Senioren

29. Sep. 2016: Alter im Senioren-Ratgeber

Es ist immer wunderbar zu sehen, wie Vorurteile tradiert (d.h. weitergegeben) werden. Die Darstellung von älteren Menschen in der Werbung ist dafür ein besonders gutes Beispiele. Dort sehen wir nicht ältere Menschen, sondern das, was über ältere Menschen in den Köpfen von meist jungen Werbeleuten rumspukt. Wunderbar.

Aber auch Apothekerin Claudia Röttger, Chefredakteurin des Seniorenratgebers, zieht sorgsam eine Grenze zu den Menschen, die sie für alt hält. Der Satz, der mir Freude macht: „‚Zu alt für einen Umzug, zu alt, um mit Klavier anzufangen, zu alt für eine Digitalkamera…‘ Unser großes ABC für gesunders Altern ermuntert Frauen und Männer jenseits der 50 schon beim Buchstaben A, solche Sätze ein für alle Mal aus ihrem Kopf zu streichen.“

Über 50 – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Liebe Frau Röttger, ich kenne niemanden, der sich mit 50 (!!!) alt fühlt. Nicht einmal mit 60. Die Menschen um die 50 stehen meist im Berufsleben, hantieren mit all dem Technikkram begeistert wie die Jüngeren. Man muss sich nur mal auf der Straße umsehen, wie viele Menschen „ab 50“ ihre Smartphones für quasi lebensnotwendig erachten. Die Neues anfangen, die keine Lust haben auf olle Sprüche wie die von Frau Röttger.

Vermutlich muss sich Frau Röttger eilends von den 50-Jährigen abgrenzen, zu nahe rückt sie selbst an diese Grenze (auf dem Foto schätze ich sie mal auf Anfang 40). Aber warum muss sie ihre für mich offensichtlichen Probleme mit dem Älterwerden so auf die 50-Jährigen abwälzen? Menschen zwischen 50 und 60 (mindestens!) nehmen überall Führungspositionen und verantwortliche Stellungen ein. Und die sollen alle schon sagen „Zu alt für…“?

Ein Traum von Frau Röttger. Aber den kann sie gerne allein träumen.

Augen zu beim Autokauf

21. Feb. 2015: Tipps für junge Leute

Wenn ich besonders für eine bestimmte Gruppe Tipps gebe, dann heißt das ja, dass diese Dinge für andere Gruppen nicht so wichtig sind.

Beispiele: Schwangere sollten nicht schwer heben. (Alle anderen müssen das nicht so sehr beachten.) Herzschrittmacherträger sollten sich von bestimmten Geräten fernhalten (alle anderen müssen das nicht). Kinder sollten möglichst keine Messer anfassen, d.h. Erwachsene dürfen das schon.

Du bist noch keine 60 Jahre alt und willst ein Auto kaufen? Dann habe ich die richtigen Tipps für dich. Zumindest kann ich dir aufzählen, was für dich überhaupt nicht wichtig ist.

Nun bestehe ich ja immer bei anderen auf Quellenangaben. Daher gebe ich selbstverständlich auch meine an: Es ist die Ronsdorfer Wochenschau, Jahrgang 65, Nr. 6, 4. Feb. 2015.

Der illustre Artikel ist überschrieben „Checkliste für die Generation 60+ beim Autokauf“. Ich liebe schon den Titel, ist klar? Eine Generation umfasst in der Regel 25 Jahre. Hmmmm….

Also erst einmal wird uns erklärt, wie mobil die älteren Menschen sind. „Jeder dritte Neuwagenkäufer in Deutschland ist bereits 60 Jahre und älter“. Nur so nebenbei: Das könnte auch einfach bedeuten, dass die Jugendlichen Gebrauchtwagen kaufen, räusper.

Da gibt es nun eine Broschüre eines Projekts zum „altersgerechten und klimabewussten Autokauf“. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Mir entgeht die Logik….

Dann wird es spannend, es geht an die Fragen, die die 60+ler sich beim Neukauf eines Autos stellen sollen: Ein- und Aussteigen testen. Okay, das macht Sinn – das weiß man ja, dass ältere Mensch nicht alle noch sehr gelenkig sind.

