Die Schule des Lebens

29. April 2016: Wissenschaft – alles Humbug?

„Die Pharmaindustrie und die Ärzte wollen nur ans Geld, erfinden ständig Krankheiten und tun absichtlich alles, damit die Patienten nicht gesund werden.“

Ich kann’s echt nicht mehr hören, wie sich die Verführer damit brüsten und ihr krauses Gedankengut mit diesen Vorwürfen unters Volk bringen möchten. In Ermangelung eines überzeugenden Gottesbildes in unserer Zeit – so behaupte ich hier einmal provokant – finden sie immer wieder gläubige Anhänger. Alles, was die Wissenschaft beweist, ist verkehrt. Alle Studien sind geldgesteuert und so ein Heilsbringer kann natürlich beurteilen, was richtig ist und was falsch, ohne dass er das beweisen muss. Wer nicht (oder nicht deutlich sichtbar, räusper) Geld mit etwas verdient, hat mehr Recht in einer Sache, als jemand, der Geld damit verdient. Und was im Internet an dubioser Stelle gefunden und von dort zahlreich auf Blogs und Seiten kopiert wird, hat sehr viel mehr Gewicht, als das, was in wissenschaftlichen Büchern steht und mit viel Aufwand erarbeitet wurde.

Alle Ärzte sind Scharlatane, gehört auch in diese Rubrik. Immer wieder höre ich es, wie die Leute Ärzte als Nichtskönner diffamieren (keine Frage, das trifft für viele zu), aber ihren Heilpraktiker oder ihre Heilpraktikerin völlig unkritisch anbeten. „Meine Heilpraktikerin hat gesagt…“ und dann kommt häufig irgend ein Mist. Aber – ohne vernünftiges Gottesbild, wie gesagt – da gibt es endlich wieder etwas, an das „wir“ glauben können.

In meiner Erfahrung sind Heilpraktiker und ihre Zunft keineswegs besser als Ärzte. Nur geduldiger mit den Patienten vielleicht. Ihre Ausbildung? Hmmm, das liegt im Dunkeln. Bei einem Arzt weiß ich wenigstens, dass er mal studiert hat 🙂

„Schön“ ist auch, dass es immer wieder Ratgeber gibt, die sich ihre Weisheiten anlesen. Aus Youtube-Quellen, Internetseiten usw. Die werden dann plötzlich zu Experten für Krankheit XXX oder Fachleuten für Vitamin YYY. Ihnen ist es völlig egal, ob sie damit das Leben und die Lebensqualität anderer gefährden, weil sie sich entweder im eigenen Glanz wohl fühlen und in den nächsten Tagen dank ihrer bahnbrechenden Einsichten den Nobelpreis für Medizin auf sich zukommen sehen oder – weil sie das verschmähte Geld mit irgendwelchen Pülverchen verdienen.

Es ist plausibel für jeden, dass ein ausgefallener Zahn nicht nachwachsen kann. Aber eine Schilddrüse, die sich selbst teilweise oder ganz zerstört hat (eine Autoimmunerkrankung namens Hashimoto Thyreoiditis), soll sich auf einmal durch Änderung der Lebensführung regenerieren? Auf dieser „unsichtbaren“ Ebene wird besonders gerne Mist erzählt, weil der Laie es ja nicht wie im Fall des Zahns selbst „sehen“ kann. Wenn die Diagnose Hashimoto Thyreoditis korrekt gestellt wurde, stirbt der Kranke ohne Zufuhr des entsprechenden Hormons, langsam, langsam… Ist die Diagnose schlampig und somit falsch, mag eine Änderung des Lebens helfen. Das aber sind zwei Paar Schuh!

