Arbeiten in Schuppen und Garten. Wenn es gießt, schneit oder zu heiß ist, hilft Peter seiner Frau. Helfen ist gut, denkt Marlies immer. Sie ist es leid, dass Peter das Geschirr mit der Hand wäscht, obwohl sie eine Spülmaschine haben. Sie mag es nicht, wenn er ihr beim Reinigen und Putzen helfen will und sich unausweichlich ein Eimer Putzwasser über die Treppe ergießt, weil sie sich stets in die Quere kommen.

Das Mittagessen, das aus Salat, Brot und Aufschnitt besteht, bereitet Marlies zu. Sie sorgt auch immer dafür, dass sie eine Kleinigkeit zum Naschen haben. Die gibt es am Ende der Mahlzeit mit einer Tasse Kaffee . Anschließend legt Peter sich eine knappe Stunde hin und schläft. „Nein“, widerspricht er, „ich ruhe nur meine Augen aus!“. Marlies legt derweil Patiencen. Pünktlich um 13:30 Uhr verlassen sie das Haus. Zu ihrem Lieblingsparkplatz sind es genau vier Minuten. Wenn sie um 13:33 oder 13:34 Uhr (je nach Verkehrslage) auf dem Parkplatz ankommen, können sie die Parkscheibe guten Gewissens auf 14 Uhr stellen.

So verfuhren sie auch an diesem Tag. Es nieselte. Ein paar Schritte später regnete es leicht. Dieser Wechsel setzte sich fort und Marlies fluchte leise vor sich hin: „Wären wir doch mal früher gefahren, dann säßen wir jetzt gemütlich zu Hause und ich könnte ein schönes Buch lesen.“ Peter giftete zurück: „Warum hast du denn nichts gesagt? Gedanken lesen kann ich noch nicht!“

Sie gingen vom Parkplatz aus in einem Oval durch das Zentrum der kleinen Stadt. Sie schauten in die Geschäfte, sprachen mit ein paar Bekannten oder winkten ihnen zu und erreichten schließlich die Bäckerei am Ende des Ovals. Dort kaufte Marlies zwei Brötchen, Peter nutzte die Chance, die Café-eigene Toilette zu benutzen. Das gab Marlies Gelegenheit mit den jungen Frauen hinter der Theke übers Wetter, die neuesten Frisuen und Brillen zu diskutieren. Vor dem Laden erkundigte sich Peter, was denn heute noch anläge?

„Nichts“, erwiderte Marlies. „Einkaufen können wir morgen, ich freue mich auf eine Tasse Tee zu Hause!“ Nach dem Kaffee beim Mittagessen gab es nämlich nur noch Früchtetee, damit sie nachts gut schlafen konnten.

Etwa 100 Meter vor dem Parkplatz reihen sich ein paar kleinere Geschäfte aneinander. Ein Schuhgeschäft, ein Optiker, eine Art Kiosk, ein Eiscafé und eine Apotheke. Vor der Apotheke steht ein Pferd, auf dem Kinder für fünfzig Cent reiten können, und eine weiße Bank, auf der man sich ausruhen kann. Heute saß auf der Bank, Peter sah es mit flüchtigem Blick, eine ältere Dame mit kurzem weißen Haar. Sie truge eine karierte Kappe, eine kanariengelbe Jacke und knallgelbe Gummistiefel. „Das wird Marlies gefallen, sowas mag sie“, dachte er.

Schon drehte sich die Frau zu ihnen um. Ah, jemand aus der Nachbarschaft. Sie grüßten freundlich, da fragte die gelb Bekleidete: „Fahren Sie jetzt nach Hause oder wollen Sie noch einkaufen?“. Marlies und Peter mussten sich nicht einmal einen Blick zuwerfen. „Wir fahren direkt nach Hause.“ – „Oh, würden Sie mich dann mitnehmen?“

Natürlich, das war ja gar keine Frage. Hilfe unter Nachbarn darf ja wohl noch sein. Während die Drei die Strecke bis zum Auto zurücklegten, redete die Nachbarin ohne Pause. Sie hätte ihren Geldbeutel vergessen, ihr Mann ging nicht ans Telefon. Das wiederholte sie einige Male. Peter riss die Tür zur Rückbank höflich auf, die Frau ließ sich mit ihren drei Taschen (eine gelb-blau gemustert) fallen. Bis in ihre Straße mussten sie drei Kreuzungen bzw. Abbiegungen überwinden, an denen sie Vorfahrt beachten mussten. Da waren sie ein eingespieltes Team: Marlies fuhr und Peter gab Infos wie „niemand rechts“, „drei Wagen von rechts“, „ein Abbieger, nach dem schwarzen Auto niemand“ usw.

