Das Wilkesmannsche Alphabet

Vui, Teufel?

4. März 2017: Das V

V

Der Buchstabe V ist ein schillernder Vogel, denn im Grund ist er überflüssig, gleichzeitig aber ist er zweiseitig. Er steht manchmal für ein W, manchmal für ein F. Das hängt davon ab, in welcher Region wir wohnen und in welchem Wort es vorkommt. Wogel wird niemand sagen, auch nicht Agafe. Natürlich fällt mir seit Stunden kein Wort ein, in dem V in Bayern anders gesprochen wird als in Nordhessen.

Ferdammt! Das fehlt noch, dass Wera und Werner heute Abend eine Wase mitbringen. Setzt Werner dann das Fassnachthütchen auf, sieht er immer recht ferwegen aus. Er hat das wohl vom Fater geerbt, an den er aber nur noch eine wage Erinnerung hat. Welche internationale Karriere hätten wohl „Fantastische Fier“ machen können?

Dennoch frage ich mich, warum bei der letzten Rechtschreibreform das V nicht ausgemerzt wurde. Gut, Fögel sehen merkwürdig aus, auch der Ferein braucht ferdammt viel Gewöhnung. Wera würde das gelassen nehmen, während sie eine Agawe in der Hand hält. Sprachpuristen würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und behaupten, dass die deutsche Sprache ihre ganze Identität verlieren würde. Nun, wenn sie das mithilfe von rau noch nicht getan hat, könnte auch so ein kleiner Fogel die Identität nicht fermiesen, fermute ich einmal. Ob BAP nun singt „Ferdammt lang her“ oder „Verdammt lang her“ tut dem Hörgenuss doch keinen Abbruch. Die bereits mehrfach erwähnte Buchstabenhäufigkeit würde sich auch zugunsten von f und in einigen Fällen w verbessern.

Wäre ich ein F, ich würde mich mit dem W verbrüdern, auch wenn sein Anliegen nicht ganz so groß ist wie meins. Als streithaftes Duo würden wir die deutschen Klassenzimmer und Dudentreffen unsicher machen. Unsicher bis zum Umkippen. Leider könnten wir keinen Verein gründen, denn dazu bedarf es sieben Gründungsmitgliedern. Q und X würden uns massiv bekämpfen, denn ihre Gegenstücke sind keine Einzelbuchstaben, Kwelle und Hekse ist weder für meinen F-Verein noch für die QX-Seite ein Helfer. Wenn ich länger darüber nachdenke, haben wir entfernt noch einen Feind, das Z, das so gerne einen Streit vom Tsaun bricht.  Aber selbst wenn diese drei sich aus den unerfindlichsten Gründen auf unsere Seite schlügen, „just to be different“, wäre es keine Hilfe, dann sind wir fünf. Wir müssen aber sieben sein.

Federführend wäre ich wegen meiner absolut schon forhandenen Häufigkeit sowieso. Das ist nämlich nicht wage, sondern föllig konkret. Ich würde kleine Uniformen für diesen Ferein entwickeln. Auch könnte unser Verein Unterstützung vom englischen Königshaus erhalten. Kein Deutscher wäre mehr versucht, ein englisches „v“ so schlappig zu sprechen wie ein „w“, also hübsch die oberen Schneidezähne auf die Unterlippe, kein O-geformter Mund. Der deutsche Akzent im Englischen würde viel seiner Deutlichkeit verlieren oder sogar ferlieren.

Im gemeinsamen Kampf mit dem W würde ich von den zur Verfügung (Ferfügung) stehenden sechs Posten fier erhalten, ich denke, das W stimmt zu. Sonst wird es von mir überstimmt, denn ich bin in der Überzahl, so rein statistisch. Und ich habe noch ein Erpressungsmittel in der Hand: Wenn das W nicht brav ist, werde ich vorschlagen (zumindest) androhen, dass ich dafür eintrete, dass das W abgeschafft und stattdessen ein V an seinen Platz kommt. Auch dies macht einen Buchstaben obsolet, hat aber den Vorteil, dass bei handschriftlichen Notizen deutlich weniger Zeit verwendet (fervendet) werden (verden) muss. In einer Studie unter meiner Leitung wurde das bereits wissenschaftlich erforscht. Die Probanden wurden randomisiert (also nach dem Tsufallsprintsip) auf zwei Gruppen aufgeteilt und erhielten identische Texte, die sie mit der Hand auf verschiedene gelbe Haftnotizen schreiben mussten. Ein Text wurde normal geschrieben, beim anderen waren alle W ersetzt durch V. Und was soll ich sagen – die V-Gruppe hat bei einer Vorlage von 137 Normseiten (zu 1500 Anschlägen, inklusive Leerzeichen) deutlich besser abgeschnitten. Sie waren im Mittel 5 Nanosekunden schneller, und das mit einer statistischen Signifikanz von einer beträchtlichen p-Wertschätzung. Letztlich wurde das W doch wirklich frech und beantragte die Durchführung einer weiteren Studie, bei der das F beseitigt und durch V ersetzt werden solle. Das F sei noch schwieriger als das W, denn es verlangt das Absetzen des Stifts, während V und W in einem Rutsch geschrieben werden könnten. Das W stellte die Hypothese auf, dass für diesen Austausch der V-Vorteil sogar bei 6,37 Nanosekunden läge. Das ist lachhaft und ich habe das demokratisch (ich habe 8 von 10 Sitzen im Beirat) abgeschmettert. Der Einwand, eine große deutsche Autofirma sei dadurch benachteiligt, halte ich für unferschämt. Das W sonnt sich nun mal in der Nachbarschaft zum V in dieser unseligen Kombination. Was aber spricht dagegen, einen Eff-Wee-Käfer zu produzieren? Wobei ein neues Logo her muss, bei dem das F dann ruhig doppelt so hoch sein kann wie das Weh. Oh weh. Ja, das W ist ein trauriger Buchstabe, derweil das F einfach nur fröhlich ist. Womit ich mich für heute ferabschiede.

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Das Wilkesmannsche Alphabet

7. Jan. 2017: Enn wie N

Neongrün. Überhaupt: Neonfarben sind absolut mein Ding. Vor etwa 35 Jahren habe ich eine wunderschöne Strickjacke gestrickt: vom linken Ärmel zum rechten Ärmel, d.h. ohne Naht. Teile zusammennähen ist nämlich ein Antihobby von mir. Ich hatte sie im Patentmuster und abwechselnd mit neongrünem und neonorange-farbenem Garn gestrickt. Jetzt habe ich sie vor dem Umzug entsorgt, obwohl sie mir jahrzehntelang ein treuer Wegbegleiter war, da aus 100% Acryl.