Bohrt man nach, woher diese selbsternannten Experten ihr Wissen beziehen, so kommt dann gerne, dass sie in der „Schule des Lebens“ gelernt haben. Wenn ich diesen Ausdruck – nur ein Ersatz für dünnes Wissen und fehlende Ausbildung – noch einmal lese, krieg ich Pickel. Trotz guter vollwertiger Ernährung 😉

Ich habe im letzten Jahr gesehen, was die Schulmedizin tun kann an Stellen, wo die Ernährung einfach zu spät kommt. Leben retten, Lebensqualität drastisch erhöhen. Mit Ärzten, die sich sichtbar um das Wohlbefinden ihrer Patienten kümmern. Die ihren Beruf ernstnehmen. Ja, ich weiß, dass vieles im Argen liegt. Aber gelegentlich wünsche ich mir, dass all diese Quacksalber und ihre Anhänger wirklich einmal krank werden. Dann schauen wir mal, ob sie Schmerzen lieber aushalten oder nicht vielleicht doch ein Schmerzmittel nehmen, ob sie sich nicht doch lieber kurieren lassen, als Seen von Wildkräuter-Smoothies zu trinken. Eine gute Vorbeugung (z.B. durch Ernährung) ist die eine Sache – aber wenn es für Vorbeugung zu spät ist, hilft diese Maßnahme nicht mehr. Wenn ich Karies habe, weil ich meine Zähne nie geputzt habe, wird das Loch im Zahn nicht dadurch aufgefüllt, dass ich anfange jetzt zu putzen.

Natürlich ist es im Krankheitsfall z.B. besonders wichtig, diese „Vorbeugemaßnahmen“  dann parallel zur Schulmedizin auch zu pflegen, Ernährung umstellen, „Zähne putzen“ usw. Und es gibt leider auch Erkrankungen, deren nahezu perfekte Linderung durch alternative Maßnahme von der Schulmedizin einfach nicht anerkannt wird. Das ist aber häufig einfach Betriebsblindheit, nicht immer böser Wille und nicht immer Geldgier. Ich habe einen dieser Schwachmaten-Ärzte erlebt, der seinen Horizont partout nicht erweitern wollte. Aber Geld war hier keine Grund, einfach Denkbequemlichkeit oder was auch immer. Es gibt eben in vielen Berufen Leute, die ihr Handwerk nicht so recht verstehen. Dieser Arzt hat sich um seinen Patienten gesorgt und getan, was er nach seinem Wissensstand für das Beste hielt.

Es ist heute schwerer denn je, sich gut zu informieren, weil die Informationsflut so breit ist. Ich habe schon vor Jahren auf die fehlende Solidität eines gewissen Zentrums hingewiesen – aber es ist nicht auszurotten, davon wird ohne Ende zitiert. Möglichst mit dem Kommentar „Nun, nicht alles, was sie sagen, ist falsch“.

Kritisch bleiben ja, gut. Aber bitte wirklich kritisch bleiben und nicht nur etwas glauben, weil jemand etwas erzählt, das gerade im Moment gut gefällt.

Her mit dem Kakao!

7. Apr. 2016: Kakao

Vor einer Weile schon konnten wir lesen, dass in Studien entdeckt wurde, dass Schokolade die Hirnfunktionen fördert. Schon damals ahnte ich, dass meine regelmäßigen morgendlichen Kakaos nur gut für mich sein können. Jetzt aber konnte ich lernen, dass auch meine Optik dadurch ungeahnte Verbesserungen erfährt, und das weiß ich aus dem Seniorenratgeber März 2016 (Seite 11):

Weniger Falten dank Schokolade

An der Studie nahmen 62 Frauen zwischen 43 und 86 Jahren teil. Bei Männern ist offenbar nix mehr zu retten, oder? Ich bin immer wieder erfreut zu sehen, dass Wissenschaftler so überhaupt keine Vorurteile haben, also sie denken zum Beispiel nicht, dass das Aussehen für Frauen eine andere Bedeutung hat als für Männer 😉

Heilige Kühe

5. Sep. 2015: Erschreckend

Es begegnet mir nicht nur dort: Während Facebook vollgepflastert ist mit Botschaften wie „Sei offen für Neues!“ gilt das offenbar nur für Neues, das auch ins eigene Bild passt.

