Präpositionen

Der Band „Präpositionen“ enthält 26 Geschichten. Sie sind alphabetisch angeordnet und verbinden jeweils eine Präposition mit einem Vornamen mit demselben Anfangsbuchstaben. Beispielsweise für B „Bei Boris“. Diese Aufgabe hatte ich mir selbst 2017 gestellt. Jetzt habe ich die Geschichten wieder zur Hand genommen und bei BOD veröffentlicht.

Rasenheizung

Ich wusste bisher noch gar nicht, dass Fußballstadien ab einer gewissen Regionalliga verpflichtend über eine Rasenheizung verfügen müssen. Der Wuppertaler SV will gerade sein Stadion umbauen.

Sagt mal, sind die noch ganz richtig im Kopf, die sowas bestimmen und durchführen, während wir Normalmenschen von der Politik angehalten werden, im Winter bei Frösteltemperaturen im Wohnzimmer zu sitzen?

Solange solcher und ähnlicher Wahnsinn weiterbetrieben wird, bin ich überhaupt nicht bereit, meinen Energieverbrauch mehr einzuschränken, als ich, ich und nur ich für angebracht halte.

Wir werden diskriminiert!

Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass wir im Ausland ständig diskriminiert werden? Nein? Dann schaut euch doch mal an, was Deutschland oder Deutscher in den verschiedenen Fremdsprachen heißt.

Da haben wir beispielsweise die Engländer und Italiener die uns auf Germanen reduzieren. Germany bzw. Germania heißt Deutschland dort. Das trifft für viele Länder zu. Bin ich eine Germanin?

Die Bezeichnung Germanen ist ein Oberbegriff für Stämme zwischen Rhein, Donau und Weichsel. Sie hatten keine gemeinsame Identität und bekämpften sich regelmäßig untereinander. Ein Volk „Germanen“ hat es nie gegeben.

Nee, dazu kann ich mich nicht zählen. Ich laufe doch nicht rum und drohe dem nächsten Pfälzer mit dem Wurfspeer. Eine weitere Variante ist z.B. im Französischen (Allemagne), Türkischen (Almanya) usw. zu finden. Also Alemannen? Kann ich mich mit dem Begriff Alemannin identifizieren?

Die Alemannen waren eine germanische Stammgruppe aus der Gegend am Ober- und Hochrhein. In Südwestdeutschland wird der Dialekt noch gesprochen. Der Begriff heißt soviel wie „Menschen/Männer“ insgesamt.

Da müssen wir uns doch gegen wehren. So reduziert zu werden auf alte Stammesvölker, die wenig kultiviert und kriegerisch waren. Oder? Ich verlange, dass im Ausland dann Deutschland als Bezeichnung eingeführt wird, Germany ist dann ein G word und Allemagne ein A mot.

Deshalb die Frage: Wie krank ist es, dass ich jetzt vom I-Wort statt der Bezeichnung Indianer lesen muss?

