Wer hat denn hier Vorurteile?

Leider habe ich heute Morgen beim Trimmradeln Kirche im WDR (WDR2) gehört. Erst dachte ich, ich habe mich verhört, aber dann habe ich nachgelesen, was Maike Siebold dort gesagt hat. Unglaublich! (von hier kopiert). Hervorhebung von mir. Mein Kommentar folgt unter dem Wort zum K….

Sprachgefühl

Ich bin auf dem Weg nach Berlin. Um mich herum im ICE sitzen Geschäftsleute in ihre Laptops vertieft, ein paar junge Leute auf dem Weg ins Wochenende, eine kleine Gruppe älterer Damen – und ein Dutzend junger männlicher Flüchtlinge. Auf halber Strecke macht der Zugbetreuer plötzlich eine Durchsage. „Aus gegebenem Anlass bitten wir Sie, auf Ihre Wertgegenstände zu achten.“, tönt es aus der Lautsprecherbox. Einen Augenblick hoffe ich, mich verhört zu haben. Diese Durchsage suggeriert, dass durch die mitreisenden Flüchtlinge ein erhöhtes Diebstahl – Risiko besteht. Ich überlege, ob es einen Auslöser für diese Warnung gab. Vielleicht hat jemand einen Diebstahl gemeldet. Egal wie die Hintergründe sind, die Wortwahl ist mehr als unglücklich. Es wird eine Botschaft mittransportiert, die falsch ist und Ängste wie Vorurteile schürt.

Wenn eine solche Durchsage überhaupt nötig gewesen wäre, dann hätte der Zugbegleiter es anders formulieren und z.B. sagen können: „Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt“. So ein Satz hätte nicht sofort alle Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt. Diesen Hinweis gibt es regelmäßig auf den digitalen Anzeigetafeln in ICEs. Daneben erscheint dann ein nettes Koffer- und Schirm-Symbol.

Vielleicht denken nun einige von Ihnen, ich sei zu empfindlich. Schließlich ist es nur eine Feinheit. Das winzige Detail werden die Flüchtlinge noch nicht einmal mitbekommen haben. Doch man sollte auch seine Gedanken nie unbeaufsichtigt lassen. Schon im Talmud, der Gesetzessammlung des Judentums heißt es richtig: Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Nicht immer sind wir in der Lage, die Menschen, die bei uns Zuflucht gesucht haben, direkt zu unterstützen. Nicht alle wohnen in der Nachbarschaft von Flüchtlingen oder haben die Zeit und die Möglichkeit, mit Taten zu helfen. Doch durch die richtigen Worte können wir ALLE helfen. Wir müssen keine üblen Thekenparolen unkommentiert lassen, wir brauchen nicht schweigen, wenn sich jemand in der Kassenschlange im Supermarkt abfällig über Flüchtlinge äußert, und wir können die entlarven, die hinter Formulierungen wie „Man muss die Besorgnisse der Bürger ernst nehmen“ ihre Fremdenfeindlichkeit verstecken. Und ja: Man kann auch widersprechen, laut werden oder die Polizei rufen, wenn junge Männer ihre Grenzen nicht kennen und übergriffig werden, ganz gleich ob es deutsche Hooligans, Kriminelle aus Marokko oder betrunkene Oktoberfestbesucher sind. Mund aufmachen geht immer.

Zurück zum ICE: Ich weiß nicht, ob dem Zugbegleiter die indirekte Botschaft seiner Durchsage bewusst war. Doch diese Situation hat mir wieder zwei Dinge klar gemacht:

1. Wir müssen mehr auf unsere Formulierungen achten und 2.: Wir dürfen an den wichtigen Stellen nicht schweigen. Und da kann ich mich an die eigene Nase fassen, denn niemand hat den Schaffner angesprochen.