Mein Farbgeschmack war immer schon etwas anders. In der Grundschule mussten wir ein Kissen besticken, dass wir dann auch selbst zusammennähten. Ich ging in das Handarbeitsgeschäft vor Ort. Handarbeitsgeschäfte haben ähnlich wie Haushaltswarenläden und Computer- und Handy-Auslagen eine irre Faszination für mich. Besonders liebe ich die vielen kleinen Zöpfchen Stickgarn in den unterschiedlichsten Farbabstufungen. Es gab früher die Unterscheidung Perlgarn und glatt. Ich mochte glatt lieber, wobei „glatt“ sicher nicht die korrekte Bezeichnung ist. Der ordentlich in Schlaufen gelegte lange Faden Stickgarn wurde oben und unten von einer kleinen schwarzen Papierhülse zusammengehalten. Als erstes haben wir im Handarbeitsunterricht übrigens so ein Nadelbüchlein erstellt – aus Stramin  (einfach zum Besticken) und einem Leinenmaterial als Futter. Der Stramin sollte in diversen Mustern bestickt werden, die die Lehrerin uns zeigte. Ich habe dieses Büchlein immer noch, obwohl ich es zwischenzeitlich in meiner Familie weitergegeben hatte – es ist zu mir zurückgekehrt.

Das Kissen: Ich stand also in der üblichen Faszination in dem Handarbeitsladen und musste Stofffarbe und Fadenfarben auswählen. Der Stoffton wurde ein gedecktes Curryfarben, als Stickfarben nahm ich weinrot, schwarz und dunkelbraun (bei letzterem bin ich mir nicht mehr sicher, möglicherweise war es auch schwarz). Ich fand die Kombination wohl als einzige einfach wunderbar und außer dem Nähvorgang (mit der Hand) hat mir das auch viel Freude gemacht. Schon damals zeigte es sich, dass ich zwar mit viel Enthusiasmus handarbeite (außer Nähen, egal ob mit Hand oder Maschine), aber die Dinge nicht gerne selbst verwende. Ist es ein Perfektionismus, der mich dann unzufrieden werden lässt, weil das Teil in meinen Augen nicht 100% so geworden ist wie in meiner Vorstellung? Oder ist es eine allgemeine Abneigung gegen Selbstgemachtes? Auch das kann sein. Dies wird durch eine weitere Anekdote untermauert, bei der ich aus eigener Erinnerung schöpfen kann, ich glaube gar nicht mal, dass es dem Rest meiner Familie noch bewusst ist (was auch schwierig ist, da die Generation über mir komplett verstorben ist und mein Bruder damals noch viel zu klein war).

Das Weihnachtsfest kam. Üblicherweise verschenken Kinder zum Entzücken aller Erwachsenen Selbstgemachtes. Nicht Klein-Ute. Ich nahm mein Erspartes, ging in die Stadt und habe „vernünftige Sachen“ eingekauft. Das war alles überhaupt nicht kindlich, z.B. für jedes Mitglied meiner Kleinfamilie ein Silberbesteck. Ich erinnere mich noch an die „karierten“ Griffe des Bestecks für meine Schwester, das ich am liebsten selbst behalten hätte. Diese Einkaufstour und das Verschenken hat mir viel, viel mehr Freude bereitet, als irgendetwas zu basteln (was ich sowieso nicht gerne tat, im Gegensatz zum Handarbeiten). Ich weiß nicht, ob die Beschenkten unglücklich mit ihren Geschenken waren, ich denke das aber nicht, denn die Bestecke wurden jahrelang benutzt, wobei ich beim Tischdecken peinlich darauf achtete, dass jeder „seines“ bekam. Ich bilde mir auch ein, als Kind einen guten Geschmack gehabt zu haben.

Neonfarben mag ich sehr. Auch Neonröhren. Ich mag es z.B. nicht, wenn (meine) Räume nicht ausreichend beleuchtbar sind. Das muss nicht heißen, dass ich – wie im Büro beispielsweise – nur Neonröhren habe. Aber ich möchte es hell machen können. So sind in die Decke meines Wohnzimmers mehrere kurze Neonröhren eingelassen, am Relaxsessel steht eine Stehlampe, deren Licht mir meistens ausreicht. Ich erinnere mich noch an eine Küche (vorletzter Wohnplatz), die nie richtig ausgeleuchtet werden konnte, daran habe ich mich nie gewöhnt, aber auch keine Lösung gefunden, da es angemietet war.

Noch ein N ist mir wichtig, nicht nur das Neon, sondern kontrastierend die Natur. Ich bin immer schon gerne spazieren gegangen. Als ich frisch nach Köln umgezogen war, bin ich manchmal einfach mit irgendeiner Straßenbahn losgefahren bis an eine Station, die mir gefiel, oder die Endstation. So landete ich eines Tages in einem wunderbaren Waldstück. Ein Spaziergang, an den ich mich gerne erinnere. Nicht so gerne erinnere ich mich an das beklemmende Gefühl, als ich meine Orientierung verloren hatte. Ich hätte natürlich andere Spaziergänger fragen können, die mir doch gelegentlich über den Weg liefen. Nun könnte ich behaupten, dass ich zu stur, eigensinnig oder stolz war, um etwa um Weghilfe zu bitten. Das war es aber nicht. Ich war einfach zu schüchtern. Ich hatte mir eine Zeit gesetzt (könnte 16 Uhr gewesen sein): Wenn ich bis dahin nicht selbst zurückfand, würde ich fragen. Wundersamerweise aber fand ich die Straßenbahnstation dann doch wieder. Was auch ein Glück war, denn in der letzten Stunde begegnete ich keinen Spaziergängern mehr.

Es gehört wohl auch zum Älterwerden, dass man die Gaben der Natur mehr und mehr zu schätzen weiß. Ich erinnere mich auch daran, dass ich mal unheimlich sauer über das morgendliche Gezwitscher der Vögel war, als ich zu Gast bei meinen Eltern war, weil ich dadurch abrupt geweckt wurde. An Geräusche aus der Kneipe gegenüber und das Abladen von Metallplatten nebenan hatte ich mich in Köln zwar nicht gewöhnt, aber sie konnte ich zeitlich umgehen. Heute höre ich die Vögel gerne beim Einschlafen und auch beim Aufwachen. Ich kann mich über blühende Blumen sehr freuen, die letzten noch fliegenden Bienen und Falter bewundern, einfach an einer Stelle stehen und Grün oder noch lieber: das Blaugrün des Meeres genießen.

Hmmmm M

31.12.2016: Der Buchstabe M

Warum fällt mir dazu als erstes Modern Talking ein, das unsägliche Gespann aus Thomas Anders und Dieter Bohlen? Die Musik ist flach und wiederholend, und dennoch sind mir einige Songs im Gedächtnis geblieben. Nicht nur, weil ich die Nora-Aktion von Thomas Anders so peinlich fand, sondern auch, weil er immer brauner wurde im Gesicht. Und vielleicht auch, weil ich auf einer Nachtfahrt von Dresden zurück nach Remscheid eines ihrer Lieder immer und immer wieder gehört habe. Manchmal spricht mich eben auch Musik an, die ich im Grunde indiskutabel schlecht finde.