Eine E-Mail des Afghanischen Frauenvereins

Liebe Freundinnen und Freunde Afghanistans, liebe Spenderinnen und Spender,
wir alle, die Afghanistan nahe sind, haben die letzten zwölf Monate in größter Sorge verbracht und sind es weiterhin. Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban erlebt Afghanistan die schwerste humanitäre Katastrophe seiner Geschichte.
70% des Staatshaushaltes waren vor der Machtübernahme international finanziert. Durch das Einfrieren dieser sowie der afghanischen Zentralbank-Gelder brach über Nacht die Finanzierung wesentlicher Versorgungsstrukturen für die Bevölkerung ein: So die ländliche medizinische Versorgung, Teile des Bildungssystems, das Banken- und Finanzsystem. Die Wirtschaft Afghanistans liegt inzwischen brach, die Arbeitslosigkeit ist immens, selbst im Tagelohnsektor, auf den Märkten und Feldern, ist kaum mehr bezahlte Arbeit zu finden. Es fehlt an Geld im Land, nahezu allen. 97% aller Familien haben nicht ausreichend zu essen.
Nachdem Familien in den ersten Monaten ohne Einkommen alles verkauft haben, was entbehrlich schien, um den harten Winter zu überstehen, geben nun 97 Prozent unter ihnen an, ihre Kinder nicht mehr ausreichend ernähren zu können. Jedes zweite Kleinkind in Afghanistan ist heute akut mangel- oder unterernährt, über eine Million Kleinkinder brauchen zum Überleben dringend medizinische Ernährungshilfe. Gleichzeitig haben 29 Erlasse der neuen Regierung in den letzten 12 Monaten die Rechte von Mädchen und Frauen erheblich eingeschränkt. Vor August 2021 bildeten Frauen 22 Prozent der angestellten Erwerbstätigen im Land. 75% von ihnen haben ihre Arbeit verloren, so Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation. Über eine Million Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren dürfen seit einem Jahr nicht mehr die weiterführenden Schulen besuchen.
Was bedeuten diese Entwicklungen für den Afghanischen Frauenverein? Wie hat sich unsere Arbeit verändert?
Zunächst sind wir unseren phantastischen Kolleginnen und Kollegen in Afghanistan zu großem Dank verpflichtet. Trotz aller Ungewissheit, was die Zukunft bringen mag, entschieden 95% unter ihnen zu bleiben, auch die 60 Prozent unserer Kolleginnen. Nach vier Tagen nahmen sie am 19. August 2021 ihre Arbeit wieder auf. Sie starteten die mobile medizinische Versorgung der vielen im Juli nach Kabul Geflüchteten aus den Nordprovinzen, 44.000 Hilfsbedürftige konnten sie bis November erreichen. Sofort danach begann die Winter- und Überlebenshilfe für 64.000 Menschen in 11 Provinzen – teils in extrem entlegenen Gemeinden in Panjsher, Kunar, Nangarhar und Nuristan.
Wir weiten die medizinische Hilfe stark aus Nachdem zunächst 2.500 Kliniken nach dem 15. August 2021 ihre internationalen Geldgeber verloren, ist die medizinische Versorgung im ländlichen Afghanistan kaum existent. Seit 13 Jahren betreibt der Afghanische Frauenverein die kleine Gesundheitsstation im Bergdorf Qulab. Schon im Januar 2021 nahmen wir zwei weitere Mutter-Kind-Kliniken in unsere Förderung. Im November erweiterten wir Qulab um Räume und ein zehnköpfiges medizinisches Team. Im Februar 2022 kam die Mutter-Kind-Klinik Akakhel dazu. Und jetzt, ganz neu zum 1. August 2022, öffnen wir drei weitere, von Gebern verlassene Mutter-Kind-Kliniken im Bagrami und Qarabagh Distrikt der Provinz Kabul. Damit verantworten wir ab jetzt den Betrieb von insgesamt sieben Kliniken. Jede Klinik kostet pro Jahr durchschnittlich 120.000 Euro und behandelt täglich 100 Kinder und Schwangere. Für die drei neuen Kliniken suchen wir dringend Förderpartner und Spenden. Für jede Hilfe unter dem Spendenstichwort „Gesundheit“ sind wir extrem dankbar!
Fünf Schulen für 4.500 Schüler:Innen, 500 Schülerinnen im Homeschooling Seit dem 17. September werden unsere Grundschüler:innen wieder in unseren vereinseigenen Schulen unterrichtet. Alle Schulen sind geöffnet. Jedoch etwa 500 Mädchen aus den Gymnasialklassen 7 – 12 der Roschani- und Boyazar-Mädchenschule dürfen noch nicht wieder zum Unterricht kommen. Sie unterrichten wir im Homeschooling und geben die Hoffnung nicht auf, dass auch die Gymnasialklassen für Mädchen wieder öffnen können. Parallel loten wir allerdings auch verschiedene alternative Lernmodelle aus. Der größte Wunsch unser 500 Gymnasiastinnen ist, weiter zu lernen. Wir können und wollen sie dabei nicht im Stich lassen. In der abgelegen Bergregion Bazari, Kalakan Distrikt, gelang es uns in den vergangenen acht Monaten mit Hilfe von zwei Stiftungen eine neue Mädchengrundschule zu bauen. 200 Grundschülerinnen wird unsere neue Bazari-Mädchenschule nun täglich unterrichten. Am vergangenen Sonntag war die Eröffnung unter Beisein unseres Mitglieds Dr. Qamar Kaltenborn aus Bonn. Für alle Mädchen und uns war dies ein großer Tag. Parallel haben sich an fast allen Vereinsschulen die Schülerzahlen erhöht. Allen voran an der Safaa-Schule in Gedenken an Roger Willemsen, wo uns am ersten Schultag doppelt so viele Kinder erwarteten, wie wir Plätze hatten. Wir richteten ein leerstehendes Nachbargebäude mit weiteren Klassenräumen ein und unterrichten hier nun insgesamt 1.700 Grundschulkindern, 500 Kinder mehr als zuvor. Wenn Sie die Finanzierung eines Schulkindes übernehmen möchten, spenden Sie gerne unter dem Stichwort „Bildung“. Ein Monat Schule für ein Kind inklusive der benötigten Bücher, Hefte, Stifte, Schuluniformen und Lehrmaterialien kostet 10 Euro, 120 Euro ein Schuljahr.
Wir brauchen Sie! Liebe uns Verbundene, es ist uns wichtig, Ihnen in einer Zeit, in der sich die negativen Nachrichten zu Afghanistan häufen und sich in die Rückblicke auf die vergangenen 12 Monaten viel Traurigkeit, Resignation und Ratlosigkeit mischen, zu sagen, dass wir weitermachen und nicht aufhören werden, dies zu tun. Wir erleben Tag für Tag, dass die in den vergangenen 12 Monaten gemeinsam gestemmte Hilfe nicht umsonst ist, sondern jeder einzelnen erreichten Familie Hoffnung und Erleichterung schenkt. Deshalb bitten wir Sie: Hören Sie nicht auf, Mädchen und Frauen in Afghanistan zu unterstützen. Jede Spende, jeder noch so kleine Beitrag hilft und kommt an.
Mit herzlichen Grüßen von Nadia Nashir Karim, dem Vorstand und dem gesamten Team des Afghanischen Frauenvereins