Jetzt wird es interessant für die Jüngeren unter meinen Lesern: Es ist offenbar völlig egal, ob Ihr die Fußpedale bequem erreicht, ob der Abstand zum Lenkrad ausreichend bleibt, ob Ihr einen guten Überblick über die Verkehrssituation habt. Denn es wird ja den 60+lern ans Herz gelegt, was sollte es da die Jüngeren kümmern? Auch das Ablesen der Instrumente – egal, wenn Ihr unter 60 seid. Ihr dürft raten. Die 60+ler sollten auch drauf achten, dass sie im Nachtmodus etwas lesen können. Die Jungen brauchen das nicht, die fahren vermutlich blind?

Dann kommt der wichtigste Hinweis (bitte daran denken, es gilt für die Über60jährigen:): „Nehmen Sie sich Zeit und legen Sie sich nicht vorab auf ein Modell fest.“ Das leuchtet ein, dass dieser Ratschlag für jüngere Menschen als 60 völlig irrelevant ist. Ihr Jüngelchen und Mädels, immer schön hurtig das Auto kaufen und schon vorher haarklein für euch festlegen, was Ihr wollt. Flexibel könnt ihr ja noch werden, wenn ihr jenseits der 60 seid… wie man liest 😉

Altersdiskriminierung

23. Mai 2014: Ageism

Ageism (englisch für Altersdiskriminierung) ist ein gutes Mittel, um Dinge an den Mann und vor allem an die Frau zu bringen. Zaubercremes, tolle OPs, das liegt auf der Hand und lässt sich schnell durchschauen.

Es wird aber von der Marketingwirtschaft ganz allgemein ein subtiler Ageism betrieben, der uns einfach suggeriert, dass „alt sein“ immer schlecht ist. Gut konnte ich das in der Diskussion über die neuen Smileys finden. Ich erhielt dazu die (private, also nicht auf dem Blog veröffentlichte) Zuschrift eines Lesers, der schrieb:

„Wieso muss immer alles geändert werden! Ob gut oder schlecht, anders – neu muss es sein. Ich finde, dass unsere Zeit daran krankt. Ich werde die alten Smileys vermissen, diejenigen mit den rosa Bäckchen zum Beispiel fand ich so putzig. Vielleicht passe ich immer weniger in diese Zeit, ich werde ja auch immer älter!“

Diese Anmerkung war als Scherz gemeint, dennoch steckt da etwas Bedenkenswertes hinter.

Zu den Smileys kann ich nur sagen, ja die rosa-Bäckchen (heute 😳 ) gefielen mir auch gut. Ich denke ich weiß, warum sie das geändert haben – um jetzt in der Größe veränderliche = skalierbare Smileys zu erhalten. Früher rissen die schon mal Zeilen auseinander. Sie waren aber zeichnerisch viel, viel besser als diese neuen Plattitüden. Eine andere Leserin kommentierte , dass sie lieber die neuen Bildchen hat, statt nur die Strichmuster „:-)“ wie früher…

Fortschritt um jeden Preis ist nicht mein Ding. Und das hat nichts mit Alter zu tun. Das wird uns älteren Menschen – die ja immer früher in die Seniorenecke verfrachtet werden – nur eingeredet. Mit wachsendem Alter und größerer Einsicht nehmen wir natürlich neue Dinge kritischer unter die Lupe als eine Generation, die mit dem Wegwerfprinzip schon in der Wiege konfrontiert wurde. Hinterhältig wird uns eingeredet, dass jeder, der nicht alles Neue gleich jubelnd willkommen heißt, „alt“ ist, in die „alte Ecke“ gehört. Wobei vorausgesetzt wird, dass alt quasi „nutzlos“ bedeutet. Und so werden sich auch viele Menschen, die dank ihrer mit den Jahren gewonnenen Einsichten vielleicht nicht alles Neue gleich bejubeln, so unter Druck gesetzt, dass sie diese Meinung nicht mehr äußern, aus lauter Scham, dann in die „alte“ Ecke abgeschoben zu werden.

Jugendverfechter (häufig Menschen, die kurz vor dem modernen Seniorentum stehen und sich unbedingt von diesem distanzieren wollen) kommen dann gerne mit dem Argument: „Ach, das war schon immer so, auf die Jugend wurde von den Älteren heruntergeschaut, die Jugend strebt voran, und daran hat sich nichts geändert.“ Doch, daran hat sich etwas geändert. Denn heute haben neue, häufig lebensverändernde Technologien einen atemberaubend kurzen Lebenszyklus. Das ist nicht mehr mit den Zeiten zu vergleichen, wo sich 200 Jahre lang gar nichts änderte, wenn nicht die „aufmüpfige“ Jugend gewesen wäre.

