Böses, böses Fernsehen und böse, böse Computerspiele

11. Mai 2013. Schau TV und dann ab in den Knast

Brutale Computerspiele machen harmlose Kinder zu Amokläufern und Fernsehen macht sowieso aggressiv.

Ich liebe solche Schlagzeilen, weil sie so herrlich Vorurteile bestätigen. Es ist so schön naheliegend, dass ein Kind, das auf dem Bildschirm mit dem Gewehr rumballert und Monster sich in Blutklumpen aufplatzen sieht, auch im wirklichen Leben aggressiv wird. Und da Computerspiele böse sind, und natürlich das Fernsehen auch böse ist, gibt es auch Studien zu diesen Themen.

Nicht, dass ich der Ansicht bin, dass Kinder unbedingt alle brutalen Spiele spielen sollten und Fernsehen ohne Ende – aber wenn solche Thesen anhand von Studien „nachgewiesen“ werden, hätte ich das gerne schlüssig.

So entdeckte ich in der Apotheken-Umschau (AU) vom 1. April 2013 einen kleinen Artikel mit der Überschrift „TV macht aggressiv„. Daneben ein Bild von einem Mädchen mit Fernbedienung in der Hand und der Bildunterschrift „Maßvoll schauen: Zu viel fernsehen hat negative Folgen.

Offensichtlich gilt das auch für Wissenschaftler. Es nimmt ihnen die Möglichkeit, ihre eigenen Ergebnis vernünftig zu interpretieren. Oder haben die Forscher der Universität von Otago (Neuseeland) nur Ergebnisse vorgestellt, ganz wertfrei, und die AU wertet?

Interessant finde ich ja schon, dass Ergebnisse aus Neuseeland mal so ganz ohne Nachdenken auf die ganze Welt übertragen werden. Na, vielen Dank! Auch wenn man sich denkt: Na, wieso nicht? – da ist immer Vorsicht angesagt. Wir kennen zum Beispiel die Art der Sendungen in Neuseeland-TV nicht. Das könnte auch einen Unterschied machen. Genauso wie wir nicht wissen, ob die neuseeländischen Kinder überwiegend Kita-Kinder sind oder zu Hause bleiben. Ob neuseeländische Kinder eher in großen Familien oder mit alleinerziehenden Eltern aufwachsen. Dies alles sind lebensbestimmende Faktoren! Ich meine das jetzt in keine Richtung wertend, aber ohne dies zu wissen, kann ich nicht einfach von einem Land auf das andere übertragen.

„Sehr viel fernsehen in der Kindheit erhöht das Risiko für Aggressivität im Erwachsenalter.“ So lautet die These, die die Forscher aus den Daten „von Teilnehmern, die als Heranwachsende in den 80er-Jahren zu ihrem Fernsehkonsum befragt worden waren [, ermittelten]. Je länger die tägliche Fernsehzeit, desto größer die Wahrscheinlichkeit, später im Leben straffällig zu werden.“ Schon hier fehlt eine Angabe, was unter „viel fernsehen“ zu verstehen ist. Da gibt es mit Sicherheit stark auseinandergehende Meinungen!

Diese Studie wurde also in den 80er Jahren begonnen. Die Zahl von Teilnehmern in den 80ern und wie viele dann später nachverfolgt werden konnten, werden uns unterschlagen. Und diese Zahl sind natürlich wie bei jeder Studie enorm wichtig. Somit ist eigentlich schon jede Nachvollziehbarketi futsch. Außerdem waren gerade die Anforderungen an Fragebogen in den 80er Jahren noch ganz andere als heute. Auch dazu wird nichts gesagt. Aber wenn ich einmal alles dies außen vorlasse und einfach mal aus lauter Freundlichkeit annehme, dass die ganze Durchführung streng wissenschaftlich und objektiv durchgeführt wurde: Woher nehmen die Wissenschaftler die Sicherheit, dass sie einen Kausalzusammenhang (einen ursächlichen Zusammenhang) und nicht eine Korrelation (eine parallele Entwicklung) entdeckt haben?

Ich gebe dazu ein Beispiel: Wenn es so wäre, dass besonders Eltern, denen ihre Kinder gleichgültig oder lästig sind, eher eine Tendenz haben, ihre „Blagen“ stundenlang vor die Glotze zu knallen, weil sie dann beschäftigt sind, wer weiß denn dann am Ende, ob es der Fernsehkonsum oder die Lieblosigkeit der Eltern war, die die Kinder als Erwachsene auf den falschen Weg geraten ließ? Dann wäre die Straffälligkeit nach hohem Fernsehkonsum nämlich nur ein Symptom, eine Korrelation, aber keine Ursache. Und was ist straffällig? Geht das prozentual durch alle Straftaten, oder sind nur die Zahlen bei Diebstahl erhöht?

Auch hier könnte ich die Zahl der Fragen, die für eine Interpretation wichtig sind, fast endlos erweitern. Ich wehre mich erneut dagegen, dass mir „beliebte“ Thesen als Studienergebnisse vermittelt werden, ohne mich mit wenigstens einem kleinen Repertoire an wichtigen Fakten zu versorgen.

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