Die eine Kreuzung ist relativ kompliziert. Die Nachbarin rede in einem fort, mit klarer und deutlicher Stimme. Wo sie gelernt hatte, wo ihre Eltern gewohnt hatten, was ihr Mann (der Zweite) gerade machte, es nahm kein Ende. Marlies konnte Peter kaum verstehen. Er fiel nach der letzten Kreuzung in eine Art narkotischen Halbschlaf. Marlies versuchte ab und an auch ein paar Worte einzuwerfen, um aus dem Monolog vielleicht ein Gespräch machen zu können. Es glückte ihr nicht. „Die Retter aus der Nachbarschaft“, kicherte die Dame vom Rücksitz. „Ja, ja“, gab Marlies zurück, „über Nacht werden uns jetzt sicher Flügel wachsen“. Peter kicherte, aber der Gast redete unbeirrt weiter, ohne den kleinen Scherz zu beachten. Hmmmm.

Die an sich kurze Fahrt schien sich über eine Viertelstunde zu strecken. Als die Frau dann von ihrem Kuraufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung erzählte, verkrampften sich Marlies‘ Hände am Steuer. Bitte nicht noch eine Mörderin! „Was sind denn ihre Knöchel so weiß?“, kam die Stimme von hinten. Dann beugte die Dame den Kopf nach vorn zwischen Marlies und Peter und gestikulierte wild: „Da, da, in dem grünen Auto fährt mein Mann!“ Er schien sie nicht zu sehen, oder war er auf der Flucht?

Endlich erreichten sie die heimische Parkbucht. Alle drei stiegen aus, während der Fahrgast weiter ohne Pause die Lebensgeschichte ausbreitete. Es regnete mittlerweile. Marlies und Peter traten schrittweise den Rückzug an. Winkten. Marlies vergewisserte sich, dass ihnen niemand folgte, schloss die Tür auf und huschte, Peter an der Hand, rasch hinein.

„Kein Wunder“, rutschte es Peter heraus, „dass ihr Mann so elend und geschwächt aussieht.“

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Und so war’s …

Marlies und Peter lieben Pünktlichkeit. Das kann auch zum Verhängnis werden, weil man überall zu früh auftaucht. Bei einem Arzttermin ist das gut, wenn man 15 Minuten zu früh eintrudelt. Aber bei einem privaten Besuch ist das ja eher ungünstig. Als Mitbringsel hatten sie eine kleine Pralinenschachtel bei Edeka gekauft.

Sie verließen das Haus um Punkt fünf vor drei. Dann kämen sie schätzungsweise um zwei bis drei Minuten nach drei Uhr an. Es war ein herrlicher warmer Herbsttag. Marlies fühlte sich etwas klamm, aber Peter schritt munter drauf los. Als sie ankamen, stand Frau Keide schon unten an der Tür, vor dem Namensschild. „Damit ihr den Weg findet“. Nun, dachte Marlies, so schwer ist das ja in einem Zweifamilienhaus nicht, wenn man weiß, dass der Gesuchte im oberen Stock wohnt.

Kaum waren sie an der Eingangstür, war man bei Marlies, Peter und Sabine. Sabine Keide und ihr Mann Friedrich haben eine sehr schöne Wohnung. Marlies fiel sofort auf, dass alle Böden und einige Wände weiß gefliest waren. Wie in einem Schlachthaus, war ihr erster Eindruck. Wenn auch geschmackvoll, keine Frage. Ein paar Teppiche, Eichenmöbel und alles hermetisch sauber. Marlies schluckte.