M steht auch für Musik im Allgemeinen. Musik war für mich immer wichtig. Als Kind war eine meiner ersten Anschaffungen ein kleines Transistorradio mit der Aufschrift „Privileg“, dem Namen für Quelle-Produkte. Wer erinnert sich noch an das Versandhaus Quelle? Damals teilte ich mir noch ein Zimmer mit meinem kleinen Bruder, der musste sich das Geplärre immer mit anhören. Schon da zeigte sich meine Vorliebe, auf technischen Schnickschnack zu sparen. Den ersten Schallplattenspieler erhielt ich als Geschenk.

Mein Musikgeschmack war immer sehr breit gefächert. Als absoluter Karl-May-Fan hatte ich auch die damals erscheinenden Karl-May-Filme gesehen. Meine Mutter ist brav immer mitgedackelt. Der erste Film, den ich gesehen habe, war der Schatz im Silbersee, das war in einem Kino in Engelskirchen in der Nähe von Gummersbach. Das Schlussbild, wie der Schurke gegen Ende in einem großen Schlammloch versinkt und nur noch einen Arm nach oben recken kann, ist mir auf ewig ins Gedächtnis geprägt. Die Musik fand ich einfach nur toll, und so kaufte ich mir als erste Single die Filmmusik. Ich glaube, Horst Wendland hieß der Komponist. Glücklich war ich mit dieser Platte. Da ich unentwegt Radio hörte, war dann mein Geschmackswandel vermutlich für meine Familie recht überraschend: Mein nächster Erwerb Monate später war „Satisfaction“ von den Rolling Stones. Meine Mutter ließ sich abringen, dass das doch wirklich gute Musik sei. Die nächste Single war Eve of Destruction. Beibehalten habe ich aus dieser Zeit, dass ich Musik, die mir gefällt, immer und immer wieder hintereinander höre. So zum Beispiel viele Jahre später „Nessun dorma“ mit Placibo Domingo.

Mein Musikgeschmack fächerte sich besonders breit, als ich Mitte 20 in die Welt der klassischen Musik eingeführt wurde. Vorher war das für mich uninteressant – ein Referat in der Schule zu den Meistersingern ätzte mich an. Dann aber bekam ich eine Eintrittskarte für Parzival geschenkt mit Leihgabe der entsprechenden Schalplatten. Ich habe die Musik auf Kassetten überspielt und ständig gehört – ob im Auto, zu Hause oder bei der Arbeit im Sekretariat, „mein“ Parzival war immer dabei. Getoppt habe ich das dann noch, indem ich mir eine Partitur ausgeliehen und mitgelesen habe. So gerüstet war dann die Parzival-Aufführung ein voller Erfolg für mich und der Eintritt in eine neue Musikwelt. Gleichzeitig blieb ich der Pop-Musik „treu“, aber mehr und mehr Opern, Requien und klassische Lieder gaben mir viel Freude.

Das freudvolle Hören klassischer Musik erfordert Einarbeitung. Als ich dieses Kapitel aus musikunabhängigen Gründen für mich abgehakt hatte, habe ich die Zeit nicht mehr investiert und nur wenig ist mir aus jener intensiven Zeit geblieben. Die Turandot-Musik schätze ich immer noch sehr, auch Wagners Ring und andere Werke sind mir in der Erinnerung noch lieb und wert. Aber aktiv hören tue ich es nicht mehr. Überhaupt höre ich heutzutage viel weniger Musik als früher.

Seit meiner Kindheit lief mein Radio als ständiger Hörbegleiter im Hintergrund. Radio Luxemburg war eine Weile bei mir sehr beliebt, später war es SWF 3. Während des Grafikstudiums – Musik aus einem Radio, während des Zweitstudiums – Musik aus einer zusammengesparten Anlage. Und das, obwohl das Zweitstudium ja Konzentration und Erlernen von Vokabeln beinhaltete.

Als ich meinen Kollegen kennenlernte und wir unser Geschäft gründeten, war es mit dem Radio im Hintergrund vorbei. Bei zwei Leuten ist das schlecht möglich und er war auch nicht willens, sich daran zu gewöhnen. So habe ich dann die Berieselung aufgegeben und nur noch konzentriert gehört, aber auch das ist immer weniger geworden. Wer kauft noch CDs? Am Anfang habe ich versucht, MP3-Musik zu kaufen, aber als ich merkte, dass die Lizenzen nach einer Weile verfallen, hatte ich das satt: Mir einen Song alle halbe Jahr neu kaufen? Nein, danke!

Mittlerweile höre ich für meine Verhältnisse sehr selten Musik. Morgens, auf dem Trimmrad, ja, da ist das gut. Ich habe drei Sender auf die Fernbedienung einprogrammiert, damit mir die Labersäcke den Genuss nicht verderben. Diese humorigen Einlagen entsprechen überhaupt nicht meinem Humor, außer den Nachrichten interessieren mich die Informationen nur sehr selten. Erste Wahl ist WDR2, spätestens bei „Kirche im WDR“ schalte ich auf 1Live und wenn auch dort genervt wird – bleibt ja noch der Europafunk.

Sehr viel Musik gehört und neue Songs kennengelernt habe ich beim Autofahren. Die Nachtsendungen des WDR, während ich im Dunklen unterwegs war, haben mich mit Ina Deter und ihrer Musik und ihren Texte bekannt gemacht. Erst hatte ich einen Kassettenrekorder, dann einen CD-Player und zwischendurch einen Minidisk-Player im Auto. Auch heute höre ich noch gerne Musik beim Autofahren, beschränke das aber auf das Radio. Ich meide das Radio allerdings samstags – zum Brechreiz führende endlose Sportreportagen werden nur von wenigen Titel perforiert. Nichts für Ute.

L wie Lollipop

24. Dez. 2016: L als Buchstabe

Ich war schon mehrmals in London, aber noch nie in Lüdenscheid.

Im schönen Sauerland liegt Lüdenscheid, London in Großbritannien. Auch in Land’s End war ich schon und die Frage ist berechtigt, warum ich Lüdenscheid bisher ausgespart habe. Es sind von meinem Wohnort aus mit dem Auto nicht einmal 60 Minuten bis Lüdenscheid, die kürzeste Strecke (über die Dörfer) knapp 40 Kilometer.  Mit dem Zug müsste ich einmal umsteigen, der letzte Zug fährt um 23:02 und die Zeit beträgt ca. 1 Stunde 11 Minuten. Die Wege zum Bahnhof nicht mitgerechnet. Zu Fuß brauche ich nicht einmal 8 Stunden, und das kostet nichts.

Man beachte – die Kanalüberquerung nicht mitgerechnet, erreiche ich laut Google Maps London in 110 Stunden.

Ein Wort, das eine L-Faszination für mich hat, ist Lulatsch. Natürlich nur in der Kombination langer Lulatsch, alleinstehend kenne ich es nicht. Wo ist die weibliche Form? Ist es eine Lulatschine, eine Lulatschin, Lulatscha? Ich wäre auf jeden Fall gerne größer geworden. Gemessen bin ich 1,73 m, aber ich habe nicht widersprochen, als in meinen ersten Personalausweis 1,75 m eingetragen wurde. Das habe ich auch immer auf Befragung als meine Körpergröße angegeben.