Mehr auf der Webseite: https://www.afghanischer-frauenverein.de/so-helfen-sie-uns/

Einmal Rastalöckchen, bitte

Manchmal bin ich froh, dass ich nicht mehr jung bin. Erstens muss ich in bezahlten Texten nicht gendern (Was hätte ich gemacht, wenn der Auftraggeber es verlangt hätte? Wie weit hätte ich mich korrumpieren lassen?) und zweitens muss ich immer milde lächeln, wenn ich die Pro-Argumente höre. Gerne werden dann alle, die das Gendern ablehnen, in die Ecke – pensioniert, älter – gedrückt. Ja, ist denn das, was ein emeritierter Professor sagt, von Vornherein schlechter als das, was ein Mittdreißiger von sich gibt? Wobei ja nicht einmal alle jungen Leute dafür sind, 75% der Deutschen wollen sich die Sprache nicht verunstalten lassen.

Ja, wie schön, das Etikett „älter“ hänge ich mir dann gerne um. Bitte schön, versucht doch eure Gegner mit den albernsten Argumenten mundtot zu machen.

Ich bin gespannt, wie diese radikalisierte Minderheit nicht nur die Medien, sondern auch die Bevölkerung zwangsvergendert. Oder ob sich doch der gesunde Menschenverstand durchsetzt? Dasselbe gilt ja für Cancel Culture und, mein Lieblingsthema neuerdings, kulturelle Aneignung. Was noch Alberneres habe ich selten gehört. Wann endlich verbannen wir die Kartoffeln aus Deutschland, denn wenn ich als Europäerin nicht mexikanisch kochen „darf“, dann auch kein Gemüse aus Südamerika essen. Dort wurde von den Europäern ja brutalstens unterdrückt. Passt also ins kulturelle Aneignungsschema.

Schade, dass meine Haarpracht für Rastalöckchen nicht reicht. Wäre sonst meine Lieblingsfrisur.

Sandwichgeschichte

Was ist eine Sandwichgeschichte? Bei ihr sind der erste und der letzte Satz fest vorgegeben. Aufgabe ist es nun, eine Geschichte mit genau diesem ersten und diesem letzten Satz zu schreiben.

Es ist etwas zum Mitmachen.

Erster Satz: Das Foto war jetzt schon zum dritten Mal heruntergefallen, aber diesmal war der Glasrahmen zerbrochen.

Sätze dazwischen: Dein Text

Letzter Satz: Wenn das jetzt nicht hält, ist alles hin.

Abgabetermin: 15. September 2022
Umfang: etwa 1000-2000 Zeichen
Versand an mich: wilkesmann[at]gmail.com

Eine Hand greift die andere

Es gibt ein neues Buch von mir.

Info:
Ein Nebendarsteller in der einen Geschichte wird zum Protagonisten der nächsten. Einige dieser Protagonisten begleiten durch das Buch und ergeben somit eine lose Rahmenhandlung. Krimitendenzen sind vorhanden.