Früher war es teils schwierig, etwas Neues einzuführen, weil die älteren Menschen lieber auf dem Alten beharrten. Somit war ein Filter geschaffen. Dieser Filter ist uns weggerissen worden, jetzt arbeitet der Filter geradezu anders herum: Alles, was neu ist, ist erst einmal „gut“. Das finde ich durchaus bedenklich. Gerade in Zeiten des raschen und stetigen Wandels ist es unsere Pflicht als Erwachsene, so finde ich, auch bewahren zu helfen, ohne Angst, dafür in eine negative Ecke abgeschoben zu werden.

Eine kleine Grippeimpfung gefällig?

5. Mai 2014: Impfen, Impfen, Impfen

Las ich doch im Seniorenratgeber (April 2014) einen schönen Artikel über „Masern mit 70“. Resümée: Weil Senioren Impflücken haben, sind sie für bestimmte Keime besonders empfindlich. Wobei die Tipps hier sich nicht, wie der Titel vermuten lässt, auf über-70-Jährige bezieht, sondern auf Menschen ab 60 Jahren. Welcher Rückschritt, wir hatten die Senioren doch schon bei ab 50 🙂

Also die Senioren haben Impflücken und bekommen deshalb Kinderkrankheiten. Kleine Anregung zum Nachdenken: Hätten die Senioren als Kinder einige Kinderkrankheiten bekommen, wie das früher üblich war, würden sie im Alter nicht daran erkranken. Aber das ist natürlich völlig Impf-blasphemisches Denken 🙂

Schön auch das Kästchen zu den Impfungen, die man ab 60 machen lassen sollte. Am besten gefällt mir ja die alljährliche Impfung gegen Grippe. Das wird ja wirklich immer so schön heruntergebetet, wie ein Rosenkranz. Es gäbe ja z.B. auch die Möglichkeit, Menschen ab 60 Jahren eine Ernährung zu empfehlen, die sie generell gesünder und weniger anfällig macht.

Typische Erkrankungen des Alters schwächen das Immunsystem der älteren Menschen. Immerhin – es wird nicht von Alterskrankheiten (die es nicht gibt, denn das Alter ist nicht notwendig mit Krankheiten verknüpft) gesprochen, sondern typischen Erkrankungen des Alters. Das mag ja sein. Ich lese die Liste mit Freude: Bluthochdruck, Arteriosklerose, Lungenleiden und Multimorbidität (= viele Krankheiten gleichzeitig). Mit Freude lese ich das deshalb, weil ich außer meinem Gallenleiden nix habe. Kommt aber bestimmt in den nächsten Tagen, den so ein Seniorenratgeber weiß das doch besser als ich 😉

Altersflecken

2. September 2012: Was tun gegen Altersflecken?

Diese Frage stammt nicht von mir, sie habe ich aus dem Seniorenratgeber 8/2012, Seite 76. Es werden dann auch verschiedene Methoden vorgestellt. Schuld sind zu viel UV-Strahlung, zu viel Putzen, zu wenig Pflege. Und schon nach dem ersten Einleitungsteil wissen wir, dass diese Pigmentverfärbungen etwas Übles sind, die wir gerne als Schandmal betrachten sollten. Sind sie frisch, helfen bleichende Pflegeprodukte, oder auch Entfernung per Laser.

Ich finde das pervers. Denn es zeigt, wie ernst es den Medien damit ist, das Alter und Älterwerden mit Selbstbewusstsein anzugehen. Anti-Aging, Anti-Altersflecken, es bleibt das Bestreben danach, die Alterzeichen zu entfernen. Wir müssen stets und ständig aktiv und frisch sein, bis uns dann irgendwann doch das Alter in Form von Alterskrankheiten und Demenz ans Bett fesselt.

Wann gibt es endlich ein normales Bild älterer Menschen, das zur Orientierung angeboten wird? Nicht diese aufgeschminkten Fassaden ohne Fehl und nur mit wohlgesetzten Fältchen. Jeder Mensch wird älter, das ist der Lauf der Dinge. In der Jugend machen wir uns darüber keine Gedanken, irgendwann ist es dann ein Schreckgespenst. Weil dem Altern heute Funktion und Normalität genommen ist. Jeder wird an sich die Zeichen des Älterwerdens feststellen können, seien es Falten oder graue Haare. Die damit verbundenen angeblichen Schwächen: Die dürfen wir, so finde ich, nicht akzeptieren! Altern ist nicht automatisch mit Gesundheitsverlust und Demenz verknüpft. Da erinnere ich gerne an die Ernährung, Bewegung und auch geistige Weiterentwicklung.