Nehme ich einmal die Vollwertkost als Beispiel. Um überhaupt zur Vollwerternährung zu gelangen, haben die meisten von uns eine Öffnung für Neues durchlebt. Nur weil sie frustriert waren vom Alten, aber auch weil sie bereit waren für Neues, konnten sich
Ex-Normalesser der Vollwerternährung zuwenden. Bei vielen läuft automatisch dann die Richtung in „gegen Schulmedizin“, „gegen Impfen“, „gegen Nahrungsmittelergänzung“, „gegen Plastik“, „gegen Tierprodukte“ usw. Aber dann setzt plötzlich eine Denkblockade ein und nichts Neues darf mehr hinzukommen. Da fröstelt es mich.

Da lese ich Beiträge zu Vitamineinnahmen. Vollwertler sind dagegen. Und wenn dann einer berichtet, er habe aber mit einem bestimmten Vitamin bei sich Erfolge gehabt, wenn der Hausarzt von Fällen berichtet, wo dieses Vitamin Leben gerettet hat, da wird das weggeredet. Was nicht sein kann, das nicht sein darf.

Impfen ist immer schlimm, die Pharmaindustrie ist nur auf das Geld aus, Ärzte sind alle Sklaven der Pharmaindustrie und wissen und können nichts… Ich kann es wirklich nicht mehr hören. Wohl dem, der weder Pharmaindustrie noch Ärzte braucht. Und nie brauchen wird. Ich kenne Fälle aus der Vollwertszene, wo erst nach Jahren der erfolglosen Rumdokterei mit alternativen Mitteln die Schulmedizin nachweisbar zur Besserung oder Heilung geführt hat. Ich kenne auch Vollwertler, die auch bei striktester Einhaltung der Regeln nur bedingt Erfolg mit ihrer Gesundheit hatten. (Zwischendurch: Ich bin überzeugt, dass die Vollwerternährung immer ein Plus an Gesundheit bringt, aber eben nicht immer vollständig). Ist die Vollwerternährung nicht erfolgreich, kommt sofort als Erklärung „Ah, du hast das nicht richtig gemacht!“ oder „Dann sind es lebensbedingte Umstände!“.

Ich kenne zwei überzeugte Homöopathinnen – deren Leben durch die Schulmedizin gerettet wurde. Einfach, weil auch die Homöopathie Grenzen hat. Natürlich hat auch die Schulmedizin Grenzen. Und leider sind viele Ärzte nur mäßig kompetent.

Kritik an Studien steht hoch im Kurs, auch bei solchen Menschen, die überhaupt nicht wirklich wissen, was eine gute von einer schlechten Studie unterscheidet. Kritik an Studien oder auch Nachhaken ist natürlich immer richtig, aber: Bitte nicht nur an Studien, die das eigene Bild unterstützen. Veganer werden garantiert Studien in Stücke zerfetzen, die den Wert von Fleisch in der Ernährung unterstützen. Sind sie genauso rigoros und kritisch, wenn eine Studie veröffentlicht wird, die berichtet, dass Veganer im Durchschnitt 15 Jahre länger leben als Nicht-Veganer?

Warum ist die China Study so erfolgreich? Weil sie so überragend wissenschaftlich ist? Nein, sicher nicht, denn ich wette, dass 98% der Leser überhaupt die Möglichkeit fehlt, das zu beurteilen. Die Studie passt in die vegane / vegetarische Welle, deshalb ist sie erfolgreich.

Es ist schwer, Dingen gegenüber offen zu sein, die gegen das stehen, was wir selbst zu wissen glauben. Es wird eine Weile dauern, aber dann sollten wir immer alles neu in Frage stellen. Das Einzige, was meinem eigenen Nachhaken bisher immer gut widerstanden hat, ist die Vollwerternährung, bei aller Kritik, die ich an ihr habe. Beim Impfen habe ich mittlerweile die komplette Ablehnung aufgegeben. Der Schulmedizin gestehe ich wieder mehr zu als noch vor wenigen Jahren – was nicht heißt, dass ich ihr nun komplett anhänge und jedes Ärztewort mit Gold umkleide 😉

Es tut sehr weh, einmal gewonnene Überzeugungen wieder offen zu betrachten. Denn es hat viel Arbeit und Zeit gekostet, dorthin zu gelangen. Wenn wir aber wirklich lernen wollen, dann müssen wir mehr von dem lesen, was das unterstützt, was wir nicht glauben, ohne gleich die Scheuklappen anzulegen. Wir müssen nicht unsere eigenen Überzeugung gleich über Bord werfen, aber wir dürfen sie korrigieren. Und diese Korrekturen vermisse ich.

