Wo man isst, da lass dich nieder. Oder auch nicht

17. November 2012: Jetzt haben es die Wissenschaftler auch gemerkt…

Kaum, dass McDonalds und Co. erfolgreich ihre Zelte in Deutschland aufgeschlagen hatten, war der Sinn der etwas uneinladenden Gebäude eigentlich jedem klar: Hier sollte niemand gemütlich sitzen und somit andere Käufer abhalten, hier sollte schnell konsumiert werden. Die Tische sind daher leicht unbequem, die ganze Atmosphäre wenig heimelig. Und es hat funktioniert: In den Burgerketten sitzt niemand stundenlang. Wenige Ausnahmen vielleicht mal nebenbei. Die Leute kaufen die in wunderbar schmackhafter Pappe abgepackten ehemaligen Lebensmittel, verzehren sie und verlassen fluchtartig das Gebäude 🙂

Was also die Planer von McDonalds schon lange, lange gewusst haben, hat jetzt auch die Wissenschaft erreicht. So nachzulesen in der Oktober-B-Ausgabe der Apotheken-Umschau auf S. 66, wo unter der Überschrift „Fast Food, aber langsam“ berichtet wird, dass Forscher aus New York jetzt in einem sensationellen (Ergänzung von mir) Versuch festgestellt haben, dass in einem hellen, lauten Restaurant (Fast Food) die Gäste nicht so lange bleiben und es ihnen nicht so gut schmeckt, wie in einem gemütlichen Ambiente.

Da rufe ich doch gerne wieder einmal mein heißgeliebtes: Potzblitz! aus. Vielleicht sollten dieselben kundigen eifrigen Forscher doch einmal untersuchen, ob Kerzenlicht bei bestimmten Menschen ein Gefühl für Romantik wachkitzelt. DAS wäre doch ein weiterer sensationeller Fund. Aber vielleicht wurden diese Tests nur durchgeführt, um sich schmarotzend durch diverse Burgerlädchen und andere Gourmettempel zu futtern? Es wäre nämlich viel einfacher gewesen, mal einen Gewährsmann bei McDonalds zu fragen. Der hätte ihnen das kleine Geheimnis sicher verraten. Die Forscher hätten auch mich fragen können, ich weiß das nämlich auch noch 🙂

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Einfluss des Gehirnsitzes auf die Wissenschaft

Wissenschaftler sind auch nur Männer…

und womit die denken, wissen wir alle….

In der Apotheken-Umschau, Oktober-A-Ausgabe wird mal wieder eine Studie kurz vorgestellt. Überschrift „Hormongesteuerte Einkaufslust“. Das lässt aufhorchen, gell? Die Wissenschaftler der John Molson School of Businness (Business = Geschäft!, also keine Mediziner) aus Montreal (Kanada) haben nämlich das Einkaufsverhalten von 59 Studentinnen (weniger gab’s nicht?) untersucht, die keine hormonellen Verhütungsmittel einnamen. Und dabei haben sie festgestellt: in der fruchtbaren Phase des Zyklus latschen die Frauen häufiger in Boutiquen und Drogerien als sonst.

Darf ich hier schon anmerken, dass die Zahl der Studentinnen sehr gering ist für Aussagekraft? Und dass Studentinnen nicht repräsentativ für alle Frauen sind, unabhängig von Alter und Bildungsstufe? Und warum werden nicht Männer gleichzeitig studiert? Alles schon… hübsch einseitig.

Aber die Schlussfolgerung ist wirklich zum Schenkelklopfen: „Unbewusst versuchen Frauen während ihrer fruchtbaren Tage, sexuell möglichst attraktiv zu sein.“

Nur Männer können sich so was an den Haaren herbeiziehen. Klar, denn Männer können sich nur eins vorstellen: Dass Frauen mit ihren Gedanke und allem Tun nur auf eins abzielen, nämlich auf diese herrlichen Geschöpfe der Natur (wie wir wissen, zeichnen sich gerade Wirtschaftswissenschaftler durch einen hohen Attraktionsgrad aus, oder verwechsel ich da jetzt was?). Und damit Frau das gar nicht erst abstreitet, setzen wir den Alleskiller „unbewusst“ dazu. Ha! Da soll jetzt mal eine Frau versuchen, DAS wegzudiskutieren.