Zumindest sprachlich haben wir alle die Möglichkeit etwas Gutes zu bewirken und uns nicht wie Dummköpfe zu verhalten. Das Wort für ‚Fremder‘ ist in der Bibel gleichbedeutend mit ‚Gast‘. Im Alten Testament wird es auf den Punkt gebracht: „Du aber tritt für die Leute ein, die sich selbst nicht verteidigen können! Schütze das Recht der Hilflosen. Sprich für sie und regiere gerecht! (Sprüche 31,8-9)

Wer hat denn hier Vorurteile? Wenn ich höre „ausgegebenen Anlass…“ und habe drei Asylanten neben mir sitzen, denke ich nicht automatisch, dass diese gemeint sind. Ich würde einfach denken, dass bereits irgendein Diebstahl gemeldet wurden. Wie muss man geistig gestrickt sein, dass man sofort meint, dass hier über Asylanten gesprochen wird?

Frau Siebold, selbst übelste Innehaberin von Vorurteilen, will uns die Denkpolizei an den Hals hetzen. Wir dürfen nicht mehr denken. Wir müssen einige Übergriffe beim Oktoberfest einer zahlenmäßig kaum vergleichbaren Zahl in Köln an Silvester gleichsetzen, sonst sind wir böse Menschen?

Was ist an einem Satz wie „Wir müssen die Bedürfnisse der Bürger ernstnehmen“ bitte schön schlimm? Haben die Bürger hier nichts mehr zu sagen, sondern nur die Gutmenschen – ein Wort, das ich mit Wonne benutze, seit die Gutmenschen aus der Dudenreaktion es gebrandmarkt haben.

Nein, Danke, Frau Siebold, Ihre unglaubliche Simplifizierung und Verschönerung möchte ich nicht teilen und ich werde weiter Gedanken denken, ohne sie IHREM Inquisitionsverfahren zu unterwerfen.

Ich weiß nicht, ob Frau Siebold die indirekte Botschaft ihrer von Vorurteilen durchsetzten Worte bewusst war.

In einem nehme ich Frau Siebold beim Wort: Ich schweige nicht zu diesen ihren Worten!

Frau Merkels Schuld

Wenn ich die Stimmungslage beurteilen sollte, wie sie im Moment in Deutschland herrscht – aus meinem Bekannten- und Freundeskreis -, so könnte ich es wie folgt zusammen fassen:

  • Niemand hat etwas gegen einen Flüchtling als einzelnen Menschen
  • Es werden schwere Probleme gesehen, die niemand möchte
  • Es wird ein deutlich härter-konsequenterer Umgang mit Flüchtlingen gefordert, die hier fehl am Platze sind, weil sie entweder keinen echten Grund haben für ihre Flucht oder nicht einmal grob bereit sind, sich den hiesigen Gepflogenheiten anzupassen (Verweigerung von Essensausgabe von weiblichen Helfern u.ä., von Massenschlägereien ganz zu schweigen).

Was mich jedoch verwundert, ist die zunehmende Polarisierung gegen Angela Merkel. Natürlich waren einige ihrer Einladungen völlig deplatziert und dass sie am Kurs festhält, lässt fehlenden Kontakt mit der Bevölkerung vermissen – das ist ja heutzutage aber fast normal.

Nein, Frau Merkel ist nicht die Person, auf gegen die alleine sich der Unmut richten sollte. Hier ist ein freies Land. Was wäre, wenn das gesamte Kabinett zurückträte und sagte: „Tut uns leid, das ist gegen den Wunsch unserer Wähler, gegen den gesunden Menschenverstand (erlaube ich mir hier einmal zu sagen), wir treten zurück.“ Ist auch nur einer zurückgetreten? Frau Nahles klebt an ihrem Amt genauso wie ein Sigmar Gabriel oder ein de Maizière. Bürgermeister veralbern besorgte Eltern in Orten, wo in einer Kindergarten-Turnhalle 40 männliche Asylbewerber untergebracht werden sollen (in der Nähe von Worms), es fände dadurch eine Bereicherung statt.

Kindertagesstätten werden bestreikt. Warum werden nicht Einrichtungen bestreikt, wo Massenschlägereien stattfinden? Warum sagen die Menschen, die politisch nicht rechts gruppiert werden möchten und sollten, immer noch nur hinter vorgehaltener Hand, dass sie diese Mengen von Flüchtlingen einfach nicht wollen, aus welchen Gründen auch immer?