Ich fange bei mir selbst an und habe ein Bild für mich, wie ich weiter durchs Leben gehen möchte. Ich möchte die äußeren Zeichen des Älterwerdens als Preis sehen, nämlich als Preis für Dinge, die ich dazugewinne. An Einsicht, an Geduld, vielleicht eines Tages sogar an Weisheit. Der Spruch „Es gibt nichts umsonst in diesem Leben“ drängt sich da quasi auf.

Älterwerden führt zum Sterben, und das ist gut so, denn sonst würde die Welt noch schneller aus den Nähten platzen, als sie jetzt schon tut. Es wäre ein Alptraum, wenn Eltern noch älter würden. Es ist für die persönliche Entwicklung eines Menschen wichtig, dass die Eltern sterben, denn dann erst tritt das echte Erwachsenwerden ein. Ich kann das immer wieder an Freunden und Bekannten beobachten. Das Problem ist, dass wir das theoretisch alle einsehen – für andere. Nicht für uns selbst „natürlich“.

Es geht aber kein Weg daran vorbei und wenn wir uns die Hände mit Lasern weiß scheuern lassen: Es geht weiter und das fix. Solange wir uns selbst nicht akzeptieren, so wie wir sind, können wir als Ältere auch keinen Respekt von den Jüngeren erwarten, denn wie will ich respektiert werden, wenn ich mich selbst in meiner Ganzheit nicht akzeptiere?

Faltenloser Mund

Kommentar vom 17. November 2011: Älter ist das neue Schöner.

Die Werbung hat ja nun die älteren Menschen – wohlgemerkt: nicht die alten Menschen! – entdeckt. Firmen stellen Produkte her, von denen sie annehmen, dass ältere und alte Menschen sie gerne kaufen. Soweit so gut. Dann aber schalten sie Werbeagenturen ein, die den älteren Menschen diese Produkte näherbringen sollen. Und wenn ich mir dann die dummen Sprüche und die Bilder anschaue, dann steht der eigentliche Inhalt der Werbungen völlig gegen den aufgesetzten Anspruch.

Da schaue ich hier zum Beispiel auf die Anzeige, die eine Hautcreme mit Calcium an die älteren Menschen – natürlich Frauen – verscherbeln will unter dem Markennamen Niveau. Oben ist ein Foto von zwei Frauen, links eine jüngere und rechts – jetzt wird’s interessant – die ältere Dame. Sie hat offensichtlich, das erkennt man gerade noch, eine weiße Bluse an. Ältere Frauen sehe ich in der Werbung häufig in geblümten Röcken und mit irgendwelchen Blusen. Auf der Straße sehe ich die Überfünfzig- und -sechzigjährigen eher in Pullis und Jeans. Merkwürdige Eltern, die offensichtlich die Werbemenschen haben. Die – wie der Text sagt – 65-jährige glückliche Käuferin der Calciumcreme hat angedeutet weißes Haar, nicht so richtig. Wunderhübsche Zähne, wie sie kein Kassenzahnarzt euch je in den Mund einpflegen wird. Ein bisschen Makeup, na klar, ein kleiner Brilli im Ohr, ein strahlendes Lächeln… und Falten. Na klar, dass wissen die Werbemenschen auch, dass ältere (noch schlimmer wahrscheinlich: alte) Menschen Falten haben. Der guten Frau haben sie auch welche verstärkt gesetzt: Lachfalten um die Augen und zwei Falten am Hals, die aber eher vom Drehen des Halses kommen. Der Rest ist, möchte ich wetten, dem Photoshop zum Opfer gefallen, denn ihre Wangen und ihr Mund sind faltenlos.

So also, liebe 65-jährige Frauen. müsst ihr aussehen! Superadrett, leicht geschminkt, Haare nicht zu kurz, schon gar nicht lang, eine leichte Welle, ein bisserl Schmuck und bitte nur wenige Falten. Ich kenne viele 45-Jährige (Weiblein und Männlein), die mehr richtige Falten haben. Schon das Bild macht eine ganz klare Aussage: Älter werden dürfen wir, pro forma dürfen wir auch dazu stehen – aber nicht so aussehen. Dazu passt auch der Text: „Es heißt: Jeder ist so alt, wie er sich fühlt. Das stimmt. Ich bin jetzt 65, fühle mich aber mindestens 10 Jahre jünger – und schöner“.