Der runde Kaffeetisch war bereits gedeckt. Farblich passend ein Seltmann-Weiden-Geschirr. Dann trug Sabine Kaffee und Kuchen auf. Marlies verzichtete dankend auf den Kaffee, sie habe einen empfindlichen Magen. Sabine nahm das so leicht hin (bot ihr Wasser oder Tee an, dass Marlies auch ablehnte), dass Marlies schloss, das Gift könne nicht im Getränk sein. Die Gastgeberin trug den Kuchen hinein, er sah wirklich gut aus. Oben eine Schicht Sahne, darunter eine Pudding-Apfelschicht und dann ein Rührteig.

„Leider ist er misslungen“, erläuterte Sabine. „Lasst das Unterteil bloß liegen! Wie das so ist, der Vorführeffekt.“ War der Teig extra lange gebacken, um den Giftgeschmack zu übertünchen? Peter nahm ein großes Stück und machte auch nicht vor der dunklen Schicht halt. Marlies aß von oben. Der Kuchen nahm irgendwie einen immer größeren Platz in ihrem Magen ein. Sie sah ihren Mann an, der sich gerade ein zweites Stück auf den Teller geben ließ.

Ende 1 (für zarte Gemüter)
Sabine und Friedrich waren noch vor der Öffnung der DDR in die BRD ausgereist. Sechs Jahre hatte es gedauert, bis der Ausreiseantrag damals genehmigt worden war – sechs Jahre unter stetiger Stasi-Beobachung. Dann kam die Genehmigung, sie hatten genau noch 12 Stunden Zeit, die Reise vorzubereiten. Marlies und Peter hörten gebannt zu (Peter gönnte sich noch ein drittes Stück), Sabine erzählte viel, es war spannend. Marlies als Krimischreiberin machte im Geiste Notizen. Sabine zeigte ihnen noch die ganze Wohnung, sie bestaunten den herrlichen Ausblick aus dem Wohnzimmer. Als sie erwähnte, dass sie den restlichen Kuchen wegwerfen werde, weil misslungen, protestierten Marlies und Peter energisch. Also durften sie die restlichen acht Stücke auch noch mitnehmen. Marlies lag der Kuchen sehr schwer im Magen, vermutlich wieder einmal ein Hinweis auf ihre vor Jahren abgeheilte Gastritis. Es war ein sehr schöner Nachmittag.

Ende 2 (für nicht so zarte Gemüter)
Marlies fühlte sich von Sabine beobachtet. Sie versuchte die Zeichen ihrer Übelkeit zu unterdrücken. Sie wollte raus oder zumindest zur Toilette, vielleicht könnte sie ja den Kuchen irgendwie herauswürgen? Sabine erzählte und erzählte, Peter dämmerte mit glasigem Blick schon leicht vor sich hin. Schließlich bat Marlies darum, die Toilette aufsuchen zu dürfen. Sie stolperte hinein, steckte sich den Finger in den Hals. Mist, das ging nicht ganz so einfach, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie hörte, wie Sabine in der Küche rumorte. Marlies konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Sie taumelte ins Wohnzimmer zurück, wo sie beobachten konnte, wie Sabine dem schläfrigen Peter weiteren Kuchen in den Mund steckte. Auf dem Tisch lag ein großes Küchenmesser. Marlies atmete schwer, sie hatte zwar den Großteil des Kuchens in die Toilette spucken können, aber sie litt immer noch. Da drehte Sabine sich um, sie nahm das Messer vom Tisch. Marlies in ihrer Todesangst griff neben sich im Regal eine große Porzellanfigur (Original Meißner, hatte die Gastgeberin stolz erzählt) und warf sie mit letzter Kraft auf Sabine zu. An der Brust getroffen, sackte Sabine in sich zusammen. Marlies, deren Kräfte langsam wiederkamen, schleifte Peter aus der Wohnung, im Garten half sie auch ihm, den Giftkuchen auszuspucken. Vom Handy aus rief sie Polizei und Notruf an. Als die eintrafen, torkelte die schwerverletzte Sabine mit dem Messer bewaffnet, gerade die Treppe herunter. Peter lag im Garten, leise schnarchend, und lächelte.
Alle drei kamen ins Krankenhaus. Die herbeigerufene KTU, so stellte sich später heraus, entdeckte auf den Fliesen noch Spuren von Blut, die auch die sauberkeitsfanatische Sabine nicht hatte beseitigen können. Was dann alles in der Garage gefunden wurde, wollte Marlies gar nicht wissen. Sie war innerhalb weniger Stunden wieder fit, Peter musste drei Tage im Krankenhaus bleiben.

