Gefühltes Alter

15. Okt. 2015: Wie alt fühlst du dich?

Ich lese es zurzeit vermehrt: Alle sind begeistert – 70jährige (es geht hier vorwiegend um Frauen) fühlen sich nicht wie 70!

Wahnsinn. Finde ich toll. Denn das heißt ja, dass sie schon mehrmals gelebt haben müssen, um das zu vergleichen. Woher sonst wissen sie, wie man sich als 70-jährige fühlt? Aus den Darstellungen der Werbung mit älteren Damen? Danke, lieber nicht. Was andere 70-jährige sagen? Nee, das geht nicht, denn fast alle heute 70-jährigen fühlen sich ja nicht wie 70.

Ich kann nicht sagen, wie alt ich mich fühle. Ich bin so alt wie ich bin und ich fühle mich, wie ich mich fühle. Ich messe das nicht in Jahren. Ich bewundere die, die das können. Sie haben einen Vergleichsmaßstab, der mir fehlt. Ich habe noch nie einen – gesunden – Menschen getroffen, der 40 war und sagte „ich fühle mich wie 70!“. Allenfalls im Scherz.

Als Vergleich werden Stereotypen genommen. Und jetzt gibt es ein neues Stereotyp, wie man sich heute als 70-jährige fühlen muss. Nämlich nicht 70-jährig. Meine Güte, muss Älterwerden so stressig sein?

Und wie … bist du?

10. Oktober 2014: Forever young…

„Ich bin 56 Jahre jung…“

Mir kommt’s hoch, wenn ich so etwas lese. (Anmerkung für Leser, die glauben, dass ich mich jetzt aufrege: Dieser Satz ist ein Stilmittel zum deftigen Einstieg in das Thema, räusper….)

Auf eines können wir schon wetten: Jemand, der sagt: ich bin xx Jahre jung – ist alles andere als jung 😉 Und derjenige hat wohl auch Probleme damit, sein biologisches Alter zu akzeptieren?

Ich finde zwar nicht, dass ich jedermann mein Alter auf die Nase binden muss. Deshalb habe ich das in meinen Büchern auch nicht angegeben. Sonst geht ja gleich die Altersschublade auf, nö, danke. Dennoch käme ich nie auf die Idee, davon zu sprechen, dass ich Jahre jung bin.

Wer das sagt, will vermutlich damit andeuten, dass er im Herzen jung geblieben ist. Lassen wir das mal so stehen, ob das erstrebenswert ist oder nicht – aber ist das nicht ein Armutszeugnis, wenn man das sagen muss? Bin ich jugendlich dadurch, dass ich rufe „Ey, hey, Ihr Zwanzigjährigen, ich bin jung geblieben, da müsst Ihr nicht erschrecken, wenn ich euch jetzt sage, wie alt ich bin… also in Jahren, ich bin ja jung, ich bin  genauuuuu wie Ihr!!“ Oder bin ich jugendlich dadurch, dass ich mir die neuste Mode um den Leib wickle?

Ich kann noch so oft und auf noch so viele Weise rufen: „Hey, ich bin noch ganz taufrisch“ – wenn die anderen das anders sehen, hilft auch mein Gerede nicht. Auch verstehe ich nicht, warum man überhaupt „jung im Herzen“ sein muss. Ich bin in meinem Herzen hoffentlich einfach „die Ute“, weder jung noch alt. So ist mein Wunsch.

Vielleicht komme ich eines Tages noch dazu, dass ich Jungsein für den Idealzustand halte. Bisher ist es keineswegs so. Denn mit der körperlichen Jugend, um die es meistens geht, egal wie viel von der Jugend im Herzen gesprochen wird, ist doch auch immer eine fehlende Reife verknüpft. Wieder 20 sein? Nö, danke. Wie unsicher war ich damals, schüchtern, ungeduldig und was weiß ich nicht noch. Ich habe doch hart an mir gearbeitet, damit ich aus diesem Kokon schlüpfen konnte bzw. das Schicksal (nennen wir es einmal so) hat Hand angelegt und mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Soll ich mich da in meine unfertige Form zurückwünschen? Muss ich allen 20-Jährigen zurufen: „Huhuuu, ich bin genau wie Ihr!“ Na, die werden sich bedanken, denn für sie sind alle über 40 doch eine „graue Masse 🙂

Altersflecken

2. September 2012: Was tun gegen Altersflecken?

Diese Frage stammt nicht von mir, sie habe ich aus dem Seniorenratgeber 8/2012, Seite 76. Es werden dann auch verschiedene Methoden vorgestellt. Schuld sind zu viel UV-Strahlung, zu viel Putzen, zu wenig Pflege. Und schon nach dem ersten Einleitungsteil wissen wir, dass diese Pigmentverfärbungen etwas Übles sind, die wir gerne als Schandmal betrachten sollten. Sind sie frisch, helfen bleichende Pflegeprodukte, oder auch Entfernung per Laser.

Ich finde das pervers. Denn es zeigt, wie ernst es den Medien damit ist, das Alter und Älterwerden mit Selbstbewusstsein anzugehen. Anti-Aging, Anti-Altersflecken, es bleibt das Bestreben danach, die Alterzeichen zu entfernen. Wir müssen stets und ständig aktiv und frisch sein, bis uns dann irgendwann doch das Alter in Form von Alterskrankheiten und Demenz ans Bett fesselt.

