Ich senke mein Risiko!

18. September 2014: Kein Schlaganfall mehr!

Im Seniorenratgeber vom September las ich auf Seite 9 einen kleinen Artikel mit der Überschrift „Bunt gegen Schlaganfall“. Demnach haben chinesische Wissenschaftler festgestellt, dass „schon 200 Gramm mehr Obst am Tag – zum Beispiel ein Apfel – […] das Schlaganfall-Risiko um mehr als 30 Prozent [senken]“.

Ey, das ist ja super. Nee, ich meine echt gut.

Wenn ich zum Beispiel ein Schlaganfallrisiko von 50 % habe (ich will ja nicht gleich aufs Schärfste gehen), kann ich mit einem (größeren) Apfel mehr am Tag das Risiko auf …. ja, auf was denn senken? Auf 20 %? (einfach 30 % abziehen) Auf 35 %? (Von den 50 % kurz 30 % runternehmen, also 30 % von 50 % = 15 %). Ich nehme mal an, gemeint ist der zweite Rechenweg. Ist aber egal, schön ist das auf jeden Fall.

Wenn ich nun mit meinem 35 %-Risiko noch einen Apfel mehr am Tag esse, habe ich nur noch ein Risiko von 24,5 %.
Die große Frage an Mathematiker ist nun: Wie viele Äpfel muss ich essen, um mein Risiko auf 0 % zu senken? Nach 24,5 % kommen 17,15 %, dann 12 %, dann 8,40 %, dann 5,88 %, dann 4,11, dann 2,88, dann 2,0; 1,41; 0,98; 0,69; 0,48; 0,34; 0,24; 0,17; 0,12; 0,08; 0,06; 0,04; 0,03; 0,02; 0,01; 0,014; 0,009; 0,006; 0,004; 0,003; usw. Also bei 27 Äpfeln bin ich ja praktisch bei Null. Wer sich noch an die Mathematik erinnert: So richtig Null wird das in der Theorie nie, aber wir sind ja praktisch denkende Menschen.

Okay, ich esse also 27 Äpfel am Tag. Das sind 9 große Äpfel zu jeder Mahlzeit. Wohl eher statt jeder Mahlzeit, denn nach 9 großen Äpfeln sind wohl selbst Fresssäckchen satt. Das ist natürlich lächerlich, ja, klar – denn ob wir nun ein Schlaganfallrisiko von 2% oder 0,003 haben, macht in der Praxis nicht wirklich etwas aus. Also 8 Äpfel am Tag machen schon ziemlich gesund. Senken ein Schlaganfallrisiko von 50 % auf 2 %. Toll.

Und das Tollste ist – selbst wenn ich nur 3 große Äpfel am Tag esse (ich kann natürlich auch 1 Birne, 1 Apfel und 1 Stück Melone nehmen, das ist weniger eintönig) bin ich schon nur noch bei einem Restrisiko von 12 % statt 50 %. Das ist wirklich wunderbar.

Und das Wunderbarste ist, dass ich sonst meine Ernährung offenbar gar nicht ändern muss. Morgens Rührei mit Speck, danach ein Apfel. Mittags Chicken MacNuggets mit einem Cheeseburger und einem Apfel. Und abends dann Makrelen aus der Dose mit Bratkartoffeln und Spiegelei, zum Trinken ½ Liter Olivenöl und – bloß nicht vergessen! – ein Äpfelchen von 200 g.
Übrigens: Wenn mein Schlaganfallrisiko bei 100% liegt… reichen schon 2 Äpfelchen mehr, um auf diese Prozentzahl zu kommen!!

Womit ich nichts wirklich gegen diese Studie sagen will. Sicher senkt ein Mehrverzehr an Obst (und Gemüse) solche Risiken beträchtlich. Aber es ist immer ein Fehler, solche Ergebnisse isoliert und ohne Zusammenhang zu betrachten. Und das passiert sehr häufig bei der Übertragung von wissenschaftlichen Ergebnissen in die Laienpresse. Ein sehr schönes Beispiel aus dem Amerikanischen für die Verdrehung von wertfreien Resultaten findet Ihr z.B.: hier.

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