Ende 2 (für Gemüter, die härter im Nehmen sind)
Marlies fühlte sich von Sabine beobachtet. Sie versuchte die Zeichen ihrer Übelkeit zu unterdrücken. Sie wollte raus oder zumindest zur Toilette, vielleicht könnte sie ja den Kuchen irgendwie herauswürgen? Sabine erzählte und erzählte, Peter dämmerte mit glasigem Blick schon leicht vor sich hin. Schließlich bat Marlies darum, die Toilette aufsuchen zu dürfen. Sie stolperte hinein, steckte sich den Finger in den Hals. Mist, das ging nicht ganz so einfach, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie hörte, wie Sabine in der Küche rumorte. Marlies konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Sie taumelte ins Wohnzimmer zurück, wo sie beobachten konnte, wie Sabine dem schläfrigen Peter weiteren Kuchen in den Mund steckte. Auf dem Tisch lag ein großes Küchenmesser. Marlies atmete schwer, sie hatte zwar den Großteil des Kuchens in die Toilette spucken können, aber sie litt immer noch. Da drehte Sabine sich um, sie nahm das Messer vom Tisch. Marlies in ihrer Todesangst griff neben sich im Regal eine große Porzellanfigur (Original Meißner, hatte die Gastgeberin stolz erzählt) und warf sie mit letzter Kraft auf Sabine zu. Da sie in ihrer Verfassung schlecht zielen konnte, traf sie Peter am Kopf. Mit einem Siegesschrei stürzte sich Sabine mit dem Messer auf Marlies. Diese bekam den Stich kaum noch mit, weil das Gift sich schon zu stark in ihrem Blut ausgebreitet hatte.
„Wie war denn der Besuch?“, erkundigte sich ihre Freundin Nancy am Telefon. „Ach, ziemlich nett. Aber ich glaube irgendwie nicht, dass die nochmal wiederkommen, die haben irgendwie meinen Kuchen nicht gemocht“. Die Fliesen waren weiß und sauber wie immer.


Werden sie überleben?

Marlies (72) und Peter (75) sind seit einigen Jahren im Ruhestand. Peter hat bei der Post gearbeitet, Marlies ist Kriminalschriftstellerin. Sie führen ein regelmäßiges Leben, wozu ein kleiner Spaziergang nach dem Abendessen zählt. Dabei gehen sie um Punkt 18 Uhr für fünfundzwanzig Minuten durch die Nachbarschaft mit den vielen schönen Gärten. Peter fotografiert dort häufig. Marlies genießt die Natur, bleibt schon einmal stehen und meditiert.

Vor einigen Jahren, als Marlies noch allein spazierenging, sprach sie abends eine ältere Dame von einem Balkon im ersten Stock an. Sie erkundigte sich, ob es Marlies vielleicht nicht so gut gehe, weil sie immer stehenblieb und so tief atme. Marlies konnte das aufklären, beide lachten. Als Peter dann mit auf die Runde ging, grüßte man sich abendlich. Das geschah vor allem im Sommer, da die ältere Dame dann zu genau dieser Zeit des Spaziergangs mit ihrem Mann auf dem Balkon zu Abend aß. Von Marlies‘ und Peters Häuschen zu diesem Haus waren es etwa sieben Minuten Fußweg – Marlies achtete auf so etwas.

Eines Tages kamen sie am Balkon vorbei, als die ältere Dame gegen das Fenster klopfte, es öffnete und den beiden erzählte, dass sie und ihr Mann eine schwere Influenza hatten. Das hatten sie sich wohl auf einer Rheinschifffahrt mit Freunden geholt.

Zwei Wochen später sprachen sie wieder miteinander. So erfuhren Marlies und Peter, dass der Ehemann nach Österreich gereist sei, zu seinem Enkel. Marlies schloss später scharf, dass die ältere Dame und ihr Mann offenbar nicht die erste Beziehung für den Mann war. Man sah die Frau nur noch in schwarz gekleidet. Da sie aber immer fröhlich schien, fragte Marlies nicht nach.