Wann gibt es endlich ein normales Bild älterer Menschen, das zur Orientierung angeboten wird? Nicht diese aufgeschminkten Fassaden ohne Fehl und nur mit wohlgesetzten Fältchen. Jeder Mensch wird älter, das ist der Lauf der Dinge. In der Jugend machen wir uns darüber keine Gedanken, irgendwann ist es dann ein Schreckgespenst. Weil dem Altern heute Funktion und Normalität genommen ist. Jeder wird an sich die Zeichen des Älterwerdens feststellen können, seien es Falten oder graue Haare. Die damit verbundenen angeblichen Schwächen: Die dürfen wir, so finde ich, nicht akzeptieren! Altern ist nicht automatisch mit Gesundheitsverlust und Demenz verknüpft. Da erinnere ich gerne an die Ernährung, Bewegung und auch geistige Weiterentwicklung.

Ich fange bei mir selbst an und habe ein Bild für mich, wie ich weiter durchs Leben gehen möchte. Ich möchte die äußeren Zeichen des Älterwerdens als Preis sehen, nämlich als Preis für Dinge, die ich dazugewinne. An Einsicht, an Geduld, vielleicht eines Tages sogar an Weisheit. Der Spruch „Es gibt nichts umsonst in diesem Leben“ drängt sich da quasi auf.

Älterwerden führt zum Sterben, und das ist gut so, denn sonst würde die Welt noch schneller aus den Nähten platzen, als sie jetzt schon tut. Es wäre ein Alptraum, wenn Eltern noch älter würden. Es ist für die persönliche Entwicklung eines Menschen wichtig, dass die Eltern sterben, denn dann erst tritt das echte Erwachsenwerden ein. Ich kann das immer wieder an Freunden und Bekannten beobachten. Das Problem ist, dass wir das theoretisch alle einsehen – für andere. Nicht für uns selbst „natürlich“.

Es geht aber kein Weg daran vorbei und wenn wir uns die Hände mit Lasern weiß scheuern lassen: Es geht weiter und das fix. Solange wir uns selbst nicht akzeptieren, so wie wir sind, können wir als Ältere auch keinen Respekt von den Jüngeren erwarten, denn wie will ich respektiert werden, wenn ich mich selbst in meiner Ganzheit nicht akzeptiere?

Faltenloser Mund

Kommentar vom 17. November 2011: Älter ist das neue Schöner.

Die Werbung hat ja nun die älteren Menschen – wohlgemerkt: nicht die alten Menschen! – entdeckt. Firmen stellen Produkte her, von denen sie annehmen, dass ältere und alte Menschen sie gerne kaufen. Soweit so gut. Dann aber schalten sie Werbeagenturen ein, die den älteren Menschen diese Produkte näherbringen sollen. Und wenn ich mir dann die dummen Sprüche und die Bilder anschaue, dann steht der eigentliche Inhalt der Werbungen völlig gegen den aufgesetzten Anspruch.

Da schaue ich hier zum Beispiel auf die Anzeige, die eine Hautcreme mit Calcium an die älteren Menschen – natürlich Frauen – verscherbeln will unter dem Markennamen Niveau. Oben ist ein Foto von zwei Frauen, links eine jüngere und rechts – jetzt wird’s interessant – die ältere Dame. Sie hat offensichtlich, das erkennt man gerade noch, eine weiße Bluse an. Ältere Frauen sehe ich in der Werbung häufig in geblümten Röcken und mit irgendwelchen Blusen. Auf der Straße sehe ich die Überfünfzig- und -sechzigjährigen eher in Pullis und Jeans. Merkwürdige Eltern, die offensichtlich die Werbemenschen haben. Die – wie der Text sagt – 65-jährige glückliche Käuferin der Calciumcreme hat angedeutet weißes Haar, nicht so richtig. Wunderhübsche Zähne, wie sie kein Kassenzahnarzt euch je in den Mund einpflegen wird. Ein bisschen Makeup, na klar, ein kleiner Brilli im Ohr, ein strahlendes Lächeln… und Falten. Na klar, dass wissen die Werbemenschen auch, dass ältere (noch schlimmer wahrscheinlich: alte) Menschen Falten haben. Der guten Frau haben sie auch welche verstärkt gesetzt: Lachfalten um die Augen und zwei Falten am Hals, die aber eher vom Drehen des Halses kommen. Der Rest ist, möchte ich wetten, dem Photoshop zum Opfer gefallen, denn ihre Wangen und ihr Mund sind faltenlos.

So also, liebe 65-jährige Frauen. müsst ihr aussehen! Superadrett, leicht geschminkt, Haare nicht zu kurz, schon gar nicht lang, eine leichte Welle, ein bisserl Schmuck und bitte nur wenige Falten. Ich kenne viele 45-Jährige (Weiblein und Männlein), die mehr richtige Falten haben. Schon das Bild macht eine ganz klare Aussage: Älter werden dürfen wir, pro forma dürfen wir auch dazu stehen – aber nicht so aussehen. Dazu passt auch der Text: „Es heißt: Jeder ist so alt, wie er sich fühlt. Das stimmt. Ich bin jetzt 65, fühle mich aber mindestens 10 Jahre jünger – und schöner“.