Als ich noch klein war, das muss zu Grundschulzeiten gewesen sein, wäre ich gern 2 Meter groß geworden. Ich fand die Idee, die meisten Menschen um eine Kopflänge zu überragen, irgendwie schön. Auch der häufige Hinweis meiner Großmutter, dass ich dann nie einen Mann finden würde, ließ mich kalt. Meine Eltern hatten so eine Größenvoraussage: Du wirst doppelt so groß, wie du an deinem zweiten Geburtstag bist. Ich weiß nicht mehr, was bei mir gemessen wurde. In der Grundschule war ich die Längste, aber in späteren Klassen gehörte ich zwar zu den Großen, aber es gab immer ein oder zwei Mädels, die größer waren als ich. Ein Vergleich mit gleichaltrigen Jungen entfiel, da ich meine Schulzeit abgesehen von den vier Grundschuljahren und einem Gymnasialjahr in reinen Mädchenschulen verbracht habe. Ich habe da erst nicht drüber nachgedacht, nur als ich dann nach dem „gemischten“ Jahr wieder auf eine reine Mädchenschule kam, fand ich das nicht mehr so unauffällig und normal.

Warum ich den Zweimeterwunsch schließlich aufgegeben habe, weiß ich gar nicht mal mehr. Vielleicht eine Anpassung an die Realität? Es war früh abzusehen, dass ich groß, aber eben nicht sehr groß würde.

Ein anderes L steht für lange Haare oder Langhaarfrisur. Ich war als Kind sehr verschlossen und habe ungern meine Wünsche geäußert. Da gibt es zwei Dinge, die mir noch lebhaft und plastisch im Gedächtnis geblieben sind. Das erste vollzog sich ebenfalls in meiner Grundschulzeit. Ich hatte einen sogenannten Pagenkopf. Alle Haare relativ gleich lang, bis zum Kinn, Pony, dann Schluss. Praktisch. Wenn ich Fotos von damals sehe, finde ich auch, dass mir das gut stand. Nur hätte ich so schrecklich, schrecklich gerne lange Haare gehabt. Ich erwartete vor allem von meiner Mutter, dass ihr das klar sein musste. Kein Wort kam über meine Lippen, aber es muss doch deutlich als Schriftzug, in Neonfarbe, über meinem Kopf gestanden haben? Aber meine unsensible Mutter, so empfand ich das, las die Schrift nicht. Dann gab es eine tolle Zeit, wo meine Haare immerhin so lang waren, dass ich sie zu winzigen Rattenschwänzen über die Ohren zusammengebunden bekam. Das Glück währte nicht lang, so unpraktisch, ratz-fatz ab damit. Wie ich mich einschätze, habe ich vermutlich sogar noch behauptet, dass es mir recht, allenfalls egal ist. Bloß keine Wünsche äußern… das wäre peinlich.

Dass meine Mutter eine Wunschanalphabetin war, zeigte sich auch noch an anderer Stelle, auch wenn es nichts mit L zu tun hat. Meine ersten Polio-Impfungen bekam ich noch als Spritze. Schrecklich! Ich war der Pharmaindustrie so dankbar, als sie endlich Schluckimpfungen produzierte. Weil meine ältere Schwester und ich die Tortur (wie ich es empfand) so tapfer durchgestanden hatten, durften wir uns ein Paar Schuhe aussuchen, die meine Eltern uns kaufen würden. Ich hatte mein Traumpaar bald entdeckt: weiße Mokassins, vorne mit kleinen eingestanzten Löchern und, das war die Sensation und hätte mich überglücklich gemacht: mit kleinen Absätzen. 2 cm oder 3 cm, auf jeden Fall nicht sehr viel. Ich glühte für diese Schuhe, würde ich mir doch so erwachsen vorkommen! Also erwartete ich nun von meiner Mutter und auch meiner Schwester, dass sie in Begeisterungsstürme ausbrachen und mich gegen meinen Widerstand überreden würden, diese tollen Schuhe zu kaufen. Das passierte nicht. Ich sagte natürlich nichts und verschwand mit meiner zweiten Wahl aus dem Geschäft: grün-weiße Lackschuhe, an der Seite mit einem dünnen Lackband durchzogen und: völlig flach.

Ich habe diese Schuhe nie gemocht.

Logischweise folgt heute…

17. Dez. 2016: Der Buchstabe K

König der Kalauer. Welches ist denn der beste Kalauer? Und was ist wirklich ein Kalauer und was unterschiedet ihn von einem Kahlauer oder einem Belauer?

Wikipedia gibt Auskunft: „Als Kalauer bezeichnet man ein einfaches Wortspiel mit Wörtern unterschiedlicher Bedeutung von gleichem Klang oder gleicher Schreibweise. Sie werden manchmal als Flachwitz oder Plattwitz bezeichnet, da bei Kalauern in der Regel eine eher geringe ‚Lustigkeit‘ zumindest in Kauf genommen oder sogar ironisch eingesetzt wird. Viele Kalauer beziehen daher ihren eigentlichen Witz aus dem Umstand, dass sie dadurch als schlechte Witze gelten. So ist eine Definition des Kalauers mit Hilfe eines Kalauers: ‚Kalauer sind die Buchstaben A bis J.‘ – ‚?‘ – ‚Weil die alle auf das K lauern!‘“ Übrigens: Die Engländer könnten „corny joke“ dazu sagen, körniger (oder maisartiger) Witz.

Da lag ich doch schon einmal recht gut. Mein Großvater hatte ein paar Kalauer auf Lager, sein Liebling war: „Wie, du willst einpacken? Warum nicht zweipacken?“.

Auch der Duden kann dazu etwas sagen, zum Beispiel zur Worttrennung: Ka|lau|er. Dies wirft Assoziationen auf, ich denke da an Kalauwarmer, am kalauersten und die elegante Form Kalausie. Und der Duden rühmt sich stolz: „Dieses Wort stand 1880 erstmals im Rechtschreibduden.“ Wow. Das sind ja mehr als 135 Jahre! Solange gibt es nicht einmal die Vollwerternährung.

Gut gefallen mir auch die Synonyme: „Witz; Scherz, Spaß, Ulk; (bildungssprachlich) Aperçu; (umgangssprachlich) Flachs, Joke, Jokus, Jux, Uz; (abwertend) Zote”. Ich glaube, in Zukunft nach Beendigung meiner Ausführungen zu K werde ich nur noch von Aperçu sprechen. Unter Umständen würde sich auch eine Neuverfassung des Buchstabens A lohnen. Obwohl das eigentlich meinem System widerspricht, ich würde ja den Flow meines Alphabets stören.