Darf ich das einmal in Deutsch übersetzen? Wir – vor allem Frauen – müssen immer jünger aussehen als wir sind. Wobei das natürlich nicht funktioniert, denn sobald alle ab 60 die Niveau-Wundercreme benutzen, sehen ja alle 10 Jahre jünger aus und somit ist die Hürde neu aufgestellt 😉 Warum darf Brigitte F. nicht aussehen wie eine 65-jährige Frau? Warum muss sie sich selbst gewaltsam um 10 Jahre kastrieren? Wenn ich schon den Ausdruck „Generation Vital“ höre, könnte ich über den Tisch kotzen. Immer neue Bezeichnungen werden kreiert, damit den älteren Menschen was verkauft werden kann. Echtes Selbstbewusstsein wird ihnen aber an keiner Stelle vermittelt, denn sie werden in eine geforderte Schönheits-Jugend-Schablone gepresst. Passend dazu etwas weiter unten „Viel Bewegung an der frischen Luft, Freiheit und vor allem eine ausgewogene Ernährung helfen dem Körper dabei, jung zu bleiben“. Was natürlich absoluter Quatsch ist. Der Körper bleibt nicht jung. Er wird jeden Tag älter, er ist nur fitter oder weniger fit. Aktiver oder weniger aktiv. Und das alleine zählt.

Vor ein paar Wochen erhielt ich das Foto einer 67-jährigen. DAS war eine Freude zu sehen. Ich weiß gar nicht, ob die Frau aussieht wie 67 oder nicht, ob jünger oder so alt wie sie ist. Denn das interessiert gar nicht: Auf dem Foto sehe ich einen Menschen mit Geschichte, der Freude und Gelassenheit, ausstrahlt. Kein Brilli im Ohr, die Haare für diese Werbeagentur bestimmt zu lang, und dann trägt sie auch noch einen grobgestrickten Pulli, keine weiße oder karierte Bluse. Wenn ich mich sehr anstrenge, könnte ich mich auch an ein paar Falten entsinnen, aber es war so unwichtig.

Es liegt auch an uns selbst. Es ist uns so anerzogen worden, dass wir uns freuen, wenn jemand sagt: „xx Jahre alt bist du? Boh, du siehst aber noch glatte zehn Jahre jünger aus“. Warum sollen wir uns darüber freuen, wenn uns die Mitmenschen Jahre stehlen wollen, die wir mit mehr oder weniger Freude durchlebt haben?

Als ich 20 Jahre alt war, hatte mich der Diätenwahn gepackt. Obwohl ich eine durchaus normale Figur hatte, meinte ich abnehmen zu müssen. Auch wenn ein Teil meiner selbst schon damals gegen diesen gesellschaftlichen Druck rebellierte, gefühlsmäßig kriegen sie dich irgendwann. Mich haben sie damals gekriegt und es hat lange gedauert, bis ich mich endlich davon lösen könnte. Und jetzt soll ich nicht mal mehr in Frieden älter werden können, sondern wie in eine neue Zwangsjacke gesteckt werden, die Zwangsjacke des „Ich-muss-jünger-aussehens?“. Gerade wir als Frauen sollten uns klarmachen, dass uns damit unsere Würde genommen wird.

ADAC als Seniorenclub

Kommentar vom 8. April 2011: Der ADAC und die Senioren

Ihr erinnert euch noch an die schöne ADAC-Visa-Card? (Zum Nachlesen: hier). Für mich war es Anlass, aus dem ADAC online auszutreten. Zwei Tage später rief ein Mitarbeiter an, um sich nach dem Grund zu erkundigen. Das war ein interessantes Gespräch, denn ich erfuhr, dass diese Visa-Card vielen Kunden sauer aufstößt – aber die Zentrale in München hält weiter daran fest.

Hätte ich da nicht gekündigt, hätte ich jetzt einen neuen Grund: Ich las am 7. April in der Tageszeitung (RGA), dass der ADAC ein Seniorennetzwerk aufbaut. Ei, was ist denn das?