Darf ich das einmal in Deutsch übersetzen? Wir – vor allem Frauen – müssen immer jünger aussehen als wir sind. Wobei das natürlich nicht funktioniert, denn sobald alle ab 60 die Niveau-Wundercreme benutzen, sehen ja alle 10 Jahre jünger aus und somit ist die Hürde neu aufgestellt 😉 Warum darf Brigitte F. nicht aussehen wie eine 65-jährige Frau? Warum muss sie sich selbst gewaltsam um 10 Jahre kastrieren? Wenn ich schon den Ausdruck „Generation Vital“ höre, könnte ich über den Tisch kotzen. Immer neue Bezeichnungen werden kreiert, damit den älteren Menschen was verkauft werden kann. Echtes Selbstbewusstsein wird ihnen aber an keiner Stelle vermittelt, denn sie werden in eine geforderte Schönheits-Jugend-Schablone gepresst. Passend dazu etwas weiter unten „Viel Bewegung an der frischen Luft, Freiheit und vor allem eine ausgewogene Ernährung helfen dem Körper dabei, jung zu bleiben“. Was natürlich absoluter Quatsch ist. Der Körper bleibt nicht jung. Er wird jeden Tag älter, er ist nur fitter oder weniger fit. Aktiver oder weniger aktiv. Und das alleine zählt.

Vor ein paar Wochen erhielt ich das Foto einer 67-jährigen. DAS war eine Freude zu sehen. Ich weiß gar nicht, ob die Frau aussieht wie 67 oder nicht, ob jünger oder so alt wie sie ist. Denn das interessiert gar nicht: Auf dem Foto sehe ich einen Menschen mit Geschichte, der Freude und Gelassenheit, ausstrahlt. Kein Brilli im Ohr, die Haare für diese Werbeagentur bestimmt zu lang, und dann trägt sie auch noch einen grobgestrickten Pulli, keine weiße oder karierte Bluse. Wenn ich mich sehr anstrenge, könnte ich mich auch an ein paar Falten entsinnen, aber es war so unwichtig.

Es liegt auch an uns selbst. Es ist uns so anerzogen worden, dass wir uns freuen, wenn jemand sagt: „xx Jahre alt bist du? Boh, du siehst aber noch glatte zehn Jahre jünger aus“. Warum sollen wir uns darüber freuen, wenn uns die Mitmenschen Jahre stehlen wollen, die wir mit mehr oder weniger Freude durchlebt haben?

Als ich 20 Jahre alt war, hatte mich der Diätenwahn gepackt. Obwohl ich eine durchaus normale Figur hatte, meinte ich abnehmen zu müssen. Auch wenn ein Teil meiner selbst schon damals gegen diesen gesellschaftlichen Druck rebellierte, gefühlsmäßig kriegen sie dich irgendwann. Mich haben sie damals gekriegt und es hat lange gedauert, bis ich mich endlich davon lösen könnte. Und jetzt soll ich nicht mal mehr in Frieden älter werden können, sondern wie in eine neue Zwangsjacke gesteckt werden, die Zwangsjacke des „Ich-muss-jünger-aussehens?“. Gerade wir als Frauen sollten uns klarmachen, dass uns damit unsere Würde genommen wird.

Das Faltendiktat

Kommentar vom 7. Juli 2011: 40 Jahre Sonnenschein

Heute sprang mich in der Tageszeitung eine Anzeige an, die mir fast das leckere Frühstück wieder in die Schüssel fallen ließ. Wir können dort unter Familienanzeigen lesen:

40 Jahre Sonnenschein!
Zum Geburtstag, liebe XXX, alles Liebe und Gute!
[Foto von XXX einmontiert in eine Sonnenblume]
Endlich ist es nun auch für Dich soweit,
zum ‚Club der Greisinnen‘ angereist,
herzlich Willkommen bei uns Alten,
von nun an werden Falten dein Leben gestalten!

Happy Birthday und einen dicken Sack Gesundheit
YYY & Family
P.S. Bleib wie Du bist!

Zum dem horrenden Wunsch „Bleib wie du bist“ habe ich ja schon einmal etwas geschrieben. Jedoch zum Rest: Finden die Autoren das lustig? Glauben sie, sie zeigen hier Humor? Ich kann diesen Humor nicht teilen. Für mich ist das ein fatales Zeichen dafür, wie die Verachtung und Ächtung älterer Menschen in unserer Gesellschaft mittlerweile perfekt funktioniert, wie das ewige uns eingetrichterte „Senioren seid Ihr ab mindestens 50“ beste Früchte trägt. Machen wir uns doch klar, was Greise und Greisinnen sind. Egal, was wir darunter verstehen – ich sehe da nichts, was mich zum Lachen bringt. Warum machen sich die Leute, die vermutlich teils selbst nur knapp über die 40 sind zu „den Alten“ in einem Ton, der nichts Gutes verraten lässt? Das klingt so, als stünden diese Alten schon mit Köfferchen bereit, um sich freiwillig in die atomverseuchten Gebiete deportieren zu lassen, weil sie hier keinen wertvollen Beitrag mehr leisten können.

Mit 40 stehen Frauen etwa in der Mitte ihrer zu erwartenden Lebenszeit. Wenn wir ab 40 zu den Alten zählen, waren wir dann vorher bei den jungen? Mitnichten. Ich würde nicht sagen, dass eine 30-jährige jung ist. Sie ist … „erwachsen“. Genau wie eine 45-jährige, eine 50-jährige. Und der Satz über die Falten ist ja wohl der Hammer an sich! Gibt es für XXX nichts anderes im Leben, als unter dem Diktat der Falten zu leben? Was ist an Falten so furchtbar, wenn es z.B. Lachfalten sind? Falten sind eine Landkarte unseres Lebens. Wer mit 70 Jahren noch keine Falte hat, ist unnatürlich. Ich würde nicht soweit gehen zu sagen, dass Falten erst schön machen – das ist das andere unsinnige Extrem. Aber sie gehören zu uns. Ich möchte mich doch nicht vor irgendeinem Teil meines Körpers gruseln müssen!

