Religion, ja oder nein? Ein neuer Gastbeitrag

Kommentar vom 15. Februar 2011: Gastbeitrag: Mialieh zur Religion

Wir haben einen Theologen gelesen, einen Atheisten – da fehlt eigentlich noch eine dritte Stimme. Zu meiner großen Freude kam mialieh spontan mit einem Beitrag und fragte mich: Passt der? Und wie der passt! Damit ist die Diskussion wieder eröffnet 🙂

Die Realität der Religion

Vor einigen Wochen gab eine Diskussion mit Muriel Anlass, mich näher mit dem Thema Realität zu befassen. Dank seiner Ausführungen habe ich verstanden, dass Realität in Haltungen des Atheismus als Wahrheitsprinzip dem (irrealen) Glauben entgegengestellt wird. Getreu des Marxschen Ansatzes, dass Religion Opium für das Volk sei, wird also gesagt, dass Glauben das sei, was die wahre und einzig richtige Erkenntnis verhindere und was die Menschen und ihren Geist beherrschbar macht.

Da nach Marx auch noch andere Theoretiker gelebt haben, habe ich mich ein bisschen umgetan. Emile Durkheim zum Beispiel schreibt, dass Religion real sei. Sie ist sogar der Hintergrund, vor dem Gesellschaft überhaupt erst möglich ist, denn der Glauben an höhere Werte macht es möglich, Gemeinschaftlichkeit herzustellen. Diese höheren Werte werden in der Religion durch das Sakrale erzeugt. Max Weber hat dann wieder das Element der Herrschaft hineingebracht. Er hat ausgeführt, dass in religiösen Haltungen, vor allem im Protestantismus, eine Arbeitsethik enthalten sei, die nicht als Droge wirke, sondern als Prinzip der Selbstkontrolle und damit auch der Selbstunterwerfung.

An dieser Stelle kommt mir der Gedanke, dass man Religiosität nur verstehen kann, wenn man beide Seiten der Medaille betrachtet: einerseits ist Religion gemeinschaftsstiftend, was man auch daran sehen kann (so führt bereits Durkheim aus), dass es keine Gesellschaft ohne Religion gibt. Sie gibt Menschen viele Möglichkeiten sich aufeinander zu beziehen und Gemeinsames zu teilen. Andererseits ist Religion, insbesondere wenn sie instrumentalisiert wird, Mittel zum Zweck, großes Unheil anzurichten: Glaubenskriege zu führen, zu morden, zu beherrschen usw.

Aber: reichen diese beiden Seiten aus oder gibt es noch eine dritte? Diese Frage stelle ich mir deshalb, weil unter Berufung auf das Übel der Religion gerne deren Abschaffung propagiert wird, damit eine neue Einheit hergestellt werden kann: die erkennenden (aufgeklärten) Menschen, die von Religion befreit gemeinschaftlich handeln. Ist das möglich? Oder gibt es dann nicht zahlreiche „ismen“, die als Ersatzreligion fungieren: Sozialismus, Kommunismus, Maoismus? Zu welchen „Verblendungen“ haben diese Herrschaftsformen geführt? Und welche ‚Mythen’ werden mit ihnen begründet, die wieder in neue Herrschaftsformen führen?

Es ist nicht meine Sache, Religion gegen andere Gemeinschaftsentwürfe aufzuwiegen. Aber ich erinnere mich sowohl beim vehementen Eintreten für Religion, als auch beim vehementen Eintreten dagegen an das Buch von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer „Die Dialektik der Aufklärung“. Die beiden Autoren führen die These aus, dass der rein rationale Zugang zur Welt ein instrumentelles Verständnis von Welt begründet. Man glaubt nur, was man sieht – das ist, ihnen zufolge, Positivismus. Die Macht übernimmt dann die Ökonomie und der Glauben daran, dass das aufgeklärte dem mythischen Wissen überlegen sei. Dabei ist die Schaffung von Mythen (und somit auch von Religionen) bereits ein Produkt der Aufklärung – nicht des Zeitalters, sondern des Aktes. Und umgekehrt ist die Aufklärung über Mythen aus der Perspektive eines rationalisierten Zugangs zur Welt eine Haltung, die rationalisierte Anpassung begünstigt (Technologisierung, Bindung an Märkte usw.). Nicht die Mündigkeit steht im Vordergrund, sondern die Rationalisierbarkeit. Und das führt zu neuen, radikalen, totalitären Beherrschungsformen (Adorno und Horkheimer nennen hier das Beispiel Nationalsozialismus).

Meine Folgerung für Religion ist – in aller Unabgeschlossenheit und Kürze – diese: Religion ist ein gesellschaftliches Phänomen und daher etwas – man kann hier sagen – typisch Menschliches. Menschen schaffen und gestalten Religion, Religion dient  der Gestaltung der Gesellschaft. Und gleichzeitig kann sie – gerade wenn sie instrumentell verwendet wird – genutzt werden, um Unheil zu legitimieren und anzurichten. Anti-Religion ist wichtig, um sich über verblendende Inhalte des Religiösen bewusst zu werden. Aber auch sie kann in instrumentelle Verwendung führen und gerade aufgrund des oftmals mit ihr einhergehenden Überlegenheitsdenkens totalitäre Haltungen und Herrschaftsformen begründen. Daher kommt es mir weniger auf wechselseitige Abgrenzung als auf die Möglichkeit der Bezugnahme aufeinander an.