Ich hatte eigentlich gedacht, die „Wissenschaft“ sei dem Zeitalter dieser Primitiverklärungen entwachsen. Es gibt so viele Erklärungen, die möglich sind… aber wie gesagt, womit denken alle Männer? 🙂

Die Geheimsprache der Wissenschaft (Teil 5)

Kommentar vom 22. Oktober 2009: Wissenschaft (Teil 5): Wissenschaftssprache

Wissenschaftssprache ist ein Steckenpferd von mir. Meiner Ansicht nach lässt sich fast jeder Zusammenhang auch im wissenschaftlichen Bereich, und gerade in der Medizin, so ausdrücken, dass wir alle ihn verstehen. Vielleicht kapieren wir nicht alle Einzelheiten, aber die groben Züge dürften wir mindestens mitbekommen.

Leider ist das nun gar nicht der Fall, dass Wissenschaft uns verständlich nahe gebracht wird, vor allem hier in Europa nicht. Einige Beispiele dafür: Zwischen Studium und jetziger Berufstätigkeit habe ich mir meinen Lebensunterhalt mit Tipparbeiten verdient, u.a. wissenschaftliche Arbeiten. Einmal habe ich die Habilarbeit für einen Sinologen (Spezialist für China, grob gesagt) getippt. Die fand ich unheimlich spannend, weil eben klar geschrieben. Ich habe das dem Autor gesagt, der dann lächelte und sagte: Tja, das wird hier amerikanischer Stil genannt, und wenn ich Pech habe, wird mich das meinen „Kopf kosten“. Ist das nicht Wahnsinn? Denn die Arbeit war ja nicht unwissenschaftlich, nur weil die Sätze klar und der Wortschatz „normal“ waren. Übrigens: Wie ich später erfuhr, hat er seine Professur dennoch erhalten.

Ein zweites Beispiel stammt aus jüngster Zeit. Ich bekam eine Mail von einem Studenten, der wohl im Rahmen einer Hausarbeit eine Befragung bei Amazon-Rezensenten durchführt.

Sehr geehrte Frau [OneBBO]
als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Medienwissenschaft der Universität XXX führe ich derzeit eine Recherche zum Thema „Web 2.0“ durch, in deren Kontext ich Sie deshalb heute ganz herzlich um Ihre Mithilfe bitten möchte: Denn bei der Untersuchung dieses neuen Verständnisses des „Internets als Plattform“ (nach Tim O’Reilly) soll es nicht zuletzt um die Elemente der User-
Partizipation auf Amazon.de gehen. Als gelisteter Top-Rezensent nutzen Sie nun besonders intensiv jene Partizipationsmöglichkeiten und könnten mir somit wertvolle Erkenntnisse für meine weitere Arbeit liefern.

Über so einen Stil kann ich mich ja schon aufregen. Der junge Mann wird ganz genau wissen, dass ich, nur weil ich Amazon-Rezensentin bin, keinen Tim O’Reilly kenne. Überhaupt der Stil…. Ich schrieb daraufhin zurück:

Sehr geehrter Herr YYY,
[…] Außerdem beeindruckt mich die Verwendung des Wortes „wissenschaftlich“ nicht sonderlich.
Auch kann ich nicht umhin, ein wenig über Ihre – sorry – gestelzte Wortwahl zu lästern. Nix mehr mit Teilnahme, nein:
Partizipation muss es sein, und wer heute Zusammenhang sagt statt Kontext, gilt vermutlich als ungebildet 😉

Er antwortet zu diesem Punkt:

Auch die Kritik an der gestelzten Wortwahl möchte ich sofort unterschreiben: Leider stellt sich diese im universitären Umfeld schnell – und häufig unbewusst – ein, da sie als formale Voraussetzung für eine wissenschaftliche Arbeit von Professoren und Fachkollegen einfach eingefordert wird (gerade in einem noch recht jungen Fach wie Medienwissenschaft, das für seine Daseins-Berechtigung werben muss).

Wobei Fachsprache durchaus ihren Platz hat. Wenn zwei Fachleute miteinander sprechen, können sie dann Dinge besser auseinander halten, die für uns damit Nicht-Vertraute eigentlich „eins“ sind. Veranschaulichen lässt sich das gut an der Vogelwelt: Was wir einen „Adler“ nennen, kann 20 verschiedene Adlerspezies beschreiben. Deshalb behelfen sich Vogelkundler mit eindeutigen lateinischen Bezeichnungen. Ohne Fachbegriffe geht es also nicht.