Falten sind auch Äußerlichkeiten. Wieso fixieren diese Gratulanten XXX alleine auf Altersgruppe und Äußerlichkeiten? Hat sie sonst nichts, das sie sich wünscht, das wir ihr wünschen können, das sie erreichen möchte, Neuland betreten? Beruflich wichtige Posten bekommen wir häufig auch erst, wenn wir über 40 sind (Professuren, leitende Stellungen, politisch führende Ämter). Das Leben ist ein Prozess nach vorne. Das Leben ist ständiges Lernen, solange unsere geistige Gesundheit es zulässt. Ich möchte keines meiner Jahre missen, ich möchte nicht noch einmal xx Jahre alt sein, weil ich dann alles an „Weisheit“ ja wieder verlieren würde, was ich mir hart erarbeitet habe. Das passt auch zu Aussagen zum Haarefärben. Wobei ich durchaus verstehen kann, dass Frauen sich die Haare färben, ich habe es selbst lange genug getan. Aber merken sie eigentlich, WAS sie sagen, wenn sie es so begründen: „Ich habe die ersten grauen Haare entdeckt, bin jetzt erst 40 und will noch nicht alt aussehen“. Alt aussehen liegt doch nicht an ein paar (!) grauen Haaren. Zum Haarefärben gibt es in etwa 4 Tagen einen eigenen Artikel.

Es gibt ein paar Konstanten im Leben, zum Beispiel dass wir alle sterben, dass wir alle altern. Das geht nicht nur uns so, sondern allen Lebewesen. Jedes Alter hat seine Nachteile, jedes seine Chancen. Ja, das gilt auch für ein hohes Alter, wenn wir das in Gesundheit erreichen können: Und daran „arbeiten“ wir ja mit unserer Ernährung! Machen wir uns doch endlich frei von diesem Zwang, mit 60 noch aussehen zu müssen wie eine 30-jährige, genauso wie von dem Zwang, mit 60 wallende Blümchengewänder tragen und ein überkrontes Gebiss zeigen zu müssen, während wir mit unseren Enkeln spielen, weil wir ja sonst nichts mehr zu tun haben.

Die Lernfähigkeit

Kommentar vom 17. Januar 2011: Alter und Lernen

Am Samstag (15. Januar) erschien in der Tageszeitung (Remscheider Generalanzeiger) ein kleiner Artikel über die Fähigkeit, Neues auch im Alter zu lernen. Das stand nicht auf der Vorderseite, war einspaltig und etwa 13 cm lang. Also nicht sehr breitgewalzt (natürlich nicht, denn so etwas wird nicht gerne breit getreten, behaupte ich mal). Kurz zusammengefasst, wurde jetzt in Studien festgestellt, dass die Lernfähigkeit bis ins hohe Alter unvermindert erhalten bleibt, erst ab 85 Jahren wird das etwas langsamer. Das bezieht sich auf alle Fähigkeiten, vom Klavierspielen bis zum Erlernen theoretischer Zusammenhänge.

Über die Studien und die Studienparameter, -bedingungen und Ähnliches erfahren wir wie immer nichts. Interessant ist es dennoch, bei allen Vorbehalten. Im Grunde bestätigt es ja nur das, was jeder Mensch ohne Vorurteile auch beobachten kann. Es gibt natürlich Menschen, die haben keine Lust mehr, etwas dazu zu lernen. Sie schieben das, wenn sie älter werden, dann bequem auf ihr Alter „Ach im Alter lernt man ja nicht so gut, deshalb will mir das auch nicht in den Kopf“. Einmal davon abgesehen, dass wir vermutlich schnell tot wären, wenn wir nicht jeden Tag unbewusst dazu lernten, geht es eben doch. Wenn wir mit 50 Jahren das Studium einer Sprache aufgreifen und es uns so erscheint, als lernten wir nicht mehr so schnell wie früher, hat das mehrere Gründe: Wir haben lange keine Sprache mehr erlernt, die Synapsen dafür sind nicht mehr trainiert und die „Nervenblitze“ müssen sich die Wege erst wieder suchen. Außerdem, so sage ich immer, ist das Gehirn mit 12 Jahren noch „leerer“ als mit 50 Jahren. Wir sind einfach abgelenkter mit vielen anderen wichtigen Dingen.

Ein weiterer Beweis für die Lernfähigkeit im Alter erlebe ich tagtäglich. Meine Lernfähigkeit ist ungebrochen. Ich habe in den vergangenen Jahren mehrfach begonnen, Fremdsprachen zu erlernen. Das ging genau so flott wie früher. Die meisten Menschen verklären nämlich auch ihre Vergangenheit. Anstatt sich realistisch daran zu erinnern, wie „mühsam“ das früher war, glauben sie, das rutschte einfach durch. Ehrlichkeit zu sich selbst ist da schon angebracht. Ich lerne heutzutage Fremdsprachen sogar leichter als früher – weil ich ja täglich mit der Umsetzung in eine fremde Sprache beschäftigt bin. Das war dann letztendlich auch immer der Grund, warum ich es wieder aufgegeben habe. Jeden Tag mit Übersetzungen arbeiten und dann noch die Freizeit mit Sprache zu füllen, ist mir einfach zu viel.

