Eine Hand greift die andere

Es gibt ein neues Buch von mir.

Info:
Ein Nebendarsteller in der einen Geschichte wird zum Protagonisten der nächsten. Einige dieser Protagonisten begleiten durch das Buch und ergeben somit eine lose Rahmenhandlung. Krimitendenzen sind vorhanden.

Ein kleiner Auszug zum Warmlesen:

Grunewald kam aus seinem Büro. „Die anderen Damen sind alle ausgeflogen?“ Ann-Kathrin nickte. Was sollte die Frage? Sie war leicht beunruhigt. „Kommen Sie doch in mein Büro, ich möchte mit Ihnen reden.“ Dabei musterte er sie von oben bis unten auf seine spezielle Weise, die sie so unangenehm fand.

Er bot ihr einen Stuhl am kleinen Besprechungstisch an und setzte sich ihr gegenüber. „Sie sehen gut erholt aus!“ „Danke, das bin ich auch.“ Kleine Pause. Er beugte sich vor und legte seine Hand auf ihre. Ann-Kathrin wurde es eiskalt. Was sollte das werden? „Sie wissen ja, wie sehr ich Sie schätze, nicht wahr?“ Sie nickte und wusste kaum, wohin den Blick zu wenden.

„Nun, Sie sind jetzt ja eine Weile wieder allein, da wird es langsam Zeit, sorgsam in die Zukunft zu schauen.“ Ihre Stühle standen zu nah beieinander. „Ich würde Sie gerne zur leitenden Assistentin machen.“ – „Und Sylvia?“ – „Sie bekommt dann die Leitung des Labors übertragen.“ Ann-Kathrin wusste, dass Sylvia diesen Job nicht mögen würde, sie liebte den Kontakt zu den Patienten, den Trubel „vorn“.

„Natürlich wird Ihr Gehalt entsprechend angehoben. Na, Interesse?“

Ann-Kathrin ahnte nichts Gutes, aber was sollte sie sagen: „Ja, wenn die Kolleginnen damit kein Problem haben.“ Seine Reptilienzunge benetzte die Lippen. „Sie haben den richtigen Umgang mit den Patienten, sind beliebt bei den Kolleginnen und können auch den Umgang mit Ihrem Chef noch einmal überdenken.“ Er kam mit seinem Gesicht näher an sie heran: „Deine Kratzbürstigkeit gefällt mir, aber am Ende musst du schon ein bisschen entgegenkommender sein.“ Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals, seine Hände legten sich um ihre Taille. Das Telefon klingelte, sie wollte aufspringen, sie bog ihren Kopf zur Seite, von ihm weg. „Ich muss ans Telefon.“ „Oh nein, meine Kleine, es ist doch Mittagspause, ich habe auch abgeschlossen.“

Panik würgte sie, sie spürte seine Hände unter der Bluse aufwärtsrutschen, seine Lippen, eklig nass und übelriechend – so empfand sie es – an ihrem Hals. „Lassen Sie mich hier weg, Sie sind doch nicht ganz dicht!“ Sie stemmte dabei ihre Hände gegen seinen Brustkorb, zog das Knie hoch und traf ihn voll. Letztendlich, so wusste sie, war sie ihm körperlich unterlegen, aber sie hoffte, dass er zur Besinnung kommen würde. Er zog sich zurück, gekrümmt vor Schmerz, sie sprang auf. Er starrte sie an, ein undurchdringlicher Blick. Sie zog sich die Bluse herunter, steckte sie wieder in die Hose und ging klopfenden Herzens zur Rezeption. Sie würde kündigen müssen, das Vertrauensverhältnis war ein für alle Mal zerstört.