Vor einiger Zeit ging ein Fall einer Veganerin durch Facebook, die nach 7 oder 8 Jahren veganer Ernährung wieder Fleisch isst und sich damit besser fühlt. Den Fall selbst habe ich gar nicht verfolgt, mir reichten die Anmerkungen dazu. Natürlich war alles verkehrt, sie hatte alles falsch gemacht, das war gar nicht haltbar und und und. Welcher Veganer, Hand aufs Herz, hat diesen Fallbericht mit Wohlwollen für diese Frau und Verständnis gelesen? Wie werden denn Berichte gelesen, in denen von Normalessern berichtet wird, die sich nach 3 Wochen Veganismus viel besser fühlen?

Hinterfragt, liebe Leser, hinterfragt! Hinterfragt vor allem das, was euch lieb und heilig ist. Dann bleibt vielleicht ein Körnchen Wahrheit über.

 

Gute Ratschläge sind manchmal sogar umsonst

2. Apr. 2015: Der Diabetes Ratgeber rät

Also ich würde mal sagen, im Diabetes Ratgeber (einem Unterblättchen der von mir heiß geliebten Apo-Umschau) wird drauf losgeraten, was wissenschaftliche Studien wohl ans Tageslicht bringen, statt sich an die Ergebnisse zu halten. Ich rede in Rätseln? Die Auflösung kommt:

„Fisch macht Laune“ ist die launige Überschrift eines in eine Fisch-Silhouette abgedruckten kleinen Artikels auf Seite 6 der Ausgabe 3/2015. Zuerst einmal wird eine merkwürdige Schlussfolgerunge kredenzt: „Wer an Depressionen leidet, profitiert möglicherweise davon, wenn er öfter Fisch auf den Speiseplan setzt.“ Na, da freut sich aber die Nordsee! Möglicherweise ist auch immer gut – möglicherweise ja, möglicherweise nein. Aber wie kommt der zusammenfassende Ha-Ha-Journalist zu dieser Aussage?

„Forscher aus Amsterdam haben festgegestellt, dass Patienten die mit einem Antidepressivum behandelt werden, besser auf die Therapie ansprechen, wenn sie mindestens einmal wöchentlich Fisch essen.“

So, so. Fällt den Ratgeber-Verfassern da nicht eine böse Diskrepanz auf? Es ist doch ein Unterschied, ob wir von Patienten und ihr Ansprechen auf ein Medikament sprechen oder von Patienten allgemein.

Mal ganz abgesehen davon, dass wir gar nicht wissen, ob die Studienergebnisse korrekt wiedergegeben wurden, dass wir sowieso zu wenig Randdaten wissen, um uns selbst ein Urteil bilden zu können (was vermutlich gar nicht erwünscht ist), werden hier ein Apfel mit Apfelsinen verglichen, die auch nicht verwandt sind, auch wenn sie beide den Apfel im Titel tragen.

Ich könnte parallel auch folgenden Schluss ziehen: Florian hat sich das Bein gebrochen und erhält Gehstützen. Damit er keine Blasen an den Händen bekommt, nimmt er Handschuhe. Mit Handschuhen kann er die Gehstützen besser benutzen, d.h. er kann besser gehen. Analog zum Diabetes-Ratgeber könnte ich nun die Schlagzeile bringen: „Wer ein Bein gebrochen hat, profitiert möglicherweise davon, wenn er öfter Handschuhe trägt.“

Das Hausfrauendasein

8. Dez. 2014: Wie lebt eine Hausfrau?

In der Apotheken-Umschau, Ausgabe A vom Dezember, wird auf Seite 21 eine Studie vorgestellt. Überschrift „Triste Hausarbeit“. Ich zitiere:

„Dass Hausarbeit nicht gerade die Stmmung hebt, wissen viele aus eigener Erfahrung“ Ach ja? Was hebt denn die eigene Stimmung? Arbeiten am Fließband? Im Büro sitzen den ganzen Tag? Ist das nicht vielleicht einfach eine Unterstellung dessen, der hier eine Studie rausgepickt hat?