Ein weiteres schönes Beispiel ist ein guter Freund von mir. Er liest gelegentlich diesen Blog auch und möge mir verzeihen, dass ich ihn als Beispiel nehme, falls es heute der Fall ist 🙂

Er ist ein heller Kopf, das ist keine Frage. Deshalb schickten ihn seine Eltern aufs Gymnasium, wo er jedoch schon in der zweiten Klasse scheiterte. Er wurde wegen seines rüpelhaften Verhaltens von der Schule verwiesen. Nach der Hauptschule machte er eine Lehre und legte seine Gesellenprüfung im Kraftfahrzeugewerbe ab. Besonders ehrgeizig ist er nicht – etwas, das uns verbindet 🙂 – und so entschloss er sich erst dann, nebenberuflich die Meisterausbildung zu beginnen, als das Freunde von ihm taten. Und so wurde er „Betriebsmeister“. Als ich ihn kennen lernte, war er Ende 30. Wieder eine Ausbildung? Kam für ihn nicht in Frage, das ist zu anstrengend neben dem Beruf. Wobei ich ihm Recht geben muss: Ich bewundere Leute, die sich neben einer normalen Berufstätigkeit in ihrer Freizeit mit so viel Disziplin noch mit einer Zusatzausbildung beschäftigen. Als ehemaliger Werkstattleiter in einem Anhängermontagebetrieb ging er dann zu einer Zeitarbeitsfirma als festangestellter Betriebsleiter (habe die genaue Bezeichnung jetzt nicht im Kopf). Alles lief wunderbar, auch im Privatleben hatte sich einiges Positive entwickelt. So ganz nebenbei hat er noch eine Art Schifffahrtspatent abgelegt, weil ihn das interessierte. Er witzelte immer über einen seiner Freunde, der neben dem Beruf noch Betriebswirtschaft studiert hatte. „Nee, also das wäre mir ja zu viel…“.

Vor zweieinhalb Jahren, damals 46 Jahre alt, überraschte er mich mit der Mitteilung, dass er nun ein Studium beginnen würde, und zwar zum „Technischen Betriebswirt“. Ich war platt. Das bedeutete für ihn: Drei Mal in der Woche abends Schule, dann mehrmals mit Kollegen zum Lernen treffen. Manchmal fand auch samstags Unterricht statt. Seine Firma gewährte ihm keine Vergünstigungen, das heißt alle Prüfungstermine etc. nahm er als Urlaub.

Vor ein paar Tagen traf ich ihn wieder, er schreibt jetzt gerade seine Projektarbeit. Die beiden ersten Prüfungsteile hat er bestanden. Vor allem auf den zweiten Teil ist er zu Recht stolz, denn genau in die Zeit seiner Prüfungsvorbereitung fiel der Tod seiner Mutter, der mit viel misslichen Umständen verbunden war. 85% der Punkte hat er erreicht, berichtet er nicht ohne Stolz. Er zählt zu den 6 von 24 Prüflingen, die diesen Prüfungsteil auf Anhieb geschafft haben. „Ich gehöre zu den Ältesten in der Runde“, berichtete er mir auf Nachfragen. „Der älteste Dozent ist drei Jahre jünger als ich.“

Letzlich erzählte ich einer Bekannten davon. Sie sagte: „Boh, das ist eine Leistung, Ende 40 lernt man doch nicht mehr so gut!“ Ich habe mich da natürlich nicht auf eine Grundsatzdiskussion eingelassen 🙂 Sie ist selbst das beste Gegenbeispiel, sie hat nämlich Mitte 40 einen völlig neuen Job angetreten und sich perfekt eingearbeitet. Auch das ist lernen.

Alte Menschen und Lernfähigkeit

Kommentar vom 2. September 2010: Lernen im Alter

Wie ich letztlich schon einmal in einem Beitrag erwähnte, habe ich vor Jahren in einem englischen Buch gelesen, dass die Lern- und Merkfähigkeit mit dem Alter nicht notwendigerweise nachlässt, vorausgesetzt der Mensch ist ansonsten gesund und tut etwas für seinen Kopf. Dies passt natürlich nicht ins heutige Bild von alten Menschen, die alle dement, vergesslich, hinfällig und gebrechlich sein müssen.

Da hat die Apotheken-Umschau (2. Augustausgabe) es wieder mal geschafft, unter Zuhilfenahme einer Studie einfach ein Vorurteil scheinbar zu untermauern. Wie gehen sie vor? Es ist äußerst raffiniert. Wir sehen einen älteren weißhaarigen Herrn, der durch eine Brille in ein Buch schaut, Bildunterschrift „Zahn der Zeit: Im Alter lernt es sich mühsamer.“ Und der Artikel beginnt mit dem Satz „Das Gehirn kann auch im Alter noch lernen, doch tut es sich zunehmend schwer damit.“ Diese Sätze werden durch nichts begründet. Nun werden geschickt die Ergebnisse einer Tierstudie (!), die offensichtlich auf Demenzkranke zielt (!) so hingedreht, dass sie das Vorurteil beweisen. Und zwar einfach, indem die Zeitung einen Satz zwischen die Vorurteile und die Studie schaltet: „Neurowissenschaftler der Universität Göttingen haben nun eine mögliche Erklärung dafür gefunden„. Und zwar wird bei alten Mäusen im Gehirn ein für das Lernen wichtiges Gen abgeschaltet. Es wird uns aber nicht gesagt, was die Fragestellung der Studie war, was immer ungeheuer wichtig ist! Ich denke nämlich nicht, dass die Fragestellung war: Warum lernen wir im Alter schlechter? Auch hat die Studie nur gezeigt, dass ein für Lernen wichtiges Gen abgeschaltet wird. Mich würde aber interessieren, ob diese Mäuse dann wirklich auch schlechter lernen. Oder ob sie ein anderes Gen für diese Funktion „einspannen“. So etwas gibt es ja auch. Der letzte Satz gibt mir schon eher einen Blick auf das Ziel der Studie: „Die Forscher hoffen, dass sich diese Erkenntnis künftig nutzen lässt, um Altersdemenz zu behandeln.“

Könnte es also sein, dass die Forscher von vornherein gar nicht auf das normale Älterwerden geschaut haben, sondern nur auf Mäuse mit Lernschwierigkeiten im Alter? Das sind zwei völlig verschiedene Dinge!