Im Vorraum der Toilette kämmte sie sich die Haare und brachte die Kleidung vollends in Ordnung. Ihr Herz hämmerte immer noch aufgeregt gegen den Brustkorb. Sie blieb, mit den Händen auf das Waschbecken gestützt, einige Minuten stehen, um wieder normal atmen zu können. Sie riss sich zusammen, als sie die Kolleginnen zurückkommen hörte. Annika kam in den Raum, mit ihrem feinen Gespür merkte sie, dass etwas in der Luft lag, und fragte: „Ist irgendwas?“ Ann-Kathrin schüttelte den Kopf, „Ist schon okay“. Sie ging zu ihrem Schreibtisch. Unter diesen Umständen konnte sie hier nicht bleiben, egal ob gute Beziehung zu den Kolleginnen oder gute Bezahlung. Sie seufzte, es hätte auch schlimmer kommen können, wenn Grunewald sich völlig vergessen hätte. Es war übel genug. Sicher war sie nicht die Erste, an der Grunewald sich versucht hatte. Sie sah ihre Kolleginnen unauffällig an. Wer war es vorher? Wie hatten sie reagiert? Ob sie nachfragen sollte, so ganz vorsichtig? Gerne hätte sie den Chef angezeigt, aber sie hatte ja keinen Beweis, da es Gott sei Dank nicht zu einer Vergewaltigung gekommen war, wo auch die Beweislast, wie man weiß, immer nicht so einfach ist. Sie entschied sich, nachher zu Frau Grunewald zu gehen und darum zu bitten, dass sie den Nachmittag freinehmen könne. Dass ihr übel war, konnte man deutlich sehen. Und irgendwie würde sie die Wochen bis zum Ende der Kündigungsfrist schon herumbekommen, zur Not auch mit einer Krankschreibung überbrücken. Sie lächelte bitter, aber sicher würde sie dafür nicht Herrn Grunewalds „Dienste“ in Anspruch nehmen.

Die ersten Patienten füllten allmählich wieder das Wartezimmer. Da war der kleine Markus mit seiner Mutter, dessen Mittelohrentzündung hoffentlich endgültig abgeklungen war. Gerade kam Herr Weingarthen zur Tür herein, seine Lungenfunktion musste überprüft werden. Die Lungenfunktionsprüfung würde eine der Assistentinnen durchführen, nur die Besprechung war Grunewalds Sache. Direkt hinter Herrn Weingarthen drängte sich die füllige Frau Demirez durch die Tür. Vermutlich wollte sie das Rezept für ihren Mann verlängern lassen, wie immer zu Anfang des Quartals.

Dann kam Frau Grunewald, sie nickte kurz in die Runde. Sie erledigte nachmittags einen Teil der Buchhaltung und andere administrative Belange, jetzt wo die Kinder wieder zur Schule gingen. Ann-Kathrin bemitleidete Frau Grunewald. Irgendwann hatte sie doch sicher einmal mitbekommen, was für ein widerlicher Schürzenjäger ihr Mann war.

Ann-Kathrin hatte sich fünfzehn Minuten gegeben, bevor sie sich bei ihr abmelden wollte. Nach zehn Minuten Wartezeit kam Frau Grunewald mit hochrotem Kopf und schmalen Lippen aus dem Büro ihres Mannes und steuerte direkt auf Ann-Kathrin zu. Was war denn jetzt los? Frau Grunewald, sonst zurückhaltend, freundlich und eher scheu, baute sich vor der Rezeption auf. Mit den Worten „Hier ist Ihre Kündigung!“, warf sie Ann-Kathrin einen Umschlag auf den Tisch. Frau Grunewald starrte sie an. „Wir hätten Ihnen lieber fristlos gekündigt, aber sicher würden Sie nicht zugeben, wie Sie meinen Mann sexuell bedrängt haben.“ Ann-Kathrin blieb der Mund offenstehen. Frau Grunewalds Stimme war schrill und durchdringend, die Kolleginnen und die Patienten im Wartezimmer konnten jedes Wort hören. Ann-Kathrin schossen vor Wut und Empörung die Tränen in die Augen.

„Im Übrigen sind Sie bis zum Rest Ihrer Arbeitszeit freigestellt, die entsprechende Summe liegt ebenfalls im Umschlag.“ Ann-Kathrin wollte etwas sagen, aber ihre Stimme versagte.

„Wissen Sie, mein Mann hat sich ja schon mehrmals über Ihre plumpen Avancen beschwert, ich habe das bisher nie ernstgenommen, habe Sie in Schutz genommen und ihm erklärt, er habe da sicher etwas falsch verstanden. Sie haben mich auch menschlich aufs Tiefste enttäuscht.“

Frau Grunewalds Stimme wurde lauter und schriller, sie hatte rote Flecken am Hals, sie schrie Ann-Kathrin an: „Packen Sie Ihre Sachen, jetzt sofort, und verlassen Sie umgehend unsere Praxis. Seien Sie froh, wenn wir keinen Rechtsanwalt einschalten!“ Die beiden Frauen starrten sich an. „Und“, fuhr Frau Grunewald fort, „erwarten Sie kein Zeugnis von uns. Ich kann Ihnen keinesfalls empfehlen, darauf zu bestehen!“ Damit drehte sie sich um und eilte wieder in ihr Büro, wo man sie weiter schimpfen hören konnte.