Ein kleiner Auszug zum Warmlesen:

Grunewald kam aus seinem Büro. „Die anderen Damen sind alle ausgeflogen?“ Ann-Kathrin nickte. Was sollte die Frage? Sie war leicht beunruhigt. „Kommen Sie doch in mein Büro, ich möchte mit Ihnen reden.“ Dabei musterte er sie von oben bis unten auf seine spezielle Weise, die sie so unangenehm fand.

Er bot ihr einen Stuhl am kleinen Besprechungstisch an und setzte sich ihr gegenüber. „Sie sehen gut erholt aus!“ „Danke, das bin ich auch.“ Kleine Pause. Er beugte sich vor und legte seine Hand auf ihre. Ann-Kathrin wurde es eiskalt. Was sollte das werden? „Sie wissen ja, wie sehr ich Sie schätze, nicht wahr?“ Sie nickte und wusste kaum, wohin den Blick zu wenden.

„Nun, Sie sind jetzt ja eine Weile wieder allein, da wird es langsam Zeit, sorgsam in die Zukunft zu schauen.“ Ihre Stühle standen zu nah beieinander. „Ich würde Sie gerne zur leitenden Assistentin machen.“ – „Und Sylvia?“ – „Sie bekommt dann die Leitung des Labors übertragen.“ Ann-Kathrin wusste, dass Sylvia diesen Job nicht mögen würde, sie liebte den Kontakt zu den Patienten, den Trubel „vorn“.

„Natürlich wird Ihr Gehalt entsprechend angehoben. Na, Interesse?“

Ann-Kathrin ahnte nichts Gutes, aber was sollte sie sagen: „Ja, wenn die Kolleginnen damit kein Problem haben.“ Seine Reptilienzunge benetzte die Lippen. „Sie haben den richtigen Umgang mit den Patienten, sind beliebt bei den Kolleginnen und können auch den Umgang mit Ihrem Chef noch einmal überdenken.“ Er kam mit seinem Gesicht näher an sie heran: „Deine Kratzbürstigkeit gefällt mir, aber am Ende musst du schon ein bisschen entgegenkommender sein.“ Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals, seine Hände legten sich um ihre Taille. Das Telefon klingelte, sie wollte aufspringen, sie bog ihren Kopf zur Seite, von ihm weg. „Ich muss ans Telefon.“ „Oh nein, meine Kleine, es ist doch Mittagspause, ich habe auch abgeschlossen.“

Panik würgte sie, sie spürte seine Hände unter der Bluse aufwärtsrutschen, seine Lippen, eklig nass und übelriechend – so empfand sie es – an ihrem Hals. „Lassen Sie mich hier weg, Sie sind doch nicht ganz dicht!“ Sie stemmte dabei ihre Hände gegen seinen Brustkorb, zog das Knie hoch und traf ihn voll. Letztendlich, so wusste sie, war sie ihm körperlich unterlegen, aber sie hoffte, dass er zur Besinnung kommen würde. Er zog sich zurück, gekrümmt vor Schmerz, sie sprang auf. Er starrte sie an, ein undurchdringlicher Blick. Sie zog sich die Bluse herunter, steckte sie wieder in die Hose und ging klopfenden Herzens zur Rezeption. Sie würde kündigen müssen, das Vertrauensverhältnis war ein für alle Mal zerstört.

Im Vorraum der Toilette kämmte sie sich die Haare und brachte die Kleidung vollends in Ordnung. Ihr Herz hämmerte immer noch aufgeregt gegen den Brustkorb. Sie blieb, mit den Händen auf das Waschbecken gestützt, einige Minuten stehen, um wieder normal atmen zu können. Sie riss sich zusammen, als sie die Kolleginnen zurückkommen hörte. Annika kam in den Raum, mit ihrem feinen Gespür merkte sie, dass etwas in der Luft lag, und fragte: „Ist irgendwas?“ Ann-Kathrin schüttelte den Kopf, „Ist schon okay“. Sie ging zu ihrem Schreibtisch. Unter diesen Umständen konnte sie hier nicht bleiben, egal ob gute Beziehung zu den Kolleginnen oder gute Bezahlung. Sie seufzte, es hätte auch schlimmer kommen können, wenn Grunewald sich völlig vergessen hätte. Es war übel genug. Sicher war sie nicht die Erste, an der Grunewald sich versucht hatte. Sie sah ihre Kolleginnen unauffällig an. Wer war es vorher? Wie hatten sie reagiert? Ob sie nachfragen sollte, so ganz vorsichtig? Gerne hätte sie den Chef angezeigt, aber sie hatte ja keinen Beweis, da es Gott sei Dank nicht zu einer Vergewaltigung gekommen war, wo auch die Beweislast, wie man weiß, immer nicht so einfach ist. Sie entschied sich, nachher zu Frau Grunewald zu gehen und darum zu bitten, dass sie den Nachmittag freinehmen könne. Dass ihr übel war, konnte man deutlich sehen. Und irgendwie würde sie die Wochen bis zum Ende der Kündigungsfrist schon herumbekommen, zur Not auch mit einer Krankschreibung überbrücken. Sie lächelte bitter, aber sicher würde sie dafür nicht Herrn Grunewalds „Dienste“ in Anspruch nehmen.