„Der Autofahrerclub ADAC baut ein Netzwerk für Senioren auf, das Menschen schon ab 50 Jahren Beratung und Information in allen Lebenslagen bieten will.“

Ja, Ihr lest richtig: hier werden Menschen ab einem Alter von 50 Jahren als Senioren bezeichnet. Hoppla… wurde nicht gerade das Rentenalter auf 67 Jahre hochgesetzt? Parallel dazu wird das Seniorenalter immer näher an die Pubertät gerückt? Die Arbeitswelt ist voller Senioren… Armer Michael Schumacher, ihm bleiben nur noch 8 Jahre, bis ihn der ADAC an die Hand nimmt, auf den Treppenlift setzt und ihm einen leicht schluckbaren Brei vorsetzt. Der ADAC Präsident Peter Meyer, der dies so vollmundig verkündigt, ist selbst fast 62 Jahre alt. Seit 12 Jahre ein Senior.

„Vereinsmitglieder sollen etwa durch „kompetente Experten“ Beratung zu Themen wie Pflege, Vorsorge, Finanzen, Freizeit oder Liebe erhalten, heißt es auf der Internetseite des Vereins.“

Leidet Herr Meyer auch an Pflege-, Vorsorge- und Liebesmangel? Immerhin ist er ja schon so lange Senior, sicher zittern ihm schon die Hände an der Kaffeetasse, wenn er am gemeinsamen Vorstandstreffen des ADAC teilnimmt (wo, so möchte ich fast wetten, nach der ADAC-Klassifikation der Großteil auch Senioren sind). Meine Güte, schon seit 12 Jahren Senior… wow, das ist doch eine Leistung.

Hintergrund der Vereinsgründung ist laut „Zeit“ die Sorge des ADAC, wegen der Überalterung der Gesellschaft immer mehr Mitglieder zu verlieren.

Ja, dann ist es natürlich sinnvoll, die Senioren immer jünger werden zu lassen. Wenn wir nämlich Senioren ab der Geburt sind, ist die Zahl der möglichen Mitglieder des ADACs auf über 80 Millionen gewachsen. Bei einem Mitgliedschaftsbeitrag von 48 Euro im Jahr wäre das ein Aufschwung für den ADAC, ohne Frage.

Och, der Opi, wie niedlich…

Kommentar vom 12. März 2011: Durch Verniedlichung degradieren

Auf einer der letzten Seiten des Seniorenratgebers vom März 2011 gibt es einen kleinen Artikel, ein nicht mehr junger Mann hält einen Säugling, beide strahlen. Neben dem Foto dann der Text: „Ulrich Katzenberger (56) wurde im August zum ersten Mal Opa.“

Mal wieder köstlich – der Seniorenratgeber hält also 56-Jährige, das sind Menschen, die noch mindestens 10 Jahre im Arbeitsleben aktiv sein werden, für seine Zielgruppe. Und dass der gute Herr Katzenberger langsam verkindscht, merken wir, wenn wir seinen begeisterten Text lesen, in dem er von seinem Enkelkind schwärmt. Kurze Sätze, in einem Stil, in dem kaum ein Erwachsener spricht. Der Clou aber bleibt die Bildunterschrift, die ich ja oben schon genannt habe. Warum wurde Herr Katzenberger denn nicht Großvater? Das Wort Großvater hat eine gewisse Würde, es lässt auf Weisheit und Gelassenheit schließen. Das Wort „Opa“ – wenn nicht vom Enkelkind benutzt, da ist das natürlich anders – auf einen erwachsenen Mann angewandt, erweckt Bilder von Hilflosigkeit, falschen Zähnen, einem Rollator und was es da sonst alles noch für Klischees gibt. „Opa, lass mich mal ran“, „Meine Güte, wie fährt denn dieser Opa“…. Sprüche, die wir häufig hören und die genau beschreiben, was ich meine.

So sieht Herr Katzenberger gar nicht aus. Wenn ich ihm in der Autowerkstatt begegnen würde, hielte ich ihn für einen kompetenten Sachbearbeiter. Er könnte auch Leiter eines kleinen Supermarktes sein. Da wird er also mit seinen wackeren 56 Jahren in die Ecke des sabbernden Greises gestopft….

Es wird ja immer so darüber geklagt, dass Deutschland ein kinderfeindliches Land ist. Kinder werden in den Medien ständig hochgespielt, da braucht sich keiner zu beklagen. Die gleiche mediale Unterstützung für höhere Altersgruppen und alte Menschen vermisse ich.