„Forscherinnen der Deakin-Universität in Geelong (Australien) haben dies nun durch eine Befragung von mehr als 5000 Frauen belegt.“ Ich wüsste gerne, ob diese Forscherinnen eine Putzhilfe haben, wie ihre Einstellung vor Durchführung der Studie zur Hausarbeit war. Und schade, dass Männer in Australien offenbar nicht putzen.

„Körperlich anstrengende Hausarbeit wie Putzen verbessert demnach zwar die Fitness, aber nicht die Stimmungslage.“ Ob das Auffüllen von Regalen im Supermarkt (Frage: Verbessert das überhaupt die Fitness?) die Stimmungslage stärker hebt als Hausarbeit?

„Wer dagegen regelmäßig läuft, schwimmt oder Fitnessübungen macht, leidet seltender unter Depressionen.“ Fitnessübungen sind eine Freizeittätigkeit, Hausarbeit ist ein Beruf oder ein Pflichtarbeit, wenn man es nicht ganztägig erledigt. Wer vergleicht denn jetzt mal die Arbeit am Hochofen oder Opel-Fließband mit Jogging? Was hat das mit speziell Frauen zu tun?

„Fazit: Für psychische Effekte ist auch die Art der Bewegung wichtig, nicht nur die Dauer“. Öhm, das Fazit scheint mir jetzt etwas schnell.

Mal ganz abgesehen von der Studie, die mir doch einige Fragen offen lässt, finde ich die von der Apotheken-Umschau gewählte Überschrift „Triste Hausarbeit“ eine der gröbsten Diskriminierungen, die mir in der letzten Zeit über den Weg gelaufen ist. In der Studie geht es offenbar um Putzen, was nur ein Teil der Hausarbeit ist. Glauben die Redakteure und Redakteurinnen der Apotheken-Umschau im Ernst, dass ihr Job – tagaus, tagein am Bildschirm hängen und Zeilen verschieben – weniger trist ist?

Wieder einmal werden Frauen in die Schmuddelecke gedrückt. Vor allem Frauen, die sich für den Beruf „Hausfrau“ entschieden haben, wird mal gleich gesagt, was sie sind: Leere, deprimierte Gestalten, die einer tristen Tätigkeit nachgehen. Dass sie im Grunde einen hochanspruchsvollen Job haben mit viel Verantwortung – in den meisten Familien sind das nun mal immer noch die Frauen – (Kindererziehung, Ernährung, Hygiene usw.) und Abwechslung haben, in dem das Putzen einen vielleicht bei vielen ungeliebten Teil einnimmt, wird hier wieder mal schwungvoll vom Tisch gewischt.

Wer sich das, was die Studie aussagt, einmal genau anschaut, erkennt auch: Es sind nicht die Forscherinnen, die von trister Hausarbeit sprechen. Sie vergleichen nur eine körperlich anstrengende Berufstätigkeit mit einer sportlichen Freizeittätigkeit. Es ist die Redaktion der Zeitung, die den Hausfrauen die triste Mütze überzieht. Pfui!

Studien, ja gerne!

24. Oktober 2014: Studien und Apotheken-Umschau

Also ich habe in den letzten Jahren viel darüber geschrieben, wie – und hier habe ich die Apotheken-Umschau und ihre „Unter-Blätter“ gerne als Beispiel genommen – Studien sinnlos vorgestellt, schlecht interpretiert und gar nicht hinterfragt werden.

Dafür muss ich mich entschuldigen. Ich las nämlich den Seniorenratgeber 10/2014 und stieß auf Seite 8 auf eine überaus wichtige Meldung:

„Bei einer Langzeitstudie mi 16.000 älteren Frauen stellten die Wissenschaftler unter den Nussgenießerinnen eine bessere geistige Fitness fest.“

Ey, ich sag’s doch immer! Mir soll noch mal einer kommen und sagen, ich solle endlich weniger Nüsse essen. Diese Studie hat Recht, ich bin dem Seniorenratgeber dankbar, dass er das veröffentlich hat. Es interessiert mich auch nicht, was hier mit ältere Frauen gemeint ist, ich zähle mich mal kurz dazu. Es interessiert mich auch nicht, warum das nicht an Männern oder Kindern getestet wurde. Hauptsache ist doch, dass das Ergebnis der Studie meine Vorlieben kräftig unterstützt.