Die Manipulation ist so subtil, dass sie mir erst beim dritten Lesen aufgefallen ist, obwohl ich für das Thema ja sensibilisiert bin seit der damaligen Lektüre. Ich hatte mich schon gefragt, ob in dem Buch falsches Wissen verbreitet wurde. Aber nein – die Aussagen widersprechen sich im Grunde nicht, weil hier wieder einmal mehr viel zu wenig über eine Studie berichtet wird, die nur hergezwungen wird, um „vermeintlich Richtiges“ zu beweisen.

Viele Menschen haben im Alter mehr Mühe zu lernen – das liegt aber auch daran, dass sie aus der Übung sind. Viele Menschen werden im Alter einfach bequemer, haben keine Lust mehr, irgend etwas Neues anzufangen. Wollen auch gar nicht mehr Lernen, weil das ja mit Arbeit und Mühe verbunden ist. Jemand, der innerlich schon die Einstellung hat, dass er nichts mehr lernen möchte, wird natürlich in neurologisch-psychologischen Tests schlechter abschneiden.

Wann fängt die Vergesslichkeit an?

Kommentar vom 6. August 2010: Hilfe, ich werde älter!

Unsere Putzhilfe pflegte in den letzten Jahren, wenn sie etwas vergaß, stets zu sagen: „Jaja, ich werde älter.“ Anfangs habe ich noch versucht zu erklären, dass Vergesslichkeit keine unausweichliche Alterserscheinung ist, sondern dass wir einfach – wenn wir älter werden – eher geneigt sind, solche Dinge mit „ich werde älter“ zu betiteln. Ich habe vor vielen Jahren mal in einem Buch über die Gehirnfunktionen gelesen (leider habe ich den Titel nicht mehr), dass das Gehirn auch im Alter, solange es gesund ist, völlig normal ist. Die Vergesslichkeit ist nicht erhöht. (Vor wenigen Tagen las ich dann, Forscher hätten nun Genveränderungen festgestellt, die zur Vergesslichkeit im Alter führen. Komisch, wie die Forschung auch Modetrends folgen kann…)

Da im vorliegenden Fall die Erklärung aber nichts half, habe ich mir für solche überflüssigen Bemerkungen mittlerweile die Gegenantwort parat gelegt, es geht jetzt so: „Ach ja, ich werde alt!“ Ich: „Das hoffe ich!“ Meist dauert es ein paar Sekunden, bis der Satz ankommt 😉

Ganz erstaunt war ich nun, als ich in der letzten Zeit, wenn ich mit meiner Freundin Florinda telefonierte, schon mal so Sätze kamen wie „Jaja, ich werde alt <kicher>“. Bestimmt zwei oder drei Mal ist es mir in der letzen Zeit aufgefallen, es ging aber dann im Gespräch unter. Vor ein paar Tagen nun besuchte ich Florinda, die wohlgemerkt etwa 15 Jahre jünger ist als ich. Sie erzählt mir bei einem gemütlichen Tässchen Tee, dass sie und ihre Freundin Sybille sich letztlich darüber ausgetauscht hatten, dass sie doch heutzutage bei Gymnastik und Sport länger brauchen, bis der Körper darauf reagiert, mit Muskelaufbau usw.

Da wollte ich nicht länger schweigsam sitzen bleiben. Als ich nämlich in Florindas Alter war, hatte ich gerade nach einer langen Phase der Trägheit wieder sportliche Aktivitäten aufgegriffen. Ich ging regelmäßig schwimmen und noch kurzer Zeit des Einübens schwamm ich locker (mehr oder weniger locker <G>) allen anderen davon – auch jüngeren Zeitgenossinnen. Ausgenommen natürlich Vereins- oder anderen Profi- und Halbprofischwimmerinnen. Und ich war mindestens zwei Jahrzehnte nicht mehr schwimmen gewesen. Allerdings radel ich seit 20 Jahren jeden Morgen 30-40 Minuten auf dem Trimmrad und gehe regelmäßig zu Fuß. Florinda war aber auch immer sportlich aktiv.

Ich habe also bei Florinda nachgehakt: Hast du denn damals vielleicht mehr Sport gemacht? Nein, sie ging auch regelmäßig zur Gymnastik, regelmäßig Schwimmen… Ich bohrte weiter nach: gleichschwere Gymnastik, oder schwerer? Mehr Schwimmen? Schließlich grinste sie schräg und meinte – „Naja, ich habe damals auch noch Geräteturnen gemacht.“

Wir werden alle älter und das Alter bringt durchaus körperliche Veränderungen. Wir sollten da aber ganz vorurteilsfrei und vorsichtig herangehen und uns immer fragen: Ist das jetzt wirklich eine Veränderung, oder GLAUBE ich nur, dass es eine ist, weil das so gut in das heutige Denkschema von Alter (= krank, vergesslich und gebrechlich sein) passt? Natürlich sehe ich heute nicht mehr aus wie eine Zwanzigjährige und ich finde es peinlich, wenn gerade Schauspielerinnen meinen, mit den jungen Mädels konkurrieren zu müssen. Das ist wie Äpfel und Birnen vergleichen – eine Fünfzigjährige wird nie den Körper einer Zwangzigjährigen haben, dafür hat sie mehr Übung im Umgang mit anderen Menschen, mehr Geduld, mehr Charme, vielleicht eine offenere Art, die einer schüchternen jungen Frau noch verwehrt bleibt.