In insgesamt 131 systematischen Übersichten (Charlton 2007, Cockroach 2007, Fluten 2013, Flutgrün 2013, Bottrop 2013, Curses 2010, Elst 2014, Wieselmann 2009, Hohlschneider 2009, Coburg 2006, Murani-Mafzani 2014, Adams 2005, Pennen 2013) werden Faktoren beschrieben, die eine zielführende Umsetzung von wissenschaftlichen Kalauern behindern oder fördern können. In diesen systematischen Übersichten wurden 282 unterschiedliche beeinflussende Faktoren identifiziert, die sich den sechs Ebenen nach Frieda und Everard zuordnen ließen.

Wer fährt so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Kalauer mit seinem Kind.
Er hat das Kind wohl nicht im Arm,
So ist er sich sicher, ihm ist so warm.

Mein Kind, was birgst du so bang dein Gesicht?
Siehst Vater, du den Kalauerkönig nicht!
Den Kalauerkönig mit Kron‘ und Witz?
Mein Sohn, es ist ein Stiegelitz.

In Klein Hängeton nannten sie es immer noch das „Kalauerhaus“, obwohl die Familie Kalauer schon seit vielen Jahren weggezogen war. Das Haus stand auf einem Abhang mit Blick über das Meer, einige Gehirne waren mit Brettern vernagelt, das Dach war löchrig und der Efeu rankte sich ziemlich gezügelt an den Mauern entlang. Das einst schöne Anwesen der Kalauer, das mit Abstand kleinste und unauffälligste Haus im ganzen Umkreis, war nun feucht, heraufgekommen und möbelleer.

Welches Harry Potter-Buch stand hier Kalauer-Pate?

Übrigens: Ich mag Kalauer. Am liebsten sind mir ganze Kalauer-Unterhaltungen, wo ein K den anderen K jagt. Obwohl es doch das K ist. Und immer noch ist nicht geklärt, wer der König der Kalauer ist. Die Königin hingegen ist wesentlich unbekannter. So K es denn.

 

Der nächste Buchstabe ist…

10. Dez. 2016: … ein J (spricht Jott)

J ist der 10. Buchstabe im Alphabet und an 24. Stelle der Häufigkeit, ich habe es soeben nachgeschaut. Aber als ich mir das in Wikipedia ansah, bekam ich einen gehörigen Schock: Eines der ersten Dinge, die ich bewusst gelernt habe, ist die Anzahl der Buchstaben im Alphabet, seit frühester Kindheit sind es 26. Aber in Wikipedia sind es 27! Je länger (mit J) ich darüber nachdenke, umso merkwürdiger ist das. Dort ist das Alphabet um „ß“ ergänzt, die Umlaute bleiben aber nach wie vor draußen. Dabei ist ß überhaupt kein Phonem, denn man kann es vom Hören her nicht unterscheiden.

Ich muss das mal recherchieren… Dabei habe ich nun festgestellt, dass Wikipedia sich bei der Häufigkeitsliste auf Karl-Heinz Best bezieht, der ein Buch dazu geschrieben und zig tausend Briefe dafür analysiert hat. Briefe? Ey, das ist aber keine statistische Stichprobe! Briefe haben eine Anrede und einen Gruß, und damit entstehen schon viele Buchstaben immer wieder, die so in einem Buch nicht wiederholt werden.

Eine andere Quelle zur Buchstabenhäufigkeit (http://www.sttmedia.de/buchstabenhaeufigkeit-deutsch) nennt auch ENIR, ha! Ha! So wie ich! Allerdings taucht da auch wieder das „ß“-Ungetüm auf. Früher war alles besser, jawohl (mit j), sogar das Alphabet. Er hat auch die Umlaute.

Aber ist es wirklich so, dass in Deutschland jeder sein eigenes Buchstabenhäufigkeitssüppchen kochen kann? Das finde ich einen Skandal. In unserem Land ist alles geregelt, nicht aber die Buchstabenhäufigkeit? Ich beantrage sofort die Einrichtung einer Kommission, die dies im Namen der deutschen Bundesrepublik vornimmt und eine verbindliche Liste erstellt. Diese Liste wird jährlich überprüft. Sollten sich dann Ungereimtheiten ergeben, werden Buchstabler eingesetzt, die dafür sorgen, dass die Liste wieder stimmt.

Ich mache das an einem kleinen Beispiel klar. Wikipedia gibt für J die Zahl „0,27 %“ an, die STTMEDIA-Seite jedoch 0,24 %. Nun setze ich einmal den fiktiven Fall an, dass die Deutsche Kommission für Buchstabenhäufigkeit (DKfBh) eine Zahl von 0,25 % festlegt. Sollte sich nun im Jahre 2021 ergeben, dass offizielle Schriftstücke nur auf 0,23 % kommen, so wird das sofort in konkrete Zahlen umgesetzt. Theoretisieren wir weiter: Die Diskrepanz von 0,02 % entspricht einer Zahl von 2453 J. Nun tritt der Buchstabler vors Mikrofon und verliest einen Text, der genau 2453 J (und sonst nichts) enthält. Dann ist die Liste gerettet. Etwas umständlicher wird es, wenn ein Buchstabe häufiger vorkommt, als die Liste erlaubt. Dann muss der Buchstabler sich hinsetzen und aus offiziellen Dokumenten und Schriftstücken so lange die J entfernen, bis die gewünschte Prozentzahl wieder erreicht ist. Ob er das mit Hilfe von altmodischem Tipp-EX oder einer Schere auf der Papierversion tut oder aber digital mit Suchen und Austauschen (suche: „J“, tausche gegen „[nichts]“, bleibt ihm überlassen. Wichtig ist, dass er einen repräsentativen Querschnitt der so überarbeiteten Texte im Fernsehen oder Internet verliest.

Ja, so ist das. Ja, das ist ein positives Wort. Jemand und jedermann sind Stellvertreter des Realen. Sie ent“man“en die Menschen.

Die Kölner sind für die Rettung des J, deshalb kennen sie im Karneval die Jecken. Die sind jeck, sonst kämen sie nicht auf so eine Idee. Auch manch ein anderer schummelt also ein oder mehrere J in seine gesprochene Sprache. Wurde das bei der Zählung berücksichtigt? Es gibt keine solide Liste der gesprochenen Buchstaben. Ich sehe da ein jroßes Feld für mich, jawohl!

Mein Jott….