Und entschuldigt bitte, wenn ich ein bisschen unverständlich klinge – ich habe mir gerade mit gutem Gewissen den Mund mit Nüssen vollgestopft 🙂

Alkohol im Spiel!

19. September 2014: Alkoholtote

Ich liebe bekanntermaßen die Statistiken in der Apotheken-Umschau, sie sind immer so herrlich wenig aussagekräftig. Auch die B-Ausgabe vom August hat wieder einen kleinen Zahlenbeitrag für mich parat – auf Seite 22. Ich zitiere:

„Mehr als 14500 Menschen starben in Deutschland 2012 an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Diese Sucht erforderte fast viermal so viele Opfer wie der Straßenverkehr: Etwa 3800 Personen starben bei Unfällen.“ Quelle: Statistisches Bundesamt.

Dass die Zahl der Verkehrstoten sich ebenfalls auf das Jahr 2012 bezieht, setze ich einmal voraus. So viel Lauterkeit wird wohl auch die A-U haben 😉

Es ist aber wiederum eine Zahl, die isoliert auf ein Jahr betrachtet, wenig sagt. Wie war das 2011? Und warum liegen die Zahlen für 2013 noch nicht vor? Immerhin ist August 2014. Welche der beiden Zahlen ist gestiegen und wenn sie gestiegen sind, um wie viel? Ist vielleicht eine Zahl gefallen? Ich gebe ein Beispiel: Vielleicht betrug im Jahr 2011 die Zahl der Alkoholtoten 8900 und der Verkehrstoten 3700. Dann wäre das auf den Alkohlkonsum bezogen ja eine positive Entwicklung. Auch wäre die Zahl der Todesfälle insgesamt interessant oder ein Vergleich mit Unfällen im Haushalt, Folge von Herzerkrankungen, Diabetes usw.

Was mich ja auch interessiert: Wer bestimmt, was ein Tod infolge übermäßigen Alkoholkonsums ist? Es könnte ja auch Begleiterkrankungen geben, wie Diabetes, Herzerkrankungen usw., die zum Tode führen, ohne eine Folge des zu vielen Trinkens zu sein. Was ist ein übermäßiger Alkoholkonsum?

Und da alle diese Fragen nicht beantwortet sind, frage ich mich nun: Was will mir die Apotheken-Umschau mit diesem Platzfüller denn nun sagen? Dass wir mehr Unfälle mit Todesfolge bauen sollten, damit die Zahlen weniger auseinander klaffen? 😉

Böses, böses Fernsehen und böse, böse Computerspiele

11. Mai 2013. Schau TV und dann ab in den Knast

Brutale Computerspiele machen harmlose Kinder zu Amokläufern und Fernsehen macht sowieso aggressiv.

Ich liebe solche Schlagzeilen, weil sie so herrlich Vorurteile bestätigen. Es ist so schön naheliegend, dass ein Kind, das auf dem Bildschirm mit dem Gewehr rumballert und Monster sich in Blutklumpen aufplatzen sieht, auch im wirklichen Leben aggressiv wird. Und da Computerspiele böse sind, und natürlich das Fernsehen auch böse ist, gibt es auch Studien zu diesen Themen.

Nicht, dass ich der Ansicht bin, dass Kinder unbedingt alle brutalen Spiele spielen sollten und Fernsehen ohne Ende – aber wenn solche Thesen anhand von Studien „nachgewiesen“ werden, hätte ich das gerne schlüssig.

So entdeckte ich in der Apotheken-Umschau (AU) vom 1. April 2013 einen kleinen Artikel mit der Überschrift „TV macht aggressiv„. Daneben ein Bild von einem Mädchen mit Fernbedienung in der Hand und der Bildunterschrift „Maßvoll schauen: Zu viel fernsehen hat negative Folgen.