Vor allem aber die geistige Entwicklung ist, und das ist auch wissenschaftlich belegt <g>, gar nicht altersabhängig – wenn wir unser Gehirn immer hübsch auf Trab halten. Wenn wir natürlich 30 Jahre lang nichts Neues mehr lernen, nur auf den eingetretenen Pfaden laufen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir im Italienisch-Kurs der VHS größte Mühe haben, auch nur eine Vokabel zu lernen.

Die körperliche Reaktionsfähigkeit lässt nach, aber gerade bei Autofahrern gibt es hochinteressante Untersuchungen, dass wir das bei wachsendem Alter durch Erfahrung auffangen können. So dann auch eine aktuelle Meldung aus dem Seniorenratgeber August, wo berichtet wird (S. 9), dass ältere Fahrer mit mehr als 30 Jahren Fahrerfahrung stärker auf den Verkehr von rechts achten.

Gerade bei ernstzunehmenden Ernährungsüberlegungen werden uns immer wieder die Naturvölker vorgeführt. Warum wohl schieben diese ihre Alten nicht in Abfallhütten am Rande der Siedlung ab, sondern respektieren sie, befragen sie um Rat?

Die Altersklischees in unserer Gesellschaft lauern hinter jeder Ecke, hinter jedem Seniorenratgeber. Sie zu erkennen und zu schließen, statt hineinzuspringen, ist eine wichtige Aufgabe, die sich jeder stellen sollte – nicht erst, wenn der 40. oder 50. Geburtstag erreicht ist.

Die menschlichen Aspekte der Reise

Kommentar vom 23. Mai 2010: „Kleines Reiseresümee, Teil 2“

Mein Besuch bei einer alten Dame hat viel Nachdenklichkeit ausgelöst. H. ist seit Februar 89 Jahre alt. Sie ist geistig im Grunde sehr fit, allerdings leidet ihre geistige Beweglichkeit etwas unter fehlenden sozialen Kontakten. Einmal in der Woche Tochter und Schwiegersohn für 4 Stunden, zwei- oder dreimal die Woche die Putzhilfe für 2 Stunden. Bis vor einem Jahr hat sie noch Bridge gespielt, da war sie auf jeden Fall noch viel fitter, das musste sie dann leider wegen fehlender Transportmöglichkeiten einstellen. Bis zum Schluss hielt sie immer Topplätze bei Bridgewettbewerben in dem Club.

Ich rufe sie etwa alle zwei Wochen sonntags an, insoweit war es keine Überraschung, dass sie neuerdings zu Wiederholungen neigt. Gespräche mit ihr sind sehr anstrengend, weil sie trotz eigener Schwerhörigkeit nur sehr leise spricht. Dazu auch sehr langsam, was vor allem beim Autofahren, wenn sie die Richung angeben soll, nicht immer einfach ist. Sie ist intellektuell nach wie vor ohne Verminderung, wenn ich das einmal so arrogant sagen darf, als stünde es mir an, sie zu beurteilen. Sie hat denselben Witz und Humor wie früher. Ein leichter Hang zum Negativen fiel mir zum ersten Mal auf: Wenn sie Ereignisse von früher erzählt, pickt sie sich eher negative Aspekte heraus, die an sich ohne Bedeutung sind. Ein Beispiel: Mein kleiner Bruder war in seiner Kindheit eher zart und kränklich, und wir beiden älteren Schwestern haben ihn behütet. So haben wir dann, als unsere Familie H.’s Familie besuchte, wohl einmal darauf gedrängt, dass ein Fenster geschlossen wurde, damit er keinen Zug bekäme. Das fand sie ziemlich unverschämt, so sagt sie heute, aber sie habe aus Höflichkeit nicht gekontert. So etwas lässt Verwunderung bei mir zurück.

Ähnlich auch mein Mitbringsel: zwei Tütchen selbstgemachte Rohkostschokolade. Ich erwarte nicht, dass jeder anbetend davor in die Knie sinkt <g>, ein ehrliches Wort kann ich da gut vertragen. Die Resonanz war bisher überwiegend positiv. Sie probierte eine, aß sie auf und sagte: „Das ist nicht so wirklich mein Ding.“ Ohne höfliche Einleitung, ohne Linderung dieser Aussage. „Kein Problem“, war meine Antwort, „ich nehme sie auch gerne wieder mit nach Hause.“ Sie probierte dann die zweite Tüte: „Oh die schmeckt viel besser“, die Tüte (etwa 50 g) war dann innerhalb weniger Minuten geleert. Was mich natürlich freute. Als ich am nächsten Tag wieder kam, war auch die erste Tüte – „nicht ihr Ding“ – schon fast leer. Ich habe nichts mehr gesagt. Auch das ist etwas, dass ich an alten Menschen schon beobachtet habe, der Mangel an sozialer Kompetenz (vornehm ausgedrückt <g>), nämlich brüsk seine Meinung zu sagen, ohne sie abzumildern.