Dennoch gibt es einige Wissenschaftsrichtungen und Angehörige dieser Wissenschaften, die sich unbedingt von der „normalen“ Masse abgrenzen möchten, indem sie quasi eine Geheimsprache sprechen, die ein Uneingeweihter nicht versteht und dann denkt (so hoffen diese Menschen): „Boh, müssen die klug sein, wie die schon reden“. Man denke da nur an Ärzte…. Wer mich kennt, kennt auch eine meiner Lieblingsthesen: „Wer sich nicht so ausdrücken kann, dass ich ihn verstehe, hat mir nichts zu sagen.“ Hier sei auch einmal wieder Bruker als gutes Beispiel genannt: Er erklärt uns die schwierigen fachlichen Hintergründe so, dass wir sie verstehen. Er verwendet Fachbegriffe, wenn sie nötig sind, genauso wie er sie gegebenfalls erklärt. Alles andere ist arrogant und anmaßend.

Das dritte Beispiel stammt aus meinem Berufsleben. Wir sollten eine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnen. Wir haben uns die durchgelesen und da stand ein Satz, den keiner von uns verstanden hat. Also haben wir zurückgeschrieben „Satz XXX auf Seite n verstehen wir nicht. Wir können ihn daher auch nicht unterschreiben.“ Unser Ansprechpartner sah das ein, wir konnten den Satz streichen.

Woran wir wieder sehen: Wir müssen uns das einfach nicht gefallen lassen. Wenn jemand gespreizt redet, möglichst sein Fachvokabular auch noch ins Privatleben einschleppt, und uns mit Geheimsprache beeindrucken will, können wir einfach fragen: Und was willst du uns jetzt damit sagen?

Meine Meinung – je gespreizter jemand seine Sätze baut und mit je mehr unnötigen Fremdwörtern und unpassenden Fachbegriffen jemand seine Rede spickt, umso weniger hat er mir zu sagen. Ob in der Wissenschaft, der Pseudowissenschaft oder in einem Buch.

Wissenschaft und das liebe Geld

Kommentar vom 1. Oktober 2009: Wissenschaft (Teil 4): Geld und Wissenschaft

Auch Angehörige der wissenschaftlichen Zünfte wollen essen und ihre Familien ernähren. Die wenigsten haben Geld geerbt, um dann als Privatier ihre Studien zu betreiben. Wobei das heute bei den häufig extrem teuren Gerätschaften gar nicht ginge. Wer hat schon das Geld, sich eine Hochleistungszentrifuge neben den PC zu stellen? Also arbeiten sie entweder für wissenschaftliche Einrichtungen wie Universitäten und Institute oder in der Wirtschaft. Die Universitäten wiederum werden von Steuergeldern unterstützt, einzelne Projekte auch von der Industrie. In Amerika ist diese private Finanzierung der Universitäten wesentlich stärker ausgeprägt als hier.

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, ein Spruch, der angeblich aus dem Mittelalter stammt. Und so abwegig ist das ja nicht: Wenn ich für einen Arbeitgeber tätig bin, der mich gut bezahlt, fühle ich mich ihm gegenüber verpflichtet und stimme in Disputen eher ihm zu als jemand anderem. Die Extremform davon ist die Bestechung. Also liegt es nahe zu vermuten, dass auch ein Wissenschaftler, der für Firma XXX arbeitet, eher Ergebnisse wichtig findet, die für seine Firma sprechen als dagegen. Was noch lange nicht heißt, dass er sie fälscht! Deshalb beschäftigen Unternehmen häufig unabhängige Institute mit der Überprüfung gewisser Sachverhalte – womit dann auch wieder geworben wird. Wie unabhängig nun die Mitarbeiter eines solchen Instituts von Firma XXX sind, die ja letztendlich sie doch wieder finanziert, ist eine schwierige Frage.

Und selbst wenn die Institute unabhängig sind, so gibt es Menschen, die vom Ehrgeiz oder einer bestimmten Meinung zu gesellschaftspolitischen Dingen getrieben sind. Auch so etwas kann die Art, an eine Fragestellung heranzugehen, beeinflussen, und sei es nur unbewusst.