Offensichtlich gilt das auch für Wissenschaftler. Es nimmt ihnen die Möglichkeit, ihre eigenen Ergebnis vernünftig zu interpretieren. Oder haben die Forscher der Universität von Otago (Neuseeland) nur Ergebnisse vorgestellt, ganz wertfrei, und die AU wertet?

Interessant finde ich ja schon, dass Ergebnisse aus Neuseeland mal so ganz ohne Nachdenken auf die ganze Welt übertragen werden. Na, vielen Dank! Auch wenn man sich denkt: Na, wieso nicht? – da ist immer Vorsicht angesagt. Wir kennen zum Beispiel die Art der Sendungen in Neuseeland-TV nicht. Das könnte auch einen Unterschied machen. Genauso wie wir nicht wissen, ob die neuseeländischen Kinder überwiegend Kita-Kinder sind oder zu Hause bleiben. Ob neuseeländische Kinder eher in großen Familien oder mit alleinerziehenden Eltern aufwachsen. Dies alles sind lebensbestimmende Faktoren! Ich meine das jetzt in keine Richtung wertend, aber ohne dies zu wissen, kann ich nicht einfach von einem Land auf das andere übertragen.

„Sehr viel fernsehen in der Kindheit erhöht das Risiko für Aggressivität im Erwachsenalter.“ So lautet die These, die die Forscher aus den Daten „von Teilnehmern, die als Heranwachsende in den 80er-Jahren zu ihrem Fernsehkonsum befragt worden waren [, ermittelten]. Je länger die tägliche Fernsehzeit, desto größer die Wahrscheinlichkeit, später im Leben straffällig zu werden.“ Schon hier fehlt eine Angabe, was unter „viel fernsehen“ zu verstehen ist. Da gibt es mit Sicherheit stark auseinandergehende Meinungen!

Diese Studie wurde also in den 80er Jahren begonnen. Die Zahl von Teilnehmern in den 80ern und wie viele dann später nachverfolgt werden konnten, werden uns unterschlagen. Und diese Zahl sind natürlich wie bei jeder Studie enorm wichtig. Somit ist eigentlich schon jede Nachvollziehbarketi futsch. Außerdem waren gerade die Anforderungen an Fragebogen in den 80er Jahren noch ganz andere als heute. Auch dazu wird nichts gesagt. Aber wenn ich einmal alles dies außen vorlasse und einfach mal aus lauter Freundlichkeit annehme, dass die ganze Durchführung streng wissenschaftlich und objektiv durchgeführt wurde: Woher nehmen die Wissenschaftler die Sicherheit, dass sie einen Kausalzusammenhang (einen ursächlichen Zusammenhang) und nicht eine Korrelation (eine parallele Entwicklung) entdeckt haben?

Ich gebe dazu ein Beispiel: Wenn es so wäre, dass besonders Eltern, denen ihre Kinder gleichgültig oder lästig sind, eher eine Tendenz haben, ihre „Blagen“ stundenlang vor die Glotze zu knallen, weil sie dann beschäftigt sind, wer weiß denn dann am Ende, ob es der Fernsehkonsum oder die Lieblosigkeit der Eltern war, die die Kinder als Erwachsene auf den falschen Weg geraten ließ? Dann wäre die Straffälligkeit nach hohem Fernsehkonsum nämlich nur ein Symptom, eine Korrelation, aber keine Ursache. Und was ist straffällig? Geht das prozentual durch alle Straftaten, oder sind nur die Zahlen bei Diebstahl erhöht?

Auch hier könnte ich die Zahl der Fragen, die für eine Interpretation wichtig sind, fast endlos erweitern. Ich wehre mich erneut dagegen, dass mir „beliebte“ Thesen als Studienergebnisse vermittelt werden, ohne mich mit wenigstens einem kleinen Repertoire an wichtigen Fakten zu versorgen.