Das Wilkesmannsche Alphabet

3. Dez. 2016: Der Buchstabe „Tüpfelchen auf dem …“

Der Buchstabe I ist wirklich für mich wichtig, auch wenn ich das erst gestern gemerkt habe. Ich will das natürlich kurz begründen:

  1. Mein Vor- und Nachname enthalten zusammen zwei i.
  2. Der Vorname meiner Mutter war Inge und mit dem schönen Mädchennamen Didjurgeit hatte sie insgesamt drei i im Namen
  3. Der Vorname meines Vaters war Friedrich Walter (genannt: Walter, auch wenn beide als Rufnamen deklariert waren), macht ebenfalls drei i. Kein Wunder, dass die beiden sich verliebten, bei so viel i.
  4. Meine Schwester hat drei Vornamen und insgesamt drei i in den Namen. Ich habe zwei Vornamen mit insgesamt zwei i, mein Bruder einen Vornamen mit nur dem i im Nachnamen. Meine Eltern haben sich systematisch heruntergearbeitet. Warum die i sowohl als auch die Vornamenzahl jeweils um 1 reduziert wurden, weiß ich nicht. Ein geschickter Psychiater könnte es vielleicht deuten. Auf jeden Fall erklärt sich so auch, warum wir dann nur drei Geschwister geworden sind. Wären vier ernsthaft geplant gewesen, hätte meine Schwester noch ein Maria bekommen müssen, was bei Protestanten ungewöhnlich ist. Ich hätte auch noch einen Vornamen gebraucht. Oder man hätte mich Ute-Ingrid nennen müssen, wahlweise Ute-Marion-Ilse. Beiden Kombinationen fehlt der wahre Wohlklang, insoweit bin ich dankbar, dass wir nur drei waren. Außerdem ist es schon schwierig genug, in allen offiziellen Dokumenten den Bindestrich zu bewahren, Ute-Marion-Ilse wäre zur Herausforderung für Familie und Behörden geworden. Bei meinem Bruder wäre ein i vonnöten gewesen. Einfach ein Michael statt zum jetzigen i-losen Namens wäre eine Lösung gewesen. Oder Richard, Heinz, Wilhelm (aber das durfte dann nie abgekürzt werden als Willi).
  5. Meine Großmutter väterlicherseits hat meines Wissens kein i im Namen, der Gatte brachte eines in die Familie mit, im Nachnamen. Das nenne ich Vermehrung! Mein Großvater mütterlicherseits brachte mit dem Nachnamen zwei i mit, im Vornamen war er Ernst. Seine Frau hatte eines im Vornamen, im Mädchennamen war keines. Der Mädchenname war Tjardes, ich muss schon sagen, dass mir die Nachnamen mütterlicherseits sehr zusagen.
  6. Bis in die Urgroßelternstufe möchte ich nicht gehen. Was so willentlich klingt, nach starker Zurückhaltung und so, aber eigentlich nur ein Verhüllen der Wahrheit ist – dass ich die Namen nämlich nicht kenne. Gehe ich zu den Städten, in denen ich gelebt habe, bleibt als einziger Ort nur Remscheid. Da habe ich auch sehr lange gewohnt, bisher die längste Zeit, nämlich über 20 Jahre. Klar, bei dem Namen.
  7. Mein Kollege hat übrigens auch ein i im Vornamen. Hätte er Harry Mark Charlton gehießen, hätte ich mich geweigert, mit ihm eine Firma zu gründen.
  8. Meine Ausbildung ist auch i-schwer: ob Abitur oder Reifeprüfung, beides reicht. Dann das Studium des Grafik Designs (zwei i) oder auch visuelle Kommunikation (drei i) genannt, wobei ich letzteres immer treffender fand. Seit heute weiß ich auch, warum. Und dann natürlich die Islamwissenschaften, mit den Sprachen Arabisch, Türkisch, Persisch im Hauptfach, Suaheli und Indonesisch in den Nebenfächern. Ewe habe ich nicht lange gelernt, warum auch? Es möge übrigens bitte niemand glauben, dass ich noch irgendetwas von diesen Sprachen kann. Das ging schnell wieder verloren.
  9. Mein Geld habe ich mir im Studium als wissenschaftliche Hilfskraft (3 i), vor allem als Sekretärin (1 i), später mit Schreibmaschineschreiben (3 i) bzw. Tippen (1 i) verdient. Dann wurde mein Broterwerb nicht einfach das Übersetzen, denn es ist i-los oder hätte als Übersetzerin nur ein einsames i. Ich bin Fachübersetzerin für Medizin, Pharmazie und Chemie (4 i).
  10. Dass ich einen Hang zu technischen Spielereien (3 i) habe, wundert nicht. Auch wenn die Einzelteile (Smartphone, Handy, PC, Laptop, Taschenrechner (uralte Zeiten), Drucker, Faxgerät) nicht alle i-reich sind, so ist das in der Küche schon anders: Küchenmaschine, Thermomix, Vitamix, Magic Maxx, Nutrition Mixer, Keramikpfannen.
  11. Beim Essen tanze ich aus der eigenen Rollenreihe: Die Vollwertkost hat kein einziges i. Wenigstens das Frischkorngericht ist brav. Es sei aber betont, dass tiereiweißfrei immerhin 4 i aufweisen kann. Fett hat kein i, also raus aus der Ernährung damit, egal ob Butter oder Pflanzenöl.
  12. Bei den Krankheiten war ich konsequent: Im Alter von acht Jahren hatte ich eine chronische Blinddarmentzündung, weshalb mir dieses Organ entfernt wurde, und dann folgten im Erwachsenenalter Gallensteine mit Gallenkoliken. Als Kind litt ich häufig unter eitrigen Mandelentzündungen.
  13. Nicht erklärlich ist, warum ich gegen das Wort „inspirieren“ und „Inspiration“ in der Küche so anti-eingestellt bin und lieber „anregen“ benutze. Und warum habe ich was gegen „Zaubern in der Küche“? Warum esse ich nicht jeden Morgen 1 Ei statt einer Mixtur aus Haferflocken und Obstpüree? Warum bevorzuge ich die Gemüsepfanne verglichen mit einem Schnitzel mit Pommes Frites? Ich habe keine Erklärung, keine Hypothese, nicht einmal eine potenzielle Interpretation mit immerhin 3 i.

Das Wilkesmannsche Alphabet

26. Nov. 2016: Buchstabe H

H wie Henkersmahlzeit. Viele Hs gingen mir durch den Kopf, auch Ha Ha Said The Clown, war es Manfred Mann? War es der Song, wo man irgendwo im englischen Text im Hintergrund (ebenfalls mit H) „Walter, mach die Tür zu!“ hören konnte?

Wie auch immer, die Henkersmahlzeit. Eine gruselige Einrichtung. Ich frage mich, ob ich ein Essen noch genießen könnte, wenn ich wüsste, dass ich anschließend hingerichtet würde. Wie viele Menschen haben in den Zeiten der Henkersmahlzeit sich etwas gewünscht, wie viele haben verzichtet, weil ihnen der Magen bereits im Voraus zugeschnürt war? Heute gibt es das Wort nur noch im übertragenen Sinne, ha, ha, sehr lustig. Aber man muss sich da an die Ursprünge erinnern.

Ich bin der Überzeugung, dass es in früheren Zeiten noch viel mehr – gewollte oder ungewollte – Justizirrtümer gab als heute. Wie viele also wurden hingerichtet, bekamen diese Mahlzeit angeboten und wussten, es war reine Missgunst, oder Neid, Macht und was es da so alles gibt, die sie in diesen Zustand brachten? Wächst der Appetit auf die Henkersmahlzeit, je ungerechter das Urteil ist oder umgekehrt? Hat vielleicht, wer aus Habgier seinen Vater umgebracht hat, mehr Appetit, sich noch einmal richtig etwas zu gönnen, als derjenige, dem das Beil nur deshalb droht, weil er dem mächtigen Stadtkämmerer im Wege steht? Eine Statistik, die dies untersucht, wird nicht mehr erstellt werden können. Ob die Einführung der Todesstrafe sich lohnen würde, nur um diese Statistik zu erstellen? Es müsste dann natürlich gleichzeitig sichergestellt werden, dass eine Menge Fehlurteile dabei sind, sonst wird das Bild schief.