Andersherum – und das ist die Gefahr, der zu unterliegen, heute sehr modern ist – muss auch nicht jeder Wissenschaftler, der für eine Firma arbeitet, völlig blauäugig nur alles Gute im Firmenprodukt sehen. Und nicht alles, auch das müssen wir uns einmal klar machen, was Firmen unterstützen und erarbeiten, ist von vornherein böse und schlecht und nur auf Geldmacherei aus. Wobei natürlich ein hoher Umsatz in unserem System durchaus ein Ziel ist, dem gefolgt wird.

Nehme ich wieder einmal die Pharmafirmen. Ihr Ruf ist mittlerweile ramponiert, wir glauben ihnen gar nichts mehr, unterstellen stets Geldgier und Rücksichtslosigkeit. Dennoch gibt es viele Menschen, die ihnen dankbar sind – wer einmal den Bericht eines schwer an Epilepsie erkrankten Menschen gelesen hat, wird durchaus ein differenziertes Bild erhalten.

Ich komme auch hier noch einmal auf von Saal und das Polycarbonat / Bisphenol A zurück. von Saal behauptet nachgewiesen zu haben, dass Wissenschaftler das bestätigen, was ihr Arbeitgeber unterstützt. Dies kann, um das noch mals zu betonen, durchaus auch unbewusst sein. Aber was ich dort vermisse ist ein Hinweis, dass auch wissenschaftliche Karrieresucht Ergebnisse vielleicht einmal sensationeller darstellen möchte, als sie im Grunde sind. Wenn ich die Gefährlichkeit von Pestiziden im Wasser untersuchen lassen will, macht es für die Interpretation der Ergebnisse, wenn sie nicht ganz offensichtlich sind, schon einen Unterschied, ob der Forscher ein Greenpeace-Mitglied ist oder Mitarbeiter einer Chemiefabrik. Gerade Greenpeace hat ja vor einigen Jahren im Ölskandal mit Shell und der Ölplattform Brent Star mit gefälschten Zahlen gearbeitet. Unabhängige Wissenschaft muss aber immer ehrlich sein, und auch ein vermeintlich guter Zweck heiligt – meiner Ansicht nach – nicht die Mittel.

Auch hier können wir also nicht so einfach sagen: Wenn die Industrie in Versuchen nachgewiesen hat, dass die Polycarbonat-Babyfläschchen nicht gesundheitsschädlich sind, während Wissenschaftler einer Unversität das Gegenteil belegt haben, muss das grundsätzlich so sein, dass die Industrie böse und im Unrecht ist. (Auch dies sei bitte nur als Beispiel verstanden und nicht als Seligsprechung von Polycarbonat.)

Letztendlich hilft auch hier wieder nur der genaue Blick – Was ist der Hintergrund des Sponsors (= desjenigen, der das Geld gibt)? Wie unabhängig ist der Wissenschaftler? Hat er ein Steckenpferd?

Berühmt ist ja der Placebo-Effekt. Ein Placebo ist eine Arzneiform ohne Wirkstoff. Das heißt, wenn ich Menschen mit Kopfschmerzen harmlose Zuckertabletten gebe und sage, dies sei Aspirin, gehen bei vielen Menschen die Kopfschmerzen zurück, obwohl sie gar keinen Wirkstoff zu sich genommen haben. „Einbildung“ alleine ist es aber auch nicht. Für Medikamente ist vorgeschrieben, dass sie in doppelblinden Versuchen geprüft werden, d.h. weder die Prüfer noch die Patienten wissen, wer jetzt ein Placebo und wer das echte Arzneimittel bekommt. Denn wenn die Patienten wüssten, dass sie das Arzneimittel bekommen, würden sie eher darauf reagieren. Übertragen auf die Forschung bedeutet das aber, dass Wissenschaftlern und Forschern ein Placebo fehlt, denn sie wissen meist, wonach sie suchen und was sie beweisen wollen. Dies lenkt ihre Gedanken, ihre Vorgehensweise, ihre Auswertung, ohne dass wir ihnen gleich immer eine böse Absicht unterstellen können.

Auch hier wieder gilt: Wir schauen uns um, stochern ein bisschen im Untergrund, um die Wissenschaftlichkeit mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln ein bisschen zu durchleuchten. Soweit das einem „Normalmenschen“ eben möglich ist.