Öfter schon habe ich Mails erhalten, ich sei mutig. Ich weise das zurück, ich bin überhaupt nicht mutig. Ich sage meine Meinung in dem Vertrauen, das dies immer noch ein Land ist, in dem ich mich über politische Zustände frei äußern kann. Es passiert auch nichts. Ich erhalte weder Drohmails noch beschimpft mich irgend jemand. Warum? Weil ich nicht emotionale Wellen aufpeitsche, nicht jeden meiner Sätze mit 3 oder 5 Ausrufezeichen versehe, sondern weil ich Argumente sachlich vortrage, wovon ich überzeugt bin, und Fragen stelle. Auch das kann jeder.

 

Bitte erst nachdenken :-)

Es funktioniert gut, dass die Medien allseits die möglichen Probleme unterdrücken, die durch den Zuzug von ca. 1 Million Flüchtlingen in einem Jahr entstehen. Eine logische Folge ist meines Erachtens dann eine Gegenreaktion in der Bevölkerung, die nun eigene Gerüchte in Umlauf bringt. Ob das gezielt in Gang gesetzt wird oder nur Sensationslust ist: Ich habe keine Ahnung. Es wird Angst geschürt, was immer Machtausübung ermöglicht. Natürlich mache ich mir auch Gedanken ob der Probleme, die uns verschwiegen oder beschönigt werden, aber ich habe keine Angst vor dem morgigen Tag.

Heute nun wurde ich mit so einer Story konfrontiert. Eine Freundin, durchaus nicht leichtgläubig, schrieb mir eine erschrockene Mail:

Ich war gerade beim Augenarzt und habe von der Sprechstundenhilfe, mit der ich mich schon mal gerne unterhalte, erfahren, dass 800 Flüchtlinge in den nächstgrößeren Nachbarort kommen oder dort schon angekommen sind. Im Umkreis eines anderen größeren Ortes in meiner Nachbarschaft haben zwei Aldis geschlossen, weil die Flüchtlinge klauen oder im Laden Packungen aufreißen, sich im Laden hinsetzen und einfach essen und trinken, natürlich ohne Bezahlung. Einer machte den Wagen voll, fuhr an die Kasse, schubste die Kassiererin beiseite und sagte nur „Mama Merkel zahlen“. Und diverse andere Stories.

Was sind das für Geschichten? Ich konnte meine Freundin ein wenig aus ihrer Panik reißen, indem ich ihr ein paar logische Schlussfolgerungen und Gedanken mitteilte. Erstens ist das keine Horde von Mongolen aus dem 13. Jahrhundert, die im Moment nach Deutschland kommt. Es sind zum großen Teil Flüchtlinge mit Familie, die aus normalen Verhältnissen stammen. Okay, die Kultur ist eine andere – aber im Laden Packungen aufreißen, sich dort hinsetzen und den Inhalt essen, das ist nicht das, was Menschen überlicherweise berichten, die selbst den Orient einmal bereist haben.

Und außerdem: Wenn diese Menschen sich so daneben benehmen würden (!), warum gehen sie zu einem Billigdiscounter wie Aldi oder wahlweise Lidl? Warum nicht zu Edeka und Rewe mit viel größerem Frischeangebot? Warum fallen sie nicht in die Bekleidungsgeschäfte ein und holen sich Kleidung, die den für sie hier herrschenden kalten Temperaturen gerecht wird?

Ich bin dann „extra“ noch zu Aldi gegangen heute Nachmittag. Hier vor Ort sind vor ca. 2 Wochen 250 Flüchtlinge untergebracht worden. Aldi war fast leer. Einige wenige durchweg deutsche Kunden. Keine leeren Regale, keine Kassiererinnen, die von schrecklichen Erlebnissen berichteten. Also eigentlich alles ganz normal. Ach nein, eine wichtige Begebenheit: Aldi hat noch deutsche Erdbeeren im Programm, was mein Begleiter mit leuchtenden Augen sah 🙂

Anschließend habe ich der Freundin berichtet, wie es hier im Aldi aussah. Sie hatte mittlerweile auch schon von Ortsansässigen erfahren, dass es sich bei den besagten 800 angekündigten Flüchtlingen ebenfalls um ein Luftgespenst handelt.

