Gastbeitrag zur Religion

Kommentar vom 8. Februar 2011: Gastbeitrag Muriel Silberstreif

Viele werden sich noch an die heißen Diskussionen zum Beitrag von theomix zum Atheismus erinnern. Ich lasse gerne Dinge von zwei – oder mehr – Seiten ausleuchten. So war es nur logisch, dass ich Muriel , der sehr intensiv an der Diskussion mit Mialieh beteiligt war, fragte, ob er Lust und Zeit hätte, einmal seinen Standpunkt darzulegen. Und große Freude: Er war einverstanden. Und so hoffe ich, dass auch dieser Beitrag wieder zu einer lebendigen Diskussion führen wird, das Zeug dazu hat er allemal 😉 Muriel Silberstreif hat einen eigenen Blog: Überschaubare Relevanz. Der Gedanke der Gastbeiträge gefällt ihm wohl – er lädt nun auch dazu ein 🙂

Religion ist gut für uns

Sie tröstet uns, schenkt uns Gewissheit über elementare Fragen, gibt uns klare Regeln für richtig und falsch, schafft Gemeinschaften und gibt Vertrauen.

Leider macht sie das alles, indem sie uns partiell von der Realität abkoppelt. Ich bin wahrhaftig kein Marxist, aber die Parallele zu Drogen drängt sich geradezu auf.

Ich vergleiche Religion hin und wieder mit Autofahren unter Alkoholeinfluss. Es gibt Leute, die das dauernd machen, bis an ihr Lebensende, und nie Probleme damit kriegen. Es gibt Leute, die glauben, sie würde unter Alkoholeinfluss sogar besser fahren (Na gut, hier überstrapaziere ich den Vergleich eventuell ein bisschen, denn das sind sehr wenige.), und wenn man nur ein bisschen was getrunken hat, merkt vielleicht auch niemand einen Unterschied. Auch stocknüchterne Autofahrer verursachen Unfälle, und das (absolut gesehen) sogar viel häufiger als betrunkene.

Aber wir wissen trotzdem, dass die Wahrscheinlichkeit von Unfällen steigt, wenn wir nicht klar sehen und denken.

Genauso ist es auch sonst im Leben: Je besser wir die Realität erkennen, je klarer wir sehen, desto bessere Entscheidung können wir treffen, und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Fehler machen. Ich bin deshalb ein Fan der Wahrheit, egal wie unerfreulich oder anstrengend sie auf den ersten Blick aussehen mag.

Aber wie, kann ich euch fragen hören, hindert Religion uns denn nun daran, klar zu sehen, Muriel? Sag uns doch mal, was genau jetzt eigentlich das Problem ist. Gerne doch:

Religion lehrt uns falsche Methoden:

1.    Epistemologisch
Religion lehrt uns, Behauptungen unkritisch zu akzeptieren, statt mit einer skeptischen, wissenschaftlichen Haltung an alle Fragen des Lebens heranzugehen. Die Grundlage jeder mir bekannten Religion ist Glaube an Behauptungen ohne ausreichende Belege. Glaube an Jahwe Elohim, Glaube an Wiedergeburt, Glaube an die Auferstehung Jesu Christi, Glaube an den intergalaktischen Herrscher Xenu, und so weiter. Religion lehrt uns, Dinge zu akzeptieren, weil eine Autorität sie behauptet, und uns sagt, es sei irgendwie verwerflich, sie nicht zu glauben. Und damit kommen wir zum zweiten Punkt:

2.    Moralisch
Religion lehrt uns ein unsinniges Verständnis von Moral. Das gilt weniger allgemein als der erste Punkt, aber es gilt zumindest für den Mainstream der großen monotheistischen Religionen. Sie behaupten, Moral komme von einer Autorität. Wenn Gott sagt, dass es falsch ist, Schalentiere zu essen, dann ist das falsch. Und wenn Gott sagt, dass es richtig ist, ein ganzes Volk auszurotten und nur die jungen Mädchen für sich zu behalten, dann ist das richtig. Nicht selten sind religiöse Menschen sogar der Meinung, ohne ihren jeweiligen Gott könne es überhaupt keine Moral geben, weil es dann ja an der erforderlichen Autorität fehle.
Moral ist ordre du mufti. Welchen Teil von „Es ist mir ein Gräuel!“ hast du nicht verstanden?

Diese beiden Dinge zusammen können richtig gefährlich werden. Religion proudly presents: Menschen, die für sich selbst oder für ihre Kinder auf medizinische Behandlung verzichten, weil sie zu wissen glauben, dass ihr Gott sie heilen wird; Homosexuelle, die von ihren Mitmenschen verachtet, bemitleidet und „therapiert“ werden; Kliniken, die ihre Förderung verlieren, weil sie einen Schwangerschaftsabbruch durchgeführt haben, um das Leben der Mutter zu retten; Genitalverstümmelung; Menschen, die sich an unsinnige Regeln gebunden fühlen, die kein Mensch einhalten kann und deshalb permanent von Schuldgefühlen und Angst vor übernatürlicher Strafe geplagt werden; Leute, die wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen, weil sie nicht mit ihren Heiligen Büchern übereinstimmen; deutlich erhöhtes Auftreten ungewollter Schwangerschaften und sexuell übertragbarer Krankheiten durch Verzicht auf Verhütungsmittel.

Da sind natürlich extreme Beispiele dabei. Glücklicherweise sind die meisten religiösen Menschen sehr vernünftige, sympathische Menschen. Zu vernünftig, um sich von ihrer Religion zu so schrecklichen Auswüchsen treiben zu lassen. Aber wenn Glaube und göttliche Offenbarung erst einmal als Argument anerkannt wird, dann wird es in meinen Augen sehr, sehr schwer, noch den Weg zur Wahrheit zu finden. Und tatsächlich scheint ein Vergleich verschieden religiöser Gesellschaften nicht nur darauf hinzudeuten, dass Glaube an einen Gott die Menschen nicht moralischer macht, sondern sogar die Vermutung nahe zu legen, dass starke Religiosität eher zu weniger gut funktionierenden Gesellschaften führt. Leider fehlt es zu dieser Frage an wirklich überzeugenden, umfangreichen und methodisch sauber ausgeführten Studien.

Natürlich ist Religion nicht das einzige Problem, unter dem unsere Welt leidet, und ich sehe sie auch eher als ein bloßes Symptom einer grundlegend falschen Weltsicht (wie Marxismus übrigens auch). Aber weil sie diese Weltsicht zum moralischen Maßstab erhebt und in vielen Fällen ihre Verbreitung zur Pflicht macht, ist sie ein sehr ernstes Symptom, das sich zu bekämpfen lohnt.

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