Die ersten Patienten füllten allmählich wieder das Wartezimmer. Da war der kleine Markus mit seiner Mutter, dessen Mittelohrentzündung hoffentlich endgültig abgeklungen war. Gerade kam Herr Weingarthen zur Tür herein, seine Lungenfunktion musste überprüft werden. Die Lungenfunktionsprüfung würde eine der Assistentinnen durchführen, nur die Besprechung war Grunewalds Sache. Direkt hinter Herrn Weingarthen drängte sich die füllige Frau Demirez durch die Tür. Vermutlich wollte sie das Rezept für ihren Mann verlängern lassen, wie immer zu Anfang des Quartals.

Dann kam Frau Grunewald, sie nickte kurz in die Runde. Sie erledigte nachmittags einen Teil der Buchhaltung und andere administrative Belange, jetzt wo die Kinder wieder zur Schule gingen. Ann-Kathrin bemitleidete Frau Grunewald. Irgendwann hatte sie doch sicher einmal mitbekommen, was für ein widerlicher Schürzenjäger ihr Mann war.

Ann-Kathrin hatte sich fünfzehn Minuten gegeben, bevor sie sich bei ihr abmelden wollte. Nach zehn Minuten Wartezeit kam Frau Grunewald mit hochrotem Kopf und schmalen Lippen aus dem Büro ihres Mannes und steuerte direkt auf Ann-Kathrin zu. Was war denn jetzt los? Frau Grunewald, sonst zurückhaltend, freundlich und eher scheu, baute sich vor der Rezeption auf. Mit den Worten „Hier ist Ihre Kündigung!“, warf sie Ann-Kathrin einen Umschlag auf den Tisch. Frau Grunewald starrte sie an. „Wir hätten Ihnen lieber fristlos gekündigt, aber sicher würden Sie nicht zugeben, wie Sie meinen Mann sexuell bedrängt haben.“ Ann-Kathrin blieb der Mund offenstehen. Frau Grunewalds Stimme war schrill und durchdringend, die Kolleginnen und die Patienten im Wartezimmer konnten jedes Wort hören. Ann-Kathrin schossen vor Wut und Empörung die Tränen in die Augen.

„Im Übrigen sind Sie bis zum Rest Ihrer Arbeitszeit freigestellt, die entsprechende Summe liegt ebenfalls im Umschlag.“ Ann-Kathrin wollte etwas sagen, aber ihre Stimme versagte.

„Wissen Sie, mein Mann hat sich ja schon mehrmals über Ihre plumpen Avancen beschwert, ich habe das bisher nie ernstgenommen, habe Sie in Schutz genommen und ihm erklärt, er habe da sicher etwas falsch verstanden. Sie haben mich auch menschlich aufs Tiefste enttäuscht.“

Frau Grunewalds Stimme wurde lauter und schriller, sie hatte rote Flecken am Hals, sie schrie Ann-Kathrin an: „Packen Sie Ihre Sachen, jetzt sofort, und verlassen Sie umgehend unsere Praxis. Seien Sie froh, wenn wir keinen Rechtsanwalt einschalten!“ Die beiden Frauen starrten sich an. „Und“, fuhr Frau Grunewald fort, „erwarten Sie kein Zeugnis von uns. Ich kann Ihnen keinesfalls empfehlen, darauf zu bestehen!“ Damit drehte sie sich um und eilte wieder in ihr Büro, wo man sie weiter schimpfen hören konnte.