Verkehrstote Senioren

Kommentar vom 20. August 2010: Tote Senioren

In der Augustausgabe der Apothekenumschau lesen wir in der Rubrik „Rat & Hilfe kompakt“ die Meldung:

„2009 kamen in Deutschland 1104 Senioren im Straßenverkehr ums Leben. Das sind 3,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor.“

So wie das da steht, kann ich jetzt nicht unmittelbar „Rat und Hilfe“ erkennen. Und wenn wir uns diese Information einmal langsam auf der Zunge zergehen lassen, ist sie ungefähr so aussagekräftig wie „2009 kauften in Deutschland 53.550 Senioren ein Paar braune Schuhe. Das sind 3,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor.“

Warum behaupte ich jetzt, dass diese Info sinnlos ist? Zahlen machen absolut gesehen wenig Sinn, sie brauchen eine Vergleichsgröße. Wenn ich euch z.B. erzähle, dass ich pro Woche 5 kg Äpfel kaufe und verzehre, dann würdet Ihr vermutlich arg staunen. Denn Ihr nehmt euren eigenen Apfelkonsum als Vergleichsgrundlage. Um die obige Information auch nur grob sinnvoll einordnen zu können, brauchen wir z.B.:

  • die Zahl der in Deutschland lebenden Senioren
  • ob sie als Fußgänger, Beifahrer oder Autofahrer gestorben sind
  • eine Definition dessen, welcher Altersbereich hier mit „Senioren“ gemeint ist
  • ein Vergleich mit einer anderen Gruppe, z.B. wie viele Kinder im Straßenverkehr ums Leben kamen
  • die entsprechenden Zahlen aus mindestens zwei Vorjahren
  • Und ganz wichtig: Um wie viel Zugänge die Gruppe der Senioren von 2008 auf 2009 gewachsen ist.

Gerade ohne den letzten Punkt ist dieser Vergleich nichtssagend. Wenn ich z.B. Senioren definiere als alle Menschen über 65 Jahre, dann sind zurzeit die „Zugänge“ zu dieser Gruppe ja zahlenmäßig ohnehin größer als die „Abgänge“ (= Sterbefälle). Denn genau das macht ja die allseits beklagte Alterspyramide aus – dass nämlich die Zahl der Senioren immer größer wird. Nehmen wir einmal den theoretischen Fall, dass es 2009 insgesamt 7,5 % mehr Senioren gab als 2008 – dann wäre, grob gesagt, die Zahl der Verunglückten ja sogar zurückgegangen.

Da die Zahl 1104 auch noch im Text hervorgehoben sind, soll ich das vermutlich viel finden. Kann ich nicht, da mir jede Beurteilungskraft versagt wird. Und was schließe ich daraus? Dass die Apotheken-Umschau es nicht für wichtig hält, uns mit Informationen zu versorgen, die wir dann selbst einordnen können, sondern uns nur Wissenshäppchen präsentiert und eine Schlussfolgerung ohne Denkkraft unsererseits gleich mitliefert.

Nö, danke. Ich denke gerne selbst 🙂

Wann fängt die Vergesslichkeit an?

Kommentar vom 6. August 2010: Hilfe, ich werde älter!

Unsere Putzhilfe pflegte in den letzten Jahren, wenn sie etwas vergaß, stets zu sagen: „Jaja, ich werde älter.“ Anfangs habe ich noch versucht zu erklären, dass Vergesslichkeit keine unausweichliche Alterserscheinung ist, sondern dass wir einfach – wenn wir älter werden – eher geneigt sind, solche Dinge mit „ich werde älter“ zu betiteln. Ich habe vor vielen Jahren mal in einem Buch über die Gehirnfunktionen gelesen (leider habe ich den Titel nicht mehr), dass das Gehirn auch im Alter, solange es gesund ist, völlig normal ist. Die Vergesslichkeit ist nicht erhöht. (Vor wenigen Tagen las ich dann, Forscher hätten nun Genveränderungen festgestellt, die zur Vergesslichkeit im Alter führen. Komisch, wie die Forschung auch Modetrends folgen kann…)

Da im vorliegenden Fall die Erklärung aber nichts half, habe ich mir für solche überflüssigen Bemerkungen mittlerweile die Gegenantwort parat gelegt, es geht jetzt so: „Ach ja, ich werde alt!“ Ich: „Das hoffe ich!“ Meist dauert es ein paar Sekunden, bis der Satz ankommt 😉