An einem schönen Sonntagabend gingen Marlies und Peter wieder ihre Runde. Die ältere Frau winkte ihnen zu, öffnete das Fenster, man tauschte sich über die Gesundheit und das Wetter aus. Dann sagte die Frau: „Sie müssen aber mal zum Kaffeetrinken vorbeikommen, das wäre doch nett!“ Marlies und Peter waren überrascht, sagten gern zu. Marlies bot an, Kuchen zu backen. „Aber nein, wenn ich einlade, muss ich doch auch den Kuchen backen!“ Was für eine nette nachbarschaftliche Geste.

Montags sahen sie sich nicht. Am Dienstag, kaum hatten sie das Haus mit dem Balkon zur üblichen Zeit erreicht, riss die alte Dame das Fenster auf. „Guten Abend, ich habe schon eine Stunde hier gestanden, um Sie nicht zu verpassen. Hätten Sie morgen Zeit zum Kaffeetrinken zu kommen, so um 15 Uhr?“ Marlies und Peter verständigten sich stumm und sagten zu. Sie fragten nach dem Mann. Der sei noch bis zum Wochenende in Österreich. Klingeln sollten sie bei Keide.

Marlies wurde vor dem Dienstag immer unruhiger. Peter schüttelte den Kopf, als sie meinte, vielleicht wolle die Frau sie umbringen? Allerdings war ihm auch aufgefallen, dass die Frau eine Stunde gewartet hatte. Dabei kamen sie doch fast immer auf die Minute genau dort vorbei. Das war irgendwie eigenartig. Das Auto stand auch nicht da. Wie konnte der alte schwerhörige Mann die Strecke bis nach Österreich mit dem Auto fahren? Das wäre doch eine wahnwitzige Unternehmung.

Marlies schlussfolgerte, dass irgendein Ereignis die Frau aus dem Gleichgewicht geworfen haben musste. Warum trug sie schwarz, und sagte trotz ihrer Plauderneigung nichts über einen Todesfall? Hatte sie ihren Mann vergiftet und entsorgt? Im Erdgeschoss war auch kein Leben zu sehen, war die Bewohnerin des Erdgeschosses ebenfalls ein Mordopfer geworden?

Auch diese plötzliche Einladung, nachdem das Thema nur zwei Tage vorher zum ersten Mal angesprochen worden war, kam ihr mittlerweile suspekt vor. Marlies würde ein anderes Paar nur einladen, wenn Peter auch da war. Darüber war sie auch erstaunt. Um den Kaffee käme Marlies einfach herum, da sie sowieso seit Jahren wegen Magenbeschwerden keinen mehr trank. Aber der selbstgebackene Kuchen! Sie konnte doch nicht vermeiden, wenigstens ein Stück zu essen. Eine plötzliche Magenverstimmung vorzutäuschen war nicht möglich, dann müssten sie absagen.

Marlies malte sich aus, wie sie noch mit letzter Kraft versuchen würde, den Notarzt oder die Polizei anzurufen. „Was willst du trinken, wenn du den Kaffee ablehnst. Tee?“, fragte Peter. „Nichts, sonst schüttet sie mir noch Gift in das Wasserglas.“ Peter glaubte nicht, dass etwas Unheimliches vorging. Marlies überlegte derweil, wie sie einem eventuellen Messerangriff aus dem Wege gehen und auch Peter retten könnte.

Ist es eine nette Einladung oder geplanter Mord? Das erfahrt ihr morgen. Ihr dürft aber gern raten.

Die Inkonsequenz

Ich liebe die Inkonsequenz, besonders beim Gendern. All die, die noch nicht völlig ihr Sprachgefühl abgeschaltet haben, schaffen es einfach nicht, das Gendern durchzuziehen. So lese ich heute in einer Programmankündigung der ARD (Hervorhebungen von mir; Quelle hier):

Es ist Sommer und wir sind Corona-müde. Ist die Pandemie nicht langsam vorbei? Für Menschen, die an Long Covid leiden, geht die Pandemie jedoch weiter. Aber: Es gibt immer noch keine evidenzbasierten Therapien, noch immer treffen sie auf hilflose Ärzt:innen, die in ihrem Praxisalltag mit dem komplexen Krankheitsbild überfordert sind. Noch immer fehlt eine Task-Force und koordinierte Grundlagen-, Therapie- und Versorgungsforschung. Einige Ärzte und Professoren behaupten sogar, die Krankheit sei in erster Line eingebildet, psychosomatisch.