Daher meine Bitte: Glaube nur, was du selbst gesehen hast an üblen oder auch überschwänglichen Berichten. Wenn dir jemand etwas erzählt über Flüchtlinge, frage: Warst du selbst dabei? Und wenn die Antwort kommt: Nein, ich nicht, aber meine Nachbarin (oder wer auch immer) – vergiss es sofort wieder. Es ist mit großer Sicherheit ein Märchen. Denke immer daran: Die Flüchtlinge kommen zwar aus Ländern mit verheerenden Zuständen, aber aus einer Kultur, nicht aus einem abgeschiedenen Winkel mit seltsamen Verhaltensweisen. Wenn du dir sehr viel Sorgen machst, dann hoch mit dem Hintern und gehe zu einer Einrichtung und biete dich an, den Ehrenamtlichen zu helfen.

Natürlich, das sagte ich bereits, werden unter 1 Million Menschen nicht nur gut gesittete Bürger sein. Köln hat etwas weniger als 1 Million Einwohner und wie viele davon benehmen sich voll daneben? Wie viele davon findet Ihr sympathisch? Gibt es darunter Kriminelle oder nicht?

Dass es Fälle gibt, wo Flüchtlinge sich falsch oder gesetzeswidrig verhalten, das ist gar keine Frage. Aber übertragt das bitte nicht auf alle Flüchtlinge! Ich möchte auch nicht, dass ich daran gemessen werde, wie sich einige Deutsche im Ausland aufführen 🙂

 

 

Wir sind die Guten!

Nachrichten heute Morgen: Es fand eine Runde der EU-Botschafter mit Vorgesprächen statt, wie die Flüchtlingsfrage EU-weit gelöst werden sollte. Man spricht von der Umverteilung von 120.000 Flüchtlingen. Potztausend, eine beeindruckende Zahl (meine persönliche Schätzung ist, dass in Deutschland die Millionengrenze dieses Jahr fast erreicht sein dürfte)! Davon nimmt Deutschland doch bestimmt mindestens die Hälfte? Heißt das jetzt beim Umverteilen, dass Deutschland von den nächsten 120.000 Flüchtlingen die Hälfte nähme, zusätzlich zu denen, die schon hier sind oder sowieso ständig kommen, oder heißt es, dass Deutschland, von denen, die hier sind, welche abgibt?

Es taucht auch die Möglichkeit auf, dass bestimmte Länder sich von dieser Pflicht durch Bezahlung noch festzulegender Abgaben freikaufen können.

Soweit, so gehört. Das waren die Nachrichten. Dann kommt der Moderatur (WDR2, kurz nach 5 Uhr) und geht mit süffisanter Stimme auf das Freikaufen ein, wiederholt die sachliche Meldung mit eigenen Worten: „Und dann wird diskutiert, wie sich Länder von <kleine Pause und neue Betonung> ihrer humanitären Pflicht freikaufen können, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen!“ (ich kann es nicht mehr ganz wörtlich zitieren, aber den Tenor und den Umgang mit „humanitären Pflichten“ habe ich mir sehr gut gemerkt.

Gut, dass wir Moderatoren haben, die uns sagen, was falsch und was richtig ist. Bloß nicht differenzieren oder gar versuchen herauszufinden, warum es vielleicht für diese Länder notwendig ist, lieber Geld zu zahlen, und für andere dann im Gegenzug, wohl auch welches für die Versorgung von Asylanten zu bekommen. Bloß nicht nachdenken, denn in der Flüchtlingsfrage ist schon lange geklärt, wo Gut und Böse sitzen:

Gut begrüßt alle Flüchtlinge mit einem zuckersüßen Willkommensgruß, sieht da keine Probleme, nur positive Entwicklungen.

Böse (und damit natürlich Quasi-Nazi) macht sich Gedanken, vielleicht sogar Sorgen, darüber, wo das hinführt, wer das bezahlt und wie groß die Belastungen sein werden. Pfui.