Clean Eating macht’s vor

26. Feb. 2016: Formulierungen

In Facebook bin ich im Moment in diversen Gruppen, schaue mal hier, mal dort. So kam ich auch in eine Vollwertgruppe, in der ich ein Rezept vorgestellt habe. Es war etwas mit Honig, und ich schrieb: Veganer können Agavendicksaft oder Ahornsirup nehmen (da es gekocht wird, kommen Trockenfrüchte nicht in Frage). Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Honig das beste Süßungsmittel ist. Aber soll ich Veganer „vergraulen“, weil ich mich mit ihnen nicht über das Süßungsmittel einigen kann? Ein gutgestandener Vollwertler – es gibt eben Leute in der Vollwertszene, die haben von mir nichts gehört, was verständlich ist – erklärte mir dann dazu:

„Sehr gute Alternative zum Industriezucker; vom Agavensaft und Ahornsirup würde ich abraten da es genauso wie der Industriezucker ein künstlich hergestelltes Präparat ist. Zunächst klingt es gut, da Agaven und Ahornsaft sind grundsätzlich natürliche vollwertige Lebensmittel, werden jedoch leider im chemischen Herstellungsprozeß entwertet.“

Da packte mich das Gruseln. Warum eigentlich? In den Tatsachen sind wir uns einig. ABER: Es gibt Formulierungen aus der Vollwertecke (vorzugsweise aus Lahnstein), die tragen – egal, ob sie zutreffend sind oder nicht – für mich Spinnegewebe des Alters am Kragen und verschrecken jeden, der ein Mensch dieser Tage und nicht den 70ern des letzten Jahrhunderts ist.

Wenn ich noch einmal „künstlich hergestelltes Präparat lese“ oder „… entwertet“, kriege ich vermutlich einen Kollaps. Kann man das nicht mal anders sagen als mit einem Vokabular, das einfach nicht mehr passt?

Man muss die Vollwerternährung ja nicht verbiegen, aber selbst die Kirche geht mit der Zeit und passt ihre Redensweise an. Es gibt Bibeln in moderner, zeitgemäßer Sprache. Aber gewisse Vollwertecken sind wirklich päpstlicher als der Papst und bleiben bei Latein, auch wenn sie mit ein paar normalen Worten und ein bisschen mehr Weltoffenheit so viele Menschen für sich gewinnen könnten.

Clean Eating macht das vor – das ist eigentlich nichts anderes als aufgeweichte Vollwerternährung, aber so sagt das natürlich niemand 🙂

Einfach schade.

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Eine tolle neue Essensrichtung!

Beim Frühstückskakao las ich den neuesten Senioren-Ratgeber (3/2015), gehört zum Verlag der Apotheken-Umschau 🙂 In der Rubrik Essen und Trinken werden verschiedene Essensrichtungen kurz erklärt. Eine, den Titel verrate ich noch nicht, erhält folgende Beschreibung (Seite 60):

„XXX setzt auf natürliche, vollwertige Nahrungsmittel. Stark verarbeitetes und industriell Gefertigtes sind tabu. Es ist eigentlich nur ein anderes Wort …“

Wie würden wir da ergänzen? Ich würde automatisch „für Vollwerternährung“ sagen. Aber der Seniorenratgeber ergänzt anders „.. ein anderes Wort dafür, regional und saisonal zu essen, am liebsten Produkte vom Erzeuger. Das haben bis vor 100 Jahren alle gemacht.“

Hä? Wie bitte? Klingeln irgend jemandem bei „vor 100 Jahren“ die Ohren? Mir auf jeden Fall. XXX steht übrigens für „Clean Eating“, das hier erklärt werden soll.

Aha. Vollwerternährung klingt zu angestaubt, irgendwie so… deutsch? Da muss was schickes Englisches her. Clean Eating. Klingt gleich so sauber, hygienisch und gesund. Und den Übergang zu saisonal und regional finde ich… berauschend 😉