Hat Eckart von Hirschhausen auch Long Covid? Nach der Akutinfektion Mitte März wurden bei einer Blutuntersuchung „micro-clots“ in seinem Blut diagnostiziert. Kleine Gerinnsel, vermutlich mitverantwortlich für Long-Covid. Er testet eine experimentelle Behandlung, die Blutwäsche, an sich selbst. Und er deckt auf: Mediziner beobachten seit kurzem ein Problem mit der mRNA-Impfung. Einige Menschen entwickeln durch die Impfung das Post-Vakzin-Syndrom, das Long Covid sehr ähnelt. Eckart von Hirschhausen ist davon überzeugt, dass diese unbequeme Wahrheit auf keinen Fall verschwiegen werden sollte.

Märchen

Märchen liebe ich. Was lag da näher, als selbst ein Märchenbuch zu schreiben? Es sind insgesamt 61 sehr unterschiedliche Märchen geworden. Und sie enthalten moderne Elemente 🙂 Das Buch ist auch zum Anfassen sehr schön: Hardcover, da hat BOD wirklich gute Arbeit geleistet.

Daher bin ich sehr stolz auf das schöne Buch. Und von meinen Testlesern waren alle begeistert. Werbung für mich selbst? Ja, mache ich gern. Macht ja niemand sonst für mich. Ich bin überzeugt von diesem Buch und empfehle es heute aller Welt – zum Selbstlesen und zum Verschenken. Nicht, weil ich damit reich werden will (wobei ich mich nicht dagegen wehren würde 😉 ), sondern weil mir dieses Buch, wie man so schön sagt, ein Herzensanliegen ist. Verschiedene Onlineshops lassen ja hineinschauen und auch ein paar Seiten lesen.

Märchen von heute: 61 wundersame Geschichten. 466 Seiten, Hardcover. Preis 29,99 Euro. (Ute-Marion Wilkesmann).

Fundstückchen

Im Internet kann man viel finden. Zum Beispiel suchte ich heute nach dem „Internationalen Tag der Katastrophenvorbeugung“. Man will sich ja bilden.

Bild von Angelo Giordano auf Pixabay

Und da fand ich etwas, da dachte ich mir gleich: Da hat aber jemand ganz sorgsam gearbeitet! Text geschrieben, auf Fehler durchgelesen, jemanden anderes lesen lassen und nochmals selbst lesen. Nur solch sorgsamer Umgang mit Text erlaubt Perlen wie die folgende:

Bie der UN wurde eigens zu diesem Thema das “Büro der Vereinten Nationen für Katastrophenvorsorge” / United Nations Office for Disaster Risk Reduction, kurz: UNDRR / im Dezember 1999 gegründet. Deremn Seiten zum welttag der Katastrophenvorsorge hier.

Quelle: hier

Der 12. Oktober

  1. Oktober
    Wer ist Yeti-Man?
    Yeti-Woman hatte die Stadt verkraftet. Mittlerweile gaben alle vor, sich völlig normal zu verhalten, und starrten nicht mehr auf ihre Füße, wenn sie über das Pflaster der Straßen schlurfte. Ein kräftiger Gang, hieß es allenthalben. Mit der wollte sich niemand anlegen.
    Es tauchten dann plötzlich Fotos von einem anderen Yeti auf. Man identifizierte ihn anhand seiner beigen Jeans, seinem wiegenden Gang und seiner hellblauen parkerähnlichen Jacke schnell als männliches Wesen. Der Yeti-Man! Da niemand die Identität von Yeti-Woman kannte – was nicht weiter erstaunlich war, weil niemand sich ernsthaft bemüht hatte –, wollte man wenigstens herausfinden, wer Yeti-Man war. Yeti-Woman war nicht mehr zu sehen. Was war passiert? Hatte er sie umgebracht, war sie vor dem wilden Gesellen geflüchtet? In vielen Artikel wurde über den Hergang gemutmaßt. Niemand würde es je erfahren, fürchteten sie.
    Abends nahm Yeti-Man die Yeti-Schuhe: „Ist das wirklich okay, wenn ich deine Schuhe anziehe? Sie sind so superbequem!“

Ein Auszug aus meinem Buch „Iphorismische Short Stories“.