Wo man isst, da lass dich nieder. Oder auch nicht

17. November 2012: Jetzt haben es die Wissenschaftler auch gemerkt…

Kaum, dass McDonalds und Co. erfolgreich ihre Zelte in Deutschland aufgeschlagen hatten, war der Sinn der etwas uneinladenden Gebäude eigentlich jedem klar: Hier sollte niemand gemütlich sitzen und somit andere Käufer abhalten, hier sollte schnell konsumiert werden. Die Tische sind daher leicht unbequem, die ganze Atmosphäre wenig heimelig. Und es hat funktioniert: In den Burgerketten sitzt niemand stundenlang. Wenige Ausnahmen vielleicht mal nebenbei. Die Leute kaufen die in wunderbar schmackhafter Pappe abgepackten ehemaligen Lebensmittel, verzehren sie und verlassen fluchtartig das Gebäude 🙂

Was also die Planer von McDonalds schon lange, lange gewusst haben, hat jetzt auch die Wissenschaft erreicht. So nachzulesen in der Oktober-B-Ausgabe der Apotheken-Umschau auf S. 66, wo unter der Überschrift „Fast Food, aber langsam“ berichtet wird, dass Forscher aus New York jetzt in einem sensationellen (Ergänzung von mir) Versuch festgestellt haben, dass in einem hellen, lauten Restaurant (Fast Food) die Gäste nicht so lange bleiben und es ihnen nicht so gut schmeckt, wie in einem gemütlichen Ambiente.

Da rufe ich doch gerne wieder einmal mein heißgeliebtes: Potzblitz! aus. Vielleicht sollten dieselben kundigen eifrigen Forscher doch einmal untersuchen, ob Kerzenlicht bei bestimmten Menschen ein Gefühl für Romantik wachkitzelt. DAS wäre doch ein weiterer sensationeller Fund. Aber vielleicht wurden diese Tests nur durchgeführt, um sich schmarotzend durch diverse Burgerlädchen und andere Gourmettempel zu futtern? Es wäre nämlich viel einfacher gewesen, mal einen Gewährsmann bei McDonalds zu fragen. Der hätte ihnen das kleine Geheimnis sicher verraten. Die Forscher hätten auch mich fragen können, ich weiß das nämlich auch noch 🙂

Einfluss des Gehirnsitzes auf die Wissenschaft

Wissenschaftler sind auch nur Männer…

und womit die denken, wissen wir alle….

In der Apotheken-Umschau, Oktober-A-Ausgabe wird mal wieder eine Studie kurz vorgestellt. Überschrift „Hormongesteuerte Einkaufslust“. Das lässt aufhorchen, gell? Die Wissenschaftler der John Molson School of Businness (Business = Geschäft!, also keine Mediziner) aus Montreal (Kanada) haben nämlich das Einkaufsverhalten von 59 Studentinnen (weniger gab’s nicht?) untersucht, die keine hormonellen Verhütungsmittel einnamen. Und dabei haben sie festgestellt: in der fruchtbaren Phase des Zyklus latschen die Frauen häufiger in Boutiquen und Drogerien als sonst.

Darf ich hier schon anmerken, dass die Zahl der Studentinnen sehr gering ist für Aussagekraft? Und dass Studentinnen nicht repräsentativ für alle Frauen sind, unabhängig von Alter und Bildungsstufe? Und warum werden nicht Männer gleichzeitig studiert? Alles schon… hübsch einseitig.

Aber die Schlussfolgerung ist wirklich zum Schenkelklopfen: „Unbewusst versuchen Frauen während ihrer fruchtbaren Tage, sexuell möglichst attraktiv zu sein.“

Nur Männer können sich so was an den Haaren herbeiziehen. Klar, denn Männer können sich nur eins vorstellen: Dass Frauen mit ihren Gedanke und allem Tun nur auf eins abzielen, nämlich auf diese herrlichen Geschöpfe der Natur (wie wir wissen, zeichnen sich gerade Wirtschaftswissenschaftler durch einen hohen Attraktionsgrad aus, oder verwechsel ich da jetzt was?). Und damit Frau das gar nicht erst abstreitet, setzen wir den Alleskiller „unbewusst“ dazu. Ha! Da soll jetzt mal eine Frau versuchen, DAS wegzudiskutieren.

Ich hatte eigentlich gedacht, die „Wissenschaft“ sei dem Zeitalter dieser Primitiverklärungen entwachsen. Es gibt so viele Erklärungen, die möglich sind… aber wie gesagt, womit denken alle Männer? 🙂