Wissenschaft (Teil 3) Tierversuche

Kommentar vom 24. September 2009: Wissenschaft (Teil 3): Tierversuche

Ganz besonders umstritten sind Tierversuche. Danach befragt, würden die meisten Leute sie lieber abschaffen. Hakt man aber nach und bietet ihnen z.B. ein Medikament an, das niemals bei Tieren erprobt wurde, würden sie da nicht doch zögern? Alleine durch Simulationen am Computer kann man nicht alles testen, denn Computerprogramme sind von Menschen geschrieben und können somit nur das berücksichtigen, was Menschen sich ausdenken und vorstellen können – etwas vereinfacht ausgedrückt.

Vielfach werden da die Pharmafirmen beschimpft, weil sie Tierversuche durchführen. Wenn man schon Schimpftiraden loslässt, aber bitte nicht nur gegen die Firmen, sondern auch die Behörden wie das BfArM oder das amerikanische FDA, die solche Studien in bestimmter Zahl fordern, bevor ein Mittel überhaupt zur Prüfung beim Menschen zugelassen wird.

Manche Tiere eignen sich besser als andere, und auch das lässt sich nicht so generell sagen. Bei manchen Tieren sind ganz bestimmte Eigenschaften besser überprüfbar als andere. Ein Beispiel (das jetzt erfunden ist, ich will nur illustrieren, was ich meine): Möglicherweise haben Ratten einen Magen, der in seiner Art der Verdauung unserem Magen ähnlich ist, während der Nervenaufbau bei Meerschweinchen unseren Nerven ähnlicher ist. Wenn ich also etwas über Verdauung lernen will, teste ich es an Ratten aus. Wenn es mir um die Nerven geht an Meerschweinchen.

Dazu kommt noch, dass gewisse Substanzen für Tiere in Konzentrationen tödlich oder schädlich sind, die wir noch gut vertragen und umgekehrt. Nehmen wir einen Pudel (wieder ein erfundenes Beispiel): Wenn ich dem Pudel 20 g der Substanz Gibbetmichnicht gebe, fällt er um und stirbt. Bei 10 g verkraftet er es noch. Nun kann es passieren, dass ich als Mensch schon bei 5 g Gibbetmichnicht sterbe – oder umgekehrt, ich auch noch 100 g essen kann und nichts passiert. Die Zahlenverhältnisse finden in normalen Tierversuchen in wesentlich kleineren Größenordnungen statt, meist im Milligramm oder Mikrogrammbereich.

Auch ist das nicht immer so krass deutlich, wie ich das hier aufgeführt habe. Manchmal geht es nur um Nuancen. Natürlich wird ein ehrlicher Wissenschaftler ein faires Tiermodell wählen. Wenn er also Substanz Gibbetmichnicht auf seine Giftigkeit im Magen-Darmbereich überprüfen möchte, wählt er eine Tierspezies, die von der Magenempfindlichkeit her dem Menschen am ähnlichsten ist. Weil aber diese Unterschiede zwischen den Tierarten nicht immer so klar sind und viele andere Faktoren auch noch berücksichtigt werden müssen, entflammt da häufig schon der Streit. Auch hier bietet sich die Debatte um Polycarbonat und das Bisphenol A wieder an. Es gibt ja Firmen, die in wissenschaftlichen Untersuchungen bewiesen haben wollen, dass ihre Kunststoffprodukte Bisphenol A nur in solchen Mengen abgeben, die für den Menschen unschädlich sind. Dagegen stehen Wissenschaftler, die sagen, dass es schon in wesentlich geringeren Mengen verheerende Wirkungen habe. Auf die Firmen angesprochen, sagen die Wissenschaftler dann „Ja, die Firma XXX hat aber auch ein Tiermodell genommen, dass für Östrogene nicht so empfindlich ist wie unsere Tiere. Die sind da besonders empfindlich, und da hat sich ganz klar gezeigt, dass das austretende Bisphenol A schon in kleinsten Konzentrationen hochgiftig ist.

Es gibt nun zwei Erklärungsmöglichkeiten: (1) Die Firma hat ein Tiermodell gewählt, das wesentlich weniger hormonempfindlich ist als der Mensch, während die Wissenschaftler eines gewählt haben, das dem Menschen eher entspricht. (2) Die Wissenschaftler haben ein Tiermodell gewählt, das wesentlich hormonempfindlicher ist als der Mensch, und die Firma hat ein realistisches Modell gewählt. Da denken wir dann immer gerne: Na klar, die Industrie wird schon ein Modell wählen, das ihnen passt – Hauptsache sie können ihren Krempel verkaufen! Aber so einfach ist das nicht, wie ich in Teil 4 erläutern möchte, denn auch in den Köpfen von Wissenschaftlern stecken nicht nur hehre Ziele.