Sie ist eine große Frau gewesen, geht jetzt (Rheuma) gekrümmt. Gehen ist wirklich übertrieben, sie trippelt mit winzigen Schritten, immer mit der Hand nach einer Stütze suchend. Ein Rollator, wenigstens für zu Hause? Ich spreche das Thema gar nicht erst an, denn ich will auch ihr den Besuch nicht verderben. Sie hat mal entrüstet erzählt, dass ihr Schwiegersohn ihr vorgeschlagen hatte, einen Stock zu benutzen. Sie ist extrem dünn, sehr faltig im Gesicht, die Zähne sind schlecht. Erstaunlich gut sind noch ihre Haare, keine Lücke auf dem weißen Schopf, durch den die Kopfhaut schimmert. Sie ist nicht ungepflegt, dennoch gibt es Zeichen von mangelnder Eitelkeit, z.B. zentimeterlange Barthaare. Auch hier bitte kein Missverständnis: Ich werfe ihr das nicht vor, dass sie nicht gestylt ist, um es überzogen zu sagen. Ich merke nur, dass es mir zu schaffen macht. Und es lässt mich darüber nachdenken, wie isoliert wir heute von alten Menschen leben, dass natürliche Veränderungen bei ihnen in uns, bei aller Zuneigung, eine gewisse innere Abkehr erzeugen. Ich mied es, sie beim Essen anzuschauen.

Besuch ist anstrengend für sie, mehr als 1 bis 2 Stunden an einem Stück verträgt sie nicht. Das kann ich gut nachvollziehen und so ließ ich sie zwei Stunden alleine, bevor wir gemeinsam essen gingen. Ein wenig hat sie auch den Kontakt zu den Relationen vergessen, denn an einem Punkt im Gespräch bot sie mir 50 Euro Fahrtgeld an. Ich fand das sehr rührend, ich bin ja keine Studentin mehr, sondern verdiene eigenes Geld – genug, um mir diese Reise zu leisten.

Fazit: Ich frage mich immer, wie sie wäre, wenn sie sich anders ernährt hätte. Gute Ernährung ist keine Garantie, ich weiß – aber eine Hilfe.

Ein Buch von Barbara Rütting

Kommentar vom 19. April 2010: „Barbara Rütting und das Alter“

Besprechung des Buchs „Ich bin alt und das ist gut so: Meine Mutmacher aus acht gelebten Jahrzehnten“ von Barbara Rütting; ISBN-13: 978-3453600980

Fazit: Die Frau ist toll, das Buch nicht ganz so toll

Ich habe diverse Kochbücher von Frau Rütting, in denen sie ja auch zwischendurch immer so ein wenig aus „ihrem Leben“ plaudert, und das ist gefällig. Dazu macht es ja Mut und verbreitet Optimismus, auch einmal einen alten Menschen zu sehen, der nicht nur vital ist, sondern sogar noch lange in der Politik mitgemischt hat und ein Buch schreibt. Wobei das Wort „alter Mensch“ gar nicht so recht zu der Autorin passen will, zumindest nicht so, wie dieser Ausdruck heute vielfach gebraucht und verstanden wird. Einfach Klasse, was Frau Rütting erreicht hat.

Das Buch ist alphabetisch angeordnet, wie eine Art Lexikon. Ob das sinnvoll ist – darüber ließe sich streiten. Optisch ist es konsequent und gefällig aufgezogen. Recht viele Schwarzweiß-Fotos zum Gucken gibt es auch. Der Stil ist lebendig und gut lesbar. Was mir auch sehr gut gefällt: Rütting schreibt nicht einfach locker drauf los: „Dies ist so und jenes ist so“, sondern sie begründet das und gibt reichlich Quellen dazu an.  Viele der Tipps sind sicher nicht für alle interessant (z.B. die Chi-Maschine).

Leider sind einige Passagen auch schon in ihren Kochbüchern erschienen, z.B. die über den Parieto-Effekt (kurz: 10 Menschen zu einem geringeren Fleischkonsum zu bewegen, bringen der Umwelt mehr Vorteile, als einen Menschen zum Vegetarismus zu bekehren). Da konnte ich mich fast wörtlich noch dran erinnern. Auch innerhalb des Buchs gibt es Wiederholungen (wie z.B. die Schwester ihrer Großmutter, die mit ihrer Puppe begraben wurde).

Schon in den erwähnten Kochbüchern schwankte ich immer zwischen „ah, eine tolle Frau“ und „könnte sie sich mal etwas weniger in den Mittelpunkt stellen?“ Das ging mir hier wieder so. Ich finde es durchaus richtig, wenn ein Mensch auf seine eigenen Verdienste verweist, und es ist schwer, den Finger darauf zu legen. Vielleicht, dachte ich schon einmal, ist es auch ihre Methode, sich die Menschen fernzuhalten und keine Verletzungen zu riskieren.

Es gibt einige Stellen in dem Buch, wo sie wirklich den Profischleier lüftet und uns in ihr „Selbst“ schauen lässt. Das geht ein wenig an die Nieren. Das ist dann wirklich packend, mehr als die Textpassagen, wo sie uns die Person Barbara Rütting mit – teils humorvoller – Distanz präsentiert. Und diese bewegenden Passagen sind es, die mich das Buch vorbehaltlos empfehlen lassen.

Ein schönes Buch für Menschen, die endlich mal etwas anders hören wollen als so dumme Sprüche wie „oh du bist über xxx Jahre alt, da fangen die Zipperlein an“. Das muss niemand akzeptieren, wie wir an dem Beispiel von B. Rütting sehen.