Wieder was dazugelernt

Während eines Lebens entstehen neue Begriffe. Da kann man jeden Tag was dazulernen. Heute stieß ich auf den knackigen Begriff Biofrau. Spontan dachte ich, das sei eine Frau, die sich dem biologischen Anbau etc. 100%ig zugewandt hat.

Mitnichten. Biofrau (und Biomann) entspricht der Begriff Cisgender. Ebenfalls neu in meinem Vokabular. Und was heißt das nun?

Hier die Definition (aus hier):
Cisgender (lat. cis- „diesseits“) und engl. gender („Geschlecht“) ist das Gegenteil von Transgender (lat. trans- „jenseitig“, „darüber hinaus), bezeichnet also Menschen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem körderlichen Geschlecht übereinstimmt. Dies trifft auf die allermeisten Menschen zu, Cisgender ist also der entsprechende Fachausdruck.

„Das trifft auf die meisten Menschen zu“. Echt? Wie lange noch darf man das sagen? 😉

Gewalt zulassen

Am 17. Oktober 2014, also fast genau vor einem Jahr, habe ich hier im Blog einen Artikel eingestellt, der sich mit dem Umgang mit Gewalt beschäftigt. Den Krieg in der Ukraine gab es damals nicht, er war nicht einmal abzusehen. Und als ich den Artikel gerade wieder las, dachte ich: Da hat sich leider nichts geändert.

Omas Tipps

Wir werden derzeit mit den Tipps von Omas überschüttet. Auch bei der Abkühlung von Räumen wird die Großmutter hervorgezerrt: Die hat nämlich auch nicht bei 23°C im Büro gesessen (stimmt, meine Großmutter hat in einer Weberei Akkord gearbeitet, die hätte sich bestimmt über 23°C beschwert).

Dieses ganze Großmuttergelabere nervt. So kann man meiner Meinung nach nicht argumentieren. Zum Beispiel:

Ich bin so groß geworden, dass ich einmal in der Woche ein Bad nehme und ansonsten mich mit dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Waschlappen wasche. Tägliches Duschen hatte ich auch mal eine Weile übernommen, bis meine Haut meckerte. Also dusche ich jetzt einmal in der Woche und ansonsten dient der Waschlappen für die „wichtigen Teile“. Da wird mich jeder Dreißigjährige entsetzt ansehen und denken: „Was für ein kleines Ferkel“. Einem Menschen der jetzigen Generation einfach mal so das tägliche Duschen mit dem Hinweis auf die Oma zu entziehen, ist verständlicherweise für diese Generation eine Zumutung. Denn sie sind es nicht anders gewohnt, sie sind – meist – so groß geworden. Da kann man nicht einfach alles zurückfahren.

Meine Großmutter mütterlicherseits hat Teile ihrer Jugend in einem Waisenheim verbracht. Ihr jüngerer Bruder war ebenfalls dort und musste, sicherlich noch keine zwölf Jahre alt, für einen Schuster arbeiten, der ihn regelmäßig grün und blau schlug. Wortwörtlich! Für nichts und wider nichts. Das war für meine Großmutter das Schrecklichste am Waisenhaus.

Nun, das hat meine Großmutter erlebt. Dann können wir doch jetzt zu Kinderarbeit zurückkehren und die Kinderchen wieder schlagen. War doch in Großmutters Zeit auch so.

Ich weiß, das Beispiel ist extrem. Es zeigt aber auch, wie dumm es ist auf ältere Generationen zu verweisen. Meine Großmutter väterlicherseits hatte noch eine Handmangel für die Wäsche. Warum werden uns nicht wieder Handmangeln statt Bügeleisen empfohlen? Ist deutlich energiesparender!

Wenn wir das Oma-Spielchen noch ein paar Jahre weiter zurückdrehen, sind wir im Mittelalter (ich will mal gar nicht die Neanderthaler ins Spiel bringen). Na, die haben doch kaum Energie verbraucht! Dafür starben sie eben ein bisschen früher. Ich warte schon auf die ganzen Krankmeldungen nach der runtergekühlten Heizperiode.