Das Dumme ist, das uns Normalsterblichen der Überblick fehlt, welches Tiermodell wofür geeignet ist und wofür nicht. Denn das ist natürlich ebenfalls ein Streitpunkt unter Gelehrten. Wichtig ist aber für uns zu wissen, dass es Unterschiede gibt und daher unser Blick wieder schärfer wird für die sogenannten wissenschaftlichen Beweise – egal, welche Seite sie vorlegt.

Mein Blick auf Wissenschaft (Teil 2)

Kommentar vom 16. September 2009: Wissenschaft (Teil 2): Zusammenhänge

Wenn ich von der Leiter falle und mir dann (hoffentlich nur) eine dicke Beule zuziehe, so hängen diese beiden Ereignisse zwingend zusammen. Ich habe eine Beule, WEIL ich von der Leiter gefallen bin. Der Sturz ist der Grund für die Verletzung. Wissenschaftlich wird das ein „Kausalzusammenhang“ genannt.

Bei vielen Dingen ist es einfach, einen solchen Kausalzusammenhang herzustellen. Für die Wissenschaft ist es natürlich auch besonders wichtig, einen Grund für ein bestimmtes Ereignis zu erkennen.

Bei einfachen Ereignissen mit wenigen Faktoren ist es nicht schwierig zu entscheiden, ob der Zusammenhang zufällig oder kausal ist. Wenn ich immer dann schlecht einschlafe, wenn ich kurz vor dem Zubettgehen einen Horrorfilm sehe, sonst aber immer gut einschlafe, liegt es doch sehr nahe, dass der Grund für meine Einschlafschwäche Horrorfilme sind. Wenn ich aber nicht nach jedem Horrofilm diese Probleme habe, manchmal auch nach anstrengendem Sport, manchmal auch ohne ersichtlichen Grund, da ist das Problem schon verzwickter. Da sehe ich manchmal, wenn mich schlaflos im Bett wälze, den vollen Mond in mein Zimmer scheinen. Außerdem hatte ich zu spät gegessen. Was ist denn der Grund? Der Mond? Das Essen? Oder beide? Um solche Fragen zu entscheiden gibt es wissenschaftliche – meist statistische – Methoden. Was schon fast wieder eine Reihe für sich wäre, aber dazu gibt es auch schon sehr schöne verständliche und kritische Bücher.

Je mehr Faktoren es gibt, umso schwieriger wird es, den entscheidenden Faktor zu entdecken. Denn es gibt auch zufällige parallele Entwicklungen. So ist in den letzten Jahrzehnten die Handynutzung stark gewachsen. Außerdem hat die Übergewichtigkeit in den Industriestaaten zugenommen. Dennoch wird niemand glauben, dass jemand dicker wird, weil er sich ein Handy kauft. Hier besteht nicht unbedingt ein Kausalzusammenhang, die beiden Entwicklungen korrelieren, wir sprechen hier von einer Korrelation. Wikipedia: Die Korrelation beschreibt die lineare Beziehung zwischen zwei oder mehr statistischen Variablen. Wenn sie besteht, ist noch nicht gesagt, ob eine Größe die andere kausal beeinflusst, ob beide von einer dritten Größe kausal abhängen oder ob sich überhaupt ein Kausalzusammenhang folgern lässt.“

Je komplizierter also Zusammenhänge sind, je mehr Faktoren eine Rolle spielen, umso vorsichtiger muss die Wissenschaft dabei sein, einen Folgeschluss zwischen zwei Ereignissen zu sehen.

Dies fiel mir zum Beispiel auf, als ich ein wenig in Sachen Bisphenol A recherchiert habe, das ja vor einigen Tagen hier großes Thema war. Der Entdecker der Schädlichkeit des Bisphenol A (aus Polycarbonat gelöster Stoff) Frederick von Saal behauptet, einen Zusammenhang zwischen der Übergewichtigkeit in den Industriestaaten und der Verwendung von Polycarbonat z.B. in Babyfläschchen beweisen zu können. Wie geht das? Ganz grob gesagt: Wenn Polycarbonat erhitzt wird, wird Bisphenol A freigesetzt. Bisphenol A wirkt wie ein Östrogen, das dann zur Dickleibigkeit führt.