Wie üppig durfte denn die Henkersmahlzeit sein? Vielleicht war es die einzige Gelegenheit, für einen aus Not zum Räuber gewordenen Burschen, einmal ein richtiges Essen, eine sättigende Mahlzeit zu erhalten. Wie war das mit den Hexenprüfungen, wo Frauen ins Wasser geworfen wurden und wenn sie ertranken, unschuldig waren? Eine fette Mahlzeit hätte da zur Unschuld verhelfen können.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich angesichts eines bevorstehenden Todes durch anderer Menschen Hand gerne noch etwas essen würde. Wobei ich in der Regel gerne esse. Aber so ist das mit Situationen, in denen man sich nicht wirklich befindet – ganz genau kann keiner sagen, wie er reagieren wird. So weiß ich z.B. nicht, ob ich im Falle einer Krebserkrankung auf die schulmedizinischen Maßnahmen verzichten würde, obwohl ich theoretisch dagegen bin. Wie soll ich wissen, was ich denke, falls der Fall eintritt, den sich niemand wünscht? Wer einmal vor dem Abgrund des eigenen Ichs gestanden hat und mit Erschütterung gesehen, dass er Dinge tut, von denen er geschworen hätte, dass sie ihm nicht passieren – derjenige wird vorsichtig mit solch generellen Aussagen zu Grenzsituationen.

Gesetzt den Fall, ich würde mir eine Henkersmahlzeit wünschen wollen, was würde ich denn bestellen? Das ist eine Überlegung wert. Da es meiner Galle egal wäre, ob ich ihr Unzumutbares zumute, weil das Essen sie gar nicht mehr erreicht, bin ich völlig frei. Ganz gewiss würde ich mir nichts von dem bestellen, was ich auch vor der Ernährungsumstellung nicht gerne aß oder gar nicht mochte: keine Shrimps, Muscheln und ähnliches, keine Sahnetorten, kein fettiges Gyros mit Pommes, kein Burger. Wie wäre es aber mit einem gebratenen Hühnchen? Würde ich mir eine Vollwert-Pizza bestellen mit einem veganen Belag oder eine normale aus Weißmehl mit schön zerlaufenem Käse darüber? Würde ich mir einen Marmorkuchen nach der Wilkesmannschen Formel zum Backen ohne Ei und Fett wünschen oder einen Marmorkuchen, so wie ihn meine Mutter gebacken hat?  Ich verfolge diesen Gedanken nie bis zum Ende, nicht wegen der Grausamkeit, sondern weil ich mich ein wenig vor der Antwort fürchte. Denn würde ich die normale Pizza bestellen, hieße das doch, dass mir mein eigenes vollwertiges Essen nicht wirklich bis in die letzten Winkel meines Geschmacksempfindens mundet. Oder wäre die Wahl einer normalen Pizza einfach eine Geste an vergangene Zeiten, die ich heraufbeschwören möchte?

Wobei mir jetzt einfällt, dass der Wunsch nach einem Marmorkuchen nach der Wilkesmannschen Formel einen 1001-Nacht-Effekt haben könnte. Bei jedem Probestück bemängele ich etwas, nein, bitte, noch einmal versuchen, da fehlen 10 g Apfelmark. Und beim nächsten Mal ist es zu viel Stützcreme. Dann ist der Schokoladenüberzug zu weich, nicht süß genug usw. Das führe ich so lange fort, bis die Henker es leid sind, ihr Kapuzencape an den Nagel hängen und zum Henkergeneralstreik mit Frühberentung als Ziel aufrufen. Dann werden alle Todeskandidaten entlassen, sie tragen Fahnen mit der Aufschrift „Marmorkuchen nach vorne“, „Hoch lebe die Wilkesmannsche Formel“ oder „Nie wieder ohne Stützcreme!“. Ich würde dann noch viele Jahre leben und der Tod käme friedlich. Ich läge in einem großen Bett, in einem weißen, weiten Baumwollnachthemd. An den vier Ecken des Bettgestells stehen große Kerzen, die den Raum gelblich ausleuchten. Meine blassen Hände liegen gefaltet auf der Bettdecke, meine Haare sind lang, weiß und zu einem lockeren Zopf gebunden, der sich vom Kopf über das Kopfkissen bis zur Bettdecke schlängelt. Da kommt der Tod mit leisen Schritten, ich verspüre keinen Wunsch mehr nach einem letzten Marmorkuchen. In die Geschichte auf dem Weg zur Zivilisation (Aufgabe der Todesstrafe) gehe ich ein als die Uteanne d’Arcuchens.

 

Das Wilkesmannsche Alphabet

19. Nov. 2016: Buchstabe G

Galle. Ein Thema für mich, denn ich habe Gallensteine. Diese Gallensteine haben mich drei Koliken gekostet, mir die Vollwertkost nähergebracht und mich einiges im Umgang mit Ärger gelehrt. Ich hätte die beiden letzteren gerne auch ohne die Koliken erfahren.

Wie erwähnt: Drei Koliken habe ich gehabt, erst bei der dritten wusste ich, was das überhaupt ist, das mich da quält. Beim ersten Mal fuhr ich als Beifahrer im Auto und wusste nicht mehr zu sitzen. Es ging relativ rasch vorbei. Beim zweiten Mal habe ich mich zwei oder drei Stunden lang auf dem Sofa gekrümmt und verstand nicht, was mich diese Schmerzen kostet. Zum Arzt bin ich nicht gegangen. Die dritte Kolik war nicht nur schmerzhaft, sondern verursachte eine Übelkeit, wie ich sie noch nie erlebt hatte und auch nicht wieder erlebt habe. Wer jemals eine Kolik hatte, welcher Art auch immer, wird verstehen, was ich meine, wenn ich sage: Die Übelkeit war schlimmer als die Schmerzen.

Der Notarzt wurde gerufen. Er brauchte über eine halbe Stunde (es war nachts), bis er eintraf. Nicht etwa, dass ich irgendwo fernab aller Zivilisation gesessen hätte, oh nein, es war eine mittelgroße Stadt. Hätte ich einen Infarkt gehabt, wäre ich tot gewesen. Bis er dann endlich eintraf, ging es mir wieder einigermaßen. Er diagnostizierte relativ schnell: Gallenkolik (u.a. hatte ich die typischen Schulterschmerzen). Und dann kommt das Beste der Anekdote. Ich hatte ihm natürlich von der alles beherrschenden Übelkeit erzählt. So gegen Ende seiner ärztlichen Untersuchung sagte er: „Ich gebe Ihnen jetzt eine Injektion eines starken Schmerzmittels. Es kann Ihnen davon allerdings übel davon werden.“ Super. Ich habe ihm gesagt, wo er sich seine Spritze hinstecken kann (nun ja, nicht ganz mit diesen Worten, aber schon sehr deutlich). Er zog beleidigt ab. Eine gewisse Ärzte-Gruppe ist halt gerne beleidigt, wenn die Patienten nicht spuren. Übrigens: Es gibt auch andere Mediziner. Mit denen kann ich klarkommen.