Ganz erstaunt war ich nun, als ich in der letzten Zeit, wenn ich mit meiner Freundin Florinda telefonierte, schon mal so Sätze kamen wie „Jaja, ich werde alt <kicher>“. Bestimmt zwei oder drei Mal ist es mir in der letzen Zeit aufgefallen, es ging aber dann im Gespräch unter. Vor ein paar Tagen nun besuchte ich Florinda, die wohlgemerkt etwa 15 Jahre jünger ist als ich. Sie erzählt mir bei einem gemütlichen Tässchen Tee, dass sie und ihre Freundin Sybille sich letztlich darüber ausgetauscht hatten, dass sie doch heutzutage bei Gymnastik und Sport länger brauchen, bis der Körper darauf reagiert, mit Muskelaufbau usw.

Da wollte ich nicht länger schweigsam sitzen bleiben. Als ich nämlich in Florindas Alter war, hatte ich gerade nach einer langen Phase der Trägheit wieder sportliche Aktivitäten aufgegriffen. Ich ging regelmäßig schwimmen und noch kurzer Zeit des Einübens schwamm ich locker (mehr oder weniger locker <G>) allen anderen davon – auch jüngeren Zeitgenossinnen. Ausgenommen natürlich Vereins- oder anderen Profi- und Halbprofischwimmerinnen. Und ich war mindestens zwei Jahrzehnte nicht mehr schwimmen gewesen. Allerdings radel ich seit 20 Jahren jeden Morgen 30-40 Minuten auf dem Trimmrad und gehe regelmäßig zu Fuß. Florinda war aber auch immer sportlich aktiv.

Ich habe also bei Florinda nachgehakt: Hast du denn damals vielleicht mehr Sport gemacht? Nein, sie ging auch regelmäßig zur Gymnastik, regelmäßig Schwimmen… Ich bohrte weiter nach: gleichschwere Gymnastik, oder schwerer? Mehr Schwimmen? Schließlich grinste sie schräg und meinte – „Naja, ich habe damals auch noch Geräteturnen gemacht.“

Wir werden alle älter und das Alter bringt durchaus körperliche Veränderungen. Wir sollten da aber ganz vorurteilsfrei und vorsichtig herangehen und uns immer fragen: Ist das jetzt wirklich eine Veränderung, oder GLAUBE ich nur, dass es eine ist, weil das so gut in das heutige Denkschema von Alter (= krank, vergesslich und gebrechlich sein) passt? Natürlich sehe ich heute nicht mehr aus wie eine Zwanzigjährige und ich finde es peinlich, wenn gerade Schauspielerinnen meinen, mit den jungen Mädels konkurrieren zu müssen. Das ist wie Äpfel und Birnen vergleichen – eine Fünfzigjährige wird nie den Körper einer Zwangzigjährigen haben, dafür hat sie mehr Übung im Umgang mit anderen Menschen, mehr Geduld, mehr Charme, vielleicht eine offenere Art, die einer schüchternen jungen Frau noch verwehrt bleibt.

Vor allem aber die geistige Entwicklung ist, und das ist auch wissenschaftlich belegt <g>, gar nicht altersabhängig – wenn wir unser Gehirn immer hübsch auf Trab halten. Wenn wir natürlich 30 Jahre lang nichts Neues mehr lernen, nur auf den eingetretenen Pfaden laufen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir im Italienisch-Kurs der VHS größte Mühe haben, auch nur eine Vokabel zu lernen.

Die körperliche Reaktionsfähigkeit lässt nach, aber gerade bei Autofahrern gibt es hochinteressante Untersuchungen, dass wir das bei wachsendem Alter durch Erfahrung auffangen können. So dann auch eine aktuelle Meldung aus dem Seniorenratgeber August, wo berichtet wird (S. 9), dass ältere Fahrer mit mehr als 30 Jahren Fahrerfahrung stärker auf den Verkehr von rechts achten.

Gerade bei ernstzunehmenden Ernährungsüberlegungen werden uns immer wieder die Naturvölker vorgeführt. Warum wohl schieben diese ihre Alten nicht in Abfallhütten am Rande der Siedlung ab, sondern respektieren sie, befragen sie um Rat?

Die Altersklischees in unserer Gesellschaft lauern hinter jeder Ecke, hinter jedem Seniorenratgeber. Sie zu erkennen und zu schließen, statt hineinzuspringen, ist eine wichtige Aufgabe, die sich jeder stellen sollte – nicht erst, wenn der 40. oder 50. Geburtstag erreicht ist.