Ich stutze immer, wenn plötzlich Faktoren auftauchen, die Menschen von der Verantwortung für Übergewicht freisprechen. Das ist doch sehr bequem, wenn ich sagen kann: Meine Gesundheit ist durch die bösen Kunststoffe ruiniert, ich brauche mich nun nicht mehr darum zu kümmern, was ich esse und ob ich mich bewege. Ich bin schuldlos, juchhu.

Außerdem ist das Leben in den Industrie- und den Nichtindustriestaaten so vielen unterschiedlichen Faktoren unterworfen, dass sich da kaum ein Faktor herausgreifen lässt. Das weiß natürlich auch von Saal und formuliert vorsichtig: Natürlich machen die Chemikalien nicht von alleine dick, sagt vom Saal. Der Speckgürtel wächst nur, wenn er reichlich gefüttert und zuwenig bewegt wird. Aber BPA und seine Verwandten führen dazu, dass überschüssige Kalorien effizienter in Form von Fett gespeichert werden.“ Wobei ich einen Ausdruck wie „Speckgürtel“ in einem sachlichen Zusammenhang sehr bedenklich finde.

Er begründet seine Erkenntnis mit Tierversuchen und u.a. damit, dass im Blut übergewichtiger Frauen mehr Bisphenol A gefunden wird als im Blut nicht übergewichtiger Frauen. Dass Bisphenol A schädlich ist, steht außer Frage. Aber in welchen Konzentrationen ist noch nicht letztendlich geklärt. Viele Wissenschaftler haben dies im Tierversuch nachgewiesen und sagen dann einfach, die Ergebnisse seien auf den Menschen übertragbar. Da muss man aber sehr vorsichtig sein, im Positiven wie im Negativen! Fragen wir einmal einen Tierversuchsgegner, welche Argumente er dafür hat, dass diese Ergebnisse nicht übertragbar sind.

Wobei ich hier nicht Stellung für oder gegen diese These beziehen will. Dafür fehlen mir die Informationen, die naturwissenschaftliche Ausbildung und anderes mehr. Was ich sagen möchte ist, dass es in einer komplizierten Welt sehr schwierig ist zu entscheiden, wo der Kausalzusammenhang anfängt und die einfache Korrelation aufhört – und dies gilt auch für Wissenschaftler. Und das ist so ein weiterer Punkt, wo wir ihnen auf die Finger gucken können.

Weitere Teile, die ich momentan zu diesem Thema in lockerer Folge geplant habe:

  • Tierversuche
  • Geld und Wissenschaft
  • Wissenschaftssprache
  • Selbständiges Umgehen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen
  • Fragestellungen von Wissenschaft

Mein Blick auf Wissenschaft (Teil 1)

Kommentar vom 15. September 2009: Wissenschaft (Teil 1)

Wer heute etwas auf sich hält, führt gerne wissenschaftliche Studien an. Jede Tageszeitung, ja fast jedes Boulevardblättchen schmückt sich mit den Ergebnissen irgendwelcher Untersuchungen. Das ist natürlich verständlich, ich fühle mich auch wohler, wenn ich etwas vertreten kann, das bewiesen ist. Die Frage ist nur: Was beweist Wissenschaft?

Leider hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder gezeigt, dass Dinge, die vor wenigen Tagen noch als hieb- und stichfest nachgewiesen galten, auf einmal wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Ich erinnere hier an die Wissenschaft von der Erde als Scheibe. Wir schauen da heute ein wenig arrogant drauf zurück, ach wie konnten diese dummen Leute das nur glauben…. Die Leute waren auch nicht dümmer als wir heute, denn so schnell schreitet die Evolution nicht voran 🙂 Es fehlten ihnen die technischen Mittel, die theoretischen Grundlagen und das entsprechende Weltbild, um andere Erkenntnisse zu gewinnen und zu akzeptieren. Vor allem das Weltbild ist ungeheuer wichtig für das, was wir glauben oder nicht und was auch Wissenschaftler glauben oder nicht.

Bei mir schrillen immer die Alarmglöckchen, wenn ich lese „das ist wissenschaftlich erwiesen“. Weil über die ganze Wissenschaftlichkeit häufig die Empirie vergessen wird. Wikipedia: „Unter Empirie […] wird in der Wissenschaft eine im Labor oder im Feld durchgeführte Sammlung von Informationen verstanden, die auf gezielten Beobachtungen beruhen. Der Begriff Empirie wird auch im Zusammenhang mit den Ergebnissen solcher Beobachtungen, nämlich den empirischen Daten, verwendet.“ Häufig lassen sich empirische Daten dann auch mit theoretischen Erklärungen untermauern, aber nicht immer. Brukers Erkenntnisse sind ein schönes Beispiel dafür, wie theoretische Überlegungen und praktisch gesammelte Erkenntnisse (die empirischen Daten) einander ergänzen. Eine solche Kombination finde ich persönlich sehr überzeugend.