Da es mir in der nächsten halben Stunde nicht besser ging, sondern wieder schlechter und ich ständig kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren – was man selbst angenehmerweise kaum bemerkt – haben mich Freunde ins Krankenhaus gebracht. Ich wollte natürlich nicht, bis mir eine kundige Freundin ausmalte, was passieren könnte: Zum Beispiel die Galle platzen, mit Todesfolge recht rasch. Nee, 1996 war nicht mein Todesjahr… Der Krankenhausaufenthalt war okay, auch wenn mir die Ärzte dort klar machten, dass ich mir die Galle unbedingt entfernen lassen müsste, wenn ich nicht als Notfall binnen kurzem wieder eingeliefert werden sollte. Ich sträubte mich auch innerlich, eine homöopathische Anschlussbehandlung half ein wenig. Wirklich wieder fit wurde ich erst durch die Umstellung auf die vollwertige Ernährung. Jetzt bin ich also fast 20 Jahre ohne Kolik. Nach fünf Jahren ohne Kolik, so habe ich gelesen, ist man quasi „clean“ und muss keine weitere befürchten. Fein.

So hat das G eine wirkliche Bedeutung für mein Leben. Wenige Ereignisse habe ich noch aus dieser Zeit so klar vor Augen wie die Kolik, den Arztbesuch und den Krankenhausaufenthalt. Zu dieser Zeit berührte ich auch den Buchstaben H: kurz vorher hatte ich mein erstes Handy gekauft, die sogenannte „Nokia-Banane“.

 

Das Wilkesmannsche Alphabet

12. Nov. 2016: Heute das F

F wie Fahr zur Hölle. Woran man sieht, der Deutsche ist schneller als der Brite, der nur in die Hölle geht, nicht einmal läuft. Ist das jetzt ein Zeichen dafür, dass die Deutschen so schnell sind oder dass sie unter Todessehnsucht leiden und ihrem Ende – schlimmen Ende – gar nicht schnell genug entgegengehen können?

Ein gewichtiges Thema, das F. Fatal. Fatalistisch. Ferwunderlich.

Der Name Ferdinand beginnt ebenfalls mit F und ist ein Sinnbild für Filme, die viele toll finden und denen ich nichts abgewinnen kann, wie dem Fernandel. In diese Rubrik, wenn auch ohne F, zählen Filme mit Hans Moser und Charly Chaplin. Nicht, dass ich diese drei qualitativ auf eine Stufe stellen oder bewerten möchte, für mich ist das einfach zum Anschauen langweilig bis unerträglich. Ich kriegte schon in sehr jungen Jahren gähnende Langeweile-Anfälle wenn im Rahmen meiner Lieblingssendung „Sport-Spiel-Spannung“ die kleinen Stummfilme kamen. Das Gesicht des Moderators Klaus Havenstein sehe ich noch vor mir und habe ihn im Internet sofort wiedererkannt. Er müsste eigentlich Flaus Hafenstein heißen, um hier aufzutauchen. Ob ich ihn posthum umbenennen darf?

F sind Fäden, Farben, Fotos, Fantasien, Fackeln, Felefanten, Fergnügungen, Ferien, Festgeld, Festnetz. F steht auch für Freiheit, das heißt, ich habe hier die Möglichkeit, frei von der Leber weg zu schwätzen, ohne mir ein Thema aufzuerlegen.

Fiele Föche ferderben den Brei, aber nicht die Freiheit. Genauso ist es.

Wichtig ist auch Frieda. Frieda hat bereits einen schwarzen Gürtel in einem Kampfsport und nach dem sie bei Everard begonnen hat, Kickboxen zu erlernen, ist der Respekt vor dem Buchstaben F doch gewaltig gewachsen. Auch wenn Everard eigentlich Spezialist für Kendo ist. Nach dem Abschluss ihrer Doktorarbeit in Ökonomie und Finanzen (mit F) sitzt Frieda (mit F) jetzt an ihrer Habilschrift (immerhin auch mit einem kleinen f) mit dem Titel „Sports mascots as a pillar of economy – development, present status and outcome“. Mit dem Abschluss wird 2017 bis 2019 gerechnet. Fein (mit F).

„Frechheit siegt“. Das ist mir nicht gerade spontan in den Sinn gekommen, sondern das vollständige Zitat einer Email von mir an jemanden, der mir gerade Horrendes aus einer Kreditgeschichte berichtet hatte. Banken sind eben alle Ferbrecher. Zum Brechen.

Unter den Buchstaben F fällt auch die Abkürzung FF für „viel Vergnügen“, die scherzhaft vorgibt, was ich hier äußerst ernsthaft weiterbetreibe. Es gibt Nummernschilder, z.B. GL FF 123 oder RS FF 456 usw. Ich behaupte immer, dass diese Menschen sich das entsprechende Schild bei der Zulassung ihres Autos gewünscht haben, weil sie heiteren Gemütes sind. Möge das so sein…

Es kommen hier zu viele Bezüge zu einem letzten Buchstaben des Alphabets. Alfabet nimmt die Rechtschreibkorrektur auch nicht an. Daher schlage ich, um das altertümliche „ph“ zu umgehen, die einfache Lösung ABC-Beet vor. Durch die Verlängerung des „bet“ zu „Beet“ entspricht das auch viel mehr dem Trend zum Bio-Anbau im eigenen Garten.

Ich frage mich mittlerweile ernsthaft, warum mich noch keine Rechtschreibkommission aufgenommen hat. Meine kreativen Vorschläge könnten sie doch dazu inspirieren, ein wenig mit der deutschen Sprache zu zaubern. Abrakadabra, simsalafim – und schon sind die Buchstaben umsortiert.

Fertig, fini, finished. Ein indogermanisches Ende. Das hat mit Feldsalat überhaupt nichts zu tun und ich möchte da auch gar nicht erst anfangen, irgendwelche Assoziationen zu verknüpfen oder zu integrieren. Hauptsache, irgendwo ist ein „F“ involviert, damit wir alle f-populistisch interagieren können.

Bitte verzeiht mir, dass ich das große F-Thema Fußball völlig übergehe. Übelkeit ist keine gute Methode, um nachhaltig abzunehmen.

Geeignet zum Abschluss dieses Buchstabens kann niemand anders sein als Siegmund Freud, der zur Freude sagte: „Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden als Freude zu gewinnen.“ Ob das wirklich von ihm ist oder ihm nur zugeschrieben wurde? Dies zu überprüfen überlasse ich anderen Augen.