Leider ist das blinde Vertrauen in die Wissenschaft so groß, dass einmal als gesichert geltende Erkenntnisse kaum noch aus den Köpfen ausgerottet werden können, selbst wenn sie widerlegt sind, hier seien als Beispiel die willkürlich gewählten Cholesterinhöchstwerte und der Begriff der Kalorie erwähnt (dazu hat auch Bruker viel geschrieben). Nur ganz allmählich hat sich herumgespochen, dass der angeblich hohe Eisengehalt von Spinat auf einen Schreibfehler zurückgeht. Und es gibt viele Menschen, die immer noch überzeugt sind, dass Spinat wegen seines Eisengehalts so wertvoll ist.  Und leider ist Wissenschaft auch heute so mächtig, dass praktisch gewonnene Erkenntnisse und Beobachtungen als wertlos beiseite gelegt werden – nur weil man vielleicht HEUTE die Theorie noch nicht kennt. Darunter leider vor allem auch die Homöopathie. Wer weiß denn, ob nicht in 200 Jahren die Art und Weise, wie homöopathische Mittel wirken, genauso gut „naturwissenschaftlich“ erklärt werden können, wie heute die Wirkung der Vitamine?

Dazu kommt, dass  Wissenschaftler nicht besonders gute und ehrliche Menschen sind – sie sind einfach Menschen. Auch unter ihnen gibt es Lügner, Betrüger und Ehrgeizlinge. Und leider werden diese nicht immer entlarvt, manchmal auch deshalb nicht, weil sie von einer finanzstarken oder auch anderen Lobby unterstützt werden, denen diese Erkenntnisse gut in den Kram passen.

Was können wir denn noch glauben? Das allerdings frage ich mich auch manchmal. Im Grunde hilft nur eins: Erkenntnisse erst einmal in Frage stellen, vor allem wenn sie nur von einem Team oder einer Studiengruppe auch noch als Ergebnis einer Studie vorgestellt werden. Die Ergebnisse mit dem gesunden Menschenverstand abgleichen – wobei wir natürlich auch offen für Neues bleiben wollen: Da werden die Wissenschaftler weinen, aber ich finde das ein probates Mittel, das mir durchs Leben hilft. Wichtig ist natürlich auch, dass wir nicht nur die Ergebnisse „zerpflücken“, die unseren Ansichten und Überzeugungen widersprechen. Auch das, was wir gerne glauben, sollten wir mit Misstrauen analysieren. Und wir sollten immer offen dafür sein, dass auch unsere Überzeugungen falsch sein können.

Die Vollwertigkeit – an sich ja keine Wissenschaft – ist ein schönes Beispiel, weil wir den Wert der Theorie am eigenen Körper nachprüfen können. So überzeugt ich auch von ihr bin, so kommen mir doch an gewissen Punkten immer wieder Zweifel. Das war z.B. der Grund, warum ich vor 2 Jahren zwei Testwochen mit Tierweiß begonnen habe – die ich nach einer Woche abgebrochen habe, weil es mir so schlecht ging. Das neben meinen theoretischen Kenntnissen und auch meinen sonstigen positiven Erfahrungen mit der tiereiweißfreien Ernährung reichen mir (erst einmal <g>).

Ganz wichtig ist mir auch immer, dass ich weiß: Was auch immer heute als bewiesen gilt, mag das vielleicht nur heute sein. Wenn die Menschheit mehr weiß, andere Wissensgebiete erschließt, mögen manche Dinge, die heute als Zufall oder unerklärbar gelten, plötzlich verständlich und logisch sein. Wissenschaftliche Beweise werden nämlich immer nur – selbst wenn sie nach bestem Wissen und Gewissen gewonnen werden – den heutigen Blickwinkel widerspiegeln.

Weitere Teile, die ich momentan zu diesem Thema in lockerer Folge geplant habe:

  • Korrelationen und Kausalzusammenhänge
  • Tierversuche
  • Geld und Wissenschaft